Wiesbadener Sagblatt
M. Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezngs-PreiS: durch de« Verlag 5« Pfg. monatlich, durch dre Post » Mk. S« Pfg. vierteljährlich für be>de Ausgaben zusammen.
Verlag: Langgafse 27.
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SS.OOO Abonnenten.
Loieion, - Annalime LLL-SLS-S K L SSSLirS
-" — 1906.
3um lsinartalswechsel.
Das „W iesbaöcner T a g b l a t t", im 54. Jahr gang stehend und somit eines der ältesten Blätter Nassaus, beginnt am 1. April ein neues Quartal.
Trotz seines ungemein billigen Preises von nur
Sv Pfennigen monatlich bei wöchentlich zwölfmaligem Erscheinen
bringt es einen so reichen Lesestofs, wie wohl kein zweites Blatt mit gleichem Abonnementspreis, und zwar täglich 12 bis 14 Seiten sorgfältig ausgewählte Auf sätze und Nachrichten aus allen Gebieten des Lebens, der Kunst und des Wissens.
Sein umfangreicher politischer Teil ist von hervorragenden Korrespondenten in allen Hauptstädten bedient, und nicht zum wenigsten die täglichen Informationen seines Berliner politischen Mitarbeiters zeichnen sich durch Pünktlichkeit und Genauigkeit aus Dabei verfolgt die Redaktion das Prinzip, in wichtigen Fragen nicht nur die besten Tagesjournalisten, sondern e r st e F a ch a u t o r i t ä t e n zu Wort kommen zu lassen. So entstammen beispielsweise viele der militärischen Artikel, die immer besondere Beachtung fanden, der Feder eines hohen pensionierten Offiziers.
Das „Wiesbadener Tagblatt" verfolgt keine einseitige Parteipolitik, es dienr
dem Volke unter der Fahne des bewährten nasfauischenLiberalismus und nimmt cnt- schjeden Stellung zu allen bewegenden politischen Fragen in echt nationalem Sinne. Es ist hinreichend dafür bekannt, daß es sich dabei von keinerlei geschäftlichen Rücksichten leiten läßt, sondern unabhängig und frei seine Meinung zur Geltung bringt. Diesen Standpunkt vertritt cs auch in allen kulturellen Fragen, ob sie nun das religiöse, das soziale, das ethische oder künstlerische Gebiet betreffen.
Wie der politische Teil, so ist auch das F eni l l et o n äußerst reichhaltig und bietet neben dem kritischen und Nachrichtenteil einen besonders umfangreichen unterhaltenden Lesestoff an Romanen und Feuilletons. Eigene Beilagen (nicht die übliche Masscnware von Sonntagsbeilagen, die bei gleichem Inhalt in jeder Stadt einen anderen Tiielkopf zeigen), sondern in unserer Druckerei eigens nur für das „Wiesbadener Tagblatt" herge st eilte Blätter sind: Die „Unter
haltenden Blätter", die „Kinderzeitnng", „Altnassan", Blätter für nassauische Geschichte, „Landwirtschaftliche Rundschau", Wandkalender. Zweimal jährlich wird unentgeltlich ein starkes Fahrplanheftchen geliefert.
Der lokale und provinzielle Teil wird besonders gepflegt, und die kommunale Politik kommt ebenso zu ihrem Rechte, wie die allgemeine. Der vermischte Teil und die „Kleine Chronik" berichten in umfänglicher Weise über alle bemerkenswerte Geschehnisse, zwei Depeschenbnrcans und Privattelegramme sorgen fiir schnellste Mitteilung der neuesten Nachrichten, ein ausführliches Kursblatt und ein eigener Handclsteil kommen den merkantilen Interessen entgegen. Eine Merktafel, die über alle wichtigen Fragen Belehrung erteilt, eine S ch a ch - n n d Rätselecke, ein übersichtlicher Tageskalenöer erhöhen den Reichtum des redaktionellen Teiles.
Den einzig richtigen Matz stab für die Verbreitung einer Zeitung gibt nicht die willkürliche Auflagenzahl eines Blattes, sondern einzig die Angabe der tatsächlichen
Ubonnentenzahl.
