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s*. Jahrgang.

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U-. 174.

Derlags-Feruiprecher No. 2SSS.

Frettsg^ den 13. April.

Redaktions-Fernsprecher Nr. 62.

1906.

Morgen - Krisgabe.

_ 1. WLatt. _

Wegen des Karfreitags erscheint die nächste

Ausgabe am Samstagnachmittag.

Parjmnrniarische Churaltterlnlder.

Die Silbermiinner v. Kardorff und Dr. Arendt.

Die Währungsfragcn spielen heute im Reichstag Leine Rolle mehr. Aber in den 70er Jahren hat es da- Luber heftige Kämpfe gegeben. Es ist das große Ver­dienst Ludwig Bambcrgers, .uns die Goldwährung er­kämpft zu haben. Herr v. Kardorff war damals einer seiner Hanptgegner. Er hielt die Golddecke für zu kurz, um ihr als einzigem Währungsmittel uns anzuver­trauen. Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre, als das Silber so riesig im Preise sank infolge der starken amerikanischen Silbcrproduktion, hat dann Or. Arendt Versucht, den Silbersturz aufzuhalten und noch einmal für die Doppelwährung zu kämpfen. Herr v. Kardorff rvar damals in seiner Silberschwärmerei etwas abge- Whlt. Heute fällt über die Doppelwährung kaum noch ein Wort im Reichstag. Das starke Steigen der Gold­produktion, namentlich auf den Goldfeldern von Trans­vaal, hat gezeigt, daß wir mit der Goldwährung voll­ständig auskommen können. Aber wer weiß, was die Zukunft bringen wird. Vielleicht holt man später die Argumentationen der Silbermänncr noch einmal hervor. ' ~ Herr v. Kardorff ist einer der ältesten Parlamen­

tarier. Er hat dem Reichstag seit dem Jahre 1868 unun­terbrochen angehört. Und zwar seit 1871 immer als Abgeordneter von Wartenberg-Oels im Regierungsbe­zirk Breslau. Er ist das einzige Mitglied in dem hohen Hause, dem die Wähler eine solche Treue bewahrt haben. Ähnliches kommt sonst nur noch in Zentrumskreisen vor. Trotz seines hohen Alters er ist jetzt 78 Jahre ist Herr v. Kardorff noch ein guter Redner. Er spricht immer lebendig und pointiert, ja man kann sagen, noch leidenschaftlich. Er ist vor allem ein guter Polemiker. Er ist es immer gewesen. Schon als Student hat er seinen Mann auf dem Fechtbvdcn gestanden. Damals Hat er auf der Mensur seine Nase verloren und sich scit- !her mit einer silbernen begnügen müssen. Trotz dieses Defekts ist cs ihm oft gelungen, seine Gegner recht er­heblich zuve «schnupfen". v. Kardorff ist Parlamentarier Mit Leib und Leben. Noch heute einer der fleißigsten ^Besucher. Man steht dem alten Herrn förmlich an, wie Pie Reichstagstribünc sein Lebensclcment ist. Auch seine Gegner kreuzen nicht ungern mit ihm die Klingen. Kar­dorff hat seinerzeit erklärt, daß er sich lediglich deshalb an industriellen Unternehmungen und mancherlei staute Gründungen waren darunter beteiligt habe, um steine parlamentarische Tätigkeit wahrnehmen zu können, nicht um Schätze zu sammeln. Man mutz es ihm wohl

FenMetorr.

'.Nachdruck vetSotcn.)

pariser Brief.

»erm neuen Präsidenten. Allerlei Moden. Im Bois. Chateau de Madrid. Diepupilles" der Gymnasiasten. Madame Camilles Ultimatum.

Paris, 9. April.

