54. Jahrgang.
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210. Verlags-Fernsprecher No. 2333.
Sonntag» den 6. Mai.
Redaktions-Fernsprecher No. 32.
1806.
Morgen - Ausgabe.
1 . 38 Caff. _
Fejigermml» verraten und verhöhnt.
Mai: wird sich, auch wenn man in den politischen Annalen sehr weit zurückblättert, schwerlich eines Falles erinnern können, in dem die politische Irrung einer größeren Partei so unmittelbar und allseitig gestraft wurde, wie das heute an den preußischen National- liberalen geschieht. Von der eigenen Presse, so weit sie eine führende Nolle spielt, rücksichtslos festgenagelt; von den Parteiangehörigen im Land mit Vorwürfen beschüttet; vom breiten liberalen Bürgertum mit Mißtrauen angesehen; von der Regierung unbarmherzig verraten und zuletzt — eine politische Roheit von seltenem Vorkommen — von den Kompromißgenossen im Zentrum und bei den Konservativen verhöhnt! Ern unrühmliches Ende. Oder ist es anders aufzufassen, wenn die „Konservative Korrespondenz" in schulmeisterlich strafendem Tone schreibt: „Wenn die National-
liberalen Sonderbestrebungen verfolgten, indem sie — obwohl durch die Anträge der Konservativen die Wahl der Lehrer überall den Gemeinden bezw. Schulvor- ständen verblieben war — gleichwohl auch die Forde- jrung der Regieruug bekämpften, wonach dieselbe die ,Anstellung der Hauptlehrer (Rektoren) im Interesse der .Lehrerschaft und ihres gleichmäßig geordneten Auf- stoigens innerhalb des gesamten Staatsbezirks in der Hand behalten wollte, bekämpften und deswegen gegen das ganze Gesetz stimmten, so kann eine solche Handlung gegenüber einem so großen Gesetze und den damit der- folgten Zielen sachlich nicht als berechtigt, noch weniger als staatsmännisch klug bezeichnet werden. Sollte sich die genannte Partei nicht noch bet den Plenarberatungen eines Besseren besinnen, so würde sic auch die politischen Konsequenzen einer solchen Haltung übernehmen müssen." Verächtlich lächelnd setzt man also den Herren Hackenberg, Fricdberg und Schiffer die Pistole auf die Brust. Zum Glück haben aber die Verhältnisse der verfahrenen Parteikutsche den nächsten Weg deutlich genug vorgezeichnet, und es wäre politischer Selbstmord, wollte die Partei auf dem früheren Pfade weitertrotten. Nachdem man endlich die nötige Selbstbesinnung gefunden hat zieht man, anscheinend wirklich mit energischer Bestimmtheit, die sachgemäßen Konsequenzen. Wenigstens verkündet die parteiamtliche „Nationallib. Korrespond." unverblümt, daß die gestern mitgeteilte ministerielle Abkanzelung durch die „Bcrl. Pol. Nachr." kalt läßt: „Daß sie auf die Nationalliberalen nicht den mindesten Eindruck machen wird, dürfen wir mit Bestimmtheit versichern". Gleichzeitig knüpft das Parteiorgan an diese Feststellung noch „andere Erwägungen". Es hält der Regierung vor: „Mit einer Selbstvcrleug-
