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Witsbsöener Sagblatt.

54. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. — BezngS-Preis: durch den Verlag 5» Psg. monatlich, durch die Post 2 Mk. 50 Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

2*2,090 Abonnrutr».

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50 Psg.,

Anzeigen - Annahme FALLLSSK K K ^cS?^g S.

Uo. 218.

Verlags-Fernsprecher No. 2953.

Freitag, den 11. Mar.

Redaktions-Fernsprecher N». 52.

1906.

Morgen - Ausgabe.

1. Matt.

(Nachdruck verboten.)

Sunt RegmuWMiM in ijterreidj. - Me Mühlen in Ungürn.

Wie», 7. Mai.

Freiherr v. Gautsch ist abgetreten und Prinz Hoheu- tohe-Schitlingsfürst ist gekommen, aber die WahtrechtS- Resorm ist geblieben und wird auch weiter auf dem Tapet bleiben, bis sie endlich aller Opposition zu Trotze zu Fleisch und Blut geworden sein wird, kein Schemen mehr, mit welchem die Parteien Österreichs ihr frevles Spiel treiben. Die Polen, sie haben mit ihrer aufgehobenen Hand wohl den Freiherrn v. Gautsch getroffen, aber sie haben mit dem Schlage eigentlich die Wahlrechts-Reform gemeint, von der sie ihre Herrschaft über die Ruthenen bedroht fühlen. Möglich, daß sie jetzt, um den Schein zu wahren, sich dem Fürsten Hohenlohe gegenüber will­fähriger zeigen werden, wahrscheinlich auch, daß die Deutschen, die dem neuen Kabinettschef ihre Unter­stützung bereits in Aussicht gestellt haben, um den Preis einiger neuer Zugeständnisse inbetrcff der entsprechen­den Erhöhung der deutschen Mandate und einer gerech­teren Wahlkreis-Einteilung zu dieser Unterstützung auch tatsächlich zu haben sein werden, aber schon droht dem erst einige Tage alten Ministerpräsidenten eine neue Ge­fahr von seiten der Tschechen, welche die Erklärung ab­geben, daß ihre Abmachungen nur Herrn v. Gautsch gegenüber bindend seien und daß sie dem neuen Kabi­nettschef gegenüber wieder freie Hand gewonnen hätten. Ob dem Prinzen Hohenlohe unter solchen Umständen die Parlamentarisierung des Kabinetts, die auch er anstrebt, gelingen werde, ist heute noch fraglich: fraglos aber ist, daß die Reform selbst, die ebenso wohl von oben, von der Krone gewünscht, wie auch von unten, von den breiten Schichten des Volkes ersehnt wird, über kurz oder lang in Österreich Gesetz werden muß. Wenn irgendwo, so ist eben in Österreich, im Lande des 8 14, der Wille des Monarchen von entscheidendem Gewichte, aber auch dem Druck der Arbeitermassen werden die Parteien keinen allzu langen Widerstand leisten können, und so handelt es sich bei ihrer Opposition heute eigentlich nur darum, in diesem Kampfe je mehr für ihre speziellen Interessen herauszuschlagen und jede einzelne trachtet also nur, sich hierbei, sozusagen, je teurer — zu verkaufen. Ist das auch gerade kein schönes Spiel, so ist es doch menschlich verständlich, ohne aber das Endziel, das gleiche, allge­meine Wahlrecht sonderlich beeinflussen, geschweige aber vereiteln zu können.

Die Wahlen in Ungarn nahen ihrem Ende. Das Endresultat wird mit unwesentlichen Abweichungen sich

so darstellen, wie die „Corr. Int." schon vor Wochenfrist zu berichten in der Lage war. Das Wesentlichste hiervon ist, daß die Unabhängigkeits-Partei bereits die absolute Majorität (die noch ausstehendcn Wahlen werden ihr nur noch einen Zuwachs bringen) erlangt hat und daß auch die Opposition in Kroatien einen vollen Sieg er­rungen. Da die kroatische Opposition seit der Fiumaner Resolution ihre Sympathien für die ungarische Koalition offen bekundet hat, so bedeutet auch ihr Wahlsieg nur eine, bedeutende Verstärkung der Koalition-Regierung, der sich die ungarländischen kroatischen Abgeordneten mit ihrem Eintritte in die Verfassungs-Partei des Grafen Andrassy auch bereits formell angeschlossen haben. So hängt denn jetzt der politische Himmel in Ungarn voller Geigen. Kein Wölkchen trübt noch seinen Hori­zont, der noch vor kurzem so finster war. Am 21. Mai soll in Ungarn das Parlament zusammentreten. Die Auspizien sind die günstigsten. Für jede nützliche Arbeit und auch für die große ungarische Wahlreform ist die Bahn offen.

