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64. Jahrgang.

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1906.

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CiiMO nnb die lhiiejistzk« Seyöllc.

n. London, 5. Juni.

DasWeiwupu", das chinesische auswärtige Amt, hat den: britischen Gesandten in Peking am 2 . Juni eine Note überreichen lassen, worin der Inhalt der auf die Seezölle bezüglichen Artikel in den Anleihever­trägen von 1896 und 1898 Wiederholt und bestätigt wird. Daraufhin meldet der PekingerTimes"-Korre- spondcnt triumphierend:Die Zollfrage ist erledigt." So ganz stimmt das nicht. Bei näherem Zusehen ge­wahrt man sogar, daß die Frage auf genau demselben Fleck stehen geblieben ist, wo sie sich bei Erlast des kaiserlichen Ediktes vom 9. Mai befand: denn auch in dem Telegramm derTimes" heißt es ausdrücklich: Das kaiserliche Edikt vom 9. Mai, das die vollständige Kontrolle über das gesamte Personal in der Seezoll­verwaltung, sowohl die Chinesen wie die Fremden, Sir Robert Hart mit einbegriffen, zwei chinesischen Beamten übertrug, bleibt in Kraft." Die Chinesen haben dem Vertreter der englischen Regierung nur noch einmal schriftlich gegeben, wozu sie sich schon früher vertraglich verpflichtet hatten, daß sie an der inneren Organisation des Seezolldienstes nichts ändern wollen, solange die Zölle noch für die Anleihen haften. Die Absicht, in dieser Hinsicht bertragsbrüchig zu werden, wurde den Chinesen von dem Korrespondenten derTimes" Dr. Morrison unterstellt, von ihnen aber von Anfang an geleugnet. Mit weichein Rechte nun die englische Presse aus der Regelung der Angelegenheit einen Sieg der britischen Diplomatie zurechtmachen darf, ist schwer ein- zuseben: denn das, was ursprünglich beabsichtigt war. die chinesische Regierung zur Zurücknahme ihrer Note

zu bewegen, ist nicht gelungen. Für die übrigen an dem ostasiatischen Handel wesentlich beteiligten Machte kann das nur von Vorteil sein. In der Seezollver­waltung haben zwar Angehörige der verschiedensten Nationen und Natiönchen Anstellung gesunden, so daß es sich scheinbar um ein internationales Institut handelt, fast alle wichtigen Posten sind aber durch Eng­länder besetzt und durch die Bestimmung, daß der oberste Beamte immer der Nation oder den Nationen ent­nommen werden soll, die an dem chinesischen Handel mit mehr als 60 Proz. beteiligt ist oder sind, wurde die erste Stelle für absehbare Zeit stets einem Engländer gesichert, dem das Recht der Beförderung zusteht und der damit den ausschlaggebenden Einfluß ausllbt. Nun ist der englische Handel in China längst unter den ge­forderten Prozentsatz gesunken, was nur dadurch ver­deckt wird, daß die Zollstatistik nicht mit dem Lande der Herkunft, sondern mit dem letzten Verschiffungs­hafen rechnet. Als solche kommen nun London und andere englische Häsen für einen großen Teil der kon­tinentalen europäischen Ausfuhr in Betracht. Eine noch größere Verschiebung der Ziffern zugunsten Eng­lands wird dadurch erreicht, daß die Menge der in Hongkong zur Umladung kommenden Waren in der Zollstatistik als solche britischer Herkunft eingefuhrt wird. Nicht nur beherrscht Hongkong den gesamten Handel Südchinas bis nach Futschan hinauf, es ver­kehren auch zahlreiche Dampfer von dort direkt mit nordchinesischen Häfen. Es ist unter diesen Umständen wohl zu verstehen, daß den Engländern eine chinesische Oberaufsicht über die Seezölle recht unliebsam ist, bildet sie doch ein vorzügliches Mittel für andere Mächte, ihre Wünsche für eine mehr allgemeinen als britischen Sonderinteressen dienliche Verwaltung der chinesischen Seezölle geltend zu machen.

Die private Fabrikinspektorin.

Einem uns zugegangenen Aufsatz, betiteltVer- trauensdamen für Arbeiterinnen", haben wir oben- stehende Überschrift aus dem Grunde gegeben, weil in der Gegenüberstellung derDame" zur Arbeiterin ein sozialer Mißgriff, eine gewisse Taktlosigkeit liegt. Es ist Zeit, daß endlich diejenigen Mitglieder der besser situierten und höher stehenden Frauenwelt, die sich in so aner­kennenswerter Weise aktiv um das Wohlergehen ihrer vft schwer hanüarbeitenden Schwestern bekümmern, von ihremDamenstaudpunkt" auf den einfachen derFrau" herabklettern. Der beachtenswerte Aufsatz lautet:

Nicht nur die männliche Jugend ist nach Beendigung der Schulpflicht vielfach gezwungen, dem Elternhause den Rücken zu kehren, um einen Berns zu erlernen oder sich das Brot zu verdienen, sondern auch die Mädchen lösen

sich mehr und mehr in den Großstädten aus dem Schoß der Familie los, um ihren Erwerb zu suchen. Treten sie in einen Dienst, so gewinnen sie einen neuen Familien­anschluß. Die Fabrikarbeiterin wird aber leicht durch die Entfernung der Betriebsstätte von der elterlichen Wohnung gezwungen, sich nur mit einer Schlafstelle zu begnügen und verfällt dann leicht der Isolierung, die ihr leicht noch verhängnisvoller werden kann als dem jungen Mann. Aber auch die junge Arbeiterin, die am Abend unter das schützende Dach des Elternhauses zurückkehrt, bedarf bei ihrer Arbeit mitunter des Schutzes und der sorgenden Bewahrung vor Ungebührlichkeiten, wie auch des Rates in manchen Lebenslagen und der Förderung ihrer wirtschaftlichen und geselligen Interessen.

In der Anerkennung dieses Bedürfnisses hat vor einiger Zeit die bekannte keramische Fabrik von Billeroy u. Boch in Dresden eine Dame (!) angestellt, die als Bertraucnsdamc der Arbeiterinnen" die Aufgabe zu erfüllen hat, mit der Schar der Arbeiterinnen, deren die Firma gegenwärtig etwa 700 beschäftigt, in Verbindung zu treten, um ihre Lage zu studieren, ihren persönlichen Nöten nach Möglichkeit zu steuern und ihre Lebens­führung auf ein höheres Niveau zu heben.

Um ein wachsames Auge auf den Ton haben zu können, in dem die Arbeiter mit ihren Arbeits­kolleginnen verkehren, besitzt die Dame die Befugnis, während des Betriebes auch alle Räume, in denen Mäd­chen mit Männern gemeinsam arbeiten, zu dnrchwanöeln, mit den Arbeiterinnen Gespräche anzuknüpsen und die­selben, wenn sie es für angemessen erachtet, auf ihr Ge­schäftszimmer, welches in dem Flügel der Fabrik liegt, in dem die meisten Arbeiterinnen beschäftigt sind, zu be­stellen. Diese Maßnahmen haben bereits nach kurzer Zeit zu einer wesentlichen Verfeinerung des Tons bei­getragen, den manche Arbeiter sonst den weiblichen Ge- hülfen gegenüber anzuschlagen pflegten. Wie die Vcr- tranensdame das Recht hat, jede Arbeiterin um Aus­kunft über ihre Verhältnisse anzugehen, so hat anderer­seits jede Arbeiterin das Recht, jederzeit bei der Ver­trauensdame vorznsprcchen, um derselben Wünsche oder Beschwerden vorzutragen.

Um einen Einblick in die häusliche Lage der einzel­nen Mädchen, ihre Wohnungsverhältnisse usw. zu er­langen, spricht die Vertrauensdame auch bei ihnen zu Hause vor, besucht sie, wenn sie durch Krankheit verhin­dert sind, ihrer Arbeit nachzugehen. Sie bemüht sich, aus diese Weise in ein freundschaftliches Verhältnis zu ihren Schutzbefohlenen zu treten. Unbeschadet ihrer Autorität als sozial höher stehende Dame darf doch nicht der Charakter der Fabrikvorgesetzten, sondern der der Beraterin vorgekehrt werden.

Wesentlich unterstützt wird dieses Streben durch die Bemühungen, den Mädchen Gelegenheit zu bieten, ihre Erholnngszeit in einer anregenden und nützlichen Weise zu verbringen. Abgesehen von den vielfach auch ander-

Fenilletorr.

-Nachdruck sertoten.)

Indische Reisebriefe.

Bon Hcrmione von Preuschcn.

IV.

An der Schwelle der Wunder.

Bombay, Taj Mahalpalace-Hotcl.

Indien ist das Land der Kontraste! Ich bin m einem der raffiniert modernsten Hotels der Welt und mich umgibt eine moderne Prachtstadt mit monumentalen Bauten im neuindisch-gvtischen Stil. Es ist so zivilisiert wie in Berlin oder Paris. Nur die herrliche Aussicht von der Loggia des Kuppelhotels finden wir nicht in Paris, Berlin. Hunderte vongezähmten", fast zu Gigerln verwandelten Wilden bedienen lautlos, jeden kleinsten Winkes gewärtig, beim Diner von Austern, deutschen Spargeln und Trüffeln. Fast enttäuscht bin ich, so wohl diese Zivilisation nach südindischer Kost und vierzigstündiger Eiscnbahnfahrt auch tut. Aber eine kurze Spazierfahrt beruhigt mich wieder. Düs native quarters. Ich besuchte sie durch eine Wache mit einem hier ansässigen Konsulatsyerrn zu allen Tages- und zu vielen Nachtzeiten. Auch hier wandelt die Durga und schreit nach Blut!