Das „Wiesbadener Tagblatt" mit
mehr als 22000 Abonnenten,
fretett Zahl im Laufe der letzten anderthalb Jahrzehnte mu 12000 gewachsen ist und sich ständig vermehrt, ist die
n»e»taus verbreitetste Zeitung von allen Tagesblättern Nassaus.
Sowohl in bezug auf den Abonnentenstand, wie auf den Umfang seines An- zeigenteilskommtihmkeinBlattNassaus auch nur entfernt nahe, weshalb es das wirksamste Jnsertionsorgan unserer Gegend ist.
Wir laden das Publikum Nassaus und Hessens, welches noch nicht auf das „Wiesbadener Tagblatt" abonniert sein sollte, ein, sich durch ein vierteljährliches Probeabonnement von den Vorzügen des Blattes selbst &u überzeug«», Verlag und Redaktion.
L. Berlin, 28. März.
Unvergesien ist die starke und _ durchaus berötentc Wirkung, die das Buch des Negierungsrats Rudolf Martin über die russischen Finanzen sofort nach fernem Erscheinen (im Anauit 1905) machte. Aber wenn möglich, wird der Einfluß jener Schrift noch ubertrossen werden durcb ein neues Buch desselben Versahers, das demselben Gegenstände gilt, das aber vor der ersten Publikation dies voraus hat, daß sich rnzwrschen ürs meisten Vorhersacmruieu Marlins erfüllt haben, und so darf das neue Buch „Die Zukunft Rußlands" (^,mpz:g, Dicterichsche Verlagsbuchhandlung) gesteigerte Autorität beanspruchen. Nach den üblen Erfahrungen, die dw Regierung ini Herbste vorigen Jahres mrt ihrem Versuche der' Abschüttelung des Rcgierungsrats Martin machen mußte, steht wohl nicht zu erwarten, daß das damalige Unterfangen wiederholt werden wird. Am 3 September 1905 brachte die „N. A. Z." an der Spitze des Blattes eine Erklärung, hinter der nach allgemeiner Überzeugung der Reichskanzler stand und steht, und tu der es hieß: „Es ist selbstverständlich, daß die Regierung dem Buche, das auf Grund haltloser Voraussetzungen zu abenteuerlichen Prophezeiungen über das Schicksal Rußlands in den nächsten Jahrzehnten kommt, gänzlich ferm steht" Indessen, die Toten reiten schnell, und was erst „in den nächsten Jahrzehnten" eintreten sollte das ist schon in den nächsten Monaten eingetreten, so daß, wenn den Negierungsrat Martin ein Vorwurf trifft es höchstens dieser sein könnte, er habe noch lange nicht schwarz genug gesehen. Die Revolution, die er ankündigte, setzte unmittelbar nach dem Erscheinen seines Buches ern, und der russische Staatsbankerott vollzieht sich schon jetzt unter verschleierten Formen, für jeden Kundigen aber erkennbar. Wie gesagt, die „N. A. Z." wird wohl nicht wieder dazii bemüht werden, dem Verfasser eine Note zu erteilen, die nur von der Unkenntnis und der Leichtfertigkeit ihres Ausstellers zeugen würde. Wir glauben zu wissen, daß der Wind doch nmgeschlagen hat. Nach den gehäuften Unfreundlichkeiten, mit denen man neuer- dings in Petersburg die leider viel zu vielen deutschen Liebenswürdigkeiten beantwortet hat, steht es mit diesen Dingen anders als vorher. Das neue Buch von Rudolf Martin wird freilich keine Empfehlung weder durch angenehme noch durch tadelndcZensuren der Regre- rung brauchen, sondern es wird seine Wirkrrng tun, weil es mit dem Gewicht fachmännischer Einsicht, fachmänm- schcn Reichtums eine glühende Vaterlandsliebe der bindet die den Verfasser treibt, uns Deutsche vor dem unabsehbaren Schaden zu bewahren, der unseren Ersparnissen durch eine längere finanzielle Gemeinschaft imt &cm verkrachten Zarenreiche drohen würde. Martin hat alles Recht dazu, sich in der Vorrede seines Buches der nützlichen Beunuruhigung zu beruhmen, die fern erstes Buch in die deutsche Kapitalistenwelt getragen hatte. Wenn die Ereignisse ihm Recht gegeben haben, so hat andererseits auch er aus den Gang der Ereignisse einge- wirkt Wir verraten kein Geheimnis, wenn wir sagen, daß das Erscheinen des neuen Buches, das eigentlich erst nach mehreren Wochen herauskommen sollte, beschleunigt worden ist durch die Vorgänge der letzten Tage, durch die Bekanntgebung der Lambsdorffschen Note, die ihrerseits wieder vielleicht dann am richtigsten gewürdigt wird wenn man sie nur als einen Zwischenfall in einer längeren Reihe von Vorkommnissen zwischen Berlin und Petersburg betrachtet.
