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54. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: durch den Verlag 5» Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. 5 « Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

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Verlags-Fernsprecher No. 2958.

22. Mai.

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Morgen - Ausgabe.

_ 1. Matt.

(Eine KIMenreise durch die Kimultauschulen Nassaus. Hessens und Kadens.

Im Aufträge der „Diesterweg-Stiftung" zu Berlin unternahmen im Sommer v. I. zwei Berliner Schul­männer, der Rektor Fr. Kähne und der Lehrer Pretzel, eine Studienreise durch die Simultanschulen in Nassau, Hessen und Baden. Im Hinblick auf die erregten Schul­kämpfe in Preußen lag der Stiftung daran, durch fach­männische Beobachtungen an Ort und Stelle ein klares und objektives Bild über den unterrichtlichen und er- ziehlichen Charakter der Simultanschule zu gewinnen. Die Beauftragten haben ihre Beobachtungen in einem gedruckten Bericht niedergelegt. („Die Simultanschule in Nassau, Hessen und Baden. Bericht über eine im Aufträge der Dicsterweg-stiftung im Sommer 1905 unternommene Studienreise von Fr. Kähne und C. L. A. Pretzel. Berlin 1906. L. Oehmigkes Verlag.") Dia beiden Berliner Schulmänner haben sich nicht nur auf das Zuhören beim Unterrichte und die direkte Beobach­tung beschränkt, sondern waren auch überall bemüht, „mit den Personen in Verbindung zu treten, die mit der gemeinsamen Schule seit Jahren durch persönliches Wir­ken vertraut sind . . „Mit Vorliebe", so schreiben sie, „haben wir uns ans den Standpunkt der Gegner der Simultanschule gestellt, haben gewissenhaft alle die Bedenken geltend gemacht, die uns aus der reichen Lite­ratur der Simultanschulfrage geläufig waren, um so ganz sicher einen etwa vorhandenen berechtigten Kern festzustellen. Wenn wir mit eigentlichen Gegnern der Simultanschule nicht in Berührung gekommen sind, so war das nicht unsere Schuld." „Doch dürfte nach dem Kesamteindrnck, den wir gewonppn bvben, dieser Ver­lust nicht allzuschwor ins Gewicht fallen. Denn an der einen Stelle, wo uns teilweise Gegnerschaft entgegcn- trat, zeigte sich's deutlich, daß sie weil weniger in praktischen Erfahrungen als viel­mehr in grundsätzlichen Erwägungen ihren Ursprung h a t t e."

Diese „grundsätzlichen Erwägungen" sind künstliche Nährprodukte, die durch Sonderinteressen belebt werden. Solche Erfahrungen machten die Berichterstatter in Limburg. Der dortige Rektor ist ein eifriger Katho­lik. Während früher fast alle katholischen Lehrer der Volksschule Mitglieder des simultanen Lchrervereins waren, gehören sie heute dem katholischen Lehrerverein an, zu dessen Programmpunkten die Konfessionsschule gehört. Diese konfessionelle Engherzigkeit hat sich natür­lich ans die Bevölkerung übertragen. Sie wird geschürt durch die klerikale Presse. „Die Stellung der evange- .... !' > , . .. -, ..

Feuilleton.

(»iaflbnitf orrbotra.)

Oie Schleppe.

tzlue natur-, kultur- und literaturgeschichtliche Plauderet.

Von W. Widmann (Stuttgart).

„Was der rote Kamm dem Gock'l, Waz dem Gigerl fern Monocl',

Was der Radfchweif für den Pfau,

Ist die Schleppe für die Frau."

