Wiesbadener 3#latt.
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1906.
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Politische Wochenschau.
Pfingsten, das liebliche Fest, treibt uns nach getaner Arbeit hinaus in Gottes sreie Natur, getreu dem Wahrspruch: Saure Wochen, frohe Feste! So dachten wohl auch die Reichstagsabgeordneten, als sie mrt Dampf- kraft arbeiteten, um noch vor Pfingsten die Bude zumachen m können. Das Programm, wonach ine Der- tagung des Reichstags bis zum 13. November schon am Samstag der vorigen Woche vor sich gehen sollte, fit freu lich unerwarteter Weise durchkreuzt worden, und so konnte das grobe Ereignis erst mit dem Begmn dieser Woche vor sich gehen. Der Kanrps um das Reichs- kolonialamt endete infolge der opposttronellen Haltung des Zentrums nicht nur mit der Ablehnung des geforderten Staatssekretariats für dre Kolonien, sondern eine Zeitlang schwebte die gesamte K o l o n i a l- abteilung des Auswärtigen Amtes sozusagen tn der Lust, und erst in der Montag-Sitzung gelang es, wieder nicht ohne Mühe, diese Unstimmigkeit zu beseitigen und der Kolonialabteilung zu ihrem werteren Dasein zu verhelfen. Mehr Arbeitseifer als die deutschen Volksvertreter entwickeln die Herren vom preutzischen Abgeordnetenhause und vom Herrenhaufe, die zwar ebenfalls in dieser Woche in die Pftngstferren gegangen sind, aber sich nach Pfingsten noch einmal zu löblichem Tun" oder sagen wir „hoffentlich löblichem Tiln" zusammensinden wollen. Das Hauptstreitobjekt dieser Tagung, das S ch ul u n t e r h alt u n g s - g e s e tz ist im Abgeordnetenhause auf Grund des nationalliberalen Antrages, demzufolge es betreffs der Rektorenwabl bei den bisherigen Bestimmungen sein Bewenden hat, gegen die Stimmen der beiden freisinnigen Parteien und der Polen angenommen worden.. 3tun hat sich noch die erste preußische Kammer mit dem heiß umstrittenen Gesetzentwurf zu beschäftigen; cs fit nicht daran zu zweifeln, daß das Herrenhaus den Beschlüssen des Abgeordneten hauses seinen Segen erteilen wird.
Feuilleton. Pfingsten.
Von M. Kossak.
Feld, Wald und Garten grünt und blüht es in vieltansendfältiger Pracht. Akazien und Flieder duften imd die hochstämmigen Rosen beugen ihre Zweige unter der Last sarbenleuchtender Blüten. Schmetterlinge wieuen sich im Sonnenschein über Blumen und Halmen und von den Kronen der Bäume lassen die Vogel ihre Jubellieder erschallen. Doch horch, da Mischt sich Glockengeläut unter die Stimmen der gefiederten ^Känaer — Töne von außen her kommend und doch den Frieden und die Lieblichkeit der Natur nicht störend, sondern erhöhend.^
Woh^spielt Pfingsten im Empfinden des deutschen Volkes nicht die gleiche Rolle wie Ostern oder gar Weihnachten — für uns das Fest der Feste —.aber fiemtocf, beweqt es uns die Herzen mächtig. Hat die Natur doch zu seiner Feier ihr schönstes Gewand angelegt Sie bereinigt sommerlichen Glanz mit sruhlmgs- mäßiger Frische; noch haben S°nnenglut und Staub den Maien mit denen die Leute ihre Wohnungen schmucken, nickt ihren zarten Duft und ihren smaragdnen Ton ge- ^ubfi Das „liebliche Fest" nennen die Dichter Pfingsten— wahrlich mit Recht. . .
Warum tragen wir am Pfingstfest die grünen Zweige
tTt Äe^chrMiche Kirche lehrt, daß cs das Fest der Ausgießung des heiligen Geistes ist, aber die Maien haben wrivLÜMtzch nichts damit zu schassen, wollen wir diese
-Nachvrock sertotaM
Wie der Kampf um das Volksschulgesetz mit der Annahme der Vorlage im Abgeordnetenhause im wesentlichen sein Ende gesunden hat, so ist auch der Kriegszustand in der Metallindustrie einer Ver- ständigung zwischen Arbeitgebern und Arbeit- nehmern gewichen, die hoffentlich von Dauer sein wird. Da die Arbeiter von ihrer Hauptforderung, der Festsetzung von Mindestlöhnen angesichts der entschiedenen und als berechtigt" arizuerkennenden Weigerung der Arbeitgeber Abstand nahmen, sind die angedrohten Massenaussperrungen unterblieben. Me unserem Wirtschaftsleben drohende Gefahr wurde glücklich vermieden.