Eines von allem fällt mir immer wieder auf. Wie anbekümmert und unbeeinflußt vom Europäer die Hindu ihr Leben leben und sterben. Bon Cholera, Pest und Blattern dezimiert! Es bekümmert sie kaum. Sie freiten und basteln weiter serrez les rangs, es sind genug Menschen da. und. wenn täglich tausend davon sterben, so werden sie eben verbrannt und neue ge­boren. Der heilige Lingam verläßt sie nicht! Und sic tanzen mit ihren teufelaustreibcnücn Bränden durch die Nächte aller Hochzeiten. Und der junge Bräutigam hält hoch zu Rotz andächtig fest seine Kokosnuß, das Syurbvl des häuslichen Glücks. Und die kleine Braut

die heiratet eben. Und wenn sic Witwe wird, was ihr oft schon mit fünfzehn und achtzehn Jahren geschieht

die Engländer haben dassuttee", die Witwcnver- brennung verboten nun dann geht sie ebenin den Basar".

Das ist der Terminus technicus fürBajadere", wie die Deutschen so schön sagen. Alles andere, als in der Familie" sich zu Tode schinden und unterdrücken lassen. Aller Schmuck wird ihr dort genommen, alle Freude, und sie kann doch nicht ohne diese leben. Kann man's ihr verdenken, daß sie da lieber eine Priesterin der Freude wird? Ganze Straßenzüge erfüllt dies traurige Gewerbe. An jedem Fenster der kleinen Häuschen sitztso Eine" und schaut und lächelt und winkt. Und drunten flanieren die Matrosen. Fette Negerinnen, bunte, geschmückte Japanerinnen, leider auch vieleeuropean girls" streiten mit den indischen Witwen um die Palme von Gold und Schande. Kinder, dazwischen Knaben, Jünglinge! Ein wüstes Nachtbilö in Calotte-Manier. Schöne Mädchen aus dem Süden mit Nasenringen sitzen grellbelcuchtet, wie wilde Tiere, jede in ihrem Einzelstall. Und der Vollmond versilbert alles. Auch die Jagd nach Gold und Schmach. Unsichtbar unter ihnen aber wandelt die Durga und verschlingt das, was die Pest ihr übrig laßt! Und die Scheiter­haufen schwelen, und die Geier, die um die Türme des Schweigens kreisen, fünfhundert Parsentotengräber, werden satter nnd setter! Sie sind fast übersättigt. Nur schwerfällig erheben sie sich von den Palinkronen auf Malabachtll und schauen hinein in die fünf weißen Schweigetürme und sehen, ob die Parsenpriester ihnen frische Arbeit gebracht. Und,was da.wieder neuzu er­ledigen" ist, auf den amphitheätralischcn Nossen, die das Geheimnis verbergen. In den Parks der Cnngalows aber, die den Todesgarten um die Türme des Schwei­gens begrenzen, da finden sich zuweilen ganz kleine weiße Knöchelchen. Irgend ein unordentlicher Geier hat seinDessert" sich mitaenommcn und auf seinem schattigen Baumwipfcl der Nachbarschaft verzehrst

Sonst merken die Bewohner der herrlichen Cunga- lows auf Malabachtll nicht viel von der unheimlichen Nachbarschaft.

Viele reichen Parsen haben hier ihre Villen und fast alle Europäer: au der Rückseite des Hügels aber liegt Walkeshar, der alljährliche Wallfahrtsort von Taufen­den gläubiger Brahmanen. Hier hat Civa einst ge­rastet, hier ist sein schattig umwachsener heiliger Tank. Tempel an Tempel reiht sich hier in Mtniaturformat aneinander, dazwischen Garküchen, Restaurants, alles gewissermaßen idyllisch. Heilige Lingams an allen Ecken, Büßer nnd Heilige wandeln zwischen heiligen Kühen nnd hundert nackten Kindern durkh die schmalen Treppengasscn. Dort geht's zum Verbrtznnungsplatz. Wir dürfen uns ihm nicht nähern, sonst würden uns Steinwürfc bedrohen. Man ist sehr fanatisch hier.

Ein brenzliger Geruch erfüllt die Luft. Es riecht nach verkohlten Leichen.

In der englischen Stadt ist es wieder korrekt und elegant und man denkt nicht an die Pest, die zwanzig Minuten weiter ab, im verborgenen leider, ihre Opfer mäht. Die Polizei macht einen kleinen roten Ring mit Datum an die Häuser, aus denen man Pestleichen schaffte. An vielen zählte ich bis zu zwanzig und mehr kleine rote, harmlos scheinende Ringlein. An vielen anderen freilich, in den Straßen, durch die der Prinz of Wales gefahren, sind sie überweißt worden.

Potemkin redivivus! Viele Häuser sind mit ge­schlossenen Läden und einem u. h. h. unfit human habitation.

Wie viele Pestopfer haben erst die gefordert! Aber es ist kein Wunder, in den kleinen Räumen liegen oft zwanzig bis fünfundzwanzig Menschen auf dem Boden schlafend nebeneinander. Darum füllt die Pest in der Wärme, wenn Tausende ans den Straßen und Veranden schlafen wie die Hunde von Konstantinopel, und steigt rapide, wenn die Hindus der Kälte halber wieder in die Häuser zurückgezwnngcn werden.

> Die Sanitätspvlizei hat eitlen schweren Stand.