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5*. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. Bezugs-PreiS: durch den Verlag s» Pfg. monatlich, durch die Post s Mk. 6» Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

22,000 Abonnenten.

Morgen- Ausgabe.

1. Wtcrtt.

« « « > für die Abend-Ausgabe bis 12 Uhr mittags, für die Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr nachmittags.

- AlMKfisMk erscheinenden Ausgabe, wie für die Anzcigen-Aufnahme an beftlmmt vorgeschr,ebenen Tagen wird lerne

Dsrmerslag, de« 14. Juni.

nackigen Angriffe auf die Verwaltung des Kongostaates. Im November vorigen Jahres veröffentlichte dre Kom­mission ihren Bericht. Die Ungeheuerlichkeiten, die darin aufgedeckt wurden, sind inzwischen allgemein be­kannt geworden. Für den Augenblick wurde wdoch die Erwägung von Verbesserungsmatznahmen zuruckgestellt, weil mitgeteilt wurde, eine zweite Kommission ser da­mit betraut worden, für die Abstellung der gerügten Mitzstände positive Resormvorschläge zu formulieren. Diese liegen nun in dem oben skizzierten Bericht vor. Man vermitzt darin vieles. So ist keinerlei Abhulfe vorgesehen für die Beseitigung der Mißbräuche in den den Konzessionsgesellschaften überlassenen Gebieten. Tadelnswert ist auch das überschwengliche Lob, das deröffentlichen Gewalt" gespendet wird, das m,t den brutalen Ausschreitungen, die den eingeborenen Sol­daten vorzuwerfen sind, schlecht in Einklang zu bringen ist. Es darf gleichwohl zugegeben werden, datz, wenn die vorgeschlagenen Reformen wirklich ausgeführt wer­den, die Lage der Eingeborenen sich erheblich bessern muß. Dian darf aber nicht vergessen, datz die Miß­wirtschaft, die zu einer Verelendung und teilweisen Ausrottung der Eingeborenenbevölkerung führte, unter einem Gesetz vor sich ging, das die zu zahlenden Ab­gaben auf eine solche Menge von Produkten nominell beschränkte, die bei einer Arbeitsleistung von monat­lich vierzig Stunden zu erzielen war. Es ist daher zu fürchten, daß die neuen Reformabsichten nur auf dem Papier stehen bleiben, wenn nicht ein neuer Geist in die ganze Verwaltung des Kongostaates einzieht.

Wegen des Fronleichnamstags erscheint die nächsteTagblatt"-Al,sgab e am Freitagnachmittag.

Der Kongostaut.

1. Brüssel, 11. Juni.

DasBulletin officiel de I'Etat indäpendant du Congo" veröffentlicht den Bericht der zweiten Unter- suchungskommission für den Kongostaat. Der Bericht trägt den Wünschen der ersten Kommission, deren Mit­teilungen seinerzeit so großes Aufsehen erregten, nur teilweise Rechnung. Die Eingeborenen sollen ferner ihres Landes, ihrer Jagd- und Fischereirechte nrcht mehr beraub: werden. Es soll ihnen frei stehen, die Steuern in Landesprodukten oder durch Arbeit abzu­tragen. Die Abgaben sind von der Zentralstelle der Verwaltung festzusetzen: die Weigerung, sie zu zahlen, wird mit Gefängnis bestraft einschließlich der Auf­erlegung einer Arbeit, die der zu zahlenden Summe entspricht. Die Verwendung von mit Gewehren be­waffneten schildwachen ist künftig untersagt. Zur Arbeit Physisch untaugliche Individuen werden von der Abgabe befreit. Der Bericht widmet dem Träger­wesen ein langes Kapitel, worin dargelegt wird, das­selbe könne nicht plötzlich unterbunden werden, doch werde der Staat alles tun, was in seinen Kräften steht, um es allmählich zu beseitigen durch den Bau von Eisenbahnen, Verwendung von Automobilen usw. Die Länge der Etappen für die Träger wird abgekürzt. Die europäischen Cadres deröffentlichen Gewalt" sollen verstärkt werden. Aus dem weiteren Inhalt des Be^ richtes ist noch hervorzuheben, daß der Staat sich das Recht vorbehält, die Eingeborenen zu zwingen, an den öffentlichen Arbeiten teilzunehmen, daß die Zahl der Gerichtshöfe vermehrt und die Gerichtsbarkeit immer dort ausgeübt werden soll, wo es am zweckmäßigsten erscheint. Zum Schluß werden die gegen die Ver­waltung des Konqostaates gerichteten Angriffe mrt Entrüstung zurückgewiesen. Diese Entrüstung steht den Berichterstattern das Schriftstück ist von den Herren Droogmant, de Cuvelier und Liebrechts gezeichnet schlecht an. Man wird sich erinnern, daß König Leopold im Jahre 1904 eine Kommission damit betraute, Unter­suchungen über die Mißbränche anzustellen, die in seinen afrikanischen Besitzungen existieren sollten. Die Er­nennung der Kommission war eine Folge der besonders von englischer Seite ausgegangenen fortgesetzten hart-