Eine schwere Krifis, die bereits zum Rücktritt des Kabinetts Hohenlohe geführt hat, erschüttert zurzeit das politische Leben Österreichs. Ein Unglück kommt selten allein. Stoch war es dmr neugebackenen Kabinett nicht gelungen, sich durch die Klippen der Wahlreform hindurch zu lavieren, als bereits zu dieser Frage der inneren Politik ein neuer Konflikt zwischen den beiden Reichshälsten trat, der mit dem Siege Ungarns geendet hat. Zum allgemeinen Verblüffen gab Kafier Franz Joseph der Forderung des Kabinetts Wekerle, daß an Stelle des Zollbundnisse s zwischen den beiden Reichshälsten ein Handelsvertrag treten solle, nach, und diesen folgenschweren Schritt glaubte der Prinz HohenloA nicht nnt- machen zu dürfen. Daß er sich hierbei im Einverstand- niA mii faft allen Parteien befanb, haben bte junöftc-ft Verhandlungen im österreichischen Abgeordnetenhanse ae^eiat nnb ba§ neue Kabinett tbitb anQefic£)t§ bicfct Haltung des Parlamentes, welche der Stfinmung des Volkes entspricht, einen schweren Stand haben. .
Ein leichtes Dasein wird auch dem neuen italic- nischen Kabinett Giolittr nicht beschwden sein denn die Erbschaft, die ihm das Kabinett Sonmno hinterlassen hat, ist eine recht unerfreuliche. Me unter den letzten Ministerien immer starker gewordene Zersplitterung der Parteien erschwert wde Politik, dm mehr will, als von der Hand in den Mund leben, und die auf ernstliche Reformen hinstrebt. Hoffentlich wird wenigstens der neue Minister des Auswärtigen, Herr Tittoni, die Hoffnungen rechtfertigen, die man ans ihli als einen Mann setzt, der bisher kerne Neigung gezeigt hat, durch allerlei Extratouren Italien der Vorteile zu berauben, die ihm der Dreibund bietet.
Das ruisische Kabinett Goremykin hat bisher keine der Hoffnungen, aber freilich auch kerne der Befürchtungen gerechtfertigt, dre ber seiner Berufung laut wurden. Goremykin ist weder ern Reformer noch ancf) ein D^eaftionät, fonbetn et bejcfjtänrt nw baraitf# -wischen dem Zaren und der Hospartei einerseits und der Reichs duma anderseits nach Kräften zu vermitteln. Wie lange dies angesichts der Umtriebe der Hofpartci und des Anwachsens der oppositionellen Stimmung m bet Duma noch gelingen witb, bas ist fteilich eine Ftage, deren Beantwortung man nur mit Sorge entgegensetzen kann._ _
Sitte bis zu ihren Anfängen zurückverfolgen, so müssen wir an anderer Stelle forschen.
Pfingsten heißt in der deutschen Übersetzung der Apokryphen und des Neuen Testainentes das Morsche Erntedankfest, welches die sieben Erntewochen abschloß, an deren Beginn das Passahfest steht. .. Vassah oder Mascha ist die aus dem Aramäischen präzisierte Form des hebräischen „Pesach". was so viel bedeutet wie „schonendes Vorübergehen". Der Name schreibt sich daher daß man den Würgengel veranlassen wollte, an den Häusern der Israeliten vorüberzugehen, indem man ibm ihte &ii.t bntch Pestteichen mit betrt 23Iut bet ge- schlachteten jungen Ziegen und Lämmer kenntlich machte. Diese Tiere wurden im Heiligtum des Tempels ge- schlachtet und dann am Festabend mit bittern Krautern und ungesäuertem Brot im Familienkreise verzehrt. In allerältester Zeit soll das Paßahfest das Fest der Darbringung der Frühlingscrstgeburten gewesen sein, als dann aber nach dem Priesterkodex der Opferdienst verboten wurde, erfuhr allmählich auch seine Bedeutung eine Wandlung und in Verbindung damit wurde an die Stelle des Tieropfers jene schon erwähnte Mahlzeit gesetzt, bei der man das Passahlanim aß. ^n der christlichen Kirche bezeichnete man ledoch als Passahlamm im bildlichen Sinn Christus und dieser selbst knüpfte bei der Einsetzung des Abendmahls an dre M- dische Passahmahlzcit an. , Hier und dort, so in den ivnopiischen Evangelien, tnitb joQat beraubtet, bah jene letzte Mahlzeit Jesus mit seinen Jüngern, bei der dm Stiftung des Abendmahls erfolgte, direkt ein Passahmahl gewesen wäre. An anderer Stelle freilich Wirt diese Ansicht bestritten. Ebenso wird auch die Behauptung vieler, daß die Garben und grünen Zweige, tttu denen die morgenländischen Christen nicht wunder wie die Israeliten am Oster- resp. Paßahfest dm Spefietafel umkränzten, als ein Opfer auszufassen seren, mit dem
Deutsches Kelch.
