Einzelbild herunterladen
 

Wiesbadener Tsgblsü.

^ ^ rr 07 A«,eigen°Vrer»r

«». Jahrs«»«. Verlag: Langgaye - 24 . Die einspaltige Petitzeile für l-käL Ans-tg«

Reise - Abonnements

auf das

Wiesbadener Tagblatt"

rsnnen täglich brgmrnrn werden und kosten wöchentlich brr freier Zustellung in's f)aus

nach (Men in DenManL und Werreich-Ungarn 60 Ms.

.. imAMM.90 ,,

Bestellungen beliebe man grrrsue lvohnungsadreffe beizufügen.

Der vertag des Wiesbadener Tagblatts.

Die »klMen mi> die mlW» GeriGe.

Selten wohl hat eine Herrenhausrede einen so nach­haltigen Eindruck gemacht wie die des Frankfurter Oberbürgermeisters llr. Adickes über dre Bcangel unseres Gerichtswesens. Das Ideal, das Herr Adickes bei uns verwirklicht sehen möchte, ist die englische Organisation, die sich durch das Schlagwort wreoer- aeben läßt:Wenige Richter, aber in hoher Stellung. Nun ist es mit den Vorschlägen des Redners eigen­tümlich gegangen. Eigentlich alle Welt hat ihm zu- gestimmt, hat wenigstens in seinen Vorschlägen erne Art erlösender Formel für die Sehnsucht gefunden, ans den jetzigen unerquicklichen Zuständen heranszukommen. Aber eine klare Vorstellung davon, welche Umwälzung eine Reform im Sinne des Herrn Adickes bedeuten würde, haben sich bisher Wohl nicht viele gemacht. So ist es denn jedenfalls dankenswert, daß uns gerade jetzt eine sachliche Belehrung über die englischen Verhältnisse durch ein seiner ursprünglichen Nationalität nach deutsches Mitglied der Londoner Advokatur erteilt wird, durch einen Rechtsanwalt Dr. Jnhulsen, der die Herren­hausdebatte zum Anlaß nimmt, diese Drnge m den Preußischen Jahrbüchern" zu besprechen.

Wie sicht es denn in Wirklichkeit mit der englischen Einrichtung? Es gibt drüben im ganzen nur 40 höhere Richter, ferner 60 Grafschaftsrichter und 40 Polrzer- richter, daneben freilich ungefähr 5000 Laienrichter (un­besoldete Friedensrichter). Wie soll man es sich vor­stellen, daß jene hauptsächlich in Betracht kommenden 140 besoldeten Richter die ganze ungeheure Arbeit leisten können, für die in Deutschland beinahe 9000 Richter nötig sind? Die Antwort ist: Der größte Teil der Arbeit, der unseren Richtern obliegt wird rn Eng­land von den 3000 praktizierenden Advokaten über­nommen zu denen die 17 000 Anwälte zweiter Klasse

(Solicitors) hinzutreten. Auf Deutschland übertragen, würde dies Verhältnis die Zahl unserer Rechtsanwatte von 8000 auf 35 000 erhöhen. England besitzt mithin das Vierfache unserer deutschen Anwaltsziffer. Man wird daher stattwenige Richter in hoher Stellung zu sagen haben:zahlreiche Anwälte und weiuge Richter, diese in hoher Stellung." , , ri f L , aT ,,