Politische Übersicht.

Alte und neue Ideale.

Als Kaiser Wilhelm II. auf seiner jüngsten öster­reichischen Fahrt das neu restaurierte Schloß Kreuzen­stein des Grasen Wrlczek besuchte, feierte er den kunst- freudigen Burgherrn und schloß seine Rede mrt den Worten:Erneuern wir die Ideale, welche frühere Geschlechter erfiillt haben! Bauen wir Altes wreder auf! Setzen wir Altgebautes fort!" Dieser Hymnus auf die Romantik des Mittelalters, die sich bekanntlich mit einem ganz ungeheuren Maß von Roheit und Elend paarte, veranlaßt dasLeipz. Tagbl." zu folgenden Betrachtungen:Wenn das der Zweck des Burgbauens sein soll, dann werden wir zu Opponenten. Wrr wollen die Ideale des Mittelalters nicht in uns erneuern. Wir wollen sogar den Enkelrest dieser Ideale ausroden, wo wir auf ihn stoßen. Wir wollen unsere eigenen Ideale haben, wie das Mittelalter seine eigenen und nrcht

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die des Altertums hatte. Das Mittelalter war die Zeiß der hehren Burgen, der Rittertaten und der Minne­sänger. Es war aber auch die Zeit des Aberglaubens und der Kirchenherrschaft, der Bauernknechtschaft und der Bauernrevolten. Auf einen Ritter in bliirkendev Riistung kamen tausend Fronende. Und diese Knechts mit allen Zeichen und Folgen der Knechtschaft, mit ihren niederen Neigungen und Instinkten, waren dre Väter von neun Zehnteln der heutigen Generation, Daher unsere Abneigung gegen das gepriesene Mitteln alter- Denn um die Ideale des Mittelalters wieder erstehen zu lassen zu neuem Leben, müßten wieder neun Zehntel von unseren Volksgenossen in die Schmach der Knechtschaft gedrückt werden. Und das wollen wrr nichts Unser Ideal sieht anders aus. Wir wollen den Mann frei haben, frei von Vorurteilen und Unwissenheit, frei von Furcht und Knechtssinn, frei von Kleinlichkeiten und niederen Neigungen. Wir möchten unser Volk aus lauter starken Individualitäten bestehen sehen, die doch alle in der großen Liebe zu ihrem Volke geeint sind. Und das verträgt sich nicht mit den Idealen des Mittel­alters. Wir wollen nichts wissen vom Bettelwesen und Mönchswesen. Dafür wollen wir soziale Arbeit setzen. Und für die Weisen des Troubadours ist uns das Ver­ständnis abhanden gekommen. Ideale sind aus den Verhältnissen ihrer Zeit geboren und wirken aus dre Verhältnisse zurück. Sie sind nicht nur passiver, sondern auch aktiver Natur. Sie wirken, wie sie müssen, nicht wie wir möchten. Und was die des Mittelalters, das sie gezeugt, aus ihrer Zeit gemacht haben, das wissen wir, und deshalb lehnen wir sie ab. Datz der Kaiser! sie als seine eigenen proklamiert, müssen wir hinnehmen, Aber eine Verpflichtung, sie zu akzeptieren, besteht nrcht, wird sogar vom Kaiser ausdrücklich negiert:Möge man kritisieren oder möge man rügen, jeder, der durch Kreuzenstein schreitet, ist gezwungen zur Kritik, zup Diskussion. Wenn es nur einmal zur Diskussion kommt, ist schon ein großer Schritt getan. Die Dis­kussion führt zum Nachdenken, und Nachdenken ist geistige Arbeit geistige Arbeit aber ist alles!" Das ist ein so prachtvolles Bekenntnis zur Moderne, daß man von diesen Worten tiefster Erkenntnis, Klarheit und Toleranz nur schwer den Übergang findet zu der doch völlig einseitigen Propagierung mittelalterlicher Ideen. In der Presse ist bereits das unangenehine Wort vom kaiserlichen Romantiker gefallen. Obwohl es sich anfdränqt, möchten wir es wegen der vorstehen­den lichtvollen Worte nicht gelten lassen. Romantische Politiker sind meist bedenkliche und gefährliche Erschei­nungen gewesen, geistreiche, aber unklare Köpfe, die bet den Versuchen der Verwirklichung von antiquierten Ideen sich und andere unglücklich gemacht haben. Die

