6«. Jahrgang.
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1906.
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KüdasriKanisches.
Aus Johannesburg wird uns geschrieben: Wäre Südafrika kein Dorado, das seinem Boden jährlich 170 Millionen Diamanten und 450 Millionen Gold abgewinnt, es würde zu den ärmsten Ländern der Erde gehören: denn an und sür sich vermag dieses der Hälfte Europas an Größe gleichkommende Gebiet seine eine Mftlion betragende weiße Bevölkerung nicht zu ernähren. Einige Schmieden und Bürstenfabriken sind alles, was außer den Minen an Industrie hier besteht. Bis zum Jahre 1880 lebte die Bevölkerung ausschließlich von der Landwirtschaft, von der sich noch heute die Hälfte der Bewohner ernährt. Die Bodenkultur aber wird in der primitivsten Weise betrieben. Ein Farmer, der Hunderte von Hektaren besitzt, lebt bescheiden von seinen frei umherirrenden Herden und einigen Maisfeldern: er verbringt seine Zeit damit, seine ausgedehnte Besitzung zu Pferde zu durchstreifen oder im Schatten seiner Veranda die Pfeife zu rauchen, ohne sich um neue Methoden der Bodenkultur oder vervollkommnet Maschinen zu kümmern. Es mag aber auch sein, daß bei den großen Dürreperioden, den Heuschreckenplagen, dem häufigen Ausbruch der Rinderpest usw. der Farmbetrieb der Buren der einzig mögliche ist: denn weder die australischen Ansiedler noch die englischen, die in Transvaal den Boden mit modernen Hülfsmitteln zu bewirtschaften suchten, hatten dabei Erfolg trotz eines Kapitales von 60 000 M., womit die Regierung jeden ausrüstete. Es braucht deshalb nicht wunderzunehmen, daß die Bedürfnisse aller, die nicht unmittelbar von der Landwirtschaft leben, fast ausschließlich durch die Einfuhr befriedigt werden müssen. 'Luxuswaren und die gewöhnlichsten Konsumartikel.
alles ist importiert. Kleider, Schuhe und Hüte kommen nur aus Europa und Amerika. Geht man in ein Restaurant, so bekommt man ein neuseeländisches Kotelett' oder Roastbeef vorgesetzt, italienische oder russische Eier, australische Butter und selbst aus eingeführtem Mehl gebackenes Brot. Auch Europäerhäuser würden nicht dastehen können, wenn nicht die meisten Materialien: Holz, Eisen, Kalk, Zement usw. von der nördlichen Erdhätfte hergeschickt worden wären. Natürlich stammr auch die ganze innere Einrichtung von auswärts. So sehen die wirtschaftlichen Verhältnisse Südafrikas aus, in keiner Hinsicht ist es ein sich selbst genügendes Land. Daher die großen Einfuhrzifsern. Im Jahre 1904 belief sich der Wert der Einfuhr auf 640 Millionen Mark und das war in einem Zeitraum einer wirtschaftlichen Krise; 1903 betrug die Ziffer 1040 Millionen, d. i. mehr wie die Einfuhr Australiens, Japans oder Argentiniens. Den größten Anteil an diesem enormen Güterverbrauch hat natürlich Transvaal. Auf dessen 300 000 betragende Bevölkerung entfielen im Jahre 1904 von der Gesamteinfuhr Waren im Werte von 280 Millionen Mark. Ohne einen hohen Lebensstand wäre eine solche Konsumkraft nicht denkbar; denn das Maschinenmaterial im Werte von 15 Millionen Mark, das für die Minen zur Einfuhr gelangte, vermindert jene Ziffer nur unwesentlich. In der Tat wird auch von dem seltsamen Völkergemisch, das sich hier zusannnengefunden hat, ein großer Aufwand gemacht. Afrikander, Engländer, Amerikaner, Australier, Deutsche, Italiener, russische Juden, Holländer, Schweizer, Armenier, Syrier usw. suchen sich gegenseitig in der Jagd nach Gewinn zu überbieten. Dieser Sucht nach Reichtum entspricht aber auch ein Wettbewerb in der Entfaltung von Luxus. Während die Reichsten in den prächtigen Villen von Parketown leben, will auch der einfache Handwerker sein komfortables „home" haben und einen Schwarzen als Diener: oft ist er Mitglied eines Klubs und liegt dem Sport ob. In der südafrikanischen Gesellschaft wird ein weißer Proletarier zum Aristokraten, der als Mitglied einer Herrenrafse die Masse der schwarzen und gelben Arbeiter weit überragt. Auch Pretoria, wo einst so einfache, schlichte Sitten herrschten, ist von dem neuen Geiste angesteckt worden. Spekulanten, Grotzkausleute, Advokaten, Bergwerksbesitzer, die früher dasselbe einfache Leben führten wie die Oberhäupter der Republik, suchen es jetzt den hohen englischen Beamten gleich zu tun, die ihre fürstlichen Gehälter wie große Herren verzetteln. Auf diese Weise erklärt es sich, daß eine so wenig zahlreiche weiße Bevölkerung eine so einzigartige Kaufkraft entwickeln kann und Pretoria, Johannesburg und der Rand fast mehr an Luxusartikeln konsumieren, als das ganze übrige Südafrika.
