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1906 .

Abend -Ausgabe.

1. *Slaff._

sin letzte MM Ser JaaMaptapns.

Heute tritt der preußische Landtag in den letzten Ab­schnitt seiner Tagung ein, und zwar findet sich zunächst das Herrenhaus heute nachmittag um 2 Uhr zu ferner ersten Sitzung nach den Pfingstserien zusammen, während der Termin der nächsten Sitzung des Abgeord- netenhauses noch unbestimmt ist. Als das Haus am 30. Mai in die Pfingstserien ging, tefite der Präsident v. Kröcher mit, daß er Tag und Tagesordnung der nächsten Sitzung bestimmen werde, sobald das Herren­haus in die endgültige Erledigung des Schulgesetzes eintrcten werde.

Aus der Tagesordnung der heutigen Sitzung des Herrenhauses steht der „Entwurf eines Gesetzes, be­treffend die Unterhaltung der öffentlichen Volksschulen", der vom Abgeordnetenhaus am 28. Mai in dritter Lesung angenommen worden war. Die Kammer wird sich am 16. und 16. Juni — schwerlich länger — mit der Vorlage im Plenum beschäftigen und sie dann einer Kommission überweisen. Es wird angenommen, daß diese ihre Beratungen in drei oder vier Tagen erledigen wird, so daß die Vorlage dann wieder an das Plenum zurückgehen könnte. Die Schlutzberatung im Herren- hause soll schon in der Zeit zwischen dem 22. und 25. Juni erfolgen, das heißt, wenn alles glatt geht. Wenn das Herrenhaus irgendwelche Abänderungen an dem Gesetzentwurf vornehmen sollte, so müßte dieser noch einmal an die zweite Kammer zurückgehen, aber rs spricht alle Wahrscheinlichkeit dafür, daß das Herren­haus die Vorlage in der vom Abgeordnetenhaus be- 'chlosfeuen Form annehmen wird.

Wenn, wie zu erwarten steht, die Schulvorlage vom Herrenhause heute und morgen erledigt werden sollte, dann würde sich daran, also 'samstag oder Montag, die Scblußabsffmmung über die Vorlage, betreffend die Wahlrechtsreform, anschließen, die bis aus diese Ab- stimmuna durchberaten ist. Es unterliegt kaum einem Zweifel, "daß das Herrenhaus sie unverändert in der Form annehmen wird, die sie im Abgeorvnetenhause

»rhalten hat. ^

Es sind außer der Schulvorlage noch zwei weitere Gesetzentwürfe, die vom Abgeordnetenhaus bereits er­ledigt sind, während ihre Erledigung im Herrenhaus? noch aussteht, und zwar der Entwurf, betreffend Ge­währung von Geldmitteln für die Regelung der Vorflut an der Oder, und der Staatsvertrag wegen der Main- kanalisierung.

Den im ganzen — wenn wir die Wahlrechtsvorlage, deren Schlutzabstimmung noch aussteht, mitrechnen — vier Gesetzentwürfen, die im Abgeordnetenhause, aber noch nicht im Herrenhause erledigt siiid, stehen suns Vorlagen gegenüber, die vom Herrenhause, aber noch nicht vom Abgeordnetenhause erledigt worden sind: der Entwurf, betreffend Anlegung von Sparkassenbestanden in Jnhaberpapieren, der Entwurf, betreffend die Zu­lassung einer Verschnldungsgrenze für land- und forst­wirtschaftlich genutzte Grundstücke, der Entwurf gegen die Verunstaltung von Ortschaften, der Entwurf, be­treffend Abänderung des hannoverschen Gesetzes über die Zusammenlegung der Grundstücke und endlich der Entwurf zur Deklarierung des Kommunalabgaben­gesetzes.

