s«. Jahrgang.
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Ms. 148. Verlag-Fernsprecher R». MÄ DsItM-pSlSg, 28.
RebaktianS^ernsprecher »r. SS. 1906,
Morgen- klusgabe.
_ 1. Astcrtt._
Wohnungsnot und Tuberkulose.
» Nach der Schätzung von Professor M. Gruber-
München gibt es im Reiche vielleicht 1^2 Millionen Tuberkulöse, von denen die 100 000 jährlich Sterbenden durch neue Erkrankungen wieder ergänzt werden. In 'unseren größeren Städten Hausen %—% der ganzen Bevölkerung in ein- und zweiräumigen Wohnungen, in Leipzig im" Jahre 1900 z. B. 77,6 Prozent, in Berlin 74,53 Prozent, in Königsberg 74,6 Prozent. Im Durchschnitt entfielen in diesen und ähnlichen Städten auf jede Wohnung mit einem heizbaren Zimmer ca. 3,5 'Köpfe. In München waren i. I. 1903 ca. 1600 dieser ^Kleinwohnungen übervölkert, 316 Wohnungen beherbergten in dem einen Raum sogar mehr als 6 Personen. Aus diesen beiden erschreckenden Tatsachen: Tuberkulosehäufigkeit und Wohnungsenge entspringt die Frage: Besteht zwischen ihnen ein ursächlicher Zusammenhang? Dr. Markuse-Mannheim hat dort die Wohnungsderhältnisse von 329 erwerbsunfähigen iTuberkulösen untersucht. In 21 Fällen war die Familie äuf einen einzigen Wohnraum angewiesen, in_ 121 Fällen aus 1 Zimmer und 1 Kammer. 101 von diesen 329 Tuberkulösen, also 31 Prozent, hatten kein Bett für sich allein. Sechsmal schliefen sie mit noch 2 Personen sn demselben Bette. Ganz ähnliches ergab sich in Berlin, Pforzheim usw. Bitterer Raummangel ist es, der diese Leute zwingt, die Lagerstätten zu teilen. Weiter ist bekannt, wie schon die Allgemcinsterblichkeit mit der Wohndichtigkeit zunimmt. Durch die Untersuchungen von Biggs, Wernicke, Romberg ist festgestellt, daß es wahre Tuberkulosehäuser gibt, wo die Bewohnerschaft
' durch die Krankheit dezimiert wird. Das ist erklärlich, denn es sind meistens jämmerliche Behausungen, von Bau wegen schlecht oder durch die Ubcrfüllung schlecht geworden. Für jedes erfolgreiche Vorgehen gegen den Würgeengel Tuberkulose sind peinlichste Ordnung und Reinlichkeit ganz unerläßliche Vorbedingungen. Sie sind gewöhnlich absolut unerreichbar, wenn es an der nötigen Geräumigkeit fehlt. Welche ungeheuere Schwierigkeiten stehen ihrer Durchführung im Wege bei eng gedrängtem Wohnen, wo man kaum weiß, wie man die einzelnen Möbel und Geräte stellen und aufbetvahren soll, bei Mangel an fließendem Wasser, an Ausgüssen, an Aborten, an Platz und Gelegenheit zum Bürsten, Klopsen, Waschen, Trocknen, Sonnen der Kleider, des Bettzeuges; in dunklen Räumen, wo man den Schmutz gar nicht sieht, in feuchten Räumen, wo die Wucherungen der Schimmelpilze die eben hergesiellte Sauberkeit binnen kurzem wieder vernichten, die Lust dauernd verpesten und so der Arbeit allen Erfolg nehmen. Wie kann Ordnung und Reinlichkeit aufrecht erhalten wer
den, wenn die Wohnung, das Zimmer geteilt werden müssen mit fremden Leuten. Wie soll unter solchen Verhältnissen gar die Einsammlung, Beseitigung und Desinfektion von ansteckenden Dingen gründlich durchgeführt werden, wo es unüberwindliche Schwierigkeiten machen kann, einen ruhigen Platz für die erforderlichen Sammelgefäße zu finden, die Geräte, Kleider, Wäsche der einzelnen Personen auseinander zu halten, wo es unmöglich ist, dem Kranken einen abgesonderten Raum, oft sogar unmöglich ist, ihm ein abgesondertes Lager bereit zu stellen! Das radikalste Mittel wäre Isolierung der Kranken! Das ist bei den Hunderttausenden