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1906.
Morgen- Kusgabe.
_ 1. Matt. _
py*" Wegen des Pfingstfestes erscheint die nächste „Tagblatt"-Ausgabe am Dienstagnachmittag.
Zum Pfingstfest.
Dreierlei Bedeutung hat für uns das Pfingstfest. Die Ausgießung des heiligen Geistes ist die religiöse Quelle des Pfingstfestes. Die Erneuerung des Lebensgeistes in der Welt ist der Pfingsten Bedeutung in der Natur. Und die Auffrischung der Kraft, die in der Menschheit lebt, der Kraft, vorwärts zu schreiten, immer höheren Zielen zuzustreben, das ist die menschliche Bedeutung des Pfingstfestes, die freilich, wenn man es nur recht versteht, mit der natürlichen und nicht minder mit der religiösen Bedeutung dieses Festes eng verbunden ist. Der heilige Geist, an dessen Ausgießung uns das Pfingstfest erinnert, ist nicht an Raum und Zeit gebunden. Wir finden ihn in den Gotteshäusern, wie in den Häusern der Menschen, und nicht minder in Gottes freier Natur.
Und eben deshalb hat die Kirche keinen Anlatz, auf die Wallfahrten ins Freie, welche das Kennzeichen unseres Pfingstfestes bilden, scheel herabzusehen. Wenn an diesem Hochfest des Frühlings auch da drautzen ein weit stärkeres Menschengewimmel sich geltend macht als daheim in dm Kirchen, die wahre und echte Religiosität wird dabei nicht schlechter fahren. Wer jahrein, jahraus an seine häusliche Werkstatt, an Kontor, Bureau und Studierzimmer oder sonstwie an feine Arbeitsstätte sest- gebannt ist, den treibt es am Pfingstfest, einen Blick zu tun in die unfatzbare, rätselvolle Arbeitsstätte der Natur, den zieht es hinaus in das blühende Feld und in den gewaltigsten Dom, den Menschenaugen je ge- jschaut, dessen Dach der blaue Himmel ist. Dort draußen, sin Gottes schöner, freier Welt, da werden auch wir tejl- haftig der erhebenden und läuternden Wirkung, die der heilige Psingstgeist, wie die Natur selbst ihn uns empfinden läßt, über alle ausgiotzt. Wohl dem, der fähig ist, sich mit diesem Psingstgeist zu erfüllen und die tief ernste Bedeutung, welche das Pfingstfest für unser Volksleben, für die gesamte Kulturentwicklung der Erde hat, voll auf sich wirken zu lassen. Das Pfingstfest bezeichnete den Eintritt des Christentums aus der Weltabgeschiedenheit in die Weltgeschichte, und es ist in seiner tiefsten Bedeutung ein Frühlingssest des Geistes. An jenem Tage, da die Jünger Jesu den zu Jerusalem versammelten Christen, Inden und Heiden mit feurigen
Zungen den Weltberuf des Christentums verkündeten, wurde es zuerst enipfunden, daß das Menschengeschlecht dazu berufen sei, eine große Gemeinsamkeit zu bilden, daß alle Verschiedenheiten, welche die einzelnen Menschen treniien, überwunden werden müßten durch die Erkenntnis, daß jeder einzelne Mensch an allen übrigen seine Mitmenschen habe: daß wir alle dem gleichen hohen Ziele zustreben sollen: dem sittlichen, dem geistigen und —• auch das sollte man nicht vergessen — dem materiellen Fortschritt des D^enschengeschlechtes.
