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Wiesbadener Tsgblstt.

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64 . Jahrgang.

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Der Verlag des Wiesbadener Tagblatts.

s. Paris, 7. Juni.

Daß die unmittelbar vor Pfingsten in Paris zu­sammengetretenen französischen Bischöfe sich vnt großer Mehrheit mit 49 gegen 25 Stimmen dafür aus- fprachen, sich den Beftimniungen des Trennungsgesetze» zu fügen, ist trotz der feierlichen Verkündung, es dürfe r-ber ihre Beratungen und Beschlüsse nichts in dre Lssentlichkeit dringen, nicht nur sofort allgemerw be- kannt geworden, sondern sogar, wie aus zuverlässiger Quelle" verlautet, unverzüglich den Mrnrstern de» °snncrcn urtb bet iS'itlie, ©Ißtnenccciu uub 23ticin.b / o.u3 der Bischossversammlung selbst heraus zur Kenntnis gebracht worden. Aus dieser Tatsache wird in katho­lischen Organen mit tiefer Trauer der Schluss gezogen, daß die vorausgesehenen Folgen des Trennungsgesetzes mit dem Schisma als letzte Konsequenz sich zu ent­wickeln beginnen, indem nämlich das den Kirchen- fürsten unter der kaum verhüllten Drohung der Ex- kommunizierung auserlegte strenge Geheimnis über dre Vorgänge in dem Konzil gebrochen wurde, drese aber t.-otzdem im Amte bleiben, ist ein offener Gegensatz zwilchen dem Vatikan und einem Tetle des franzo,ffchen Episkopats zutage getreten. .

Außerdem aber ist es nach dieser fast offfzrellen Bekanntmachung der Beschlüsse der Bischofsversamm­lung dem Papste und dem Kardinalskollegrum für die Angelegenheiten der katholischen Kirche in Frankreich sehr schwer, fast unmöglich, die Unterwerfung unter das Treilnungsgesetz zu verweigern. Man gibt sich zwar in Nom die größte Mühe, den französischen Katho­liken klar zri machen, das; die Bischöfe nur einGur- achten" abzugebcn, aber keineEntscheidung" zu fällen hatten, indessen vermag das nichts gegen den Eindruck liusznrichten. den diese Mitteilungen hervorgerufen

haben und den dieBloc"- und Regierungspresse v züglich auszunützen versteht. In den wertesten Kreisen der französischen Katholiken gilt nun die Unterwersu g der katholischen Kirche unter das Trennung»gesetz als vollendete Tatsache. . , .

Gleichzeitig inehren sich die Anzeichen eines traf- - tigen Wiedererstehens des Gallikanismus, der schlr tz- lich nur eine gemilderte Form des Schismas fft. D ^ Bischofsversammlung ist von mehreren katholischen l Führern und auch voii dem ehemaligen Mrnister^ des ' Äußeren Hanotanx als eine Neugeburt der 1000 ^ahre hindurch unterbrochenenEonorles des Gaules begrubt worden. Sie bilde den Anknüpsungs- und Anfangs­punkt für regelmäßige Versammlungen des französischen Episkopats, die über die materiellen Verhältnisse der katholischen Kirche in Frankreich nunmehr allein, ohne in Rom um Ermächtigung oder Zustimmung nachzu- inchen, befinden würden. Nur bezüglich aller dogma­tischen Fragen bleibe man dem Vatikan unterworfen. Die katholischeElite" befreie sich mit dem Klerus zu­sammen von der römischen Vormundschaft und so werde die katholische Kirche allerdings in einer neuen Form gerade wegen des Trennnngsgesetzes in Frankreich nene Kräfte und neues Ansehen gewinnen.