von Mittellosen undurchführbar, und^ die darauf zielenden Wünsche der Menschenfreunde müssen einfach verstummen. stieben der bescheidenen Hoffnung, daß es Prof. Behring gelingen wird, uns die Wohltat einer Tuberkulose-Schutzimpfung zu schaffen, bleibt als einziges großzügiges Mittel nur das übrig, der Tuberkulose durch eine möglichst beschleunigte und radikale Wohnungsverbesserung entgegenzutreten, sollte das Reich zur Entlastung des Hausbesitzes hierfür auch erhebliche Mittel aufwenden müssen. Der Hinweis, die Tuberkulose sei ja nur eine „Armeleute-Krankheit", ist nicht ganz richtig. Jeder Tuberkulöse bedroht seine Mitmenschen ohne Ausnahme; in der heutigen Zeit des Verkehrs ist eine Schutzisolierung selbst dem Wohlhabendsten unmöglich. Die Tuberkulosebekämpfung ist eine Sache von reich und arm, eine nationale Sache. Mit Professor Gruber sind wir aus oben angesühtten Gründen der Ansicht, daß sie nur Hand in Hand mit der Wahnnngs- reform zum, wenn auch nicht ganz vollkommenen, Ziele gelangen kann. Alle Lungenheilstätten und Erholungshäuser bleiben am Ende machtlos, wenn die dort Gesundeten wieder zurückgestoßen werden in das frühere Wohnungselend, das sie in wenigen Monaten wieder verseucht.
Präsident Poofevelt.
11 . Washington, 17. März.
Die Persönlichkeit des Präsidenten Roosevelt ist in Europa, namentlich in Deutschland, in unnötiger Weise glorifiziert worden. Man hat über die Freude an der äußeren Erscheinung und dem sicheren, selbstbewußten Auftreten dieses Mannes ganz vergessen, daß Amerika das demokratischste aller demokratischen Länder ist, in dem auch das jeweilige Oberhaupt, mag es über noch so glänzende persönliche Eigenschaften verfügen, nicht mehr gilt, als wie es einem obersten Geschäftsführer des Staates zukommt: der Souverän ist das Volk selbst, das der Präsident ebenso zu respektieren hat wie der geringste Bürger. Vielleicht ist nun dem „Roughrider" Roosevelt das Lob, das ihm seit Jahren im ganzen Auslande zum Gaudium manches echten Jankee fortgesetzt gesungen wird, mit der Zeit etwas zu Kopfe gestiegen, so daß er glaubt, im freien Amerika ein wenig
Monarch und Diktator spielen zu können. Daraus läßt die Hartnäckigkeit schließen, womit er den Widerstand des Senats gegen die von ihm vorgeschlagene Regelung der Tarisfrage zu brechen sucht. Seine Starrköpfigkeit in dieser Angelegenheit führte ihn aber rasch in eine Sackgasse, wo er anscheinend jetzt nicht mehr ein und ans weiß. Er hat gewiß einen großen Teil der öffentlichem Meinung hinter sich, wenn er versucht, die Macht der Eisenbahnmagnaten zu brechen und der höheren Staatsgewalt gefügig zu machen; es stagt sich aber einmal, ob die amerikanischen Verkehrsverhältnisse für eine allgemeine staatliche Kontrolle wirklich schon reis sind und dann, ob nicht gerade das Ungestüm, das blinde Draufgängertum Roosevelts der Sache selbst mehr schadet als nützt. Über die Vorteile, die eine staatliche Regelung der Tarrssrage für das Volk mit sich bringen soll, herrschen in westen Kreisen der leicht erregbaren und mit ihren Vorstellungen immer rasch ins Maßlose ausschweifenden amerikanischen Nation stark übertriebene Begriffe. Viele Farmer im Westen glauben wirklich, daß, wenn Roosevells Gesetzesvorschlag durchgedrückt wird, Frachten- und Personentarife um die Hälfte sinken müssen. Verständige Leute sind dagegen der Ansicht, daß der Farmer gar keinen Nutzen aus einer Regelung der Tarife durch "den Staat haben