Die christliche Religion trat den anderen Religionen gegenüber als die Religion der Liebe auf, als die Religion der Gleichheit und der Brüderlichkeit, wie Christus sie in Wort und Tat gelehrt hat. Aber wie unendlich viel fehlt daran, daß diese Lehren des wahren Christentums Geltung erlangt hätten im Leben der Menschen und der Völker. Wie vieles sehen wir aus dieser Erde, das wir als den Lehren der Religion widersprechend, das wir als unchristtich verdammen müssen. Der Sah, daß wir unsere Feinde lieben sollen wie uns selbst, hat in der rauhen Wirklichkeit noch keine Geltung erlangt, und noch immer entscheidet über Recht und Unrecht zwischen den Nationen das blutige Kriegsglück. Haben wir es doch erlebt, daß derselbe Herrscher, der sich als einen Apostel des Friedens ausgab, der die große Aktion der Haager Friedenskonferenz ins Werk gesetzt hatte, durch seine ostasiatische Eroberungspolitik den blutigen Krieg mit Japan herbeiführte. Dem Reiche des Zaren zum Unheil und doch vielleicht im tieferen Sinne zum Heil. Denn die Niederlage Rußlands hat dort zu einer Umwälzung geführt, ans die zum Schluß doch das Wort zutreffen wird: Wenn sich der Most auch ganz absurd gebärdet, es gibt zuletzt doch noch 'neu Wein!
Diese Erkenntnis, daß zum Schluß selbst aus einer anscheinend schlimmen Saat eine gute Ernte erwachsen kann; die Gewißheit, daß der Fortschritt des Menschengeschlechts hier und da durch -nne Zeit des Stillstandes, ja wohl gar des Rückschrittes unterbrochen, aber nie auf die Dauer gehemmt werden kann, erfüllt uns mit Zuversicht auch dann, wenn wir sehen, daß nicht nur zwischen den verschiedenen Völkern der Hatz über die Liebe triumphiert, sondern daß auch oft genug unter den Genossen eines Volkes nicht der heilige Geist der Liebe und Versöhnlichkeit, sondern der unheilige Geist der Unduldsamkeit und Gehässigkeit herrscht. Die Geschichte lehrt uns, daß die Entwicklung der Menschheit eine mühevolle und langsame ist. Dessen müssen wir eingedenk sein, wenn die Erkenntnis voll ihre Wirksamkeit auf uns alle entfalten soll: daß diese Entwicklung ein allmähliches, aber stetiges Vorwärtsschreiten zu besseren Daseinsbedingungen, zu höheren und edleren Formen der Kultur bedeutet.
Derrlschrs Reich.
* Die Anwesenheitsliste» in» Reichstage. Auf Grund des Diätengesctzes hat der Reichstagsprüstdent Gras Ballestrem bekannt gegeben, daß die Anwesenheitslisten folgende Rubriken enthalten: „Name", „Nachrveis der Anwesenheit durch 1. eigenhändige Unterschrift, 2. durch Teilnahme an namentlichen Abstimmungen". In eine dritte Rubrik wird eventuelle Abwesenheit eingetragen. Diese Liste wird in je einem Exemplar geführt für die Buchstaben A bis F, G bis K, L bis R, S bis Z. Die Auslegung hat durch einen Bureaubeamten auf dem Pult zu erfolgen, welches im westlichen Umgänge um den Plenarsitzungssaal gegenüber der Tür nach dem Kuppct- ranm ausgestellt ist,- sie beginnt mit der ans der Tagesordnung für die Plenarsitzung angegebenen Zeit und endigt mit dem Schluß der Plenarsitzung. Die Mitglieder des Reichstages tragen sich in die 'Liste ein. Ist ein Mitglied des Reichstages am Gebrauch seiner Hand behindert, so meldet er dies persönlich den» Präsidenten, der die Eintragung in die Liste verfügt. Wenn ein Mitglied des Reichstages, während der Reichstag versammelt ist, gewählt wird, so wird sein Name in die Liste erst nach erfolgter amtlicher Mitteilung über die Wahl aufgenom- men. Wenn das Mandat eines Mitgliedes des Reichstages erlischt oder niedergelegt wird, so wird sein Name in der Liste gestrichen, sobald der Reichstag davon Kenntnis erhält. Nach Schluß der Plenarsitzung ist die Liste abznschließen und das Ergebnis in eine Hauptliste zu überttagen. Auf Grund dieser mit Anweisung zu versehenden Hauptliste hat die Kasse des Reichstages am Tage der Fälligkeit der Enkschädrgungsraten Zahlung zu lefiten. Die ausgefüllten Quittungsformulare sind den Mitgliedern des Reichstages am Fälligkeitstage der Rate zuzustellen. Nach Vollziehung der Quittung durch Unterschrift kann der Betrag an der Kasse des Reichstages erhoben werden. Ganz wie „Lohnlisten!"