Politische Uberstcht.
Nationalliberale und Zentrum.
Aus Essen wird uns geschrieveu: Seit mehr als einem Jahre wird über ein Zusammengehen der beiden stärksten bürgerlichen Parteien, der NationalliLeralen und des Zentrums, in den Wahlkreisen Essen, Duisburg, Bochum und Dortmund bei den nächsten Reichstagswahlen verhandelt, und zwar geht der Vorschlag dahin, daß in Essen und in Bochum nur ein Zentrumsmann, in Duisburg und Dortmund nur ein Nationalliberaler ausgestellt und von der andern Partei unter» stütz: werden soll. Von einem eingcweihten Blatte ist neulich diesen Meldungen gegenüber erklärt worden, daß die «Sache noch „nicht aus dem Stadium unverbindlicher, Vorberatungen hinaus" sei. Das ist ganz richtig, besagt aber eigentlich nicht mehr, als daß der offizielle, verbindliche Beschluß der Wahlkomitees noch nicht gefaßt ist, und das wird jedenfalls auch nicht oder doch nicht lange vor Beginn der Wahlkampagne geschehen Die älteren und bisher einflußreichen Parteiführer auf beiden Seiten sind für den Vorschlag, besonders in Duisburg, sowie in Bochum und Dortmund, den beiden jetzt durch Sozialdemokraten vertretenen Kreisen< Bochum dürfte für die Nationalliberalen schwerlich zurückzugewinnen fein; diese sind also bereit, es dern Zentrum zu überlassen. Bei Aufbietung aller Kräfte beider Parteien ist der Sieg zu erwarten; der Sozialist Hue erhielt bei der letzten Wahl nur eine knappe Majorität. Auch in Essen ist die nationalliberale Partei an die dritte Stelle gerückt, was kein Wunder ist, nachdem die Partei beim Ableben des natürlich um seines, persönlichen Einflusses willen ausgestellten und gewählten Freikonservativen Krupp nochmals einen Freikonservativen und dann das letztemal einen Nationalsozialen aufgestellt hat, der während des Wahlkampfes' abschwenkte und sich zum rechten Flügel der National- liberalen hielt. Solche Vorgänge reduzieren eine Partei mit Notwendigkeit. Daß in Duisburg das Zentrum den Nationalliberalcn helfen will, wenigstens nach dem Rate seiner Führer, findet in den naitonalliberalen Kreisen natürlich warmen Dank. In Dortmund endlich bestehen exzeptionelle Verhältnisse. Seit 1898 gibt es dort ein Kartell zwischen Nationalliberalen und Zen-' trum, sogar für die Stadtverordnetenwahlen. Dadurch haben sich die Unterschiede zwischen diesen beiden Parteien vielfach vermischt. Das klerikale Blatt, die „Tremonia", betrachtet sich als Organ der „politischen Parteien", d. h. des Zentrums und der Nationalliberalen, gegenüber den Bürgervereinen, wie es auch bei den letzten Stadtverordnetenwahlen die zusammengehenden Demokraten und Freisinnigen beider Rich-
Feuilleton.
^Nachdruck oerfcofra.)
Indische Keifebriefe.
Von Hermione von Prenschem
III.
An der Schwelle der Wunder.
„Trichy" seven pagodas.
Wie anders als Madura und Tanjore — Trichtno- volrSI Oder kurzweg „Trichy", wie die Engländer sagen.
Als ob griechischer Geist durch die indischen Fluren gestrichen, ragt hoch über der in Palmen gebetteten Stadt die Akropolis. — Nein, es ist der berühmte Civa- tempel. — Hell und licht ist hier alles, wie von attischem Geist durchhaucht. — Aber der Aufgang zum Allerheiligsten ist durch überwölbte Treppen gebildet. Zuerst durch die weiße Elefanten- und die Pferöehallc, die, wunderbar lebendig bewegt, fast naturalistisch, die Säulen- pfeiler aufragen lassen.
Welche Gemälde? Von draußen nicken sonnenbe- gläuzte Palmenwedel. Erstickend heiß ist es aber auf den Treppen.
Und hier — man begreift es — konnte leicht das Unglück geschehen, daß bei einem Civafest durch eine Panik fünfhundert Menschen erstickten.
Jetzt hat man Luftlöcher in die Mauern brechen lassen. —
An der üblichen Tausendsünlenhalle vorbei geht's zum Eingang des Allerheiligsten, wo die Bilder von Civa, seiner Gattin Parivati, des Sohnes Gancsha und vor allem der heilige Bulle Na-ndi und der heilige Lingam stehen. —
Man schaut nur schüchtern über die Schwelle.