kann, daß er dadurch in den Glauben versetzt werden muß, die Politiker, die er schon immer für alles Gute und Schlimme, was ihm widerfährt, verantwortlich zu machen pflegt, hätten ihn von neuem hintergangen, und daß er daun eine noch radikalere und geKhrirchere Gesetzgebung fordert, bis man zu einer völligen Mißachtung der Eigentumsrechte gelangt ist. Dies ist der wahre Grund, weshalb die meisten Senatoren gegen des Präsidenten radikale Gesetzgebung Front machen. Roosevelt hat es nun sttikte abgelehnt, auf irgend welche Kompromitzvorschläge der „konservativen" republikanischen Senatoren einzugehen. Dadurch ist er derselben Partei gegenüber, der er seine Präsidentschaft verdankt, in eine schiefe Stellung geraten. Die führenden Männer der republikanischen Gruppe im Seiiät.' darimtctt Knox, Roosevelts ehemaliger Berater in Rechtsangelegenheiten, auf den er immer große Stücke hielt, Lob ge, sein intimster persönlicher und politischer Freund, Aldrich, Hake, Crane und andere, die zu seinen besten Beratern im letzten Parteikampfe gehörten, befinden sich nun in einer gegnerischen Stellung zu dem Präsidenten und erklären, daß sie keinem Gesetz ihre Zustimmung geben würden, das die. Rechte des privaten Eigentums nicht völlig sicher stellte Infolgedessen hat Roosevelt seine Sache in die Hände von Republikanern von geringerer Bedeutung und die der Demokraten legen müssen. Der Mann, der heute in erster Linie den Präsidenten im Senat vertritt, ist derselbe Senator Tillmann, der ihn in den Wahlkämpfen wie kein zwester verunglimpfte und vor versammeltem Volk lächerlich zu machen wußte. In Amerika wird nämlich der Präsident im Parlament nicht durch eine bestimmte Persönlichkeit vertreten, sondern durch
Feuilleton.
Gm Interview mit Mark Twain.
Mark Twain, dem man einen Reichtum an ingeniösen Ideen nicht absprcchen wird, und der z. V. die Gunst seiner Unterschrift nur für den Nachweis des Kaufes eines oder mehrerer seiner Bücher erteilt, hat eine ganz vorzügliche Methode erfunden, um nun als Siebzigjähriger die Mühen der vielen Interviews mit möglichst geringem Kraftaufwand zu überstehen: er empfängt die Besucher im Bett, raucht dazu gemütlich seine Zigarre, schlürft seinen „Vichy" und plaudert, während er sich behaglich in die Kissen znrücklehnt. Diese neue Form des Interviews ist für beide Teile gleich vorteilhaft. Der Besucher hat nicht immer das unangenehme Gefühl, sein Opfer durch eine längere Inanspruchnahme zu ermüden, und der Ausgcfragtc selbst kann viel leichter das Ende der Unterhaltung herberführen, indem er einfach den Kopf in die Kiffen zurücklehnt oder die Augen zumacht.
Der Vertreter einer englischen Wochenschrift hatte oor wenigen Wochen eine solche Unterredung mit dem großen Humoristen, der sich immer noch kräftig und munter fühlt und seine gute Laune nicht eingebützt hat. Schon früh um zehn fand er sich ein und wurde sogleich nach dem Schlafzimmer von Mr. Clemens geführt, der ihn mit einem lauten „Herein" eintreten ließ. Mark /Twain saß aufrecht im Bette da, das weiße Haupt gegen ein weißes Kissen gelehnt, eine dicke Zigarre im Munde und las seine Morgenzeitung. Wie wenn es etwas Selbstverständliches wäre, entschuldigte er sich nicht erst, daß er >ihn im Bett empfinge, sondern legte die Zeitung weg, gab dem Eiuttctenüen die Hand, nahm dann eine Zigarre von dem neben ihm stehenden Tisch, reichte sie dem Be- ^strcher hin »ud sagt«, er solle fich's recht bequem macken.