Die großen Abendempfänge im Elysse gelten nicht für den Gipfel des Amüsements. Man wäre aber doch sehr gelangwetlt, wenn man keine Einladungen dazu erhielte. In einem historischen Palast, wo jeder Lakai Mit Medaille,r behängt ist wie ein bayerischer Schützen­könig, wo ein paar Hundert Parlamentarier sich um einige Dutzend Zelebritäteu aus Kunst und Wissenschaft drängen, wo exotische Diplomaten von einer hohen Generalität um die Goldborten der Uniformen beneidet

werden, dort kommt's einem jeden vor, als übe er auf den Weltengang einen ganz beträchtlichen Einfluß ans. Einmal in Frack, Claque und Lack, resp. im weitesten D sc oll cts, in die lichterfüllten Säte gelangt, nach einer eknstündigen Promenade hin und her, sinkt die stolze Stimmung in der Brust sachte herab, bis man so adge- stmnpft ist wie die kalten Marmorsäulen im Tanzsaal. Nichts Monotoneres als solch eine steife, chamarrierte offizielle Gesellschaft. Die Pracht wirkt lähmend. Ja, wenn noch ans den Einladungskarten zu lesen steht: On dansera!" Das führt notwendigerweise jüngeres Blut zu. Aber wenn es sich um bloße Empfänge mit Musik handelt, wenn nur die Offiziere höherer Chargen mit ihren höheren Damen zu den Politikernab zehn Uhr" gebeten werden, dann bringt auch der Champagner des reichlichstbesetzten Büfetts kein Leben ins ehemalige Heim der Pompadour. Man soll nicht ungalant sein, doch wer da behauptete, es wimmele auf den Soiröen der

glauben, wenn er auch vielleicht hätte in der Wahl seiner Mittel, sich üieReichstagsdiäten zu verdienen, vorsichtiger sein können. Hoffentlich ist er einer der entschieden­sten Gegner geordneter Reichstagsdtäten nicht der Meinung, daß alle Parlamentarier ihm auf seinen Gründungsspuren Nachfolgen müßten. Als schlesischer Landrat hat der alte Herr seine Laufbahn begonnen, und er kommt noch heute im Reichstag gern auf seine land- rätlichen Erfahrungen zu sprechen.

Kardorff hat sich eine Art parlamentarischer Unsterb­lichkeit verdient. Nämlich durch sein Eingreifen bei den Zollkümpfen. Der Kardorffsche Rechtsvruch ist für die Linke noch heute eine der unangenehmsten Erinnerun­gen an die Zollkampagne. Als seinerzeit dem Reichstag der langatmige Zolltarif große Schwierigkeiten für die gesetzmäßige Durchberatung jeder einzelnen Position machte, suchte Herr v. Kardorff den gordischen Knoten einfach mit dem Schwert zu lösen. Er beantragte, daß nicht über die einzelnen Positionen getrennt, sondern über den ganzen Tarif generell abgcstimmt werde. Alle waren über diese außerordentliche, vor allem ungesetz­liche Maßregel zuerst einigermaßen verblüfft. Auch der Präsident, Graf Ballestrem, hielt diesen Antrag zunächst nicht für möglich. Aber hinterher beugte sich die Mehr­heit des Hanfes der Weisheit des Antragstellers und stimmte zu. Seitdem hat die freikonservative Fraktion ihr erfolgreichstes Mitglied zum Vorsitzenden gemacht.

Der Abgeordnete Dr. Arendt ist weit jünger als Kardorff. Er ist erst seit 1888 Parlamentarier, und zwar als Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses. Seit 1898 gehört er auch dem Reichstag an als Vertreter von Mansfeld, des alten Silberlandes, das ihm mit der Mandatsübertragung seinen Dank für die Silberpolitik hat abstatten wollen. Dr. Arendt ist ein ungemein frucht­barer Schriftsteller. Über Währungs- und Bürsenfragcn hat er sich allein mehr als ein Dutzend Schriften geleistet. Aber auch mit Unfallversicherung, Zollpolitik, der Politik Kaiser Friedrichs und öentsch-französtschcn Bündnis- fragen hat er sich literarisch beschäftigt. Er ist flerßig und liebt die Vielseitigkeit. Lange Zeit hat er versucht, als Herausgeber desDeutschen Wochenblattes" die öffentliche Meinung Deutschlands stark zu beeinflussen. Es ist ihm nicht gelungen. Neuerdings hat sich Arendt besonders stark auf die Kolonialpolitik geworfen. Er hat die parlamentarische Kamerun-Reise auf dem Wör- manndampfer mitgemacht und versucht, das bisherige Draufgängertum in der Kolonialpolitik weiterhin auf­recht zu erhalten. Für die Rehabilitierung von Karl Peters wirkt er seit Jahren.

vr. Arendt ist Jude, allerdings getaufter. Aber das Tanfivaster war bei ihm nicht sehr intensiv. Deshalb wirst man jedesmal im Reichstag, wenn die freikonser­vative Partei in Antisemitismus macht, einige Seiten­blicke aus Arendt. Über den schwarzen Rock des genann­ten Parlamentariers kursieren mancherlei Bemerkungen böser Zungen, die ihm eine Vorliebe für professorcn- hafte Nonchalance andichten wollen.

