Verlag: Langgasse 27.
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Der Arlreitsmyrkl im Frühjahr.
Entsprechend der günstigen Lage des Arbeitsmarktes in fast allen Industriezweigen und der großen Nachfrage nach Arbeitskräften, suchen die Arbeiter überall bei Neuregelung der Lohn- und Arbeitsverhältnisse bessere Bedingungen durchzusetzen und hauptsächlich geht das Bestreben daraus hinaus, die erreichten Vorteile für längere Zeit tariflich festzulegen. Am lebhaftesten geht es auf dem Arbeitsmartt im Baugewerbe zu: auch in diesem Jahre ist die Bautätigkeit wieder eine sehr flotte und deshalb sind die Arbeitskräfte gesucht. Die Maurer haben wohl bisher die meisten Lohnbewegungen durchgeführt, in den meisten Fällen ist es nicht zu Streiks und Aussperrungen gekommen, sondern Arbeitgeber und Arbeitnehmer haben sich friedlich geeinigt. Bcfonders stark ist auch die Lohnbewegung bei den Banhülfs- arbeitern: in mindestens hundert Orten, hauptsächlich in größeren und mittleren Städten haben die Bau- hülfsarbeiter Lohnbewegungen eingrleitet oder durch- gcführt. Auch hier sind vielfach Tarifverträge zum Abschluß gekommen, die sich an die Tarifverträge der Bau- handwerker anlehnen. Auch bei den Malern und Anstreichern nimmt die Lohn- und Tarifbewegung eine große Bedeutung an. Allein durch den Tarifabschlutz im Berliner Malergewerbe sind gegen 10 000 Maler und Anstreicher zu tariflich geregelten Arbeitsverhältnissen gekommen. Man kann die Zahl der bei den Malern für diese« Frühjahr eingeleiteten oder schon durchgeführten Lohnbewegungen auf mindestens hundert einschätzcu. Mit dem flotteren Beginn der Bauperiode und der Rcu- a'nlegung von Straßen beginnt auch im Steins etzer - ge werbe eine besiere Geschäftstätigkeit und damit die Lohnbewegungen. Aus den verschiedensten Bezirken werden Lohnbewegungen und Tarifabschlüsse gemeldet, vielfach ist schon eine Verkürzung der Arbeitszeit und eine Erhöhung der Löhne erreicht worden. Da die Steinsetzer oft au fremden Orten, fern von ihrem Wohnort, arbeiten müssen, wird bei diesen meistens auch eure Regelung der „Überlandarbeii" durchgesetzt, die Arbeiter er- halten bestimmte Zuschläge für den höheren Aufwand an
Logiskosten usw. Eine lebhafte Bewegung zur Verbesserung der Lohnverhältnissc und zur Verkürzung der Arbeitszeit macht sich weiter im G ä r t n er g e w e r b e bemerkbar. Die Gärtner klagen besonders über me schlechte Bezahlung der in städtischen Diensten stehenden Gärtner und Gartenarbeiter. Diese schlechte Bezahlung macht auch eine Lohnbewegung in den Privatbetrieben sehr schwierig, öa öie privaten Gärtnereibesitzer auf die niedrigen Löhne der kommunalen Gartenarbeitcr Hinweisen. In Dresden sind die Gärtner in den Ansstand getreten, in Elmshorn ist ein Vertrag zustande gekommen und auch in Hamburg wird eine tarifliche Regelung angestrebt. Verschiedene Lohnbewegungen sind auch ein- geleitct worden im Schuhmachergewerbe, so in Cöln a. Rh-, Leipzig, Hamburg, Saalfeld, Offenburg und in vielen anderen Orten: in mindestens demselben Ilmfange erstreben ferner die Schneider Verbesserungen ihrer Arbeitsbedingungen. Auch in diesem Gewerbe sind