Wenn Rudolf Martin mit äußerster Bestimmtheit am Schluß seines Buches erklärt, der deutsche Anleihemarkt werde für Rußland fortan verschlossen bleiben, so wird er zweifellos genau wissen, was er tut; er wird seine sicheren Gründe für diese Vorhersage haben, deren man sich aus wirtschaftspolitischen wie aus politischen Rücksichten gleicherweise freuen kann. Möge das bedrängte Rußland sehen, wo es Geld bekommen kann, von uns jedenfalls wird es keine größere Summen mehr holen können. Nun werden die Franzosen ja nicht umhin können, wieder mit Seufzen in die Tasche zu greifen und die verlangte Milliarde herzugeben. Sie werden sich naturgemäß sichern und Garantien fordern, die ungefähr auf die Verpfändung von Staatseinkünften nach türkischem Muster hinauslausen. Insofern mag dies bevorstehende Sondergeschäft weniger riskant aussallen, als es die früheren Anleihen waren, deren Risiko viel- mehr erst jetzt gefährlich wird. Martin rechnet in seinem Buche, daß das russische Anleihebedürsnis nicht eine Milliarde Frank, sondern schon für das laufende Jahr 3 Milliarden Mark erfordern würde. Diese 3 Milliarden Mark setzen sich also zusammen: 1 Milliarde zur Deckung des Fehlbetrags im laufenden Etatsjahr (nach amtlichen russischen Mitteilungen beträgt dies Defizit 481 Mill. Rrwcl)' die zweite Milliarde wäre nötig, um im November'die 400 Millionen Rubel Schatzwechsel zurückzu Lablew. die nickst im Etat aujgefübrt werden hie
auf Grund des Gesetzes vom 9. Dezember 1905 mit einer Umlaufszeit von neun Monaten begeben worden sind. Die dritte Milliarde endlich müßte flüssig gemacht werden, um das Budget, ganz abgesehen von den ange- führten beiden Momenten, zu balancieren. In den Erläuterungen zum Budget wird gesagt, daß der Voranschlag nur unter der Voraussetzung normaler Verhältnisse zu gelten hätte. Rußland hat aber keine normalen Verhältnisse, sondern befindet sich im Zustande permanenter Revolution. Alles weitere ergibt sich von selbst. ■■
Deutsches Reich.
* Sonderbare Natioualliberale. Der „Fr. Z." wird aus Darmstadt geschrieben: Als ein Sozialpolitik er ganz besonderer Art entpuppte sich der natioualliberale Neichstagsabgeordnete Hagcmann, der dieser Tage im Interesse des nationalliberalen Reichstagsabgeordneten Dr. Stein dort eine Rede hielt. Als das Ideal des Verhältnisies zwischen Arbeitgeber und Arbeiter schwebte ihm die patriarchalische Form des Arbcitsver- hälttiisses aus seiner großväterlichen Fabrik vor, das u. a. durch gelegentliches Spenden von Kuchen aufrecht-' erhalten wurde: von dem dringenden Wunsche der Arbeiter auf Sicherung des Koakitionsrechtes scheint Herrn Hagcmann nichts bekannt zu sein. Die Heimarbeiter- Ausstellung in Berlin bezcichnete er als Mittel zu agitatorischer Hetze und die Beschäftigung der Kinder in der Heimarbeit erschien ihm als angenehme Unterhaltung. Bon dem günstigen Einfluß der neuen Handelsverträge auf die Hebung unserer Industrie hat er sich bereits hinreichend überzeugen können. Er tritt natürlich ein für die von der Stcncrkommission beschlossenen indirekten Stenern und Bcrkehrsabgaben. Eine Deszendentcn- Erbschaftssteuer lehnt er jedoch als Vcrmügcnskonfis- kativn ab, er sei nicht dafür zu haben, daß ein Familienvater sein Vermögen in die Reichskassc einwerfe, um daraus Faulenzer zn mästen." Der natioualliberale Rcichstagskandidat Dr. Stein erklärte, daß er die Anschauungen des Herrn Abg. Hagcmann in vollem Umfange zu seinen eigenen mache. Und mit einer derartigen „Sozialpolitik" glauben die Nationalliberalcn den Sozialdemokraten Stimmen abnehmcn zu können.
