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Wiesbckemr UM

s#. Jahrgang.

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Verlag: Langgaffe 27.

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Montag, den 26. **. m. 1906.

Kbend-Kusgabe.

i.

Das Koionialamt.

Berlin, 24. März.

Warum müssen wir ein selbständiges Kolonialamt hassen? Um schon Gesagtes zu wiederholen, so fügt es sich wunderlich, daß der bisher entscheidende Widerspruch des Zentrums gegen die Errichtung eines Kolonialamts naturgemäß Sympathien für die betreffende Negierungs­forderung auslöft. Denn man empfindet, daß der Kleri- kalisnrns den Erbprinzen zu Hohenlohe-Langenssnrg als einen Mann von jedenfalls nicht sonderlich zentrums­freundlicher Gesinnung mit Mißtrauen betrachtet, und man will nicht und kann nicht wollen, daß die „aus­schlaggebende" Partei einen Triumph erlebe, der ihr Machtbewußtsein nur noch steigern könnte. Aber wenn von diesen Nebenbcziehungcn zur Hohenlohe-Frage ab­gesehen wird, so bleibt doch immer noch übrig, sachgemäß zu untersuchen, ob sich die Errichtung eines Reichskolv- ntalanrtes wirklich empfiehlt. Wir bekennen, daß wir uns von der Notwendigkeit dieser Forderung bisher nicht haben überzeugen können, und wir wissen, daß auch solche Politiker ebenso denken, die jetzt freilich, infolge der geschilderten seltsamen Verschiebung der Lage, nicht abgeneigt zu sein scheinen, für das Kolonialamt zu stimmen, bloß weil das Zentrum dagegen ist. Man mache sich zunächst eines klar: Wenn nicht der Erbprinz zum Stellvertreter des Herrn Stübel berufen worden wäre, dann würden wir die Vorlage, betreffend die Selbstänöigmachung der Kolonialverwaltung, ganz ge­wiß nicht bekommen haben. Im Reichstage ist, soviel wir sehen, keine Erinnerung mehr an einen Vorgang aus dem Frühjahr 1005 vorhanden, an einen Vorgang, der deutlich bekundet, daß mindestens damals Fürst Bülow nicht der Meinung war, cs müsse ein Kolonial­amt errichtet werden. Das Mitglied der Kolonialver­waltung, Gcheimrat Helfferich, veröffentlichte nämlich vor ungefähr neun Monaten eine kleine Schrift, die gut und klar alles zusammenfatzte, was gegen die Autonomie der Kolonialverwaltung spricht. Daß diese Schrift im Widerspruch mit der Ansicht des Fürsten Bülow Heraus- gekommen sein soll, ist nicht nur nicht anzunchmen, son­dern es gibt auch Belege dafür, daß der Reichskanzler sie gebilligt hat. Nun ist es ein allgemeines Geheimnis, daß dem Erbprinzen zu Hohenlohc-Langenburg die An­wartschaft auf ein Staatssekrctariat gleich bei seiner Be­rufung eröffnet worden war. Vom Reichskanzler aus kann das nicht geschehen sein, wie denn auch der Reichs­kanzler nicht derjenige war, der den Erbprinzen zum