Tarifverträge zustande gekommen oder es sind Unterhandlungen eingelcitei, die vor dem Abschluß stehen. Die Lohnbewegungen der Bäcker, die in Landshut, Leipzig, Elberfeld usw. begonnen wurden, gehen hauptsächlich ans die Beseitigung des Kost- und Logiswescns und auf die Einführung von Mindestwochenlöhnen hinaus: in Landshut ist es soeben zum Abschluß eines Tarifvertrages gekommen, der zwei Jahre Gültigkeit hat. Tic Brauer haben auch verschiedene Verträge abgeschlossen und im B r c n n c r e i g e m c r b e sind zum ersten Male Tarifverträge von größerer Bedeuiiing vereinbart worden. Im Buchbindergewerbe sind Unterhandlungen zwischen Arbeitgebern und Arbeit- nehmern im Gange, welche auf eine Verlängerung der in den drei Städten Leipzig, Stuttgart und Berlin be- stehenden Verträge Hinzielen: die Arbeitnehmer wollen dabei Verbesserungen durchführen, während die Arbeitgeber den Tarif unverändert auf fünf Jahre verlängern wollen. Gleichzeitig wird öabei von beidcm Seiten gesucht, den Tarif aus weitere Bezirke anszudehnen. ->nr unter dieser Bedingung wallen die in dre Tarrfbewegung cinbczogcnen Arbeitgeber weitere Verbesserungen in Erwägung ziehen. So ist ans allen Gebieten die regste Tätigkeit auf dem Arbeitsmarkte zu spüren und entsprechend dem höheren Verdienst der Arbeitgeber wollen mich die Arbeiter bessere Arbeitsbedingungen erzielen. _ s ~ K ~
Politische Übersicht.
Die Lage in Rußland.
g. Petersburg, 23. April.
In Borrissoglebsk ist ein russischer Offizier namens Abramow ermordet worden. Es handelt sich um einen politischen Mord. Der Getötete, jener selbe Abramow. welcher, wie ein russisches Blatt schreibt, „der Aiicn- läterin Spiridonowa gegenüber jedes Gefühl der Menschlichkeit niedertrat, der die russische Osfiziersunifvcm entehrte, das Ansehen der Staatsgewalt in den Staub
zerrte und diese Staatsgewalt als asiatische Despoten- brnta'ität zeichnete", fiel als Opfer der Volksrache. Recht bemerkenswert ist nun für das neue Rußland, wie die der Zensur ledige Presse diesen Mord als einen Akt der Gerechtigkeit hinstellt und welche Sprache sie dabei ber Regierniig gegenüber anwendei. In einem Artikel des „Herold" heißt es beispielsweise: „Wochenlang ist durch die Blätter aller Richtungen die eine Forderung an die Regierung ergangen: Laßt die Gerechtigkeit walten, zieht den Schuldigen vor Gericht! Die Regierung ist taub geblieben gegen diese Forderung. Es ist nichts geschehen, gar nichts. Es ist nicht einmal der Gesellschaft mitgetcilt worden, daß über Abramow und seinen Mitschuldigen, den Polizeimann Syöanow, das Gericht sprechen wird. Die Lynchjustiz, die an Abramow verübt wurde, sie schreit cs in die Welt hinaus, daß daS russische Volk von seiner Regierung Gerechtigkeit forderte und daß Sie — Gerechtigkeit ansblieb." Man sieht, daß die russischen Blätter sich sehr schnell an eine recht freimütige Schreibweise zu gewöhnen vermochten. Um so überraschender ist es, wahrzunchmen, wie die Petersburger Telcgraphcn-Agentirr" noch immer Nachrichten in die ausländische Presse, wo solch- ohne Kommentar wiedergegeben werden, zu lancieren vermag, die sie den einheimischen Blättern gar nicht