M. Jahrgang.
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Morgen - Ausgabe.
1. Wkertt._
Zum Schuh der Hemrardetter.
Die Bestrebungen zugunsten der deutschen Heimarbeiter haben durch die Heimarbeitsausstellung rn Berlin eine mächtige Förderung erfahren. Es war ein sehr glücklicher Gedanke gewesen, dem Berliner Publikum die Erzeugnisse der Hausindustrie selbst vor die Rügen zu führen mit einer genauen Beschreibung der Preise und der Verhältnisse, unter denen, sie hergestelll werden. Fast von Tag zu Tag wuchs der Besuchs An- gehörige der besten Gesellschaftskreise, Damen, die sich keinen Hut unter 30 oder 50 M. kaufen, hatten hier Veranlassung, zil staunen über Hüte, die nur ein paar Pfennige Arbeitslohn kosten. Gesättigte Existenzen, die sonst über die ewig unzufriedenen Arbeitermasten räfonieren, erkannten, daß es noch haufenweife Arbeiter und Arbeiterinnen gibt, die für 5 —-7 Psenmg ^ die Stunde sich abrackern müssen. Namentlich der Besuch der Kaiserin hat eine große Bedeutung gehabt. Sre ist eine Dame, die für kirchlich-soziale Hülsstätigkert bisher schon sehr empfänglich gewesen ist. Von dem in ber ^ 011 ?= industrie vorhandenen Elend hat sie bisher kerne Ahnung gehabt Sie hat bei dem Besuch der Ausstellung ein- mal über das andere Mal die Hände über dem Kops zusammengeschlagen und schließlich versprochen, sich der Sache anzunehmen. Das hat sie denn auch getan. Sie hat ihrem Gemahl Wohl manches Privatissimum gelesen, so daß schließlich der Kronrat zusammeutrat, ein sehr seltenes Ereignis, und u. a. sich mit Vorschlägen zur Besserung der Lage der Heimarbeiter befaßte.
Auch im Reichstag ist aus Anlaß der Ausstellung über den Aeimarbeitcrschutz verhandelt worden. Eine ganze Flut 'von Artikeln und Reformvorschlägen hat sich über die Zeitungen und Zeitschriften ergossen. Aber viel Brauchbares ist eigentlich kaum zutage gefordert worden. Zweifellos ist die Sache ungemein schwierig, den Hebel bei der Hausindustrie einzusetzen.
Man rechnet in Deutschland heute etwa 600 000 Heimarbeiter Die Heimarbeit nimmt ab und nimint zu, je nach den Verhältnissen. In mancher Gegend, wo eS früher nur Hausindustrie $ob, £)Cit bte Maschine ihren Einzug gehalten. Namentlich ist die Eisenbahn hierfür sehr förderlich gewesen. Sie hat auf maiicher Strecke im Thüringer Walde und im Erzgebirge die Anlage von Fabriken ermöglicht. Aber viele Waren spotten vorläufig noch der maschinellen Bearbeitung. Auch die Handbearbeitung in Werkstätten ist für sie nur terl- weise geeignet. Andererseits hat in manchen Erwcrbs-
zweigen die strenge Handhabung des Arbeiterschutzes dre Fabrikanten verleitet, so viel als möglich Arbeiten au^,er dem Haus zu geben. In der Zigarrenindustrie und rn der Wäschekonfektion zeigt sich z. B. etwas dem Ähnliches. Gerade aus dem letzteren Grunde rst deshalb eine strengere Kontrolle und ein verstärkter Schutz der Hausindustrie blntnötrg. .
Was am einfachsten und leichtesten durchzusuhren rst, ist die Krankenversicherung der Heimarbeiter. Schon seit Jahren arbeitet man auch daran. Graf Posadowsky hat auch jüngst im Reichstag erklärt, daß ein diesbezüglicher Entwurf schon fertig ist und dem Bundesrat vorliegt. Aber bei dem lanasamen Tempo aus sozralpolrtr- schem Gebiete muß man sich leider gefaßt machen, daß es noch länger dauert, bis der erste Heimarbeiter das Krankengeld ausgezahlt erhält. Doch halt! Wir wollen nicht ungerecht sein. In einzelnen Gemeinden, wre z. B. in Berlin, gehören schon heute die Hcmsindustrrellen der Gemeindekrankenversicherung an. In ähnlicher Wetze wie in die Krankenversicherung müßte man die Herrn- arbeiter in die Unfall- und Jnvaliditätspersicherung ebenfalls einbeziehen. Denn was den Fabrikarbeftern recht ist, ist den Heimarbeitern billig.
