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Wiesbadener Tsgblstt.

5«. Jahrgang.

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1906 .

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..Neu-AMalien", Ein AnDelungseMMenl.

In einigen Wochen wird von L. Kätscher ein neue? Verkchen iiberSoziale Gemeinwesen" erscheinen, das eine genaue und lehrreiche Schilderung der Erfolge und Mißerfolge sozialistischer und kommunistischer An- siedelungsexperimente enthalten wird. Einen recht in­teressanten Abschnitt über einen solchen Versuch, der gleichzeitig die Ansiedelnngspolitik der südamerika­nischen Republik Paraguay beleuchtet, sind wir in der Lage, unseren Lesern heute in etwas gekürzter Form zu bieten.

Stach Abschluß des Riesenstreiks in Australien rm Jahre 1892 wollten viele Personen mit. kleinem Kapital nichts mehr von den herrschenden Zuständen wissen^und taten sich zur Gründung einer Kolonie ohne Privat­eigentum zusammen. Da sie in . der Heimat keine passenden Ländereien fanden, schlossen sie sich einem ge­wissen William Laue an, der sich infolge der großen Ausbreitung sozialistischer Lehren in Neu-Südwales und Queensland veranlaßt gesehen hatte, sich von der Regierung von Paraguay eine Viertelmillion Morgen Land schenken zu lassen unter der Bedingung, da­rauf binnen sechs Jahren zwölfhundert Familien anzu­siedeln. Varaauay ist bekanntlich früher ein auf kom­munistischer Grundlage von den Jesuiten geschaffenes Gemeinwesen gewesen und kommunistische Traditionen sind dort noch in gewissem Umfange lebendig.

Laue meinte eS ehrlich. Seine Ansiedler wußten im. voraus, was ihrer wartete. Er sagte ihnen deutlich, daß sie ihr aanzes Vermögen, zum mindesten 6Q Pfd. Steri. (1200 M.) als Anteil dem gemeinsamen Besitz uber- lassem müßten, daß aller Verdienst in die öffentliche Kasse fließen und alle Unterhalts-Mittel dieser, bezw. den öffentlichen Vorratskammern zu entnehmen fern

würden. Auch die Bestimmung, wonach selbst die kleinste Verletzung dieser Grundsätze mit Ausschließung oder Beschlagnahme destrast werden sollte, nahmen sie mit offenen Augen an.

Im Herbst 1893 schifften sich 260 Pioniere mrt Laue nach Buenos Aires ein. ein größerer Teil blieb noch zu­rück. Etwa 500 000 M. wurden eingezahlt, alles Nötige besorgt, undNeu-Australien" nahm seinen Anfang. Aber der doktrinäre Kommunismus erwies sich sehr bald als Klippe des ganzen Unternehmens. Zwei Bei­spiele, wie er sich in der Praxis ausnimmt, zeigten es bald dem blödesten Auge.

Gerade als es in den öffentlichen Magazinen an manchem Notwendigsten fehlte auch an Milch , er­krankte das Kind eines gewissen A. Dieser tauschte gegen fein Rasiermesser bei einem vorbeireitenden Indianer einen Krug Milch ein. Ein Nachbar zeigte ihn bei Laue an, der dann die Milch konfiszierte, weil A. kein Recht gehabt habe, ein eigenes Rasiermesser zu besitzen! Es nutzte ihm nichts, daß er die berechtigte Einwendung machte das Messer gehöre ebenso zu seiner Person wie seine Kleider und er habe sich davon nur um der Ge­sundheit seines Kindes willen getrennt. Ein anderer Kolonist, St-, beglückte eines Tages seine kränkliche Frau, indem er ihr ein Paar Hühner heimbrachte, die ihm ein dankbarer Eingeborener für kleine Dienst­leistungen geschenkt hatte. Frau R-, die etwas von Ge­flügelzucht verstand, dachte mit Entzücken an frische Eier für ihre Kinder und an künftige junge Hühnchen für sich selbst. Sie hatte eben eigenhändig einen kleinen Hühnerstall beendet, als Laue das Geflügel für öffent­liches Eigentum erklärte und forttragen ließ, damit es den "Anfang eines kommunistischen Hühnerhoses bilde', da aber niemand sich darum kümmerte, verendete es

nach wenigen Tagen. .

Die Verfassung der Kolonie krankte bei aller Demo­kratie der Form an maskiertem Despotismus. Noch vor der Ankunft auf dem Ansiedelungsgelände ließ sich Laue von Amts wegen zum Friedensrichter ernennen, in welcher Eigenschaft ihm die Gendarmerie des nächsten Städtchens zur Verfügung stand. Auch ließ er die Niederlassung als Aktiengesellschaft (Genossenschaft) ein» tragen, und da er sich im Besitz der meisten Stimm- Vollmachten der noch nicht eingetrofsenen Mehrheit der Ansiedler befand, so verfügte er in den Versammlungen stets über die Stimmenmehrheit. Naturgemäß verdroß es seine Pioniere sehr, nichts ausrichten zu können.