* Staatshülfe, für den ostmärkischcn Grundbesitz. An den maßgebenden Stellen der Regierung wird, nach einer offiziösen Mitteilung des „Bcrl. Lok.-Anz", erwogen, „wie man den fortgesetzten Versuchen der Polen, in den Ostmarken ihren Grundbesitz aus Kosten der Deutschen zu vermehren, anstatt durch Ankauf in schwachen Händen befindlichen deutschen Grundbesitzes durch Befestigung und wirtschaftliche Stärkung des letzteren cnt- gegcntreten könne." In erster Linie wird dabei an die Gewährung billigeren Kredits behufs wirksamer Entschuldung des deutschen Grundbesitzes gedacht. Hier wird also bestätigt, daß das Entschuldungsgesch in erster Linie auf den Osten berechnet ist. Die Verbindung nrit der „Ostmarkcnpolitik" ergibt sich dann ganz von selbst.
* Der polnische Kirchen-Boykott zeitigt in Berlin immer bedenklichere Erscheinungen. Gestern hat in der Pius-Kirche die erste Kommunion der Kinder stattgcsun- den. Da die Feier nur in deutscher Sprache stattfand und der Geistliche, Erzpriester Frank, es ablehnte, an die polnischen Kinder eine besondere polnische Ansprache zu halten, wurde die Feier von polnischer Seite boykottiert und man versuchte, die polnischen Kinder — cs kamen 36 in Betracht — von der Teilnahme abzuhalten. In der Tat ist es der polnischen Agitation gelungen, 33 Kinder zum Fernbleiben zn bewegen. Die anderen drei Kinder werden vom dortigen Polenblatte mit voller Namensnennung als „Wortbrüchige" und „Streikbrecher" bezeichnet.
* Der Zentralverband deutscher Handlnngsagcnteu» Vereine hat an die Justizminister sämtlicher deutschen Bundesstaaten eine Eingabe gerichtet mit der Bitte, die unterstellten Gerichte anweisen zu wollen: das Wort „Agent" in den Aktenrubris überhaupt nicht mehr an- zuwenden, vielmehr nur noch die korrekten Bezeichnungen Handlungsagent und Versicherungsagent, alle diejenigen aber, welche sich „Agenten" nennen, ohne zn diesen beiden Kategorien zn gehören, sofern es sich nicht um einen „Theateragenten" usw. handelt, als „Gelegenheitsagenten" zu bezeichnen, falls es mit Rücksicht auf die Umgangssprache als nicht zweckmäßig erscheinen sollte, das Wort „Agent" hier gänzlich außer Anwendung zu lassen. Im Anschluß daran hat der Zentralverband an die Presse die Bitte gerichtet, auch ihrerseits nach Möglichkeit dahin zu wirken, daß in den Vcrhand- lungsberichten der „Agent" nicht mehr erscheint.
* über die Vermittlnngstätigkeit der Arbeitsnach» weise im Februar d. I. äußert sich das „Rcichsarbeits- blatt" dahin, daß nach den von 642 Nachweisstellen an die Zentralstelle eingegangencn Berichten unter Berück- sichtigung der Jahreszeit die Lage im allgemeinen nicht nnaKnstig erscheint. Während u» Vergleich zum Februar