Es ist nicht zu leugnen: Bei uns besteht eine Kluft zwischen Richtern und Rechtsanwälten; in England sind die Advokaten die Mitarbeiter der Richter, ^.ie 3000 Advokaten sind von aller Schreibarbeit gänzlich befreit. Sie verkehren mit den Prozeßparteien mch. direkt, sie haften ihnen nicht und empfangen auch ihre Honorare nicht von ihnen; sie stehen unter keiner, Ge­bührenordnung, sie beugen sich nur der Etikette ihres eigenen Standes. Wie kann das alles fern? Einfach dadurch, daß die Arbeit, die unseren Rechtsmiwalten als Prozetzvertretern erwächst, drüben von den An­wälten zweiter Klasse, den Solicitors, übernommen wird. Diese Leute sind vom Standpunkt, der deutschen Verhältnisse aus gewissermaßen emanzipierte Bureau­vorsteher. Sie sind mit möglichst zahlreichen Formu­laren ausgeftattet, so daß eine besondere .Gerichts- schreiberei im deutschen Sinne überflüssig wird. Alle auf den Gerichten zu verwendenden Urkunden werden in den Schreibstuben dieser Anwälte zwetter Klasse an- gefertigt; die besonderen Gerichtsakten, die unsere Richter sogar in die Privatwohnung begleiten und von Gericht zu Gericht wandern, fallen fort. Es ist Sache des englischen Anwalts zweiter Klasse, dafiir zu sorgen, daß er für den Richter stets gerade die Urkunden bereit hat, die dieser anzusehen wünscht. Eine Vernach­lässigung dieser Pflicht wird mit persönlicher Ver­urteilung in die beträchtlichen Kosten einer Vertagung geahndet Die Anwälte zweiter Klasse unterstehen einer summarischen Disziplinär- und Strafgewalt der Richter.

Im Zivilverfahren (wir wollen das Strafverfahren hier beiseite lassen) wird die ganze juristische Arbeit im vorbereitenden Verfahren von den Advokaten ver­richtet. Sehr häufig tritt der Richter mit der Haupt und Schlutzverhandlung ganz neu in die Sache hinein; neu sind ihm selbst die Schriftsätze. Auch der Betrieb der Haupt- und Schlußverhandlung liegt in den Händen der Advokaten. Der Richter selbst lauscht und beobachtet das vor seinen Augen sich abspielende Drama; er stellt einzelne Fragen zur weiteren Aufklärung des Sach­verhalts, beteiligt sich an der Erörterung der Rechts fragen und fällt in der Regel sofort unter mündlicher Begründung sein Endurteil. Wie der Verfasser in den .Preußischen Jahrbüchern" bemerkt, setzt das Verfahren überall voraus, daß der Richter von Advokaten unter- stützt wird, auf die er sich verlassen kann.>;n ihnen erblickt er jüngere Kollegen, unabhängig von den Parteien, wie er selbst von den Idealen und Tradi­tionen eines Standes durchdrungen, dem er selbst Dezennien hindurch als Advokat angehörte und dem

er auch als Richter noch angehört. Richter und Advo­katen bilden in Englandeinen" Stand. Der Richter weiß, daß kein Advokat ihn mißleiten wird, und daß Unterdrückungen und Verschleierungen von Tatsachen, überhaupt Intrigen, niemals über die zweite Anwalts­klasse hiimus-reichen." , . ^ _ rr

Uns dünkt cs phantastisch, daß wir je zu denselben Zuständen sollten kommen können. Immerhin sind Reformen denkbar, die uns ein paar Schritte an das englische Vorbild heranführen, aber englische Gehalter werden unsere Richter niemals erlangen.. Die 40 höheren englischen Rickster beziehen lahckch ie100 006 Mark; ihre Ruhegehälter betragen je 70000 M. Die 100 anderen Richter bekommen je 30000 M., £>w

Friedensrichter, wie schon gesagt, nichts.

Politische Übersicht.

Sozialistische Zukunft in Frankreich.