Diese Verfassung verbot z. B. bedingungslos den Genuß geistiger Getränke. Einmal brachten zwei der Ansiedler ein Füßchen Cana ins Lager. Sofort ließ Laue dieses einziehen und vernichten. Dadurch entstand große Aufregung, und in der nächsten Versammlung wollte man die erwähnte Bestimmung ändern. Laue jedoch verhinderte dies durch sein großes Stnnmen- Übergewicht. Sehr bald gedieh die Zwietracht so wert,

daß nicht weniger als 85 Mitglieder sich von der Kolonie trennten und unter Preisgebung ihrer Einzahlungen mit Abfertigungen von 150 Dollar für Ledige bezw. 200 Dollar für Verheiratete dorlieb nahmen. Sie Wendeten sich an den britischen Konsul zu Asuncion mit der Bitte, den erwarteten Nachzüglern, die in Adelaide weilten, Aufschlüsse zu geben, die sie von der Abreise zu­rückhalten sollten. Dieses suchte aber der Präsident von Paraguay zu verhindern, um den wertvollen Menschen­zuwachs dem Lande nicht entgehen zu lassen, und die Unzufriedenen beschenkte er, um sie ans Land zu fesseln, mit Grund und Boden auf einem anderen jungfräu­lichen Gelände. Jede Farmersamilie erhielt 30 Morgen und das Versprechen, nach Erzielung guter Ergebnisse mehr zu bekommen. Werkzeug, Kühe, Kälber und Ochsen wurden von der Regierung zum Selbstkosten­preise aus Abzahlung beigestellt, Sämereien sogar un­entgeltlich. Dazu kamen zehnjährige Steuerfreiheit und mehrere andere Vergünstigungen, wie z. B. die Bar- nnterstützungen jedes Erwachsenen mit 40, jedes Kindes mit 20 Cents (1,70 M. bezw. 0,85 M.) täglich während der ersten 6 Monate.

Inzwischen waren inNeu-Australien" 190 neue An- siedler eingetrossen. Auch jetzt hörten die Streitigkeiten nicht auf. Laue verlor die Stimmenmehrheit, legte seine Stellung nieder und verließ bald an der Spitze von 50 Anhängern das von ihm geschaffene Gemeinwesen, das somit binnen kurzer Zeit in drei Teile zersplittert war. Immerhin können die drei Kolonien, wenn jede in sich einig bleibt, noch zu verhältnismäßiger Blüte gelangen, denn sie sind im Besitz von rund 350 000 Morgen fabel­haft fruchtbaren Landes.

Pioniere haben überall, wo immer es sei, zu kämpfen, bis sie sich durchcingen: sie erwarten nicht, in unbe­wohnten, noch jungfräulichen Gegenden sofort die Vor­teile einer alten Kultur zu genießen. DieNeu- Anstralier" haben sich der starren kommunistischen Theorie und Praxis entledigt und eine gemäßigtere Ver­fassung angenommen. So dürste es ihnen denn viel­leicht trotz der Beibehaltung mancher Elemente des Kommunismus gelingen, sich zu behaupten und zu ge­sichertem Wohlstand sich empor zu arbeiten.

Politisch- Mrrsrcht.

Die Natiouallibcralcn einst und jetzt.

DirFreis. Ztg." stellt einen die bedauerliche Ent­wicklung des Nationalliberalismus grell illustrierenden Vergleich an zwischen der Stellungnahme der Partei einst und jetzt zu verkehrspolitischen Fragen: Von den 51 Nationalliberalen im Reichstag haben gegen die Fahrkartensteuer bei der zweiten Beratung der Steuer- gesetze im ganzen nur drei süddeutsche Abgeordnete ge-

Frmlletou.

(Wadjtotutf verboten.)

Aus üem Londoner Snrfonleden.

Gese«scbafts!eben »ach der Schablone. Die Upper Ten und die Fah-eszciten. - Die Saiion. - Oper. G-«°ld--A«s,

Nellunacn Köniz, Alsonso und erue englische Braut. D-«K- S-iuger - Den« che Maler. - Deutsche Bürqermeist-«. - Den,sch- Redakteure. - Die Deutschen. -D.e Löwen der Saison"! _ .

London, 28. Mai.

In dem englischen Gesellschaftslcbcn geht alles nach erprobtem System zu oder wenigstens streng nach der Schablone. Im August ist die britische Hauptstadt ganz leer. Jedenfalls läßt sich dann niemand hier blicken, der irgendwiejemand" sein möchte. Der September bietet ein fast ebenso ödes Bild. Erst im Oktober braucht man sich nicht gerade mehr zu verstecken. Im November haben wir schon so etwas wieeine kleine Saison", aber sie ist nur ein matter Abklatsch vonthe season" im Frühling imö Frühsommer und nur von kurzer Dauer. Die Upper Ten bleiben auf dem Lande, wo man der Jagd obliegt und in Verbindung damit die ausge­dehnteste Gastlichkeit auf den großen Herrensitzen ausgeübt wird. Das gilt auch besonders für Dezember, wo indessen manche auch auf den Bergen der Schweiz, dem übrigens in Deutschland noch lange nicht genug gewürdigten! Wintersport nachgchen. Januar und Februar sind die Monate für den Süden, die Zeit der Hochsaison an der Riviera wie in Kairo. Im Februar wird indessen gewöhnlich auch das Parlament eröffnet: und damit treffen gewissermaßen schon die Vorposten der großen Army of fashion in London ein. Manche gehen nun noch erst nach Italien und Spanien. Doch im Mai stellen sich dieoberen Zehntausend -- und alle, die da­zu gehören möchten! vollzählig in der Rcichshanpt- stadt ein, um bis Ende Juli in vollem Maße groß­städtisches Saisonleben zu genießen.