In beiden Häusern des preußischen Landtags sind zwei Gesetzentwürfe unerledigt geblieben, nämlich der über die Ausübung des Jagdrechtes und die Vorlage über die Wanderarbeitsstätten. Dazu kommt noch der Entwurf eines Gesetzes, betreffend Änderung des Kom- munalabgabcngesetzes, der den Zuschuß der Betriebs­gemeinde an die Wohnortsgemerude zu Schul- und Armenlasten betrifft. Diese Vorlage ist zwar vom Ab­geordnetenhaufe angenommen, vom Herrenhause aber abgeändert worden, so daß sie nochuials vom Abgeord­netenhause durchberatcn werden muß. Unter diesen Umständen ist es zweifelhaft, ob der Gesetzentwurf noch in dieser Session zustande kommt.

In beiden Häusern, also endgülttg, erledigt hat der Landtag bisher gerade ein Dutzend Vorlagen, und zwar folgende: 1. der Entwurf, betreffend die Abänderung des Einkommen- und Ergänzungssteuergesctzes, 2. das Knappschaftsgesetz, 3. der Entwurf über die Befähigung zum höheren Verwaltungsdienst, 4. betreffend Einsetzung von Bezirkseisenbahnräten, 6. das Sekundärbahngesetz, 6 die Vorlage, betreffend den Ankauf des Bergwerks Hercynia, 7..der Entwurf, betreffend die Verbesserung der Wohmingsverhältnisse staatlicher Arbeiter und Be­amten, 8. die Vorlage über die Lotterieverträge mit den thüringischen Staaten und Reuß, 9.—11. drei kleine Amtsgerichtsvorlagen und endlich 12. der Staatshaus­haltsetat. Unsere vorherige Aufzählung zeigt, daß den beiden Häusern des Landtags noch ein ganzes Teil Ar­beit zu tun übrig bleibt, wenn das auf die Tagesordnung gesetzte Pensum programmäßig bewältigt werden soll.

Volttische Übersicht.

Zur Hibernia-Frage.

Die Entscheidung des Reichsgerichts zugunsten der Mehrheit der Hibernia-Aktionäre macht bte. Verstaat- Irchungsaktion der Regierung vollends hinfällig, falls

Femürtsn.

(IRatMtHS

Hundert Jahre technischen Unterrichts.

Bon Di. Franz Kittlcr.

Unsere Ansichten über den Begriff der „Bildung haben sich geänüertl Während mau Jahrhniiüerte hin­durch uur denjenigen für einen wahrhaft gebildeten Menschen hielt, der — selbst wenn er von allem übrigen, was in der Welt vorging, gar nichts wußte — die lateinischen und griechischen Klassiker beherrschte, haben die Fortschritte in der naturwissenschaftlichen Erkennt­nis und die Erfolge der Technik mit elementarer Gewalt gezeigt, daß es noch andere Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, um die zu leben, zu kämpfen, zu forschen und zu streben wert sei, als ciceronische Reden und noch so glänzende lateinische Floskeln. So hat sich denn fett dem Beginne des vorigen Jahrhunderts jener Kamps zwischen hnmanisttscher und, wie sieallgemetn, aber fälsch­licher Weise genannt wird, „realistischer" Bildung ent- sponnen, der heute noch nicht beendet ist, in dem sich aber das Zünglein der Wage bereits bedeutend zugunsten der letzteren zu neigen beginnt.

In diesem Kampfe, der nicht nur ein solcher um Bildungsprinzipien ist, sondern der in der Tat einen Streit um Weltanschanungen darstellt, haben die tech­nischen Hochschulen eine nicht zu unterfchätzeltde Rolle gespielt, eine Rolle, die ein getreues Spiegelbild dessen ist was diese Schulen für die Entwicklung aller Fort­schritte der Technik, des Verkehrs und der Annäherung unter den Völkern überhaupt geleistet haben. Diese Leistungen sind um so nennenswerter und sie müssen irm so mehr unsere Bewunderung erregen, wenn wir bedenken, daß erst kurze hundert Jahre verflossen sind, seit die erste deutsche technische Hochschule überhaupt be­gründet worden ist. Um die Bedeutung dieser Begrün­dung voll würdigen und um ermessen zu können, in welck hohem Matze sie eine befreiende Tat für die Ent­

wicklung der ganzen Menschheit darstellt, ist es nötig, etwas zurückzugretfen in die Zeiten, die vor ihrer Schaffung lagen, und sich mit deren Bestrebungen und engherzigen Zielen bekannt zu machen.