Sodann hat man vorgeschlagen, die Fabrikarsten und Verleger gesetzlich zu veranlassen, Listen zu führen über die Hausindustriellen und genau die Löhne und den Verdienst der Arbeiter zu registrieren. Solche Lrsten sollen den staatlichen Behörden eine genaue Kontrolle ermöglichen. Doch ist dieses Listensystem nrcht ganz leicht'durchführbar. Denn der Fabrikant verhandelt häufig nur mit Zwischenmeistern. Er kennt dessen Arbeiter gar nicht, man muß daher auch den Zwrschen- meistern den Registrierzwang auferlegen. Kann der auch mancherlei verheimlichen, so wird doch eine scharfe Kontrolle die Hauvtsache erfahren. t v
Die Kontrolle müßte geübt werden durch besondere Inspektoren, die auch zugleich die Wohnungen der Herm- arbciter zu beaufsichtigen hätten. Freilich wird mit dieser Forderung ein gewaltiges Problem aufgerollt. Die Frage der Wohnungsinspektion ist schon von andern Gesichtspunkten angeschnitten worden. Wir haben bereitst in Deutschland hier und da einen Wohnungs-Inspektor in einem Bezirk oder in einer Stadt. Die Wohnungsftaoe wird ja bei uns immer brennender rn den Großstädten und in den Jndustriebczirken. Aber vorläufig ist noch die öffentliche Meinung gegenüber den polizeilichen Eingriffen in das Heiligtum der Wohnung — da wenigstens die preußische Polizei nicht in dem Rufe besonderen Taktes steht — recht mrßtrmrrsch. Freilich bei Hausindustriellen hat sa die Wohnungsrnspek- tion nicht" nur den Wert, daß sie auf eine gesunde und geräumige Wohnung für den Mieter drangen will, sondern sie will vor allem dafür sorgen, daß dre Waren
unter gesunden Bedingungen hergestellt werden. Daran hat das Volk ein ungemeines Interesse. Die Gefahr« daß durch hausindustrielle Artikel Krankheiten über- tragen werden, ist außerordentlich groß. Wer drS Wohnungen mancher Zigarrenarbeiter gesehen hat, wo kranke Kinder ans den Tabaksblättern herumlrcgen oder der Auswurf lungenkranker Leute die Zimmer füllt, hat schon häufig die Lust am Rauchen verloren. In dev. Nahrungsmittelbranche ist die Gefahr noch größer« Aber auch bei Spielwaren, Kleidungsstücken usw. werden sehr leicht Krankheiten übertragen. In England hat. der Kampf gegen die Hausindustrie und das Schwitzsystem diesen Punkt in den Vordergrund gestellt. Als seinerzeit auf einem Kongreß der Trade-Urrions mitgeteilt wurde, daß der Anzug eines soeben verstorbenen Menschen von einem kranken Schneider hergestellt worden war, ging eine große Aufregung durch das ganze Volk, die geschickt von den dortigen Christlich-Sozialen ausgenutzt wurde. Auch in Amerika hat man das Inter« esse der Käufer an den Verhältnissen, unter denen dre Waren hergestellt werden, zu wecken verstanden. In New York hat die Käufer-Bewegung die Hausindustrie in der Konfektion fast vollständig beseitigt.
In Deutschland ist die Lust und Fähigkeit zur Selbst« hülfe weniger ansgebildet. Vor entlichen Jahren singen die Frauen bürgerlicher Kreise an, in den Geschäften Sitzgelegenheit für die weiblichen Angestellten zu der« langen. Trotz großer Anstrengungen ist damit ein durchschlagender Erfolg nicht erzielt worden. So ist auch nicht anzunehmen, daß die jetzige Berliner Ausstellung« die, wie es scheint, in andern Städten wiederholt werden wird, das Publikum davon abhalten wird, immer nach den billigsten Waren zu greifen, an denen zu deutlich das. Blut und der Schweiß der Arbeiterinnen klebt. Ja, wrr. sind so pessimistisch, daß wir nicht einmal glauben, daß die Schmutzkonkurrenz von Töchtern wohlhabender Kreise, die zum Zeitvertreib oder um ein Taschengeld zu verdienen, für Geschäfte arbeiten, irgendwie Nachlassen wird. Dazu geht das soziale Bewußtsein dieser Schichten viel zu Wenig in die Tiefe.