* Zur „Eiutguug" der Liberale«. Der „Landes' ausschutz des freisinnigen Landesvereins für das Grotz- herzogtum Hessen" hat zur Frage der Stichwahl im Wahlkreis Darmstaüt einen Beschluß gefaßt des Inhalts, daß er „die von dem Wahlausschuß der vereinigten Liberalen bei der Darmstädter Reichstagswahl eingenommene Haltung und die von ihm austzegebeue Sttch- wahlparole", gegen den Rativualliberalen für den Sozialdemokraten zu strimuell, billigt. Aus diesem Anlaß wird es nun von ber gegnerischen; Seite so darznstellen versucht, als ob durch diesen Beschluß die Haltung der Freisinnigen Bolkspartei anderen Parteien gegenüber berührt werde. Diesen DeutunoKverfuchen tritt die „Fr. D. Pr." entgegen, indem sic schreibt: Das ist durchaus nicht der Fall; denn ein „freisinniger Laudesverein für das Großherzogtum Hessen" ist kein Glied der Organisation der Freisinnigen Volkspartei, sondern kennzeichnet sich selber als ans „Angehörigen der drei linksliberalen Parteien", auch der Freisinnigen Bereinigung und der Deutschen Bolkspartei zusammengesetzt. Maßgebend für die Haltung der Freisinnigen Bolkspartei zu anderen Parteien sind die Beschlüsse der Parteitage, vornehmlich des Parteitages zu Wiesbaden, den, zuwider die Darmstädter einen nationalsozialen Kandidaten auf den Schild erhoben haben. In dem Beschluß des Wiesbadener Parteitags heißt es: „Der Parteitag hält ein Zusannnenwirken mit nattonalsozialen Elementen für eine politische Unmöglichkeit, gleichviel, welcher politischen Gruppe sie sich anschließen."
* Kaiserempfäuge. Die Kaisermanöver finden diesmal in Schlesien statt. Sie werden den Kaiser nach Breslau führen, und zu seinem Empfange fordert der Breslauer Magistrat nun 50 000 M. Dieser Antrag, wird von der „Bresl. Morgen-Ztg." scharf kritisiert: „Die stattliche Summe soll verausgabt werden für eine flüchtige Veranstaltung, an der außer den fürstlichen Personen und ihrer zahlreichen Gefolgschaft und außer den Spitzen der Behörden und Militärischen Würdenträgern ein verhältnismäßig nur ganz geringer Prozentsatz der bürgerlichen Bevölkerung teilnimmt. Die vom Magistrat beantragte Summe ist eine schwere Last, die er uns aufbürdcn will. Wer den allwöchentlichen Rröe- käurpfen im Stadtparlamentc beiwohnt, wo oft in stundenlanger Diskussivnsfchlacht um einen Sparzwcck von etlichen tausend Mark gefeilscht wird, wo man immer und immer wieder das traurige und von niemandem bestrittene Wort hört von der städtischen Finanznot, der mutz erschrecken über die Höhe des Kredites, der hier für ein rein dekoratives Werk in Anspruch genommen wird. Sollte es wirklich nicht möglich sein, dem Kaiser-
. paare den Beweis loyaler Gesinnung und der Freude 'über seinen Besuch aus eine Werse zu erbringen, die den arg bedrängten Stencrsäckel der Bürger weniger hart in Mitleidenschaft zöge? Wenn uns ein Freund, den
man das ursprüngliche Tieropfer hätte ablösen wollen, angezweifelt. Dieser Brauch ist denn auch bald fortgefallen und statt dessen schmückten die Juden am fünfzigsten Tage nach der Darbietung des Erntedankfestes, also zu unserem Pfingstfest, Häuser und Synagogen mit frischem Laub. Beiläufig bemerkt ist der Name Pfinosten" aus dem griechischen „pentekoste" — der fünfzigste Tag — entstanden. Die Christen machten den Juden später den lieblichen Brauch nach und dehnten ihn zunehmend aus. Dies ist der löahre llrsprung unserer Pfingstmaien, die heute noch zum Pfingstfest die Wohnungen in grüne Lauben verwandeln.
Interessant ist es zu beobachten, wie im Wandel der Jahrhunderte an diese Sitte andere anknüpsten, die, scheinbar in keinem Zusammenhang mit ihr stehend, doch sämtlich denselben Geist atmen und der Bedeutung des Festes entsprachen. Bekanntlich nahm nach der Apostelgeschichte 2 der Heilige Geist, der über die Jünger Jesu ailsgegossen wurde, die Gestalt einer weißen Taube an. Unter den mittelalterlichen Mystcrienspie-len, die zu Psinasten stattfanden, gab es verschiedene, für die eine Szenerei, bestehend in einer aus grünem Laub crrrch- tetcn tempelartigen Halle, hergestrllt wurde. Den Beginn des Spiels kündigte eine weiße Taube an, die man emporschweben ließ. Wenn der Vogel durch die obere Öffnung des grünen Baus entkam, so meinte das Volk, daß dieser Sommer ihm eine reiche Ernte bringen würde. Setzte die Taube sich aber jemand unter den Zuschauern auf Haupt oder Schultern, so sah man dies für ein Zeichen seines reinen Herzens an. Manche wollten hierin die Spuren eines Gottesgerichtes erblicken. Für die Wahrheit dieser Ansicht spricht auch der Brauch, demzufolge im dreizehnten oder vierzehnten Jahrhundert Fraueir und Jungfrauen, deren Ruf durch böse Zungen geschädigt war, am Pfingstmontag früh Taubeil durchs offene Fenster ins Haus geworfen