Die Forschung stand bis in das 12. Jahrhundert hinein noch so ziemlich unter dem Einflüsse der griechi­schen Philosophie. Das wäre an und für sich kein Fehler gewesen, wenn nicht um jene Zeit durch scholastische Ein­flüsse das Studium beschränkt worden wäre. Durch diese Einflüsse ging für die Folgezeit ein großer Teil der Kenntnis dieser Philosophen verloren und die freie For­schung wurde in enge Fesseln geschlagen. Mit Rücksicht hierauf war es eine glückliche Fügung, daß zur Zeit der Renaissance das Studium der griechischen und lateini­schen Klassiker plötzlich zu neuer Blüte gelangte und daß damit jene Geistesrichtung geschaffen wurde, die man tn der Folgezeit und bis hinein in unsere Tage mit dem Schlagwortc „Humanismus" zu bezeichnen pflegte. Die­ser Humanismus, einst der Befreier der Scholastik, sollte in der Zukunft — als der Geist, der in seiner Blütezeit die technische Entwicklung eines Brunneleschi, eines Leonardo und eines Michelangelo so wirksam unter­stützte, verflogen war, und als unter den Epigonen eines Reuchlin und Lorenzv Magniftco alles humanisti­sche Studium in leeren Schemattsmus und hohlen Formelkram ausartetc — der größte Feind technischer Entwicklung werden! Jene Epigonen sahen in der Überhebung und in der Verachtung des Naturwisfcn- schaftlers und Technikers ihre eigene Größe, nnd charak­teristisch für den Standpunkt, den sie entnahmen, ist die fügende verbürgte Geschichte: Im Anfänge des 17. Jahr­hunderts wollte der bekannte Astronom Pater Scheiner einem „Humanisten" die neuentdeckten Sonnenflecke zeigen, doch dieser sagte: „Wozu, mein Sohn, ich habe den Aristoteles zweimal gelesen und nichts derartiges darin geftmden! Die Flecke sind also Fehler deiner Auge» oder deiner Gläser!"

So standen die Dinge auch noch am Ende des 18. und am Beginne des 19. Jahrhunderts, doch trat um diese

die Mehrheit, die über rund 32 von den 60 Millionen des Aktienkapitals verfügt, nicht ihrerseits wünscht, daß der lange Zwist unter annehmbaren Bedingungen zu Ende gehe. Vielleicht ist bei den Banken und den dev Vefftaatfichung bisher widerstrebenden rheftnsch-west^ sälischen Magnaten jetzt eine größere Neigung zur Veri ständrgung vorhanden: aber keine geringe Schwierigkeit würde die Preisfrage darbieten. Herr Delbrück wirb wohl nicht Lust haben, die Überbewertung zu kapitali­sieren, die sich einstellte, als das rücksichtslose Ringen um einen größtmöglichen Akticnerwerb hüben und drüben begann. Er wird einwenden, daß bie fiüheren Verkäufer von Hibernia-Aktien mit Recht über Benachteiligung klagen könnten, wenn den jetzigen Besitzern noch gleicht sam eine Prämie auf ihre hartnäckige Gegnerschaft ge-, zahlt würde. Darum glauben wir fürs erste nicht recht an ein Abkommen zwischen den streitenden Teilen. Auch mögen die Verstaatlichungswünsche der Regierung nicht mehr so lebhaft wie vor zwer Jahren sein. Delbrück ist nicht Möller.

Stadtanleihcn.