mehr anbieien darf, in denen sie später aber doch als Telegramme aus dem Auslande wieder anszirianchen pflegen. In einer derartigen Meldung heißt es beispielsweise, nach der vom Zollöepartement veröffentlichten Bilanz des Handels von Rußland während der drei ersten Monate des Jahres 1906 übersteige die Ausfuhr die Einfuhr um 50 Millionen Rubel trotz der erheblichen Vermehrung der Einfuhr fremder Waren nach Rußland während dieser Zeit welche diejenige aller früheren Jahre über- iraf. Nun folgt der Satz: „Diese Ziffern beweisen, daß die Unruhen keinen Einfluß ans die Hilfsquellen d-^> Lcnides ansgeübi haben." Sachlich ist die Mitteilung richtig: es wird nur verschwiegen, daß der Vergleich mit einer Zeit angestellt wird, wo infolge der Streiks der ganze Verkehr stockte, wo also eine Unmenge für die Ausfuhr bestimmter Güter aufgespeichert werden muhten, die erst zu Anfang dieses Jahres ihren Weg in das Ausland finden konnten. Mit den Hülssquellen des Landes" aber hat dieses plötzliche Emporschnellen der Exporiziffcrn ebensowenig zu tun wie die aus den gleichen Ursachen sich erklärende Steigung der Einfuhren. Wie schlimm es in Wirklichkeit mit der wirtschaftlichen Lage Rußlands bestellt ist, lehren die Glossen mancher russischec Blätter zu dem Abschluß der Anleihe. So rechnet der „Dovadzaty Wck" in einem Artikel ziffcrn- inäßig ans, daß die Anleihe kaum für die Deckung der dringendsten Verbindlichkeiten der Regierung genüge. Zu diesem Schlüsse kommt eine Zeitung, die ihre unbedingte Regierungstreue bei derselben Gelegenheit noch durch eine scharfe Verurteilung der Stellungnahme der
Frmlletorr.
Eine Idylle mn der §uösee.
Der Orkan, der im letzten Februar Tahiti und die Taumotu-Jnseln heimgesuchi und außer dem Verlust vieler Menschenleben schweren Schaden, der aus vier Millionen Mark geschätzt wird, angcrichiet Hai, _ lenkt wieder die Aufmerksamkeit ans diese malerische Jnsclwel. und das fröhliche, kindliche Volk, das die Gesellschaftr,- inscln bewohnt. Die Tahitiancr sind große stattlich. Menschen mit schönen Figuren und anmutiger Haltung. Sic sind nicht viel dunkler als etwa die Spanier, haben schwarze ausdrucksvolle Augen und schwarzes, wei ie wolliges Haar. Die alten, aus Fasern von der Rinde des Broibanmes hergestellten Gewänder tragen ste freilich nur noch an Festtagen, aber noch heute haben-Frauen und Männer ihre Vorliebe für Kränze und Blumenschmuck bewahrt. Im Gegensatz zu allen anderen ®ir= sceinfnlanern tragen die Dahitianer Hüte, die zum -vcii sehr kimstsertig gearbeitet sind. Die meisten Männer sind mit dem kurzen, losen unterrockartlgen „Parcu in möglichst leuchtenden Farbe» bekleidet, während viele Frauen lange, lose herabsallende Gewänder tragen. Ihr höchstes Entzücken aber bilden die geschickt gearbeiteten kleinen Kränze aus Muscheln, nnd der schönste Schmuck für eine Schöne von Tahiti ist der „rewa rewa, ein Büschel Bänder, die wie gewebt aussehen, aber aus den läuten, die die jungen Kokosnntzblüttcr bedecken, gewacht sind. Da sie das Herz des Baumes bilden und dieser infolge ihrer Entfernung ab stirbt, ist der Schmuck teuer und wird auch entsprechend geschätzt.