Der Heimarbeiterschntzkongreß, der vor 2 Jahren rn. Berlin stattsand und dem auch die jetzige Ausstellung ihre Anregung verdankt, hat eine ganze Anzahl programmatischer Forderungen ausgestellt. Man hat damals urster verschiedenen Klauseln auch Minimallöhnt gefordert. Wie wohl damals selbst bedeutende National- ökonomen dafür eintraten, so war der Punkt doch sehr, bestritten. Denn der Fabrikant, der keine Minimallöhne zahlen kann, müßte einfach aushören. In vielen Fällen wäre das sicher kein Schaden, denn eine Industrie, die die Arbeiter schädigt, mag ruhig zum Teufel gehen« Wir haben kein Interesse daran, mit dem Blut unserer Thüringer Bevölkerung den Amerikanern billiges
Feuilleton.
(Nachdruck wrtrtnt)
wahlfreber in England.
London, im März 1906.
Die Parlament-Wahlen halten in diesem Augenblick einmal wieder ganz England in Aufregung. Es wird ja auch anderswo gewählt und auch dort spielen sich aufregende Szenen und selbst Krawalle ab, aber wohl nirgends greifen diese Vorgänge unter so allgemeiner Teilnahme in alle Schichten der Bevölkerung ein wie in England. Anderswo macht man die Sache doch in einem Tage ab. Nicht so hier. In England dauert eine solche Wahl — von den Vorbereitungen und den Nachwehen gar nicht zu reden — mehrere Wochen lang. Warum? — So war es einmal von alters her. Ist das in dem Lande, das in vielen Beziehungen die modernsten Anschauungen aufweist, aber diese immer in die alther- gcbracßten Formen kleidet, nicht Grund genug, es auch hinfüro so zu lassen? Friiher hatte diese Anordnung euren gewissen Sinn. Denn die britische Konstitution bestand ja bereits zu einer Zeit, wo cs selbst mit dem Postkntschen-Verkehr noch recht trübselig bestellt war. Da ließ man denn den Wahlvorstehern zur Anberaumung des Wahltages innerhalb einer gewissen Frist ganz freie Hand. Heute aber ist diese Einrichtung völlig hinfällig geworden, und ich glaube fast, sie wird nur noch auftecht erhalten, damit sich die guten Leute dieses Landes den aufregenden Sport der Wahlen — das „Hangen unö Bangen" und wieder das „Wetten und Wagen", zumal den nationalen Hochgcnutz des „Westens" — in vollerem Maße bereiten können. Heute hier ein Sieg, morgen dort eine Niederlage, das schwankt und wankt und stürmt nnd siegt oder — unterst egt. Und das sollte man nun alles cncs einen Tag znsammendrängenl Das tut kein Feinschmecker in solchen Dingen!
Selbst in London finden die Wahlen nicht alle an ein nnd demselben Tage statt, sondern heute in diesem, morgen in jenem Distrikte, und Tage lang zuvor sind
ganze Straßen mit allerart Plakaten, Flaggen, In
schriften und Illustrationen geschmückt, die den einen Kandidaten in den Himmel heben und dem anderen einen viel wärmeren Platz in Aussicht stellen. Nur über ihre Farben haben sich die einzelnen Parteien immer noch nicht geeinigt. Im allgemeinen war die Farbe der Konservativen wohl blau — „ferne blue" , nachdem sie aber die gelbe Lieblingsblume des Earl of Veacons- field, die Primel, zur Blume des Konservatismus erkoren, sind auch ihre Plakate bei den Parlamentswahlen vielfach gelb, und umgekehrt diejenigen der Liberalen auch wohl blau oder auch rot, oder was sonst recht in die Augen springt, so daß, was in einem Distrikte liberal bedeutet, an der nächsten Straßenecke schon wieder konservativ heißen kann. Die auffallendsten Bildnisse, die markigsten Parteisprüche werden auch durch die Straßen getragen, Roß und Wagen werden damit behängt, und wo sie sich sonst nur anbringen lassen, kann man sie gewahren. Was schadet cs, daß es häufig nichts weniger als eine Zierde ist, so lange eS nur in die Augen fällt.