Nachfolger des Herrn Stübel ausgewählt hatte. Freilich könnte man einwcnden, Fürst Bülow hat inzwischen ja durch seine Zustimmung zur Errichtung eines Reichs­kolonialamtes gezeigt, daß er diesem Gedanken neuer­dings anders als früher gegenübersteht, aber nieman­dem wird es darum verwehrt bleiben können, sich doch auf die ehemalige Ansicht des verantwortlichen Staats­mannes zu berufen und sie für die sachlich zweckmäßigere zu halten. Man erwäge doch, daß England erst seit den 40er Jahren ein selbständiges Kolonialministerium hat, und dabei übcrtrafen die englischen Kolonien schon da­mals (nur Indien sei genannt) den deutschen Kolonial­besitz so ungeheuer, daß eigentlich jede Vergleichung ins Komische hinüberspielt. In Frankreich sodann hat man ein Kolonialministerium auch erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit, und es ist noch lange nicht gesagt, daß mau dort von dieser Einrichtung nicht wieder abgohen wird, deren Unzutrüglichkeiten auf der Hand liegen. Der Han­delsverkehr der deutschen Kolonien ist noch nicht einmal so groß wie der Reichszuschutz, den sie alljährlich benöti­gen. Trotzdem sollen wir ein Kolonialamt bekommen. Es ist eine ganz falsche Vorstellung, daß die Kolonien von der europäischen Zentralstelle aus regiert wcrderr. Sie haben sich vielmehr selbst zu regieren, und die Zen­tralstelle ist nur die Vermittelungsinstanz zwischen den Schutzgebieten und der auswärtigen Leitung, die selbst­verständlich niemals zugunsten eines Kolonialamtes ab- dankcn kann. Auch darauf ist nachdrücklich hinzuweiscn, daß eben wegen der Notwendigkeit, der Kolonialverwal- tung die auswärtige Politik stets überzuordnen, der Schwerpunkt unweigerlich im Auswärtigen Amt liegen mutz, auch wenn das Kolonialamt noch so reichlich ausge­stattet wird, und der Tag würde kommen, wo eine neue Instanz zwischen Auswärtigem Amt und Kolonialamt errichtet werden müßte. Sodann aber: Wenn der Erb­prinz in vielleicht gar nicht ferner Zeit auf einen höhe­ren Posten berufen wird, was soll sein Nachfolger mit dem Staatssekretariat ansangcn. Wer cs auch sein mag, das Mißverhältnis zwischen Persönlichkeit und Amt wäre vorhanden. Wir wiederholen, daß von einem eigenen Kolonialamt gewiß nicht die Rede gewesen wäre, wenn nicht die Person des gegenwärtigen Leiters der Kolonialverwaltung in Betracht käme. Sollte sich aber der Erbprinz erfreulicher Weise mit dem angebotenen Posten eines Unterstaatssekretärs begnügen, so wäre sehr zu wünschen, daß dies alsdann nicht als Provisorium angesehen werden möge, sondern daß man es beim Un­terstaatssekretariat dauernd belassen möge. Der Aus­weg ist so übel nicht, und es kann uns schließlich gleich­gültig sein, wie das Zentrum mit seiner Abneigung gegen den Erbprinzen die Sache gemeint hat. Es kann uns dann gleichgültig sein, wenn die Sache selbst sich bei näherer Prüfung als annehmbar erweist.

Deutscher Reichstag.

Berlin, 24. März,

(Schluß aus der gestrigen Morgen-Ausgabe.)

Oberst Ohnesorg: Einzelne Geber zum Liebesgabcn- fonds stellten die Gaben ausdrücklich zur völlig freien Verfügung des Oberkommandos. Gelegentlich erhielten dabei einzelne Beamte und Unteroffiziere kleinere Remu- nerationen aus dem Fonds, weil ihr Dienst sie verhin­derte, zum Mittagessen nach Hause zu gehen. Von einer Remuneration eines Hauptmanns weiß ich nichts.

Abg. Kvpsch (Freist Vpt.) stellt fest, Beamte, die nie in Afrika waren und nie kämpften, sowie zwei Herren, die speziell mit der Abnahme von Waren von der Firma Tippelskirch betraut waren, erhielten Remunerationen aus dem Fonds. Ein Hauptmann Ochne hat daraus 800 Mark empfangen.

Oberst Ohnesorg behält sich Auskunft nach Derar- tigem vor.

Damit schließt die Debatte über Titel „eins*. Der Zentrumsantrag, betr. die Lösung der Lieferwngsver- träge, und der dazu gehörige Antrag Arendt werden auf Antrag Müller-Sagau der Budgetkommissivn über­wiesen. Das Gehalt des Gouverneurs und die Ausgabe» für die Zivilverwaltung werden bewilligt.

Bei den „Ausgaben für die Militärverwaltung" bespricht

Oberst v. Deimling einen Aufsatz der sozialdemo­kratischen Presse, wonach der Artikel des GencralstabcA über die Krregstüchtigkeit der Buren bezweckt hätte, öle Erfolge der Engländer im Burenkriege herabzusctzcn. Ich muß diese ungerechtfertigte Unterstellung auf das entschiedenste zurückweisen. Niemand würdige die her­vorragende Bravour, die Tapferkeit der Engländer, öiö ans das vernichtende Feuer her Buren losgegangen sind, mehr und besser als der deutsche Generalstab. Er brachte dies in allen seinen Veröffentlichungen so klar zum Aus­druck, daß die englische Presse ihm ihren Dank dafür aus« sprach. Diese Verhetzung des Abg. Lcdebour ist also gegenstandslos.