Feuilleton.

(JtoAlmitf »erdeten.»

Indische Keisebriefe.

Von Hermione von Preuschcn.

VIII.

Gwalion ein Native-Musterstaat.

Jai Bilas (Palast).

Da bin ich nun hier seit einigen Wochen Gast des Maharadjah und kann mich immer noch nicht los­reißen. Nur einen Grund gäbe es, meine Abreife zu beschleunigen wenn die Blättern-Epidemie noch mehr um sich griffe! Sie stört mein Behagen! Es sind schon sovicle Europäer davon ergriffen, sogar daran gestorben.

Oberst Filose aus dem Generalstab versichert mir zwar täglich sie sei im Erlöschen. Aber ich weiß das Gegenteil!

Den Empfang desPrince of Wales" haben wrr hier mit ungeheurem Pomp abgehalten und durch sechs Tage ihn gefeiert!

Am herrlichste^ wirktö die Elefantenprozesston, 40 zoldbeladene Riefentiere. Während der Illumination, als der Prinz die Markthalle eröffnete und auf den kleinen silbernen Elefanten drückte, ergoß sich ein Strom von Licht die elektrische Beleuchtung war über­raschend! In Wahrheit aber rvar der kleine Elefant ein harmloses Spielzeug und der elektrische Knopf befand sich in der Hand eines hinter dem Prinzen stehen­den Elektrotechnikers. Er hat mir's selbst erzählt.

Der Durber, eine Art indischer Raout im weiß und goldenen, leider ganz europäischen Tanzsaal, brachte trotzdem eine bunte Pracht von Uniformen und Kostümen und einen, wenn auch sehr steifenNarrisch" (Bajadarentanz).

Auf den Tigerjagden, dreißig Meilen von hier im Dschungel, waren keine Damen zugegen. Ich hatte mich so darauf gefreut.

Drei Tiger wurden erlegt. Die berden ersten junge, fromme Tiere, der dritte aber, eine sehr große Tigerin,

mard nur angeschossen und wollte einem dicken englischen General an die Gurgel. Der flüchtete hinter einen Baum, aber die Tigerin ihm nach. Da im letzten Augenblick (dramatischer Effekt!) tötet sie eine Kugel des Maharadjah. , . ., , a

Der junge (28 Jahr) dicke Maharadsah, der nichts weniger aks vornehm aussieht, ist trotzdem ein sehr interessanter Herrscher.

Die jungen englischen Elektrotechniker und Minera­logen, die er hierher berufen, schwärmen für ihn und behaupten, er sei ein großer Mann und genialer Regent.