s. Parts, 12. Juni. __

Jules Guesde ist unter die Hellseher gegangeii. Er prophezeit, daß spätestens in vier Jahren eine Revolu- tion in Frankreich ausbrechen werde- Für die vielen Angstmeier, die es heute in Frankreich gibt, was me Tage vor dem letzten 1. Mai in Paris bewiesen fugt er aber gleich hinzu, daß sie ganz unblutig verlaufen werde. Einem Interviewer gegenüber hat er sich naher darüber ausgelassen. Roch vor den nächsten allge­meinen Wahlen, meint er, werden die Arbeiterorgani­sationen so stark geworden fein in Gemeinschaft mit der politischen Organisation der Sozialisten, daß die Regierung die Augen nicht länger gegen me dem kapitalistischen Regime drohende Gefahr Verschliefen kann und sich gezwungen sieht, ihre Zuflucht zur Gewalt zu nehmen. Doch die Armee wird sich weigern, aus das Volk zu schießen, und der Triumph des Sozialismus sich so ohne Blutvergießen vervollständigen. Wenn die Sozialisten un Parlament die Oberhand gewönnen, so würde die gegenwärtige regierende Klasse keinen Augenblick zögern, zu einem Staatsstreich zu schreiten, Guesde erklärte ferner, er halte Teilreformen, wre die Einführung des Achtstundentages, für zwecklos, da sie nur dazu führen könnten, die Ausbeutung der arbeiten­den Klassen zu verschärfen. Bemerkenswert sind die Ansichten Guesdes deshalb, weil sie lehren, welche Be­deutung seine Partei der anti-militaristischen Propa­ganda, besonders der unter jungen Leuten, beimißt, die darauf ausgeht, die Armee als Instrument für dm Unterdrückung von Unruhen allmählich unwirksam zu machen.

Der Verband der Autonomuten.

g. Petersbnr d, 11. Juni.

Die Vertreter der Grenzländer und einiger anderer Teile des Reiches mit einer'mehr oder weniger selbst­ständigen Vergangenheit haben sich kürzlich unter dem

FerrMetorr.

(Jiacfibiiut «erboten.)

3m Kelche der Selbstschrift.

Won T. von Altwallstiidt.

In seinem BucheDie Spiele der Menschen" erzählt Groos, daß von 100 Studenten, die ein englischer Forscher darüber befragte, nur vier oder fünf niemals etwas ge­sammelt harten. Wie ein Rabe schleppt ja fast icdes Kind die verschiedensten Gegenstände, die sein Interesse er­regen, zusammen mid bringt sie an einem sicheren ~rt, fei dieser nun der trauliche Sptelwinkel oder dre gast­freundliche Hosentasche, liebevoll unter. Durch das Ans­bewahren verschiedenster Dinge äußert sich der Sammel- frieb in seinen ersten Anfängen. In voller Entwickelung tritt er uns aber erst dort entgegen, wo er sich auf erne einzelne Gattung von Gegenständen konzentriert hat. Schon in frühen Kindheitsjahren tritt diese Konzen­trierung in Erscheinung. Munkacsq entsinnt sich, daß er als kleiner Knabe eine unerklärliche Vorliebe für Sterne besaß. ,Llh liebte es, Steine auf der Straße zu sam­meln und trotz seiner Sonderbarkeit war dies mein Hauptvergnügen, das mir auch freilich manche Ohrfeige eintrug", schreibt der große Maler.Ich stopfte mir dre Taschen mit Steinen so voll, daß meine Hosen Gefahr liefen zu platze«, wie oft es mir mein Vater auch ver­boten hatte."

Schulkinder sammeln immer das, was sie ihre Ge­noffen sammeln sehen. Wer entsinnt sich nicht des Tausch­handels, den er ernst selbst voll Wichtigkeit mit Reklame­bildern, Silberpapier, billigen Briefmarken oder jenen bunten, durchsichtigen, mit allerlei Sprüchen bedruckten Buchzeichen trieb, die sich in manchen Gegenden Deutsch­lands der schauerlich-schönen BenennungMenschen­haut" erfreuen!

