Einzelbild herunterladen
 

M. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-PreiSr durch den Verlag so Pfg. monatlich, durch die Post S Mt. SO Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgafse 27. ^ -

22MOO Abonnentem

Unzeigen-PreiSr

Dir einspaltige Petitzeile für lokale Anzeige« 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — "Reklamen die Petitzeile für Wiesbaden SS Pfg„ für auswärts 1 Mk.

Anzeigen - Annahme

für die Abend.Ausgabe bi» 12 Uhr mittag«, für die Marge».AuSgab« bi« 3 Uhr nachmittag«. - Für die Aufnahme später eingereichter Auzeigcn zur nächst, erscheinenden Ausgabe, wie für die Anzeigen-Aufnahme an beftnnmt vorgefchriebencn Tagen wird keine Gewähr übernommen, icdoch nach Moglutzkett Sorge getragen.

Uo. 144.

verlag»Her»i»recher »». 29U.

Dienstag, den 27. Marz.

Redaktionö.Fernsprecher No. SS. 1906.

Morgen ° Ausgabe.

^__ 1. jSCaff. _

Parimnenlarlfthe CharaKlerdrlder.

Dr. Pansche.

Es ist bei uns nicht Sitte, Abgeordneten Beinamen zu geben. Wenigstens nur in Ausnahmefällen. Bei Herrn Paasche hat man aber schon verschiedene passende Titulaturen gebraucht. Man nannte ihn den „Zucker- Paasche", den „heiligen Paasche". Man könnte ihn jetzt auch den „Kolonial - Paasche" nennen. „Zucker- Paasche" nannte man ihn, weil er seinerzeit hauptsächlich unsere Zuckerbesteuerung auf dem Gewissen hatte. Herr Paasche hatte sich vor Jahren gerade auf die Zuckerpoli­tik geworfen. Er hat damals im Auftrag des Reichs sogar eine besondere Studienreise nach Kuba ge­macht, um zu sehen, wie rasch die Amerikaner dort mit der Rohrzuckerproduktion unserem Rüben­zucker Konkurrenz machen könnten. Er hat mit seiner Zuckersteuerpolitik nicht gerade Glück gehabt, sondern uns damit eigentlich immer mehr in die Tinte geritten, weil die Ausfuhrprämien, die er be­förderte, nur dazu dienten, den Engländern billigen Zucker zu liefern. Erst die Brüsseler Internationale Konferenz hat uns von dieser unglücklichen Zuckerpoli­tik befreit. Dadurch sind die Ausfuhrprämien gefallen, die Zuckersteuer wurde herabgesetzt und seither haben wir billigen Zucker.

Dann hat sich Herr Paasche die Ehre des „heiligen Paasche" verdient. Kein Mensch hatte früher eine Ahnung, daß Herr Paasche mit dem lieben Gott auf besonders vertrautem Fuße stand. Seine Frömmigkeit trat auch nicht selbstlos aus, sondern er benutzte sie, wie das so häufig in den sogenannten besseren Kreisen ge­schieht, als Aushängeschild im Kampfe gegen die Sozial­demokratie. Man will das Volk fromm machen, um ihm Zügel anzulegen. Paasche sagte damals: „die wachsende Irreligiosität ist dadurch bedingt, daß von der Sozial­demokratie in wachsendem Maße das Volk aufgeregt wird, daß der Glaube an den allmächtigen Gott, der Glaube an die alleinseligmachende Kirche immer mehr untergraben wird." Im Stenogramm stand allerdings nur zu lesen von der beseligenden Macht der Kirche. Aber auch das genügte schon. Paasche richtete dann noch einen Appell an die Männer, „daß sie ihren Kin- dern die Hände falten und sie voll Glauben zu dem Herrn emporblicken lehren, der ihnen helfen kann aus aller Not." Das Zentrum jubelte über den bekehrten

Sünder. Auf der Linken glaubte man, Herr Paasche müsse in seiner Jugend mancherlei verbrochen haben, daß er im Alter noch fromm werden wolle. Jedenfalls hielt es einer seiner Parteigenossen für angebracht, im Namen eines großen Teils seiner Fraktion von Herrn Paasche im Punkte der Frömmigkeit abzurücken.