Alles das wird aus Kosten der Herren Kandidaten in Szene gesetzt. Vis vor wenigen Jahren ließen sich auch zahlreiche Wähler aus deren Kosten nach dem Wahllokale fahren, zu welchem Zweck dieser Hunderte von Wagen und Wägelchen aller Art zu mieten hatte. Das Mieten ist allerdings heute gesetzwidrig; allein der Opferwilligkeit wohlhabender Parteigenossen läßt sich nicht so leicht eine Schranke setzen. Gar viele unter ihnen halten es für ihre Parteipflicht, dem Kandidaten ihrer Partei ihre Wagen zur Verfügung zn stellen, so daß noch heute kein britischer Wähler, der nicht gern zu Fuß geht, eines Wagens ermangeln wird, der ihn an die Wahlurne bringt. Für einen besonders guten Witz gilt cs dann natürlich bei einer gewissen Klasse von Leuten, im Wagen des Gegenkandidaten sich hinfahren zu lassen, für den eigenen aber die Stimme abzugeben.
Sobald das Ergebnis der Wahl in einem Bezirk bekannt geworden ist, fährt der neue Abgeordnete gewöhnlich im Triumph durch seinen Wahlkreis. Daß ihm bei solcher Gelegenheit die Pferde vor dein Wagen aus- gespannt werden und seine enthusiastischen Verehrer im
Siegcsjubel sich selbst davor spannen, ist ebenso an der Tagesordnung, wie cs mit mancherlei Gefahr verknüpft ist. Sv geschah eS jüngst in einem Distrikt, daß sich einem solchen Triumphzuge plötzlich ein Häuslein anscheinend höchst parteieisriger Männer zugcselltc, die sich als so zuglustig erwiesen, daß sie die Leitung des Wagens als« bald allein in die Hände bekamen, ebenso bald aber diesen auch in ein nahe gelegenes, nicht eben sauberes. Gewässer dirigierten und hier den neugebackenen M. P. seinem Ruhme überließen.
Nirgends ist man vor diesem Jahrmarktstreiben sicher. Zuweilen ginge man demselben ja gern aus dem Wege. Aber wohin soll man sich wenden!
Ach, Mrs. Robinson hat ja heute ihr at üoms, eine literarische Dame, deren äramäns-roora längst einen gewissen Nus als Pflegestätte der Literatur und Kunst erlangt hat. Wie wird cs dort heute aussehcnl Am Eingang springen mir schon die Kinder des Hauses ent« gegen.
„Was sind Sie?" ruft meine kleine, kaum neunjährige Freundin mir stürmisch zu. Ich blickte sie verwundert an nnd küßte sie, dem englischen Brauche gemäß, auf die frische Wange. „Sagen Sie schnell, was Sie sind!" fuhr nunmehr Bruder Bob ungeduldig fort« „Ja, was sind Sie?" wiederholte nun auch die erwachsene Schwester, die inzwischen herzugctretcn. Ich sah wieder verdutzt drein nnd konnte nur bedauern, daß der eben erwähnte nationale Brauch nicht elastischere Grenzen hatte. „Was sind Sic?" riefen jetzt alle drei wie auS einem Munde, „liberal oder konservativ?" „Aber Sie tragen ja nicht einmal ein Abzeichen!" nahm nun die. kleine Neunjährige wieder das Wort. „Mama und ich sind liberal, und Papa und Bob sind konservativ."
Indem wurde ich ins ärarving-roora geführt. Einen Hafen der Kunst nnd Wissenschaft hatte ich hier zu finden gehofft, aber „wie die Jungen, so die Alten" — könnte ich sagen, wenn mir Mrs. Robinson das je verzeihen würde: Die Wahlen — ihr bisheriges Ergebnis und was noch alles sich daraus entwickeln werbe, waren auch hier der allgcnreine Gcsprächsgegenstand. Wie schon in alten Zeiten englische Damen ein reges Interesse nah-