UoMsche Merstcht.

Der griechisch-rumänische Konflikt und die Kutzowallachen.

t. Bukarest, 6. Mai.

In dem griechisch-rumänischen Konflikt spielen be­kanntlich die Kutzowallachen eine große Rolle. Es sind dies die Volkssplittcr rumänischer Herkunft, die sich zwi- fchcn dem Hügellande von Albanien und der Küste gegen­über der Insel Thasos versprengt finden, der griechisch- orthodoxen Kirche angchören tind seit dem Falle Kon­stantinopels wie andere Angehörige dieses Glaubens in der Türkei der Gerichtsbarkeit des Patriarchen unter­stehen. Seitdem der Sultan sie als besonderer Volks­bestandteil anerkannt und sie mit Selbstverwaltungs- rechten ausgerüstet hat, kommen ihre rassenverwandt- schaftlichcn Gefühle zur Geltung und ihre Interessen gravitieren immer mehr nach der rumänischen L-eite. Daher rührt das Bestreben der Griechen, sic durch die Kirche an ihre Nationalität zu fesseln und, soweit sich das als verlorene Liebesmüh erweist, durch Banden, die meist von griechischen Offizieren geführt sind, mit Mord und Brand gegen die Abtrünnigen vorzugehen, andere, von einem Abfall zurückzuschrecken. Die Verhandlungen, die gegenwärtig zur Beilegung des griechisch-rumäni­schen Zankes in Konstantinopel geführt werden und recht bald zu einer vollen Verständigung führen dürften, haben bereits zu einer kompromitzartigen Einigung über das künftige Schicksal der Kutzowallachen geführt. Sie sollen den Namen Hellenowallachen annehmen. Das sieht nach einem Siege der griechischen Sache aus, aber es scheint dies nur so. Man hat den Griechen durch eine Konzession an ihren Nationalitätswahnsinn er­möglicht, das „Gesicht zu retten", während sie in allen

Feuilleton.

Religion unö Wissenschaft.

Von Professor Dr. Otto Pfleidcrcr-Berlin.

(Schluß.)

II.

So viel ist jedenfalls gewiß, daß von einer Herrschaft der Kirche über die Wissenschaft heute und in Zukunft nicht mehr die Rede sein kann. Diese Herrschaft war nur so lange möglich, als die Kirche das ganze geistige Leben der Gesellschaft beherrschte und eine selbständige weltliche Wissenschaft noch nicht aufgekommen war, wre im Mittelalter. Das umgekehrte Verhältnis stellte sich später ein, als in der Zeit der Ausklärung der mensch­liche Geist sich seines Rechtes und seiner Fähigkeit zu selbständigem autvritätsfrciem Denken bewußt wurde. Da trat nun die Wissenschaft auf mit dem Anspruch, über die Religion zu herrschen. Der emanzipierte Verstand machte sich seine „natürliche Religion" aus abgezogenen Begriffen zurecht, und was an der geschichtlichen Reli­gion zu diesem freien Gebilde der Reflexion nicht paßte, das wurde einfach als sinn- und wertlos beiseite gewor­fen. Das war das ebenso einseitige Gegenstück zum früheren Autoritätsglauben, daher konnte man dabei auch nicht bleiben. Es ist ja klar, daß die Wissenschaft ebensowenig die Religion machen kann, wie die Kunst, denn beide sind ein geschichtlich gegebenes und sich ent­wickelndes Leben, das man durch Raisvnnement ebenso­wenig erzeugen wie vernichten kann. Auch liegt der Zweck der Religion sowenig wie der der Kunst in der Vermehrung unseres Wissens um die Welt, sondern sie will unser Herz in das richtige Verhältnis zu Gott setzen and uns damit auch den richtigen Gesichtspunkt für die Beurteilung der Welt und des Lebens nach ihrem Ver­hältnis zu unserem Fühlen und Wollen geben. Darum war der Intellektualismus der Aufklärung freilich ver­