Natürlich finden diese Anschauungen und Bestrebun gen unter den Strenggläubigen einen heftigen Wider­stand io datz die von den Antiklerikalen erhoffte Spaltung unter den Katholiken tatsächlich bereits mm getreten ist. Einige Geistliche, die mit ihren Borge setzten sich überworsen hatten oder eine politische Rolle in der Republik spielen wollen, von den letzteren ist der Vertreter von Hazebrouck Abbck Lemrre an all«merster Stelle zu nennen, suchen mne republikanische Katho­likenpartei zu bilden, die Mit den bisherigen Führern als nur reaktionäre Ziele Verfolgenden und auch mrt den alten Prinzipien im öffentlichen Loben , und mrt der alten Taktik brechen mrisse Man hat, an ermgen Orten soqar bereits Kultusverbande mrt Hülfe von Pfarrern aebildet obgleich die päpstliche Enflcherdung bezüglich deren Zulässigkeit noch nicht gefallen ist. An anderen Punkten des französischen Gebietes sind zalsirmche Kirchen auf Unordnung der Bischöfe bereits geschlossen worden, weil in den betreffenden Gemeinden die Be­wohner auf die an sie ergangenen Umfragen bezüglich ihrer Bereitwilligkeit, zu den Kultusausgaben berzu- tragen, ablehnend geantwortet hatten.

trotzdem Wird in antiklerikalen Zeitungen noch immer dieklerikale Gefahr" als Aufregungsmittel weiter augeweudet und die Forderung erhoben, neue Maßregeln gegen sie zu ergreifen. Allerdings findet das in den Kreisen der Parlamentsmehrheit kemen Anklang, da diese mit dem errungenen Siege Msrrcden ist und verstänbig genug zu sein scheint, ihren Triumph nicht durch übertriebene Verfolgungsmatzregeln zu ge­fährden. Sie ist sich überdies bewußt, datz au ch für

die Regierung der Republik in diesen Fragen noch hin­reichend große Schwierigkeiten besonders bei der Bildung der Kultusverbände zu bewältigen bleiben, als daß es angebracht wäre, noch andere mutwillig hervorzuruf en. __

Politische Übersicht.

Die russische Duma und die Revolution.

g. Petersburg, 8. Juni.

Daß die Duma, die Hoffnungen, die in sie gesetzt wurden, nicht erfüllen wird, schon, weil dies urrter den gegebenen Verhältnissen unmöglich ist, wurde von Jh rem Korrespondenten schon wiederholt hervorgehobew Die vorausgesagte Enttäuschung, die daraus folgen mutz, macht sich jetzt bereits durch verschiedene An­zeichen bemerkbar. In denSt. PeterZbingskaw Wedemosti" schreibt der Gutsbesitzer Fürst Drmitri Druzkoi Ssokotninskoi:Ganz Rußland erwartete von der Reichsdnma eine beruhigende Wirkung, ein Auf- Hören der Wirren. Leider hat sich die Duma mit dieser Frage nicht beschäftigt, was unwillkürlich stutzig machen mutz. Ermordungen, Raubtaten ufw. dauern fort,. Niederlagen von Bomben, Waffen und Dynamit werden in den verschiedensten Gegenden entdeckt, mit, einem Wort, die Wirrnis wird nicht schwächer. Die politischen Morde hören nicht auf: zugleich werden Leute zufällig umgebracht oder weil sie Geld haben. Kann unter solchen Verhältnissen ein fruchtbringendes Arbeitsleben bestehen?" In ähnlichem Sinne heißt es in der Nowoje Wremja":Der Schrecken der heutigen Lage besteht darin, daß die Duma sich nicht mit den wirklichen Verhältnissen, den Nächstliegenden Aufgaben beschäftigt, sondern sib-r Programme Reden hält, die für Jahr­zehnte reichen. Die Partei des alten Regimes, für die sowohl das Vorhandensein der Duma als auch das Pro­gramm Goremykins unangenehm sind, wartet nur auf einen geeigneten Anlaß, um bie Duma ganz zu be- fettigen. In dieser Hinsicht ist mit der äußersten Rechten auch die äußerste Linke solidarisch, für die die Reichs­duma eine verdrießliche Zwischenwand zwischen Volk und Revolution ist. Das ist die tatsächlichste Serie des Augenblicks, wo die Dnma mit der Forderung auftritt, die Macht in die Härrde eines Duma-Ministeriums zu übergeben. Es ist nicht schwer vorauszusagen, datz bei der in die Massen tief eingedrungenen Feindschaft gegen jede Autorität, der Tag des Triumphes der Reichsdnma der Anfang ihres Endes sein würde. Der prinzipielle Streit wegen der Macht hat sich allzulange hingezogen und droht in einem nicht aufhörenden Kampf auszu­arten. Das Land wartet aber gerade auf sofortige Re­formen, zu denen der Weg jetzt frei ist." Man braucht den Ansichten derNowoje Wremja" über die Duma nicht beizupflichten: ihre Wirkung auf die Stimmung im Lande schätzt das Blatt aber jedenfalls richtig ein.