Vizepräsident Graf Stolberg bittet den Redner, den Ausdruck „Verhetzung" gegen ein Mitglied des Hauses nicht zu gebrauchen.

Oberst v. Deimling erklärt, er habe den Verfasser des betreffenden Artikels gemeint.

Vizeprässdcnt Graf Stolberg erwidert: Wenn Sie nicht ein Mitglied des Hauses meinen, können Sie den Ausdruck gebrauchen. (Heiterkeit.)

Oberst v. Deimling (fortfahrend): Tatsache ist, was

Femüeton.

ylachLriuk »ervol«»-

wiener ^heaLer-Vrief.

Das ueuestc Stück von Vernarb Shaw: „Der vrrlorcue Vater". — „Mamzell Courasch«" vo« Erich St«m,. — Lukiaus Satiren nud Schnitzlers Marioncitcnspiele. — Ein Reoolntionsdrarna. — .Meffcnhauser" oo« Fritz Tclman.

Wien, 24. März.

Bon den englischen Dramatikern der Jetztzeit hat man nicht gerade die beste Meinung. Die Pineros, Warries und wie sic alle heißen, haben sich bei genauerer Betrachtung als ziemlich bedeutungslose Schriftsteller erwiesen, die nicht um einen Zoll höher, dafür aber gewöhnlich viel tiefer unter dem üblichen Matz der land­läufigen Bühnenlieseranten stehen. Erst seit 3 Jahren fängt man an, theatralische Werke aus England zu holen, die geeignet sind, alle Vorurteile umzustotzcn. Plötzlich wurde Oskar Wilde, der Dichter, für Deutsch­land entdeckt, und der nächste, der zur Revision der Meinungen über englische Dramatik leitete, war Ver­narb Shaw, der tapfere soziale Agitator, geistvolle Kritiker und Essayist. Ein Wiener Schriftsteller, Sieg­fried Trebitsch, hat hier gewissermaßen Entdeckungs- arbcit geleistet und Shaws Theaterstücke für die deutsche Bühne erobert. Mau lernte da einen merkwürdigen Literaten kennen. Er weist eine gewisse Verwandtschaft mit Oskar Wilde aus,' wohl fehlt ihm dessen dichterische Phantasie, aber er hat einen ähnlichen überlegenen Witz und den schneidenden Spott für die Halbheit aller gesellschaftlichen Einrichtungen, für die blendenden Masken der Menschen und Dinge. Seine Komödien sind recht seltsame: welches Thema sie auch behandeln, immer ist eine unbedingte EHrfurchtlosigkeit vor fest­stehenden Begriffen ihr eigentlicher Wcscnszng. Es zeigt sich fast eine gewisse Manier darin. In den Spiel- pküuen deutscher Theater ist Shaw heute bereits ein Faktor, mit dem man rechnet. Er hat die große Pnbli- kmnsmasse noch lange nicht für sich, wird sie wohl auch schwerlich bezwingen, aber die wenigen Europäer, die es doch überall gibt, werden ihm jederzeit gewogen sein. Sv mußte cs auch als Ereignis wirken, daß das Burg-

theater die Uraufführung von Shaws jüngster Komödie „Der verlorene Vater" veranstaltete.