n u n g ohnegleichen haben die Nationalliberalen rin Reiche und in Preußen an der Bewältigung der wuchtigsten politischen Aufgaben gearbeitet. Trotz der Unpopularität, die einer jeden steuerlichen Belastung der Bevölkerullg anhaftet, haben sie im Reiche ihre ganze Kraft dafür eingesetzt, die Finanznot zu beseitigen nur die Machtmittel des Staates nach außen zu stärken. Mrt derselben Selbstverleugnung haben sie seinerzeit angesichts der Notlage der preußischen Volksschule dem Schulkompromitz zugestimmt, trotzdem sie sich sagen mußten, daß sie dabei nicht nur den schärfsten Angriffen von links, sondern auch erheblichen Widersprüchen m der eigenen Partei ausgesetzt sein würden." Und was war der Lohn? Diese Frage hätten sich die National- liberalen schon vor sechs Monaten selbst beantworten können. Eine „Selbstverleugnung", die so wert geht, daß man seine eigene Vergangenheit, daß man ferne eigenen liberalen Fundamentalsätze gleich mrtver- leugnet, kann auf keinen schönen Lohn rechnen. Und so muß heute die „Nationalliberale Korrespondenz" voll Bitterkeit feststellen: „Niemals sind schwer
wiegendepolitische Opfer von crrrer Regierung schlechter belohnt worden als m dem Falle der Ausgestaltung des Schulkompromrsses. Rücksichtsloser konnten die National- liberalen nicht behandelt werden von eurer Regierung, die es sonst als ihre Aufgabe betrachtet, mich die Nationalliberalcn bei der positiven Mitarbeit an den politischen Aufgaben des Reiches und der Einzelstaaten zu beteiligen und ihre Hülfe dazu in Anspruch zu nehmen." Doch das soll, so. geht heute der parteiamtliche Schwur, bei Gott anders werden! Denn „daß die Erfahrungen, die die Nationalliberalen bei dieser Gelegenheit machen mußten, nicht ohne Folgen für ihre weitere Stellung zur Regre- rungs Politik bleiben werden, ergibt sich von selbst. Das Vertrauen ist eine zarte Pflanze, die sobald nicht wieder gedeiht, wenn sie ab- gewclkt ist." Das sind schöne, kräftige, erfrrschende Worte. Wc:rn nur dieser Selbstbesinnung auch die vollständige Selbsterkenntnis folgen wollte. Man sieht aber immer noch nicht vor dem Splitter im Regierungsauge des Herrn Studt den beträchtlichen Balken in der eigenen engen Partcipupillc, denn sonst könnte dre „Nationallib. Korresp." nicht bemerken: „Es ist be
dauerlich, daß augenscheinlich das gesamte preußische Staatsministerium der hohen politischen Bedeutung, die gerade dem Schulgesehentwurf inrre- wohut, nicht die genügende Beachtung geschenkt hat. Sonst wären gewiß die vielen Ecken und Kanten vermieden worden, die gerade auf die politische Gesamtlage ihre Rückwirkung üben müssen." Nein, noch viel mehr bedauerlich ist cs, daß man auf nationalliberaler Seite noch immer die ganze „hohe politische Bedeutung" d°s Studtschen Entwurfs einzig in dem winzigen Rck-
torenparagraphen erblickt, und nicht in der verdächtigen
Struktur des ganzen Entwurfs, der vom reaktionärsten Geiste Lurchtränkt ist. Vielleicht öffnen schon die nächsten' Tage auch hierüber die Augen; nachdem nunmehr die parteiamtliche Korrespondenz ihre Sprache wieder gefunden hat, dürfte das auch bei der noch abseits schweigenden Parteipresse bald der Fall sein, und wir wollen hoffen, daß nun von den Rechts- bis zu den Linksliberalen ein einmütiger Akkord voll WohlklangS ertönt, nachdem man auf beiden Seiten nur zulange die Parteigegensätze mit Heftigkeit aufeinanderprallen sah.
Politische Ub-rstcht.
Ministerqualitäte«.