Wenn aber die Zeit der Rcklamebilder, des Silber­papiers und anderer Herrlichkeiten vorüber ist, schlum­mert bei recht vielen der Sammeltrieb wieder ein, um so mehr, als das Anlegen wirklich schöner und wertvoller Sammlungen ja auch gewöhnlich eine Geldfrage ist- Am meisten wird darum natürlich dort gesammelt, wo Wohl­habenheit, wo Reichtum und Überfluß den Ankauf seltener Kuriositäten ermöglichen. So dürfte es unter Europas Fürstlichkeiten kaum eine geben, die nicht von der einen oder anderen Sanrmelgrlde zu den Ihren ge­zählt werden kann: Die Königin-Mutter Christine von Spanien sammelt Spielkarten. Kaiser Wilhelm II. besitzt neben anderen SamUilungen auch eine solche von Krawatten und Schlipsen aller Zeiten und Länder. Der König der Hellenen hat eine Schwäche für Türklinken, von denen er sich eine Sammlung seltenster und schönster Exemplare zulegte. Der Zar war in seiner Jugend ein Liebhaber von Bogeleiern.Höchst eigcnfützig" stieg er ans manche Klippe und auch auf manchen Baum, um sein reichhaltiges Eierlager zu vergrößern. Englands Königin hat im Laufe der Jahre alte Spitzen im Werte von 1 Million Mark zusammengetragen und hütet sie nun sorgsam in zwei Perlmuttertruhen. Ihr Gemahl Eduard VII. sammelte als Prinz von Wales Tabaks­pfeifen aller Art, und der jetzige Prinz von Wales war bis vor einiger Zeit, wo seine Liebe sich alten Drucken und Stichen Angewandt hat, ein sehr eifriger Marken­sammler, usw.

So verbreitet übrigens auch gerade der Marken­sammelsport ist, für besonders romantisch veranlagte Gemüter und empfindsame Herzen ist er doch nicht der geeignete. Der Briefmarke haftet doch immer das trockene, unpersönliche Etwas des gedruckten Geschästspapiers an. Getrost darf man annehmen, daß der Anblick der seltensten Marke der Welt in phantasievvllen Seelen nie und nimmer so viele Gefühle, Empfindungen und Bor- I stellnngen anslösen wird, wie der Anblick eines Knrio- [ sums, an das sich persönliche Erinnerungen knüpfen

man denke nur an das kürzlich in London für 4000 Mark versteigerte seidene Nnterjäckchen, das der unglückliche Karl I. auf dem Schafott trug!

Von diesem gefühlsmenschlichen Standpunkte aus be­trachtet, hat sich der Antographensammler eine der reiz­vollsten Liebhabereien erwählt. Das Autograph, die Selbstschrift eines hervorragenden Mannes, besitzt nicht nur einen großen Zauber für den Schwärmer, einen be­stimmten Wert für den Graphologen, sondern ist über­haupt von Interesse für jeden Gebildeten, der mit diesem Blättchen beschriebenen Papiers gleichsam ein Sttick machtvolle Persönlichkeit selbst in Händen zu halten glaubt.

Die erste Anregung zum sorgfältigen Aufbewahrcn der Handschriften rühmlichst bekannter Leute gaben wohl die seit der Reformationszeit immer weitere Verbreitung findenden Stammbücher. Die erste wirkliche Auto­graphensammlung war die Antoine Lomönie de Brrenrres, des Gesandten Heinrichs IV., die 340 Foliobände um­faßte. Ludwig XIV. kaufte sie auf und ließ sie in der Bibliothek zu Paris aufstellen. Bon nun an kam das Selbstschriftensammeln in Aufnahme. Es pflanzte sich dann von Frankreich nach England über und bürgerte sich im Anfang des 19. Jahrhunderts auch in Deutschland ein. Seitdem hat sich der Antographenhandel zu einem blühenden Nevengewerbe für Buchhändler undAnttquare entwickelt. Längst schon erscheinen Zeitungen und Kataloge für den eifrigen Sammler, und fast alljährlich werden in Deutschland, Frankreich, England, Italien und Schweden große Autographenauktionen veranstaltet.

Eine interessante Versteigerung fand im Sommer 1906 im Hotel Drouot zu Paris statt. Die dort erzielten Preise mögen uns verraten, wie hoch oder niedrig die einzelnen Größen im Reiche der Selbstschrift ctngcschätzt werden. Obenan steht Beethoven: für ein kleines Musik­stück wurden 700. für einen Brief an Moritz Schlesinger 806 Frank gezahlt. An zweiter Stelle kam ein Brief Lafontaines kür 460 Frank. Den dritten Platz nahm