Neuerdings ist Herr Paasche „Kolonial-Paasche" ge­worden. Er hat einen Sohn in Ostafrika bei der Schutz­truppe, ist selbst in Ostafrika gewesen und hat seitdem mancherlei Vorträge über die kolonialen Fragen gehal­ten. Er hat sich dabei in dem Sinne ausgesprochen, daß er zwar mancherlei Fehler zugegeben hat, — namentlich in seinen Vorträgen — aber im Reichstag hat er sich doch stets so geäußert, daß er den Anschluß an die Re­gierungspolitik nicht außer acht gelassen hat. Er ist jetzt ständiger Referent der Kommission bei den Kolo­nialetats und gibt stets seinen Sens in einer Weife zu, den Debatten, daß es aussieht, als gebe er das Schluß- ■ urteil.

Es ist bei uns leider nicht üblich, daß die höchsten Staatsbeamten aus den Kreisen der Abgeordneten ge­nommen werden, wie das in anderen modernen Staaten, z. B. England, Frankreich, Italien, geschieht. Nur ge­ringe Ausnahmen davon hat es gegeben. So wurde der natwnalliberale Abgeordnete Möller Handelsminister und der konservative Abgeordnete v. Buschka Kolonial­direktor. Auch von Herrn Paasche heißt es, daß er augenblicklich aus ein hohes Kolonialämt spekuliere, nämlich auf den Posten eines Untenstaatssekretärs. Allerdings, wenn v. Hohenlohe diesen Posten annimmt, hat Herr Paasche wieder einmal vorbeispekuliert. Viel­leicht wirst er sich dann auf eine andere Spezialität.

Herr Paasche ist zweifellos ein begabter Mensch. Vor allem ein guter Redner. Die Reden fliehen ihm herunter schneller als ein Wasserfall. Die längsten und schwierigsten hält er fast ohne jedes Konzept, ja fast ohne Notizen. Wenn er zu reden anfängt, herrscht auf der Journalistentribüne allgemeine Unruhe. Seiner Zungen­fertigkeit ist auch der schnellste Stenograph nicht ge­wachsen. Auch sind seine Reden nicht schlecht. Er weiß immer etwas zu sagen, wenn er sich eS auch oft zu leicht macht und häufig zu monoton wird.

Herr Paasche ist außerdem Professor der National­ökonomie an der technischen Hochschule in Charlotten­burg. Er ist ein wohlhabender Herr, mehrfacher Haus­besitzer. Durch den Vorschlag der nationalliberalen Partei ist er zum Vizepräsidenten des Reichstag auf­gestiegen und hat sich auch in diesem Amt eine gewisse Gewandtheit angeeignet. Er hat seine parlamentarische Laufbahn ziemlich links begonnen. 1881 wurde er als Mitglied der Sezession (etwa gleich freisinnige Ver­

einigung) in Mecklenburg-Schwerin gewählt. Heute steht er auf dem rechten Fliigel der nationalliberalcn Partei. Er ist sogar schon vom Bund der Landwirte auf den Schild erhoben worden. Herr Paasche macht auch in auswärtiger Politik. In Kreuznach hielt er vor etwa Jahresfrist eine Aufsehen erregende Rede, worin er von einem Kriege sprach, der uns mit England gedroht hätte. Später mutzte er diese Bemerkung ein­schränken. Kürzlich stieß er auch den holländischen Kolonialbeamten vor den Kopf, was er ebenfalls zurück­nehmen mußte. Übermäßig vorsichtig ist unser Vize­präsident also nicht. Trotzdem kann er es, da er erst 55 Jahre alt ist, sicher noch zu etwas bringen. '

Politische Übersicht.

Die Regelung der Heimarbeit.