über die Gründe des auffallenden Mangels an fähigen modernen Geistern in unfern Regicrungssphären läßt sich „Das frei Wort" in einem Leitartikel, betitelt „Was nun?" nicht unzutreffend in folgender Weise aus: „Die Art und Weise, wie in Preußen beispielsweise Minister berufen und abgcschoben werden, macht es unabhängigen Naturen — von allen anderen ganz abgesehen — allein schon unmöglich, einen Minister- postcn anzunehmen. Von der „Entlassung" Bismarcks ganz zu schweigen, braucht man sich nur der Art der Verabschiedung eines Mannes wie Miguel zu erinnern, um zu verstehen, warum gerade die wünschenswertesten Kräfte durch nichts zu bewegen sein würden, in die Negierung einzutreten. An Schranzen wird es nie mangeln, denen das alles ebenso selbstverständlich erscheint, als daß man Wadenstrümpfe trägt, und daß ein Minister beim Fackeltanz mitschreitet, wenn eine Prinzessin heiratet. Aufrcchtstehenden Männern aber schlägt das alles so auf die Nerven, daß sie es vorziehen, sich „fern von Madrid" ihr Schicksal selbst zu schmieden. Industrie, Handel und Bankwesen, Presse und Wissenschaft bieten „erstklassigen Menschen" so viel Spielraum in unseren Tagen, daß keiner mehr die Abstempelung von Rcgierungswegcn braucht, um in der Welt etwas zu werden. Unsere Machthaber leben noch in d,em mittelalterlichen Wahn, daß es eine ungeheure Ehre sei, mitregieren zu dürfen: ohne Zweifel gibt es genug Kandidaten für Ministerportefeuilles, nur gehören leider Männer wie Kirdorf und Thyssen, Rathenau, Wiegand und Ballin nicht dazu! Wer wollte aber leugnen, daß solche Männer in demokratisch regierten Ländern, wo Minister nur von den Parlamcntsmehrheiten gestürzt werden, ohne weiteres geneigt wären, in die Regierung einzutreten? Es ist aber auch ein fundamentaler Unterschied, ob man von der Mehrheit der vom ganzen Volk gewählten Vertreter oder etwa von dem Wohlwollen der Familie Eulenburg abhängig ist in seinem Amte!"
Feuilleton.
Ein- und Ausfälle.
(Für das „Wiesbadener Tagblatt".)
Von Joseph Kaisler.
Der Philosoph.
Er war sehr beredt. „Siehst du", sagte er, „ich habe die tiefinnerste heiligste Überzeugung, daß wir nur auf dem Wege des Übermenschentums gesunden können. Übermensch, frei ausgreifend, schrankenlos,, Gesetze brechend, wird der Mensch sein oder er wird nicht sein. Wir verkümmern heute in Pflichten, Pietäten und Mit- leidcn. Regt sich etwas in uns, wild, stark und ursprünglich, gleich wird es geduckt. Jedes kraftvolle Begehren erstickt in einem kalten schwachmütigen: „Das darfst du nicht!" oder einem pedantischen „Du mußt!"
Mein Feind, der mich gequält hat, den ich gehaßt habe, ist kaput gegangen. Ich möchte mich darüber freuen, in mir möchte es jubeln. Aber: „das darfst du nicht! Es ist pietätlos, roh, sich am Unglück eines Mitmenschen zu freuen!" Ich ersticke den Jubel und suche mir als guter Mensch Mitleid mit dem Gehaßten vorzutäuschen. Ehrlich kann ich's aber doch nicht. Und so komme ich schließlich zu einem laulichen heuchlerischen Bedauern mit ihm. das die kleinliche Schadenfreude doch nicht ganz verleugnen kann. Klein und schmutzig!
Ich fühle den starken Drang in mir: Hinauf! W-nß, oben auf den Höhen des Lebens, wo Glanz und Pracht ist, würde ich Seltenes, Großes vollbringen. Der Weg liegt offen vor mir. Aber nur allein, ohne Bürde kann ich ihn gehen. Aber ich schleppe einen siechen Bruder mit mir. Alles in mir schreit: „Wirf die Fessel ab, such' deinen Weg allein und laß' den so Unnützen fallen!" Die brave Pflicht aber sagt: „Du mußt für ihn sorgen, er ist eines Blutes mit dir, man Schwachen
helfen!" Ich höre auf die Pflicht, schleppe dre Bürde weiter und bleibe ewig in der Niederung. Dre Last verbittert mich und das unerfüllte Sehnen. So Hab' rch glücklich einen Unnützen gerettet, einen zweiten Nutzlosen aus mir geschaffen und Großes, Seltenes, das rch hätte vollbringen können, gemordet.