Dann begann er über allerlei in seiner lieb'enswllr- bigcn und unermüdlichen Art zu plaudern: das Gespräch kam auch bald auf das von den Amerikanern so gern behandelte Thema, daß die Engländer eigentlich keinen Sinn für Humor Hütten. Dem widersprach Mark Twain: „Jedes Land hat seine besondere Art des Witzes", sagte er, „und um sie recht zu verstehen, mutz man in dem Lande geboren sein oder sich tief in das Gemüt der Bewohner eingelebt haben. So meinen wir zuerst, die Lappländer wären ein ernstes, mürrisches und feierliches Volk, aber auch sie haben ihre bestimmten Scherze, und wenn sie ihr Öl trinken, kommen sie aus dem Lachen nicht heraus. Überall gibt's mißvergnügte Leute, die keinen Humor leiden wollen, aber überall gibt cs auch Freunde des Lachens und des Witzes. Manchen freilich erscheint auch das Lustigste ernsthaft: so habe ich erst neulich einen Brief von einem Irländer bekommen, in dem er mir schrieb, daß er alle meine Bücher von A bis Z gelesen habe und daß sie die ernsthaftesten Schriften scten, die ihm je begegnet wären. Ich habe während meiner Ansprachen in London und während meines Aufenthaltes in England mich nicht über den Mangel an Humor bei den Briten beklagen können. Die Leute lachten schon immer, bevor ich zu reden anfing, und wenn ich dann auf das Podium kam und sie in einer feierlichen Weise anvlickte, dann verdoppelte sich ihre Heiterkeit. Die Engländer haben geradezu eine Gabe, den Witz schon vorauszunehmen und dem Humoristen auf halbem Wege entgcgenzukommen. Freilich, diese Art ihres Temperamentes kann auch einem Redner gefährlich werden. So erinnere ich mich an eine Geschichte, wie einmal an Stelle eines Humoristen, der einen Vortrag halten sollte und nicht erscheinen konnte, ein Prediger einen Vortrag über die Gefahren des Alkohols hielt. Das Publikum muß wohl — vielleicht war das ein Scherz — von der
Veränderung nicht unterrichtet worden sein, denn alS der gute Mann aufs Podium kam und verkündete, daß seine Rede den „Fluch des Schnapses" zum Inhalt haben würde, da brachen alle Anwesenden in ein schallendes Gelächter aus. Und in je brennenderen Farben und mit je düsterem Ingrimm der Redner sein Thema öurch- sührte, um so größer wurde die Heiterkeit, um so lauter erschollen die Lachsalven, bis der erstaunte Geistliche schließlich mit einem Schlag sein Buch zuklappte und wütend fortging. Ich glaube kaum, daß der Humorist so viel Lustigkeit erregt haben würde, als sein Stellvertreter ohne seinen Willen entfeffelte."
Mark Twain verbreitete sich dann über die vielen Legenden, die von ihm erzählt würden, beklagte sich über die abenteuerliche Art, in der man z. B. seine Unterredung mit König Eduard schildere. So solle er zu dem Könige gesagt haben, als er ihm vorgestellt worden sei, sie Hütten sich schon einmal getroffen: der König wäre an der Spitze eines Festzuges und er auf dem Deck eines Omnibusses gewesen. Aber er könne selbst beim besten Willen nicht mehr angebcn, was er mit König Eduard gesprochen hätte: denn ihr Gespräch sei in einer ganz natürlichen und ziemlich belanglosen Form verlaufen.
„Wenn man so bekannt ist wie ich", plauderte Twain weiter, „dann passieren einem manchmal drollige Geschichten. Fuhr ich einmal mit einem älteren Herrn und einem kleinen Mädchen zusammen im Omnibus. Das kleine Mädchen war sehr niedlich, und da ich Kinder liebe, so beschäftigte ich mich etwas mit ihm. Auf einmal tritt der Herr, nachdem er mich lange Zeit angesehen hat. aus mich z» und sagt zögernd: „Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich Sic belästige, aber gestatten Sie mir die Frage: Sind Sie schon jemals urtt Mark Twain verwechselt worden?" Ich mutz wohl sehr erstaunt auSge- sehen haben, aber ich antwortete völlig der Wahrheit ge-