* Von einer eigentümlichen Wirkung des Diäten- gesetzcs hatttn wir wie Berliner Blätter berichtet. Der sozialdemokratische Reichstags-Abgeordnete Schciöcmann sei, so hieß es, während der Sitzung ausgcglitten und hätte sich den Arm verrenkt. Der Abg. Dr. Mngdan habe ihm darauf seine ärztliche Hülfe angedcihen lassen. Inzwischen hätte eine namentliche Abstimmung stattgesun- den und beide Herren hätten, da sie daran nicht teilnehmen konnten, 20 M. von ihren Diäten cingebüht. Wie nun Abg. Mugöan der „Fr. Dtsch. Pr." schreibt, ist diese Geschichte nicht ganz richtig. Sowohl Abg. Dr. Mugdan wie Abg. Scheidemann haben an der namentlichen Abstimmung teilgenommen und also auch ihre Diäten erhalten. Theoretisch ist ein solcher Fall aber immerhin denkbar, und es ist klar, daß hier ein Manko des Gesetzes vorliegt.
Fenilletorr.
Ein- nnb Ausfälle.
(Für bas „28 iesbabener T <rgbIat t".)
Bon Joseph Kaisler.
Der heilige Geist.
Der Priester: Wort des tiefsten Geheimnisses. Köstlichstes Gottesgeschenk für unsere Kirche. Unsere Kirche allein. Der heilige Geist — uns allein hat er auserwählt, uns allein führt er sicher durch die Irrwege und über die Abgründe dieser dunklen Welt zum Himmel. Wie dieses Bewußtsein des alleinigen sicheren Besitzes beseligt und erhebt. Bundesunterpfand zwischen Gott und uns gegen alle Jrrlehrer und Versucher. Darum kam er in Flammen, tveil er uns führendes Licht, den Bekehrten läuternde Reinigung, den Hartnäckigen drohende Strafe ist.
Der Denker: Wort des fiefften Geheimnisses. Wer es fassen, ergründen könnte. Der heilige Geist — wer sein Walten im Kommen und Gehen der Götter, im Aus und Ab der Völker und Geschlechter klar sähe. Wer sein Weben und Planen im Werden und Vergehen alles Lebens, im Lieben und Hassen des Menschen begreifen könnte. Wir suchen ihn in qualvollen Kämpfen des Erkennenwollens und er flieht vor uns. Und zieht uns immer wieder übermachtvoll an. Er kam in Flammen, Weil er uns verbrennen wird.
’ Der Erwachte: Wort des tiefsten Geheimnisses, das sich nun beglückend erhellt. Der heilige Geist — Geist des Lebens — ich fühle dich. Überall in der Welt sehe ich deine Schönheiten und Wunder. Und genieße sie. So willst du deinen Dienst. Die Sinne und die Seele aufgeschlossen zu deinem heiligen Lebensrausch. Und einen freudigen Willen zum Dasein. Darum kamst du in Flammen, weil unser Leben farbenleuchtend sein soll und heißatmend — ein wunderbares Spiel von Licht und Schatten.
Ibsen.
Lieber Freund!
Wir waren übereingekommen, einander von lenen seltenen Stunden, in denen ein Schmerz oder eine Freude an unser Innerstes rühre, nichts zu schreiben. So wollten wir in kluger Resignation vermeiden, die schmerzvolle Erkenntnis immer neu erfahren zu müssen: Daß der Mensch im Letzten unentrinnbar allein ist, daß auch zwischen den verwandtesten Seelen keine Brücke rastlosen Verstehens führt. Sie war klug, diese Resignation, nur daß die Stunden erschütternden Erlebens von Klugheit nichts wissen wollen.