Die Regelung der Heimarbeit, die durch die Berliner Heimarbcitsausstellung einen machtvollen Anstoß er­halten hat, beginnt mehr und mehr in Fluß zu kommen. Nachdem im bayerischen Neichsrat Prinz Ludwig von Bayern energisch für einen Antrag, der Erhebungen über die bayerische Hausindustrie verlangte, eingetreten war, nachdem im HeMschen Landtage der Minister des Innern, Braun, die Notwendigkeit einer baldigen durch­greifenden Gesetzgebung zum Schirtzc der Heinrarbeiter anerkannt hat, ist nunmehr im Reichstage von fast sämt­lichen Parteien, dem Zentrum, den NationaUtberalen, den Demtschkonfervativen, der ReichApartet, der frei- simrigen Bereinigung, den Polen und Elsaß-Lothringern ein Antrag an die verbündeten Regierungen gerichtet worden, dem Reichstage möglichst bald einen Gesetz­entwurf zur Regelung der Arbeitsverhältnisse in dev Heimindustrie vorzulegen. Der Gesetzentwurf soll mög­lichst folgende Gesichtspunkte berücksichtigen: Verpflich­tung der Gewerbetreibenden, die Heimarbeiter beschäf­tigen, zur Führung eines Verzeichnisses aller von ihnen in Heimarbett beschäftigten Personen und Mitteilung an die Polizeibehörden, Einführung von Lohnbüchern für die Heimarbeit, Unterstellung unter die Gewerbe- anfstcht, wozu namentlich weibliche Aufsichtsbeamte her- anznziehen sind, ausgedehnter Schutz für jugendliche Personen und Arbeiterinnen, insbesondere Verbot der Nachtarbeit, Verbot der MUgabe von Fabrikarveit nach Hause. Der BnndeSrat bezw. die Landeszentralvehörüen sollen befugt sein, zum Schutze der Gesundheit der Kon­sumenten wie der Beschäftigten besondere Vorschriften über die Arbcttsräume zu erlassen, es soll ihnen ferner das Recht zugestanüen werden, für solche Gewerbe, in welchen durch übermäßig lange Dauer der Arbeitszeit

FemUetorr.

(Nachdruck »erbotwz

St. Petersburger Brief.

(Bon unserem Korrespondenten.)

Meine Petersburger Plaudcrbriefe sollen sich eigent­lich von der Politik fernhaltcn, aber dies schlechthin üurchzuführen, ist heute unmöglich geworden. Welche Erscheinung des öffentlichen Lebens wir auch anrühren, in jede Ritze derselben ist das Gift der Politik gedrungen, ein böses Gift, welches die namenlose Gereiztheit und Erbitterung eines ganzen Volkes täglich hervorbringt.

Alles in Rußland ist heute in Fluß, und einer will oder kann den anderen nicht mehr verstehen. In schweren Geburtswehen zieht eine neue Zeit herauf, begleitet von einer Freiheit der Presse, wie sie manches andere Land, z. B. Österreich-Ungarn, noch heute nicht hat. Wenn die Presse nicht geradezu zum bewaffneten Aufstand, zum Sturz der Monarchie aufruft, so kann sie wenigstens in den Residenzen alles sagen. Das zu begreifen, fällt un­seren Bureankraten, den hohen wie den niedrigen, aber außerordentlich schwer. Sie fahren fort, zu leben, als hätte sich in Rußland nichts geändert, d. h. sie greifen in den Staatssäckel wie in ihre Privatbörse und schielen auch nach alter Gewohnheit nach den Privatbörsen an­derer Leute, welche die Erfüllung der dienstlichen Ob­liegenheiten als erwiesene Privatgefälligkeiten be­trachten »nd demgemäß extra honorieren sollen. . . . Und dann schlägt die -Presse los. Der Minister des Innern, Gordurnowo, hat den Spitznamen der „Hafer-Minister" erhalten, weil er bei einer Getreidelieferung für die Truppen während der Kriegszeit von dem Gute seiner Frau ein paar Tausend Rubel herausschlagcn wollte, die ihm nicht gebührten.

Neuerdings wird der Marincmiuister Vizeadmiral Birilew scharf aufs Korn genommen. Von irgend welcher erfolgreichen Tätigkeit zur Organisation einer neuen Flotte ist unter ihm nichts zu hören, aber dafür wird für ihn in Abo eine prächttge Facht gebaut nach dem Muster der neuen kaiserlichen Jacht „Mexandrtja". Die Jacht des Martneministers, welche ein Deplacement von 507

Tonnen und eine Länge von 200 Fuß hat, kostet 400000 Rubel. Ihre Schnelligkeit beträgt 15 Knoten die Stunde, erreicht also nicht ganz die Schnelligkeit der kaiserlichen Jacht. Der Minister war darüber sehr böse, begnügte sich aber schließlich doch mit den 15 Knoten, da die sinn- ländische Werft für Änderung einiger Konstruktionen zur Erhöhung der Fahrschnelligkeit noch weitere 15 000 Rubel forderte. Die Räumlichkeiten für den Minister auf der Jacht sind mit außerordentlicher Pracht ausge­stattet. Für jede Kajüte ist eine besondere Holzsorte zur Verwendung gekommen: Nußholz, Birne, Eiche, Rot­

holz, Birke. Die Jacht ist für Fahrten auf dem Baltischen Meere seetüchtig.