Präsidentschaft von Schönheiten, dem darf man getrost den Apfel des Paris zur Verteilung anvertrauen. Die einzige beaute von Rasse war eine entzückend gekleidete Japanerin, die Gattin eines neuen gelben AttackM: trotz ihres Stumpfnäschens war sie in Liebreiz und Grazie der vollkommensten Europäerin noch um eine Nasenlänge voraus. In ihrer weißen geblümten Atlas­robe, die gewiß nicht in Tokio, sondern in der Rue de la Paix dem Geishakörperchen angcpaßt wurde, zog sie derart die Blicke auf ihre feingewölbten Schultern, daß ihr-Gebieter mitunter wie ein Othello dreinsah und wohl gern einen Tschiu-Tschitsu-Kampf mit der gesamten französischen Generalität ausgenommen hätte. Seit das Elysse den Hausherrn gewechselt, spannten sich die Er­wartungen, was das wohl für Neuerungen mit sich bringen würde. Herr Armand Fcillisrcs mag politisch sehr fortschrittliche Pläne gehabt haben, als er jung war: als Präsident ist er sehr konservativ. Nicht die leiseste persönliche Note" hat er in seinem ersten Empfang zu bringen für nötig befunden. Er sieht ganz danach aus, als verlange er von seinen Zeremonienmeistern nur eines, daß sie ihn in Ruhe lassen. Wie gewohnt, ließ er seine tausend Gäste an sich vorüberziehcn, verneigte sich vor jedem oder gab die breite Hand gutmütig solchen hin, die morgen erzählen wollten, daß der Präsident sie durch besonderes Wohlwollen ausgezeichnet, und verbarg hinter dem vorgeschriebenen Lächeln den begreiflichen Wunsch, daß die Foltcrconr bald ein Ende nehmen möchte. Emile Loubet war doch mehr Hofmann gewesen wie Armand Fallisrcs. Seit Fcli, Faure ist das noch ein Schritt weiter hinein in die verflachende Demokratie, die sich in den Beinkleidern mit Bügelfalten nicht wohl fühlt. Gegen Mitternacht schritten die Paare programm­mäßig durch sämtliche Räume, um die großen Reverenzen entgegenzunchmen: Graf Tornelli reichte Madame

Falliores den Arm: der italienische Botschafter ist trotz

Politische Übersicht.

Die Nnsicuanleihe.