Auch der Prinz von Wales durfte sic nicht übertreten.
Höher oben auf der Spitze des Berges thront noch ein kleiner Ganesha-Tempel. Auf Felsenstufen klettere jch. windverzaust, hinauf.
Die Aussicht wird immer herrlicher. — „Weit schauen wir über die Lande", zu Füßen das Fort, Moscheen, die ganze, sehr weitläufige Stadt, unter Palmen halbversteckt, bis zum Jail, dem Gefängnis am „goldenen Felsen", der sich scharf aus der Ebene abhebt.
Auf der anderen Seite die vom Canvaryfluß umgebene Insel „Sering Ham" (vom Sering Ham, dem Tempel des Civa, dem Tempel der himmlischen Wollust, so benannt).
Rechts davon ist der Tempel des Brahma — hier Jakeschwand. Oft findet man die beiden beisammen. Doch man sieht davon nicht viel unter den dichten Palmen. — Dnstferne „hills", die Zufluchtsstätten der Engländer für den Sommer, begrenzen das Bild.-
Im frühen Morgendust ist es traumhaft schön.
Doch nun hinab und über die Brücke auf die Insel. Üppigste Vegetation umgibt uns hier mit kühlem Schatten. Vor allem herrliche Kokospalmen, in denen gerade geerntet wird. Dann die Brotbäume, Jackfeets, Gowcr- büsche und die gefiederte Papaja. Alle haben süße, eßbare, melonenartige Früchte. Die Papajafrucht wird von vielen den Melonen vorgezogen. Mir schmecken die meisten dieser Früchte etwas wabbelig!
Ich habe sie alle gekostet, mein Guide kaufte mir eine Auslese von einem der zahlreichen Fruchthändler. Aber man gewöhnt sich an alles, jetzt finde ich sie schon viel besser. —
An zahllosen kleinen offenen Säulenhallen, den „Oüonltries" oder resthanses der natives kamen wir vorbei.
Die Pilger lagerten darin zu Hunderten.
Nun sind wir an der äußeren Tempelmauer. Zwischen ihr und der inneren Umfassung Hausen fünftausend Menschen, eine ganze Stadt.
Überwältigend bunt und malerisch ist hier das Treiben.
An der inneren Mauer sind wieder mächtige Gopuren.
Drinnen sehen wir die sieben Stadien von Civas Leben: „Ruhe, Tanz, Strafe, Familienglück" usw.
Oft hat er sechs Arme, die schütteln die Cobra. Oft trägt er seine Gattin Parwati auf der Hand. Oft steht
sein Fuß auf dem Nandi. Einer jeden dieser Phasen ist ein eigener Tempel errichtet.
Natürlich darf man als Christ oder Paria nicht ein- treten. Aber von dem flachen Riesendach, das sich über diese sieben Tempel spannt, schaue ich in den inneren Tempelhof und die Palnienwilönis dahinter.
Dort hinter den Palmen wohnen die „Nautschgirls", sagt mein Guide. Auf einer zweiten Treppe geht es dann hinab zwischen den Einzeltempcln durch die Tausend- pfeilerhalle.
Im Januar ist hier ein großes Civafest. Man beginnt schon jetzt, die Halle mit dürren Palmenästen und buntem Papier zu schmücken. — Kopf an Kopf wird dann hier lagern.
Links vom Civatempel ist der Tempel des Brahma Jakeshwan. Ganz verfallen, aber in diesem Verfall unsagbar malerisch.
Grünfaulcnde Tanks, so stark faulend, daß selbst die Tamilen nicht mehr darin baden. Und Gopuren und Säulenhallen — der tausend Pfeiler — und Palmen überall hereinnickend.
Aber jetzt hat man im Volke gesammelt und der Tempel ersteht in neuer Pracht. Schon jetzt Steinmetzwerkstätten und unrüstige Arbeit.
Flöten- und Cymbelngekreisch — weihrauchschwingend treten blmnenbekränzte Priester aus dem Allerheiligsten und bringen kniend dem heiligen Stein-Nanöibullen sein Futter dar.
Alles mit Ernst, Würde und tiefster Überzeugung. Nachher futtern sie immer alles selber. Ihre beste Zeit ist aber die alljährlich gefeierte Hochzeit von Civa und Parwati, wo das ganze Volk das heilige Essen bringt. Das können die Guten kaum bewältigen und bekommen Magenverstimmung.
Nun fahre ich wieder durch dichten Palmenhain. Da seh' ich abenteuerlich bunt bemalte Riesen-Fratzen- bilder am Fluß, im Halbkreis ein kleines Haus mn- stehcn.
„That are the servants of Durga" — Kali —, etitf Art blutdürstige Astarte, der die Tannten hier jede«