Ansprechende Bilder von einem Besuch ans diesen fernen Inseln zeichnet die amerikanische Schrisiftellerin Emma Shaw Colcleugh. „Am Abend vieiner Ankunft in der Hauptstadt Papeic", so erzählt sie, „füllten sich
die Straßen, als die französische Kapelle zu spielen begonnen hatte, schnell mit einer Menge, die bunt durcheinander wirbelte wie die Bilder in einem Kaleidoskop, fröhlich lachende Tahitiancr, Gendarmen in reich verschnürten Uniformen, englische Beamten, franzöniche Matrosen nnd Offiziere und Chinesen mit langen Zöpfen, sie alle eilten zu dem Platz vor dem Regleinngs- gebüude. Dort bildete sich ein dichter Kreis um ö«» Orchester, die Musik spielte einen raschen Tanz, und sofort drehte sich eine lachende, heitere Menge tn dem Kreise Eingeborene Jünglinge, als Mädchen verkleidet, stolzierten anfgepntzt umher, ein Gendarm ninfahie eine Tänzerin, ließ sie dann fahren oder ließ sie sich von einem Tahitiancr entführen, packte eine andere und drehte sic wie wild im Kreise herum. Andere fapten sich an den Händen und zogen zu Vieren umher. Es war, als wären alle verzaubert, nnd eine Stunde lang war der vom Fackelschein erhellte Platz mit Lentcn gefüllt, die wie besessen umhertanzten, und wenn sic crinndct waren, am Wege nieöerfielen, um neuen Tänzern Platz zu machen. Plötzlich hörte die Musik ans, die Musiker verschwanden, die Menge zerstreute sich, die Buden wurden entfernt, und der große Platz lag einsam und ver-
^ Während meines einmonatigen Aufenthalts in Tahiti wandertc ich durch die Bergtälcr und lauschte den Erzählungen von seltsamen alten Gebräuchen. Da hörte ich auch, daß nach einem Stammcsgcsctz die Schädel großer Häuptlinge im geheimen ausbewahri werden. Gleich nach dem Tode wurden die Köpfe abgeschlagen, damit sie den Feinden nicht in die Hände fielen, denn der Kops war heilig: wenn ein Sklave zufällig den Kopf eines Häuptlings berührte, war er dem Tode verfallen. Ein alter Mann bei Papcte, dessen Familie seit undenklichen Zeiten diese kostbaren Reliquien sorgsam hütete, besnchte einmal im Jahre den geheimnisvollen Anfbewahrnngs- ort. Nach Einbruch der Dunkelheit, damit niemand etwas davon erfuhr, wanöerie der gebrechliche Greis in
die Berge, verbrachte dort die Nacht in Beschwörungen, nnd unmittelbar nach Sonnenansgang rieb er jeden Schädel langsam nnd sorgfältig mit Kokosnußöl ein. Dann kehrte er in sein Dorf zurück, noch ehe die Bewohner wach waren. Niemand weiß, wo sich die Höhle mit den geheiligten Schädeln befindet, und die uralte Sitte wird mit dem Greise aussterbcn, denn da sein Sohn „nicht würdig" ist, wird er ihn weder in den Bc- schwöriingsformeln unterweisen, noch ihm den Ort verraten ... Die aus senkrechten Bambusstäben gebauten und mit Rohr gedeckten Hütten erinnern an überwachsene Vogelkäfige.
Dix Tahitiancr verdienen durchaus den Ruf des „reinlichsten Volkes der Welt". Die Frauen haben außer dem Hüteflechten wenig zu tun, da meistens die Männer die sehr schmackhaften Speisen zubcreiien. Dagegen werden die Frauen, die zu reichlich Orangenrum gcnosien haben, zum Straßenkehren verurteilt, und so kann man denn Rotten von 13 bis 20 Frauen, von silberhaarigen Matronen bis zu lachenden jungen Mädchen, jeden Morgen die Straßen fegen sehen. Tagsüber dürfen ste zu Hause weilen: den Schmerz über die Strafe suchen sie sich dadiirch zu mildern, daß sie mit den Vorübergehenden flirten...
Sehr interessant ist der Markt, besonders am Sonntag Von allen Seiten strömen die Eingeborenen vor Tagesanbruch der Stadt zu. Der Markt wird bereits eröffnet, wenn die Sterne noch am Himmel stehen. Da kommen di- Eingeborenen, mit verschiedenen Lebensmitteln beladen, herbei, unter dem Arm tragen sie eine Matte, in der Hand eine brennende Fackel. Ejner bringt Heu oder Gras in großen Bündeln, die an einem Bambusstab hängen, ein anderer trügt Apfelsinen, die wie Riesentrauben aufgezogen sind oder sich ans langen Schnüren um die bloßen braunen Schultern schlingen. Die „mcie", eine aus geriebener Kokosnuß bereiiete Sanec, wird in großen ansgchöhltcn Bambusstäben von 18 Zoll Länge und einem Durchmesser von 3 Zoll ge-