fehlt. Gegen die Aufklärung erhob sich dann in Männern, wie Rousseau, Hamann, Herder, Schleier- macher n. a., die neue Richtung, die man als „Romantik" zu bezeichnen pflegt: ein leidenschaftlicher Protest gegen die Verstandesherrschast zugunsten der Rechte des Her­zens und der Phantasie, der Gefühle, Anschauungen, Stimmungen. Nach Schleiermacher ist die Religion ein Gefühl vom Unendlichen im Endlichen oder schlechthin Abhängigkeitsgefühl, jede ist daher gleich wahr, sofern sie eben Gefühlssache ist, mit der Wahrheit des Wissens aber hat sie gar nichts zu tun. Und eben diese Meinung herrscht auch wieder in der heutigen Neu­romantik. Religion und Wissenschaft, so sagt man, sollen schiedlich friedlich nebeneinander bestehen und sich gegen­seitig einfach in Ruhe lassen, nicht umeinander kümmern. Die Wissenschaft soll sich beschränken auf das kausale Er­kennen des Zusammenhangs der endlichen Dinge und Vorgänge, die Religion dagegen habe es nicht mit dem Erkennen weder Gottes noch der Welt zu tun, sondern nur mit den Erfahrungen unseres Gemütes, unseres inneren Lebens, die von den Wahrheiten der Wissen­schaft ganz unabhängig seien und ihren Wert in sich selbst haben, in den wohltuenden und tröstenden Gefühlen, die uns eine innere Befriedigung geben, gleichviel, wie es sich im übrigen mit ihrer „Wahrheit" verhalten möge.

Das scheint nun vielen heute ein willkommener Ausweg, ein billiger Friedensvorschlag in dem heißen Kampf zwischen Religion und Wissenschaft zu sein. Nur schade, daß mit dieser Scheidung zwischen Verstand und Herz der Zwiespalt nicht gelöst, sondern lediglich ver­tuscht und vertagt wird! Seien wir doch ehrlich und machen uns klar, wie die Dinge in Wirklichkeit liegen! Was will die Wiffenschaft? Will sie bloß einzelne Zu­sammenhänge in diesem und jenem Gebiet der Erschei­nungen erkennen? Wird sie jemals ganz aus den Ver­such verzichten, von den Einzelheiten zum Ganzen fort­zuschreiten und ein das Ganze umfaffendes Weltbild zu entwerfen? Sicher nicht! Wre nun aber, wenn ihre Welterklärung auf einen mechanischen Materialismus

wesentlichen Streitfragen nachgeben müssen. Ihre Ban­den haben künftig die „Hellenowallachen" ungeschoren zu lassen, wofür sich die griechische Regierung verbürgen soll und das Patriarchat rnuß das förmliche Versprechen eingehen, die den Kutzowallachen gewährten Selbst- Verwaltungsrechts incht anzutasten und sich ^jeglicher poli­tischen Beeinflussung im panhellenischen Sinne zu ent­halten. Die für die Kutzo- oder Hellenowallachen be­stimmten Priester müssen deren Idiom beherrschen,^ so daß sie sich also wohl eine griechisch klingende Bezeich­nung gefallen lassen, aber dafür das ihnen früher streitig gemachte Recht völlig freier Anwendung ihrer Sprache in Schule und Kirche zugestanden erhalten..