Einer ist uns gestorben, dessen Abschied so unheimliche Leere läßt, daß die Seele schaudernd unwillkürlich nach Gefährten ruft wie ein banges Kind in plötzlich hereinbrechendem Dunkel. Einer ist uns gestorben —■ der Letzte der großen Drei, in denen wie in einer Zauberformel das Wesen unserer Zeit beschlossen ist. Der Letzte der drei Großen, die den werdenden Geist von heute, den triumphierenden von morgen geprägt und geformt haben. Der Eine Bismarck, der die jahrhundertelangen Träumer und Denker die Freude an der Tat wieder lehrte. Nietzsche der Andere, der uns nach tausend Jahre alter, grauer Nüchternheit die Seligkeit des heiligen Rausches wieder offenbarte. Und Er — Ibsen, der Dritte, der uns nach langer, selbst- betrügerischer Feigheit den stählernen, unerschrockenen Wahrheitsmut wiedergab, die dunklen Abgründe zu schauen, über denen jedes lichteLeben gaukelt. Er, der uns die Tiefe gab, daß uns die Tatenfreude und das heilige Schwärmen nie , mehr zu tändelnden Oberflächlichkeiten werden können.
Als der Große auf der Bahre lag und die kleinen Erben schnellfertig zusammenrechneten, was er ihnen hinterlassen, da klagten viele, das Erbe sei arm. Nichts als Fragen hätte er hinterlassen, keine Antworten, von denen man satt würde und mit denen man ruhig schlafen könne. Nichts als Fragen. Als ob es nicht eins wäre, ob einer eine ungeheltre Tat vollbringt, einen
neuen Glauben schafft oder eine ans Letzte rührende Frage stellt. Als ob die Gewalt, mit der sie vor unsere Seele treten, nicht alles wäre. Und wo war einer, dessen Fragen gewaltiger, ausrührender, erweckender waren. Wo eine größere Frage als in „Nora", wo eine furchtbarere als in den „Gespenstern", wo eine erschüttendere als in „Der Wildente". Und wo eine, die unser geheimstes Hoffen und Zweifeln, all unser Vergangenhests- bangcn und Znkunftssehnen tiefer ansspricht als sein? letzte große Frage, nach der sich sein Mund zum ewigen Schweigen schloß, seine letzte: „Wenn wir Toten erwachen."
Vieles tvirst Du an ihm vielleicht anders sehen als ich, dafür war er der Vater „Peer Gynts", des Mannes der hundert Gestalten. Darin werden wir aber mit einander empfinden: Da er ging, ist unsere Zuschauerfreude an der großen Westenkomödie um vieles ärmer geworden und das heißt, unser Leben ist ärmer geworden.
Dein J. K.
Die ewig Fremden.
Ich hatte lange nichts inehr von meinem Freunde Fred gehört. Sein letztes Lebenszeichen lvar vor einem Jahr seine Vermählungsanzeige gewesen.
Und jetzt ein schwarzumränderter Brief von ihm. Kein Brief. Ein wilder besinnungsloser Aufschrei. Wie der einsame Todwunde noch einmal die Arme ins Dunkel krampst und aufschreit, ohne Hoffnung, in die Nacht, ins Leere. Seine junge kindhafte Frau war gestorben. Gestorben? Was hieß das? Man hörte aus jedem Worte: Er verstand es nicht. Fühlte er nicht die Flut ihres wunderreichen, rotblonden Haares noch durch seine bebenden Finger gleiten. Und dieses weiche, hellseherische Wort tiefsten beqlückendstcn Verstehens, sprach sie es nicht im Augenblick. Und das alles von einem dunklen Ungreifbaren heimtückisch geraubt. Nie wieder. Nie wieder. Das gab's doch nicht. Man stirbt doch nicht mit neunzehn Jahren.^ Ein frevlerischer Betrug der Natur. Und er .... So in ohnmächtigem Trotz. Und dazwischen das müde, haltlose Weinen eines Kindes