Ein Ding, das in doppeltem Sinne so viel Staub üufwirbelt, das so viel Ärgernis bereitet, ganze Kolonien anrüchiger Bazillen ins Haus schmuggelt und neuer­dings den hohen Rat der durch ihren Schnaps berühmten Stadt Nord hausen zu polizeilichem Einschreiten vcr- anlatzte, verdient wohl einmal auf seinen Ursprung und seine Entwicklungsgeschichte geprüft zu werden. Eine Untersuchung in dieser Beziehung ergibt, daß die Kleider­schleppe fast so alt ist, wie die Menschheit selbst. Als Gott das erste Weib aus Adams Rippe schuf, stattete er­es wohlweislich mit keiner Schleppe aus. Auch als Eva nach dem Sündensall sich ihres unziemlichen Netto- zustandes bewußt wurde und zum erstenmal Adam gegenüber in die Klage ausbrach: „Ich habe ja gar u ich's an zu ziehen!" — eine Klage, die seitdem von allen Evastöchtern alljährlich mehrmals, besonders zur Frühjahrs- und Herbstsaison, ihren Adams gegen­über wiederholt wird — da dachte sie noch nicht an ein Schleppklcid, sic begnügte sich zunächst mit einem knappen, durchaus fntzfreicn Blättcrkleidungsstück. Wie lange sie sich damit zufrieden gab, ist urkundlich nicht nachzuwcisen. Man geht aber wohl nicht fehl in der Annahme, daß sie das von der Firma Feigenbaum gelieferte erste ToUcttcnstück sehr bald beiseite legte und durch Ticrfell- kleidcr ersetzte, die an Länge allmählich znnahmen, bis sie schließlich den Boden erreichten. Einige Gelehrte

Irschen Lehrer ist unter den gegebenen Verhältnissen keine leichte. Ihre Tätigkeit in und außer der Schule wird von der katholischen Bevölkerung —- wir hatten Gelegenheit, uns durch eigene Wahrnehmungen davon zu überzeugen — scharf beobachtet." Der künstlich heraufbeschworene Kriegszustand führte natürlich zu Denunziationen. Die ewigen Reibereien müßten zu einem Überdruß an der Simultanschule führen. „Wir sind", so sagt der Bericht, „aus Limburg geschieden mit dem Eindruck, daß, wenn das zu erwartende Schulgesetz auch für Nassau die Auflösung der bestehenden Simul­tanschulen ermöglichte, die Limburger Schule wahr­scheinlich in eine katholische und eine evangelische ge­trennt werden und daß mit dieser Trennung nicht bloß die katholische Mehrheit, sondern auch die evangelische Minderheit des Lehrerkollegiums einverstanden sein würde." — Was Personen gesündigt haben, muß die Sache entgelten.

Die Verfasser haben ferner über die Schulkämpfe in Frankfurt a. M. daS dokumentarische Material gewissen­haft zusammengctragen. Der entschiedene Bericht, den der ehemalige Oberbürgermeister Frankfurts, I)r. Miguel, dem Ministerium Puttkamer einrcichte, ist noch heute ein Weckruf für alle Freunde der Simultanschule und verdient in nationalliberalen Kreisen besondere Beachtung. Ein ganz anderes Bild als in Limburg gewinnen die Berichterstatter in Weilburg, Wies­baden, Mainz, Mannheim, Heidelberg, Karlsruhe und St. Blasien. „Das Zusammenleben der Kinder in den Pausen", heißt es von den Simultanschulen Wies­badens, „ist ein ganz unbefangenes. Freundschaften zwischen den Angehörigen der verschiedenen Kon­fessionen sind sehr häufig. Wenn einmal, was ja zu­weilen auch vorkommt, im Zank der konfessionelle Gegensatz ausgcspielt- wird, so ist die Ursache des Streits doch zunächst immer eine persönliche, und die sich auf die Konfession beziehenden gegenseitigen Vorwürfe sind nicht schwerer zu nehmen, als-wenn anderswo derselben Konfession angehörende Duellanten gesellschaftliche Unterschiede als höchsten Trumpf ausspielen." Die Lehrerkollegien sind das Bild der Eintracht. „Es kommt gar nicht selten vor, daß auch über religiöse Dinge bei den zwanglosen Unterhaltungen im Konferenzzimmer oder auf dem Schulhofe gesprochen wird, und manch­mal sind dadurch schon falsche Auffassungen, die die An­gehörigen der einen Konfession von den Lehrern der andern hatten, berichtigt worden." „In der Bevölke­rung der Stadt Wiesbaden ist die Simultanschule so völlig eingelebt, daß sich hier, wie uns übereinstimmend von den verschiedenen Seiten versichert wurde, beinahe nicht eine Stimme gegen diese Schulcinrichtung er­hebt ."