Es ist ein ganz merkwürdiges Possenspielj eigent­lich eine Posse schlechtweg, aber mit einem so reizvollen Übermut gestaltet, daß man unwillkürlich ins Nach­sinnen gerät. Es ist nicht leicht, klug zu werden, wohin Shaw eigentlich zielt. Immer wenn man ihn zu haben glaubt, entgleitet er einem wieder. Die Geschichte, die er erzählt, könnte von Blumcnthal sein; es ist die banale Lustspielhandlung, aber die Pointen sind alle verborgen und ungewöhnlich. Da ist ein Zahnarzt, der keine Kunden hat, seinem Hauswirt die Miete schuldig bleibt und ihn mit Grobheiten bezahlt. In die Ordina­tionsstunde kommen zwei junge Leute, ein Jüngling und ein Mädchen, komische Menschenkinder, geschwätzig, vorlaut, neugierig, moderne Erziehuugsfrüchte. Sic laden den Zahnarzt gleich ein, mit ihnen zu frühstücken; Mama und die Schwester werden sich sicher sehr freuen, einen Gentleman bei Tische zu sehen! Und als nun die Frau Mama und die älteste Tochter auf dem Plan erscheinen, merkt man, was es eigentlich zu beweisen gilt. Mama ist nämlich Frauenrechtlerin, hat Bücher über Erziehung, Gleichberechtigung, Ansleben der Individualität, Selbstbeftimmungsrecht der Kinder usw. geschrieben und diese Philosophien in das Praktisch» übersetzt. Die Resultate zeigen sich, die Töchter und der junge Mann tun, was ihnen patzt, und wenn Mama sich einmal eine Bemerkung erlauben will, wird sie auf ihre Theorien aufmerksam gemacht. Hier hat rnan den Angelpunkt des Stückes. Die Familie sucht den abhanden gekommenen Vater. Dieser hat sich von der Gattin losgesagt, weil er mit ihren Ideen nicht harmonierte. Natürlich ist der Hauswirt des Zahn­arztes dieser verlorene Vater. Wie diese Herrschaften nun zusammentrcffen, wie sie sich aussprechcn, ist der Gipfel des Burlesken. Der Vater ist den Kindern im doppelten Sinne „verloren"; für sie ist er ein Ver­wandter, den sie nur kennen zu lernen wünschen, dessen Rechte und Autorität sie jedoch ablehnen. Es ist das verrückteste Durcheinander, das sich denken läßt. Die Desillusionierung aller Familienstandpunkte. Daß der Zahnarzt die älteste Tochter heiratet und sie sich schämt, ihren weiblichen Gefühlen uachgegeben zu haben, er­

scheint als Krönung dieser Komödie. Man darf aber dieses Stück eigentlich nicht erzählen; der Dialog, das Zuspitzcn der Situationen und das Bluffen des Zu­schauers, dessen Voraussctzuirgen, immer ganz andere sein müssen, geben diesem Stücke seine Eigenart.

Eine größere Distanz von dem üblichen Theaterstück wie dieses neue Werk Vernard Shaws läßt sich nicht gut denken. Aber die Umwertung aller Werte hat auch seine Reize. Mau mutz die alten MaHstäbe anlegen, will man von den übrigen Novitäten der letzten Tage sprechen. Zivei sind davon ausgenommen. Im „L u st - s p i e l t y e a t e r" wurde von den berühmten Satiren Lukians, des griechischen Voltaire, eine ans die Bühne gebracht: „Die Fahrt über den Styx", das phantastische Totengespräch. Dieser seit sechzehn Jahrhunderten tote Schriftsteller erscheint wie ein moderner Sozialkritiker, und Shaw ist wie ein Epigone von ihm anzusehen. Auch hier ein Verspotten angcfchmiEcr Kulturen, ein Bilderstürmen, ein Hohn, der nicht Halt nracht vor Göttern und Menschen. Dem antiken Satiriker wurde am selben Abeird Artur Schnitzlers Marionettenspiel „Zum großen Würstl" benachbart. Es ist eine amüsante Kaspcrliadc, Schnitzler macht sich Wer sein eignes Hand­werk lustig. Auf der Bühne einer Jahrmarktsbude, vor der der Direktor als Ausrufer steht, Hängen die ewig alten Figuren der Komödie an Schnuren. Man sicht, wie der Dichter sie hin- und hcrzicht, daß es bloß Puppen sind, die man nach Belieben bewegen kann. Der ironische Spaß hat allerlei Pointen gegen Autoren, Dar­steller, Publikum und Kritik; er will die Hohlheit öeS ganzen Metiers und seiner Zuschauer darlcgen. Wer über den Dingen steht wie Schnitzler, darf sich solche Scherze erlauben.

Nun noch einige Worte über zwei andere Novitäten, Von Erich Körn, einem Berliner Schriftsteller, wurde „Mamsell Courasche" gegeben, ein Bild aus dem dreißig­jährigen Krieg. Haw"este Dramatik, die auf theatra­lische Wirkung ansgeht. In der Szcnenführnng sehr apart, in der psychologischen Verttcfmrg mangelhaft. Mamzell Courasche, eine Svldatendiruc, ersticht in dc- Brautuacht ihren Gatten, als er, einer Wette wegen, sie vor den Offizieren zu prügeln sich getraut. ES sind starke Stimmungsreize in diesem Werk und man kann es als.