Was der Stadt München recht war, mußte der Stadtz Cöln billig sein. München hat seine jüngste Anleihe^ nur mit einem Iprozenügen Zinssatz unterbringen- können: Cöln mußte ein gleiches Schicksal erwarten, ver-, suchte aber doch sein Glück und begehrte Angebote auß eine 3ft>Prozentige Anleihe. Der Mißerfolg trat prompt? ein. Am letzten Dienstag hatten sich die zur Submission? eingeladenen Banken endgültig zu äußern. Ihre Ant^ wort war. daß die Lage des Geldmarkts die Ausnahme von 3s4prozentigen Anleihen nicht ermögliche. So wird? also auch das reiche Cöln seine 36 Millionen-Anleihe miL 4 Prozent zu verzinsen haben. Es ist schon früher an dieser Stelle darauf aufmerksam gemacht worden, daß man es hier mit einer wirffchaftlichen Entwicklung zu tun hat, die förmlich wie eine Naturgewalt wirft. Alltz Städte werden in Zukunft mft dem chprvzentigen Typus! rechnen müssen, insofern sie sich an die Banken als Ver­mittler wenden. Ein anderer Weg zur Aufnahme von Geldern ist ja theoretisch denkbar, und in kleineren Ge-? meinden mag es wohl auch Vorkommen, daß direkte Be»? ziehungen zu den leistungsfähigen Gemeiude-Angei hörigen mit Erfolg gesucht und gefunden werden können- Jedoch bedeutet das nichts, und ohne die Banken gibt es keinen Kredit. Der Ubelstand ist nicht gering. Ditz Städte werden von jetzt ab durch die Ausbringung höherer Zinsen eine stärkere Belastung ihrer Budgets! empfinden, aber so mißlich das ist, so gibt es auch Gegend werte, die den Stand der Dinge wieder weniger uner-> freulich machen könnten. Vor allem werden 4prozentigs Anleihen marktgängiger toerden als die bisherigen. Das Publikum wird sie lieber nehmen, den Städten werdeck manche Schwierigkeiten erspart bleiben, unter denen sitz

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Zeit der Umschwung ein. Die französische Revolution? hatte neue Männer mfl neuen Ideen an die Oberfläche! emporgerissen und unter diesen war es Napoleon, öerj zuerst mit klarem Blicke die Bedeutung der Technik für die zukünftige Entwicklung erkannte. Er gründete im! Jahre 1749 zu Paris die erste technische Schule, die? „Ecole «üitraie" des travaux publics", die bereits im fol-? geuüeu Jahre in die berühmteste aller technischem Schulen, in die heute noch im höchsten Ansehen stehende „Loolo Polyteekuicpie'' überging. Die Auswahl detz Schüler für diese Schule ist eine äußerst strenge und wetz das Glück hat, in sic ausgenommen zu werden, in dessen Heimatstadt weiden Feste gefeiert. Die Anforderungen in der Schule selbst sind immense und nur bei eisernsten^ Fleitze zu bewältigen. Freilich hat sich auch diese Schultz heute bereits etwas überlebt und sie ist in vieler Bc-i ziehung von den deutschen technischen .Hochschulen übem flügelt worden. Aber noch zehrt sie von ihrer ruhm­vollen Vergangenheit, und die glänzendsten Namen, die Wissenschaft und Technik kennen, sind mit ihrer Gv- schichte aufs innigste verknüpft.

Sie wurde das Vorbild für andere technische Unter, richtsanstalteu nnd auch für die e r st e ü e u t s ch e t e ch \ Nische Schule, das vor nunmehr 100 Jahren, im Jahre 1808, zu Prag begründete polytechnische Institut? Der Begründer dieser ersten deutschen technischen Hoch-, schule war der Ingenieur Franz Joseph Ritter von! Gerstner, der am 23. Februar 1736 in Komvtau geboren wurde und am 28. Juni 1832 in Mladiegow bei Giffchin starb. Er war ein hervorragender Techniker und sei« Wirken hatte den weitestgehenden Einfluß auf die Enff micklung des gesamten europäischen Eisenbahnwesens? Noch dauernder aber und vielleicht noch höher anzus schlagen ist der Einfluß, den er durch die Begründung der ersten technischen Hochschule in Deutschland auf den Ausbau der Technik selbst ausübte. Als Hochschulen! galten bis dahin nur die damals ganz mrter dem Ein-? flutz eines ansgearteten Humanismus stehenden Univer­sitäten. Die ans ihnen bervorgehendcir Beamten war«