Bei ihren Ernennungen auch für die höchsten ver­antwortlichen Posten trägt die Zentralregiernng leider dem Umstaude gar nicht Rechnung, daß jede Ernennung einer schonungslosen Kritik ausgeseht ist und Blößen, welche sich die Regierung gibt, erbarmungslos ans Licht gezogen werden.

Besonderes Pech hat die Regierung mit dem Resiort für „Landeinrichtung und Ackerbau" (rekte Ministerium der Landwirtschaft) gehabt. Zuerst wurde an die Spitze desselben der Direktor des Departements der direkten Steuern, Exzellenz Kuttler, gestellt, welcher sich als der ausgesprochenste Sozialist entpuppte und die Zwangs- cnteignung des privaten Grundbesitzes unter ganz un­genügender Entschädigung der Besitzer vorschlug. Die Regierung erschrak, pensionierte die revolutionäre Ex­zellenz mit 7000 Rubel jährlich, und Herr Kuttler ging sofort zu der Partei der konstitutionellen Demokraten über, welche die Monarchie nur „zeitweilig" anerkennen, bis der Bauer für die Idee der Republik reif ist.

Nach dieser üblen Erfahrung wollte die Regierung ganz sicher gehen und an die Spitze des landwirtschaft­lichen Ressorts einen Mann stellen, der dem privaten Eigentum die richtige Achtung entgegenvringt. Sie wählte also den bisherigen Dirigierenden der Spar­kassen, Exzellenz Nikolski, und Herr Nikolski trat sein Amt mit einer Rede an, die geradezu in dem gebildeten Rußland Gelächter und Erstaunen Hervorrust. Der neue Chef erklärte seinen Beamten, daß er in Sachen der Landeinrichtung und des Ackerbaues gar nichts verstehe, daß seine Ernennung für ihn eine unerwartete und zu­

fällige war. DaS Klassischeste aber war der Schluß der Antrittsrede des neuen Ministers. Herr Nikolski er­klärte seinen Beamten, daß man seiner Ansicht nach über­flüssige Schreibereien vermeiden und mehr auf die Hülse Gottes rechnen müsse. Mit Gott sei alles leicht, mit Gott könne man alles tunl

Nim, jedenfalls hat Herr Nikolski dann nicht genug ans Gott gehofft, denn bei seiner Rede hat ihm der liebe Gott wirklich nicht geholfen.

Mit beißendem Hohn wird der Moskauer General» gouverneur Vizeadmiral Dubaffow behandelt, welcher bei der Unterdrückung des Moskauer Aufstandes rück­sichtslos zugegriffen hat. So schreiben z. B. die „Birsche- wyja Wjedouwsti" in ihr „Tagebuch eines freien Bürgers":

„Duvassow ist von den Moskauer Kirchenfahnen­trägern den hochhumanen Leuten zugezählt worden. Als Dubassow dies hörte, weinte er. Die Ktrchenfahncn- träger sammelten diese „heiligen" Tränen in mitge­brachte Gläschen und versichern, daß diese Tränen dem Blinden das Gesicht wiebergcben können, wenn man ihm damit die Augen einreibt . . . und dann erzählte man noch, daß diese Tränen unter der Marke „Krokvöils- tränen" in den Verkauf gelangen."

Aber wir haben trotzdem in Stußland jetzt wirklich „Gesetze" und „Mannesstolz" der Polizei vor „Königs­thronen". Der Moskauer Stadthanptmann General­major Reinbot hat den Kutscher des Moskauer General- gonverneurs für rasendes Fahren in der Stadt mit 10 Rubel bestraft. Der Kutscher des Generalgouvcrncurs fuhr allerdings so, wie er immer fährt, wenn Dubassow durch die Straßen jagt, aber diesmal fuhr der General- gouverneurskutscher leer, um seinen Herrn abznholen» und da dokumentierte die Polizei ihre „Gerechtigkeit", die sie für hoch und niedrig hat, aber die Zeit solcher Mätzchen ist vorbei: mit ihnen lockt man heute in Ruß­land keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervor.

Ja, die Zeit ist wirr und kraus, und das schlimmste ist, daß die Bureaukratie völlig den Kopf verloren hat und nicht mehr weiß, was sie tut. Von Zeit zu Zeit will sie scharf zngreifcn, um den Geist der allgemeinen Unzu­friedenheit zu dämpfen, und dann verfällt sie immer auf Maßregeln, welche die allgemeine Em»örrmg nnr noch