Feuilleton.

(NaÄdruL ««Boten.)

Setpnt MrW m der (letalen KMWM.

Militärhumoreske von E. Stint.

Sergeant Mairicht war der bekannteste Unter­offizier im Regiment. Ihn kannten in jedem Herbste bie Nerruten eher als ihre bireften Vorgesetzten, und jeder neue Leutnant, der in die Garnison versetzt wurde, hörte am ersten Abend ini Kasino so viel von ihm, daß er ihn sich am nächsten Tage persönlich borstellen netz.

Mairicht war seines Zeichens Advokatenschrerber ge­nesen ehe er käpitulierte. Wir Einjährigen seiner Korporalschast haben freilich immer unsere eigenen Ge- dankeii über seine zivilistische Karrrere gehabt, denn nenn die Akten seines Rechtsanwaltes so von ortho­graphischen Fehlern strotzten wie seine dienstlichen Meldungen, dann konnte man sich über den frühen Av- jchluß seinesjuristischen" Berufes nicht wundern.

An diese Schreiberzeit erinnerte er nicht ohne selbst­gefälligen Stolz durch zahlreiche lateinische und klassische Zitate die er in neunundneunzig von hundert Falleii falsch "oder verstümmelt brachte. In dem seltsamen Ge­misch von Berliner und rheinschcm Dialekt, dessen er sich bediente, wirkten sie oft unglaublich komisch. So donnerte er einmal seiner Abteilung iit die Ohren: Wenn ihr Dämlacks mit eure fossilen Knochen mcht wie'n Blitz reaktioniert, wenn ichStillgestanden" be­fehle dann wer ick mit eure Beinchens jongloniereu, bis euch absudeineng zu Mut ist.. Det kann ick Wohl sagen.' <2>et kann ick wobl sagen", Pflegte auf seme Standpauken und Verwünschungen so regelmäßig zu folgen, wie das ceterum eenseo, Cartliaginem esse delendam air die Ansprachen des älteren Cato. .

SeineKerls" wußten aber, daß Marrrcht nicht so schlimm war, wie er sich machte. Über ungerechte Be­

handlung oderSchliff", wie der technische Fach-Aus­druck ist, hatte sich niemand bei ihm zu betlagen. Cr war der beste Exerziermeistcr des Regiments und schni.t bei Vorstellungen immer ganz ausgezeichnet aw Drotz- dem hatte er es in einer fast zw'ölfjährrgen -^renstzert nicht weiter als bis zum Sergeanten gebracht.