Überall alte Heiligtümer, die nicht verletzt werden dürfen, ehrwürdige Gesetze, die- geachtet werden müssen! Und wir ersticken zwischen ihnen! O, wie ich mich nach freien starken Menschen sehne, die den Mut rhrer Leidenschaften haben und im Rausch ihres mächtigen Wollens achtlos über alle unsere Pflichten und Pietäten, die nichts als Feigheiten sind, wegschreiten." Er war atemlos, sein Gesicht vom Eifer der Rede hochrot, als er mich fragte: „Gibst du mir nicht recht?"
„Ich freue mich, daß du dich so rückhaltlos ausgesprochen hast", antwortete ich rasch. „Ich hätte dir schon seit langen! ein Geständnis machen sollen, unterließ es aber, weil ich nicht wußte, ob du mich verstehen würdest. Jetzt weiß ich's. Ich liebe deine Frau. Es war kerne flüchtige Laune, der ich ohne Kampf gefolgt bin.. Es war eine wilde Leidenschaft aus derr Tiefen, die jeden Widerstand brechend alles in mir überflutete- Und wenn ich in meiner Kunst, wie du mir oft versichertest, setzt etwas leiste, so danke ich es nur dieser Liebe und ibrer gleich hochqestimmten Erwiderung. Hätte ich diese Empfindung erstickt, es wären auch alle andern Kräfte meiner Seele gestorben."
Einen Augenblick war er starr, dann fand er aber seine Beredtsamkcrt wieder: „Und du hast nicht erneu Augenblick daran gedacht, daß du dabei ein heiliges Der- trauen, das eines Freundes, schmählich mißbrauchst. Hast nicht bedacht, daß du eine Ehe, die notwendigste Grundlage des Staates, der Gesellschaft, der Menschhert freventlich zerstörst. Hast nicht einen Augenblick gesuhlt, wav jeder Wilde in angeborener, pietätvoller Scheu gefirhlt hatte' Das darfst du nicht! Einem wilden Trreb opferst du ohne Bedenken die heiligsten Pflichten gegen deinen
Freund. Pfui, wie klein und schrnutzig!" Er war atemlos, sein Gesicht vom Eifer der Rede hochrot, als er mit einer imponierenden Geberde auf die Türe wies: „Geh, du wirst von mir hören!"
' Am andern Tag kam er und bat mich um Entschuldigung. Seine Frau hätte ihm klar gemacht, daß ich mir nur einen Spaß mit ihm erlaubt hätte. „Du hast manchmal aber auch so komische Einfälle", meinte er beim Fortgehen nachsichtig.
Die vier Jahrhunderte.
Von vier jungen Männern bekam jeder eine wunder« schöne Rose geschenkt.
Der erste stellte die Rose in zierlicher Vase vor sich arrf den Tisch und freute sich an ihrem Duft. In dieser Freude schrieb er ein kunstvolles Gedicht, in dem der ganze Rosenzaubcr wideratmete. Dieses Gedicht war das erste einer Sammlung, die später den Namen des Mannes, wie seine Zeitgenossen sagten, unsterblich machte. Der Mann war aus dem 18. Jahrhundert.
Der zweite preßte die Rose sorgfältig, klebte sie in ein Herbarium und schrieb auf das Blatt nach genauester Untersuchung Gattung und Spezies und eine scharf beobachtete Charakteristik ihrer Merkmale. Das Blatt wurde der erste Anfang eines revolutionierenden wissenschaftlichen Werkes. Der Mann war aus dem 19. Jahrhundert.
Der dritte verpackte die Rose sorgfältig und schickte sie auf dem ichnellsten Wege in ein Land, wo es in der Jahreszeit keine Rosen gab. Dort verkaufte er sie teuer. Dieses Geld wurde der Grundstock zu seinem späteren Milliardenvermögen. Der Mann war von heute.
Der vierte nahm die Rose, freute sich mit feinen Nerven am Genuß ihres Duftes, betrachtete sie genau und stellte aus ihren ihm wohl bekannten Merkmalen mit erhöhter Befriedigung ihre seltene Art fest. Nachdem er sich an ihr gefreut hatte, schenkte er sie im rich-