Ihre ganz besondere Aufmerksamkeit haben die Refe­renten den, wir möchten sagen, konfessionellen Grenz­gebieten der Pädagogik in der Simultanschule gcwid-

wollev wissen, daß die Schlange, wie so viel anderes Übel, auch das Übel der Schleppe in die Welt gebracht habe. Das teufliche Geschöpf habe Eva auf den Pfau und viele andere Tiere, die Gott mit einem pompösen Schweife ausstattcte, neidisch gemacht und ihr den Ge­danken cingeflüstert, durch das künstliche Surrogat eines Schlcppkleids den angeblichen Schönheitsmangcl zu er­setzen. Ob die Geschichte von der Schlange wahr ist, mag dahingestellt bleiben: das aber scheint richtig zu sein, daß der Tierschwanz als Vorbild für die Schleppe diente. Der Ethnologe Gustav Nachtigal hat uachgewiesen, daß noch heute bei Naturvölkern der Brauch besteht, durch Anbinden von Anhängseln den Schmuck des Ticrschwanzes nachzuahmen, den die Natur dem Menschen versagte. „Oft werden wirkliche Tier- schwänze angehängt, und als besonders vornehm gelten die langen, die auf dein Boden schleppen." Im Wadai- lank fand Nachtigal bei den Frauen die Sitte, dem Hüfienschal eine Länge zu geben, daß er mehrere Ellen lang nachschleift Bei den Valivölkcrn im Hinterlande von Kamerun schlingen die sehr spärlich bekleideten Schönen Baumwvllzeug von der Breite eines Taschen­tuchs um die Hüften und lassen das eine Ende vier bis fünf Meter nachschleifen. Nachtigal zäblt noch eine Reihe von Völkerstämmen in Afrika und Asien ans, die, auf niedrigster Kulturstufe sichend, die Schleppe kennen: bei ibnen allen entstand die Schlepvc offenbar durch das Bestreben, den fehlenden Schweif zu ersetzen.

Die ersten urkundlichen Beweise von der Schlepven- mode liefern altägyptische Bilder. Aus diesen Rildcr- nrknnden sehen wir aber nicht Frauen, sondern Männer Schleppen tragen, nämlich die Jsispriester, die durch die langen, bis ank den Boden wallenden Gewänder wahr­scheinlich dem Volke zu imponieren gedachten. Frau Venus und die Grazien trugen zwar keine Schlepp­kleider. wenn man ihr-", ans grauer Vorzeit erhaltenen Bildnissen Glauben schenken darf: aber die vielen

met. Der Religionsunterricht stand an Ernst und sitt­licher Kraft dem an einer Konfessionsschule um nichts nach. Auch äußerlich vollzog er sich ohne alle Störung. „Die Kinder finden in dem Wechsel des Zimmers genau so wenig, als wenn sie zum Turnen in die Turnhalle oder zun: Zeichnen, zum Singen, zur Handarbeitsstunde in die Aula gehen." Die Referenten hörten Lektionen wie die „Reformation" von einem katholischen Lehrer oder die Behandlung des Gedichts, „Der Gras von Habsburg". Nirgends fanden sie Konflikte. „Wir haben", so schreiben sie, „in Mannheim dem Unterricht fast in allen Unterrichtsgegenständen und auf allen, Klassenstusen beigewohnt, haben evangelische und katho­lische Lehrer unterrichten, evangelische, katholische und jüdische Kinder antworten hören, aber wir haben nir­gendwo eine Klippe gespürt, an welcher der gemeinsame Unterricht aus den verschiedenen Konfossionsgemein- schasten zu scheitern gedroht hätte."