L. Berlin, 11 . April

Über die Stellung der Regierung zur russischen An- leihesrage erhalten wir von hervorragender Seite Mit­teilungen, die vor allem darum überraschen müssen, weil sie in einem bemerkenswerten Widerspruch zu der all­gemein verbreiteten Meinung stehen, die Versagung des deutschen Geldmarktes sei eine Folge der bekannten Lambsdorff-Depesche an den Grafen Cassini. Nach den uns gemachten Angaben stand aber der Entschluß, dies­mal keine russische Anleihe in Berlin und den anderen deutschen Börsenplätzen znzulassen,' schon vor der Ver­öffentlichung jener Depesche fest. Das konnte man nach Belieben glauben oder nicht glauben, aber es werden Beweise für die Behauptung angcboten. Und zwar sollen sie vor allem darin bestehen, daß die Gutachten der Reichsbank, der Scchandlung, des preußischen Finanz­ministeriums und des Rcichsschatzamtes über die Zu­lässigkeit einer Beteiligung eingehvlt wurden, bevor etwas von der Anweisung des Grafen Lambsdorff an seinen Vertreter in Algeeiras verlautet hatte. Die Fest­stellung des Sachverhalts ist also, wie man sieht, nicht unwichtig. Wenn in der Reihe der gntachtenöcn Kürpcr- fchafteil auch das prenßffche Finanzministerium aufge­führt wird, so geschieht dies eigentlich nur bedingungs­weise. Der Hergang war nämlich der, daß gerade der preußische Finanzministcr zur Befragung der anderen Behörden die Anregung gegeben hatte, und zwar mit Rücksichtnahme ans die einheimischen Anleihebedürfnissc. Der Bescheid, den Herr v. Mendelssohn sodann auf Grund der erstatteten Gutachten erhielt, hatte die For­mel: Für jetzt nicht erwünscht. Am Ende mag es ja auf eins hinauskommcn, wie die Einzelheiten bei alledem verliefen, denn das Entscheidende bleibt, daß eben die russische Anleihe uns zum Glück nichts angchen soll. Aber darum ist es doch sehr bemerkenswert, daß hier das Bestreben obwaltet, den Gegensatz zu Rußland, der in der Anleihefrage akut geworden ist, formal zu dämpfen und zu mildern. Gegen diese Bemühung kann man gewiß nichts einwenüen, wofern nur immer, wenn cs sich um Handlungen und nicht um Reden dreht, die erforderliche Festigkeit geübt wird. Nach unserem Ge­währsmann ist man übrigens in Petersburg darüber unterrichtet, daß ein unmittelbarer Zusannnenhang zwischen der Lambsdorff-Episode und der deutschen Stellungnahme zur Anleihe nicht besteht. Es kann ja nichts schaden, wenn die offizielle russische Welt keine greifbare Veranlassung hat, uns wegen dieser Sache zu grollen. Eine Politik der Eiscnsanst im Samthandschuß ist die übelste wohl nicht.

Nichtcrsorgen.

Einiges Aufsehen hat, wie erinnerlich, die Herren­hausrede des Oberbürgermeisters von Frankfurts Adickes, gemacht, die uns auf das englische Vorbild ver<

seines weißen Bartes ein Kavalier, der noch offene Augen hat: er mag bewundernd über die Wirkungen des republikanischen Systems philosophiert haben, das aus dieser liebenswürdigen, runden Hausfrau der südlichen Kleinstadt plötzlich die erste Frau des Landes gemacht hat. Fräulein Fifi, wie die Pariser schon familiär die Tochter des Präsidenten nennen, trug die große Robe großer Damen weniger geniert wie die Mama, die zu spät damit angefangen hat, sich in die dütenförmigen Taillen der Pariser Couturiers einzwängen zu lassen. Biel erstaunlich Neues in Seide und Flitter sah man auf den Empfängen nicht die Mode beschäftigt sich nicht mehr mit Kreationen für Bälle: die Saison der Stratzcn- toilctte hat begonnen.

Der Concours Hippiquc, der rm Grand Palais drei Wochen lang alles versammelt, was von Pferden etwas oder nichts versteht, wird für die Eleganz des Frühlings von Jahr zu Jahr wichtiger. Während Reiter und Rette­rinnen in endlosen Hindernisrennen ihren Hals ris­kieren, lorgnettiert man sich auf den Tribünen, wo das Tailor madc Triumphe feiert: man weiß nicht sehr genau zu sagen, wer bester korsettiert ist, das schönere Geschlecht oder die Mvdesexe und ob die Tailors von Paris nur noch Damenschneider genannt zu werden verdienen. Steifschechter und Fischbein werden in ebensolcher Menge für Gehröcke und Überzieher verwandt wie für Frauen­kostüme. Die Kavaliere schnüren sich sogar, mn es tu der Wespentaille mit den Amazonen aufnehmen zu. können: sie scheinen keine Ahnung zu haben, bis zu. welchem Grade von Lächerlichkeit sie es damit gebracht haben. Man kann den Gigerls im Grunde nur dankbar sein: sie sorgen für die spastige Seite des Bildes. Für bunte, unerhört bunte Farben darin ist auch gesorgt. Nach einer Mode, die sich in denErdtüncn" der Sezestion, in weichen neutralen Harmonien lange gesteh stürzen wir uns in die grellsten und riskantestcnNuance«