Auch Oberst Filose und sein Bruder, der Sekretär des Militärkabinetts, sprechen von seiner Bedeutung. Er ist ganz englisch erzogen und war noch ein kleiner Knabe, als er zur Regierung kam. Mit dreizehn Jahren ward er mit der neunjährigenMaharani

vermählt. _ ,

Sie sind nun mit 28 nnd 24 Jahren seit 15 Jahren ehelich verbunden. Auch die Maharani (ans dem Dekhan gebürtig) hat eine englische Erziehung erhalten und ihre Gouvernante und sein Gouverneur bekleiden jetzt Ehrenstellcn im Staat.

Trotzdem ist die junge, schöne, ganz kleine und hellfarbige Maharani eine strenge Hindu und hält den farter" sdaß kein Mann außer ihrem eigenen jemals ihr Antlitz schauen darf) aufs strengste.

Colonel Filose, der seit 80 Jahren ein Ehrenamt am Hose hat, bekam sie noch niemals zu sehen, sie ver­handelt täglich mit ihm hinter einem großen8caeev (Wandschirm). Sie ist sehr intelligent nnd beaufsichtigt den ganzen großen Schloßhanshalt aufs genaueste, ver­waltet alle Bücher.

Ob sie mit ihrem Gatten glücklich ist, darüber konnte mir niemand etwas sagen. Jedenfalls hat der junge RegentSindia" nur diese eine Frau.

Auch dieNautchparties", die, für das alte Regime charakteristisch, noch aus dem Altertum stammend, von seinem Vater noch an jedem Abend veranstaltet wurden, hat er völlig abgeschafft. Sie interessieren ihn nicht. Er ist von fieberhaftem Eifer, rastlos Pläne schmiedend und gestaltend. Er hat nur den einen Wunsch einen Musterstaat zu schaffen. Und er ist anf dem besten Wege

dazu. Er hat die Fähigkeit, verfügt über ungeheure Mittel und hat den sicheren Instinkt, die rechten Leute an die rechte Stelle zu setzen, überhaupt zu entdecken.

Es ist unglaublich, wie sich das Staatsleben hier seit seiner Regierung gehoben hat. Es ist in voller Wirk­lichkeit in seiner Art ein Musterstaat, nnd es herrscht Ordnung und Pünktlichkeit bis in die letzten Winkel des ungeheuren Elefantenzwingers.

Ich komme täglich zur Fütterung der lieben Tiere und male sie. Mein LeibelefantSipri", ein Riesen- elesantenweib, mit dem ich fast täglich die uneinnehm­bare FestungGwalior" nehme, kennt mich schon an der Stimme. Ich bin unendlich stolz darauf. Ja, wann werde ich mich losreitzen?

DerJai Bilas", von Sindias Vater in einem ungeheuren, wundervollen Park in maurisch-indischem Stil erbaut, ist ein Komplex von zahllosen, weißen, niederen Palästen, die zwischen den roten Bangainoig- lilablüten und den Palmen und Mangobäumen wundervoll eingebettet sind.

Sein Umfang überrascht mich täglich neu. Innen nirgends ein Stäubchen. Die zahllose Dienerschaft ist gut gezogen.

Leider ist aber die ganze Einrichtung englisch. Nur das Speisezimmer hat an den Wänden herrlich indische Silberplatten und um den Tisch schwarze Elefanten­stühle.

Es trinkt sich sehr gemütlich Tee darin.

Die Gemächer für den Prinzen von Wales wurden monatelang vorher gerichtet, gestrichen, neu möbliert. Ein ganz neuer Telephouapparat ward in seinem Offiz ausgestellt, mit dem er all seine Diener, die in den Zellen unter seinem Fenster mit dem ganzen Gefolge kampierten, jeden Moment zur Stelle rufen konnte.

Es klappte alles. Zahllose Ehrenpforten in ganz Lashkar, so heißt Nen-Gwalior, mit Goldpapier beklebt und Papierblumen geschmückt, waren das Einzige, aller­dings stark Geschmacklose. Aber sie waren so gut gemeint.

Lashkar, die neue Residenz (das uralte Gwalior am Fuß des Forts geht immer mehr zurück), hat sehr schöne öffentliche Gebäude und in den Basars eine Fülle reich geschnitzter Privathäuser.