Dafür gab's freilich ungezählte Grunde denn Mairichts Konduitc war durch eine lange Reihe ver­wegener Streicheetwas getrübt". Auch konnte er sein Zünglein nicht im Zaum halten, was beim Bülrtar ;a ziemlich übel vermerkt zu werden Pflegt. Ein Beispiel. Bei einem Unteroffiziersschießen hatte der Hauptmann einmal ein Faß Bier auflegen lassen und die Kompagnre- Ofsi ziere kneipten fidel mit. Mairicht saß neben einem jungen Leutnant, dem man keine lange und ruhmreiche Laufbahn vorausfagte. Nun hatte damals Dcarrrchl wieder irgendeine Sache ausgesressen, derentwegen man ihm an den Kragen wollte.Ja ja , seufzte er aus einmal tiefsinnig zu seinem Nachbar,Herr ^eutnant, unsere Zylinder sind schon gewichst!" ,

Das Hallo war zuerst riesig groß. Auch der Haupt- inann lachte, daß ihm die Tränen über die Backen toller- ten. Später aber gab's doch eine schwule Stille, und Mairicht konstatierte, als sich die Offiziere entfernt hatten:Nun wer ick mir nach eenen soliden Ast mir schsene Aussicht umsehen müssen!"

Ganz so schlimm lief die Sache glücklicherweise nicht aus. Der Hauptmannbetete" bloß vm nächsten Tag beim Exerzieren längere Zeit mit ihm. Al» Mairicht zu seiner Abteilung zurückkam, hielt er eine semer berühm­ten Ansprachen:Kinners, eure Beene und meine

Schnauze stehen sozusagen in een Verhältnis. Wat die meinigte verpatzt hat, mögen die eurichten gut machen. Nun Wern wir man eenen Parademarsch vor den Alten seine Lackstiebeln legen, wie ihn Jott m Himmel map bester monieren kann. Ick verlasse mir uff euer Ehr-

Wenn dann die Abtellung Mairicht an dem Kom

pagmechef in tadelloser Haltung vorüberzog und> auch ein Trick Mairichts mit der linken Hand auf die Patronentaschen schlug, datz jeder Schritt wuchtig mar­kiert wurde, da lächelte der Häuptling huldvoll und Mairicht fühlte sich mal wiederaußer Klemme".

Hatte er dann eine Jnstruktionsstunde zu halten, so entschädigte er seineKanaken" durch eine fulminante Ansprache. Seine Instruktionen waren überhaupt be­rühmt. Am eingehendsten pflegte er immer das Thema zu bebandeln:Wie soll sich der Soldat im Urlaub be­nehmen?" Diesem Kapitel gab er die folgende Ein­leitung :

Also, Kerls, wenn ihr nun nach dat Kaff kommt, wo ihr wohnt, det ihr mir da nicht gleich über det halb- jeschlachte Schwein herstürzt und det rohe Fleisch durch die Zähne zieht, sondern da sagt een wohlerzogener Soldat: Nun wer ich mir mal die Föten reuigen, Mutter, und denn jieb mich mal eene Jabel und een Teller. Ick bin dat so gewöhnt." ^ .

Sehr wirkungsvoll pflegte der Schluß seiner Er- Mahnungen zu sein:Unn wenn ihr nu denn mit eure Trine oder Stine nach den Bahnhof schiebt und der Zug vor eure Nase steht, dann muß det jehn, wie det Tempo beiGewehr über!" Eins zwei! Kurz dis Hand weg! Ohne Tritt marsch! Bei eins wird die Deern am Genick gepackt. Zwei Kuß! Kurz die Hand weg! Rin in den Affenkasten und dann los!"

Mairicht legte so großen Wert darauf, diesen raschen militärischen Äbsclned seinen Leuten einzudrillen, Werl er selbst in diesem Punkt sehr üble Erfahrungen ge- macht hatte. SeineMadame", wie er zu sagen pflegtSj versuchte ihn nämlich stets und meistens mrt Erfolg znrückznhalten, wenn er pflichtgemäß wieder nach seiner Garnison wollte. Das hatte ihm zu wrederholten Malen still" Tage eingebracht, die nicht ganz angenehm waren Schließlich hatte erMadame" mit nach der Stadt genommen. Ganz freiwillig wohl nicht und auch nicht ganz allein. Mit ihr kam ihre Mutter -