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Deutsches Deich,

* Die nafscmische Simnltanschnle doch bedroht. Die

Frage, ob die Regierung das Schulgesetz auch ohne Hülfe der Nativnalliberalen mit den reaktionären Parteien allein machen will, ist für Nassau von großer Bedeutung. In der Wiesbadener Generalversammlung der Konser­vativen Bereinigung für Nassau hat der Landtags­abgeordnete Landrat Heimbnrg erklärt, daß bei der zweiten Lesung des Gesetzes ein Antrag .gestellt werde* der auch für Nassau die Schaffung von Konfcssionsschulen möglich mache. In der Kommission ist bei der zweiten Lesung dieser Antrag nicht -gestellt worden. Wohl aber haben da die Konservativen erklärt, daß ein den Wün­schen ihrer konservativen Parteifreunde in Nassau ent­sprechender Antrag bei den Verhandlungen im Plenum ctngebracht werde. Würden Konservative und Zentrum zusammcngehcn, so wäre die Annahme des erwähnten Antrages zweifellos, und auch die Regierung würde —. falls es ihr in diesem Falle ernstlich noch um das 'Zu­standekommen des Gesetzes zu tun wäre — wohl nach­geben. Damit Hütten aber dann, so wird der „Franks. Ztg." geschrieben, die recht behalten, die schon von vorn­herein in dem ganzen Geist des Kompromiffrs auch cin§ Gefahr für unsere nassauische Simultanschnlc erblicktem

DaS Zustandekommen des Schulgesetzes erscheint der frommen „Cöln. Volksztg." „einstweilen aber noch sehr problematisch". Das klingt ja mit einem Male ziemlich kleinlaut. DaS Blatt schreibt, wenn auch bedrückt, so doch nicht ohne Hoffnung ans die Zukunft: „Wie jetzt, die Sache liegt, wäre cs im Plenum besten Falles nury ebenso zustande zu bringen wie in der Kommission: gegen' die Nationalliberalcn allein durch die Stimmen der Rechten, während das Zentrum, welches die Kartcll- parteien ja mit aller Sorgfalt ausgeschaltet zu halten bemüht waren und bleiben, kühl beiseite steht und sich der Stimme enthält." — Mit dem Abgang StnötS wird' wie mit etwas Selbstverständlichem auch im Zentrum ge­rechnet, natürlich, weil Studt „bei Jahren" ist. „Wenn das Schulgesetz zustande kommt, wird er einen guten Abgang haben. Wenn es nicht zustande kommt, so dürfte

hinauskommt, der für den Gvttesglauben keine andere Bedeutung übrig läßt, als die Feucrbachschc Jllnstons- theorie: kann damit die Religion sich zufrieden geben? Könnten denn die religiösen Gefühle rhren Wert behal­ten, wenn der Gegenstand, auf den sie sich beziehen, als ein subjektives Wahngebilde erkannt wäre? In der Tat» daran ist nicht zu zweifeln, daß es dann mit der Religion zu Ende wäre, ihre Erfahrungen und Gefühle würden bald ausbleiben, wenn ihnen ihr Grund, die Wahrheit des Gottesgedankens, entzogen wäre und sie gleichsam in der Lust schweben würden. Also kann die Religion mit einer atheistischen Weltanschauung der Wissenschaft nicht friedlich zusammenbestehen, sie kann sic nicht ertragen, ohne sich selbst aufzugeben. Aber sehen wir uns die Sache auch noch von der anderen Seite an. Die naive Vor­stellungsweise der Religion knüpft ihre frommen Ge­fühle mit Vorliebe an die Wundersagen an und verlangt daher, daß um des Wertes ihrer Gefühle willen auch die Wunder als Wahrheit gelten und von der Wiffenschaft als solche anerkannt werden sollen. Wird nun die Wissenschaft um des lieben Friedens willen sich dieser Zumutung einfach fügen? Bekanntlich sträubt sic sich dagegen, und von ihrem Standpunkt aus mit vollem Recht, denn diese Zumutung ist nichts anderes als die Forderung des Verzichtes auf die durchgängige Gesetz­mäßigkeit alles Geschehens in Raum und Zeit, die die Grundvoraussetzung, die conditio sine qua non, für alles wissenschaftliche Denken und Erkennen der Welt bildet. Die Wissenschaft kann also darauf nicht verzichten, kann diese Konzession an die religiöse BorstellnngKweisc nicht machen, ohne sich selbst auszugeben. — So also steht es, in Wahrheit! Jener Kompromiß zwischen Religion und Wiffenschaft auf der Grundlage des gegenseitigen Sich- ignorierens und Gewährcnlasfens ist trüglich und un­haltbar, so annehmlich er einer oberflächlichen Betrach­tung erscheinen mag. Mit solchen wohlfeilen Ausflüch­ten ist ans die Dauer nicht anszukommen, es sind nur Polster der Bequemlichkeit und Denkfaulheit, und darum nicht geziemend für eine ernsthafte und ehrliche Reff-