Zu allen Zeiten aber ob Sommer oder Winter wandert der Engländer an das Meer. Er kann e» ja nach allen Richtungen hin so leicht erreichen. Und ist das Meer nicht auch im Winter schön, nicht auch im Winter von gesundender Kraft! überdies sind die Eng­länder ja auch nicht so behäbig und nicht immer so auf ihre Bequemlichkeit bedacht wie manche anderen Menschen!

Aber warum wird gerade die Zeit der großstädtischen Vergnügungen in den Sommer verlegt?" Nun, ein­mal will sich die vornehme Welt die Jagd mit all den damit verbundenen Geselligkeiten auf dem Lande nicht entgehen lassen und andererseits sind auch die klima­tischen Verhältnisse Londons im Winter wenig einladend und noch weniger geeignet für die Saison-Vergnügungen im Freien, die Paradefahrten im Hyde-Park, die Wett­rennen, die Garten-Gesellschaften, die Cricket- und Polo- Matches, die Tcnnis-Tournicre, die Regatten und das ganze Leben auf der Themse, Vergnügungen, die alle mit zu den Saison-Festlichkeiten gehören.

Im Gefolge der vornehmen Welt marschiert denn auch die Kunst. Da gibt es sogar eine Oper in London! Während die größte, reichste Stadt der Welt den Nest des Jahres hindurch keinerlei Oper aufzuwcisen hat, dränaen sich die vornehmlichsten Sterne des internatio­nalen Süngertums jetzt alle hier zusammen, aus Italien, Frankreich, Spanien, Deutschland. Alle senden ihr Bestes. Sv ist Deutschland im Augenblick hier vertreten durch Künstler wie die Damen Ternina, Wittich, Knüpfer-Egli, Bnrchardt und die Herren Konrad, Knüpfer, Liebau u. a. Da machen denn auch Theater und Konzertsäle besondere Anstrengungen, etwas Beson­deres zu bieten und sind bis weit in den heißen Juli hinein wohlgefüllt.

Auch dieRoyal Academy" eröffnet ihre Gemälde- Ausstellung jedes Jahr am ersten Samstag rm Mai, und man hat der englischen Malerei in Deutschland längst eine genüaende Aufmerksamkeit zugcwandt. Es bedarf kaum der Versicherung, daß hier wieder

manches Anerkennenswerte geboten wird. Anders war es bislang mit der deutschen Kunst in England. Sie hat hier bisher wenig Beachtung gesunden. Aber gerade der Umstand, daß englischen Malern in Deutschland bereit- willigst so viele Tore geöffnet wurden, ja daß manche jüngere englische Talente dort eher entdeckt worden als daheim, hat eine Anzahl von Künstlern Englands ver­anlaßt,als eine Pflicht der Dankbarkeit" nun auch den deutschen Malern hier Anerkennung zu verschaffen. Und da haben wir nun im Augenblick in London gar drei verschiedene deutsche Gemälde-Ausstellungen, diedeut­scher Gemälde aus dem 15., 16. und 17. Jahrhundert", die derMünchener" und die derdeutschen Maler aller Schulen". Alle sind würdig vertreten. Und das große Publikum, dessen Augen in bezug auf die deutsche Malerei so lange wie geschlossen waren, ruft nun auf einmal verwundert aus:Und malen können die Deut­schen auch!"

Zur Zeit der Saisvn finden denn naturgemäß auch die vornehmlichsten Hoffestltchkeiten statt. Man würde auch gern alle wichtigeren festlichen Ereignisse in diese Zeit verlegen soweit sich daran etwas verlegen läßt. Und so möchte ich beinahe die Vermählung des Königs von Spanien alsdas Ereignis der Saison" bezeichnen wenn diese nicht in Madrid stattfände! Indessen im Geiste wird ganz England dabei sein, ist es doch eine englische Prinzessin, die von König Alfonso zur Ge­mahlin anserkorcn, die Tochter des Prinzen Heinrich von Battenberg der im Kriege gegen die Aschanti für England sein Leben gelassen und der Prinzessin Beatrix, der jüngsten Tochter der Königin Viktoria. Die jubelnde Londoner Bevölkerung erachiete es jeden- ftills schon als ein höchst festliches Ereignis, als die Prinzessin letzten Donnerstag ihreBrautfahrt" nach Madrid antrat.

Wie es aber besondereEreignisse der Saison" gibt, so feiert man auch gern besondereLöwen der Saison", hervorragende Persönlichkeiten, die man aber nicht alle Tage um sich hat. Und da haben denn große Männer.