Keine Glaubensform kommt in der Simultanschule zu kurz. „Alle müssen tolerieret werden", wie Friedrich der Große forderte. Die Simultanschule kann selbst­verständlich dem Religionsunterricht keine Stellung zu­weisen, durch die er in einer Weise dominiert, daß in seinem Schatten alle anderen Unterrichtsgebietc leben müssen. Das wäre Versündigung gegen den Geist der deutschen Nationalkultur. Die Konfessions­schuleist, wenn man sie von allen Phasen ihrer Anhänger entkleidet, der Herd der Intoleranz und die Kapitulation des Staates vor der Kirche. (Franks. Ztg.) /

Deutsches Deich.

* Der Zyprcffenzweig. Der Kaiser hat dem Bürger­meister Burchardt von Hamburg „als einen freund­lichen Gruß arc die Stadt Hamburg" einen Zypressen­zweig gesandt, den er zwischen Metz und Urville am Donnerstag von der Hecke des Denkmals der gefallenen Sechsnndsiebziger pflückte.

* Neues von de« Natio»allibcralen. Die „Nat.» Lib.-Korr.", das offizielle Organ der nationalliberalen Partei, schreibt: Durch die Presse ging dieser Tage die Wiedergabe einer auf angeblich „einwandsfteier Quelle" beruhenden Information, wonach als „unbedingt zuver­lässig" versichert wurde, ein neues Kompromiß zwischen den Nationalliberalen, den Konservativen und dem Zentrum sei behufs Sicherung des Schuluntcrhaltungs- gesetzes bereits abgeschlossen oder dem Abschlüsse nahe. In den näheren Einzelheiten dieses „neuen Kompro­misses" wird auch angegeben, der 8 10 des Schulunter- haltuugsgcsetzes sei nunmehr aus letzterem entfernt worden. — Obwohl diese Meldung den Stempel der llnwahrscheinlichkeit an der Stirn trägt, sehen wir uns doch veranlaßt, sie ausdrücklich als ein Machwerk purer

griechischen und römischen Damen, die weniger ideal gewachsen waren, legten sich alsbald lauge Gewänder bei. Auch den alten Germanen scheint die Schleppe nicht unbekannt gewesen zu sein. Germania selbst, das hehre Weib, das unseren Damen mit gutem Beispiel voran­gehen sollte, erscheint auf allen Bildern mit einer polizei­widrigen Schleppe: auf ihrem berühmtesten Standbild, auf dem Niederwald, trägt sie ein Kleid, das sogar vorne so auffallend schleppt, daß'in dem Beschauer unwillkür­lich der Verdacht aufsteigt, Germania habe verbergen wollen, daß sie auf großem Fuße lebt. Der wahre Grund ihrer langen Bekleidung ist aber sicherlich der Wunsch, den imposanten Eindruck der Erscheinung zu erhöhen. Das läßt sich ja nicht leugnen, daß lange, wallende Ge­wänder die Würde und Majestät einer hohen Gestalt noch verstärken. Darin, und in dem Umstande, daß das.lange Kleid manche Mängel des Wuchses gnädig verbirgt, liegt auch der Grund, weshalb die Schleppe, die ja von der Mode selbst schon oft genug entthront war, immer wiederkehrt.

Im frühen Mittelalter nannte man die Schleppe geradeheraus „swanz" oder „swenzelin", doch war sic da­mals nicht die Fortsetzung des Frauenkleidcs, sondern ciil besonderes Kleidungsstück, das am Gürtel befestigt wurde. Birginal, ein Dichter des Mittelalters, singt:

„Po heizen (heißen) wir diu megetm (die Mädchen),

Legen an ir swenzelin,

lnirchrigen (durchwirkt, verziert) wol mit golde.

Din ziehens über diu kleit,

Ds ruf ir kleinen gurtel smal . .

Schon damals wurden über die „swenzelin" der „wuuniclichen megetin" bittere Klagen laut. Im Jahre 1220 eiferte bereits die Mainzer Geistlichkeit gegen den nachgcäfften Pfaucnschivcif und „Tantzplatz der Teuffel".

Das eigentliche Schleppklcid kam im 14. Jahrhun­dert ans Frankreich nach Deutschland. Gleich bei jenem