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6«. Jahrgang.

Erscheint ttt zwei Ausgaben. — BezugS-PreiS: durch dcu Verlag so Pfg. monatlich, durch die Post » Mk. S« Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27,

Adomteuteu.

Anzeigen-PreiSr

Die einspaltige Petitzeile für lokale Anzeige» 15 Pfg, für auswärtige Anzeige» 85 Pfg. — Reklamen die PctitzcUe für Wiesbaden 60 Pfg, für auswärts 1 Mk.

f“ T Abend«Ausgabe bis 12 Uhr mittags, für die Morgen»Ausgabe bis 3 Uhr nachmittags. — Für die Aufnahme später eingereichter Anzeigen zur nächst« S **! ywwtiwt erscheinenden Ausgabe, wie für die Anzcigen-Aufnahme an bestimmt vorgeschriebenen Tagen wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.

Uo. 148.

BerlagS-Fernspreche, R». 295».

Sonntag, den 85« März.

RebaktionSOernsprecher Rv. 82. 1906.

Morgen- Ausgabe.

__1. Wtertt.

Die Mahireform Ln Österreich.

Vierzehn Tage dauern nun schon die Debatten des österreichischen Abgeordnetenhauses über die Gautschsche Wahlreformvorlage, und iminer klarer tritt es hervor, daß die Einführung des allgenieinen gleichen geheimen direkten Wahlrechts ein Experiment bedeuten wird, von dem man bisher nur weiß, daß es diesen alten Staat von Grund aus wird Umstürzen müssen. Daraus kann später vielleicht neues, blühendes Leben hervorgehen, aber es kann sein, daß vorher noch Verwüstungen ein- treten, die schlimmer sein werden als alles, wovon das Land bis heute heimgesucht worden ist. Wir brauchen nicht zu sagen, daß wir die Wahlresormvorlage grund­sätzlich billigen, indessen müssen wir uns Objektivität genug wahren, um die Bedenken zu würdigen, die im Nachbarstaate vor allem von den deutschen Parteien geltend gemacht werden. Diese Parteien sind in ihrer Mehrheit durchaus als Freunde und Anhänger einer gründlichen Wahlreform zu betrachten, aber sie kämpfen für die deutsche Nationalität und für die Erhaltung ihrer unverlieraren historischen wie kulturellen Bedeutung im Staatsganzen, wenn sie nach Gebühr betonen, daß die Wahlgesetzvorlage eben den Deutschen enrpfindlichen, überhaupt niemals gutzumachenden Abbruch tun will. Es mag dem Verhältnis der Nationalitäten entsprechen, daß die Deutschen im zukünftiger Reichsrat die Minder­heit bilden sollen, aber wie kann man es den Deutschen zumuten, daß sie, unbeschadet ihrer Zustimmung sogar zum allgemeinen Wahlrecht, ein Gesetz annehmen, das sie nicht bloß der Gefahr, sondern der Gewißheit, über­stimmt zu werden, preisgibt? Nach der Wahlreforrn- vorlage würde es künftig 170 bis 180 deutsche Abge­ordnete gegenüber 230 slawischen und 20 italienischen geben. Allerdings wäre noch auf 20—30 deutsche Sozial­demokraten zu rechnen, aber die bürgerlichen Parteien des deutschen Volksstammes werden wissen, weshalb sie darauf verzichten, die deutschen Sozialdemokraten als mögliche Hülfstruppe anzusehen. Die Parteiverhält­nisse im jetzigen Reichsrat sind nun so beschaffen, daß gar nicht daran zu denken ist, daß die Vorlage eine, den Deutschen günstigere Gestalt bekommen könnte. Man muß also sagen: Die Gefahr, ins Hintertreffen zu ge­raten, ist für die Deuffchen dringend und unmittelbar, und es läßt sich nicht vorstellen, wie sie überwunden wer­den könnte: es läßt sich dies um so weniger vorstellen, je sicherer es ist, daß die Wahlreform, selbst wenn sie heute fehlschlagen sollte, morgen oder übermorgen doch wird wiederkehren müssen. Solche umwälzende Politik, wie sic die österreichische Regierung proklamiert hat, muß durchgeführt werden, sobald sie erst einmal be­gonnen worden ist, und wofern die Regierung darauf

Fe müeL o«.

Ein- und Ausfälle.

l§ ü r das „W iesbaderrer Tagblat t*.)

Von Joseph Kaisler.

Courrürcs.

Nächstenliebe und Brüderlichkeit — kein Wort in diesen Tagen, das sich lauter und öfter an unser Ohr drängt. Von der Priesterkanzel, vom Philosophenlehr- stuhl, von der Parteitribüne.

Jahrtausende gingen wir in die Schule einer Kirche, die uns als göttliche Wahrheft lehrte: Alle Menschen sind Brüder, sind Kinder eines Vaters. Und wenn der kirchenfreie Geist auch später den Glauben an den einen gemeinsamen Vater verlor, den schönen Traum von der einen großen Menschenfamilie ließ er sich nicht rauben. Philosophie und Wissenschaft wollen sich immer wieder von seiner Wahrheit überreden.

Die Menschheit eine große Familie. Alle Menschen Brüder. — Dieser Traum ist so lind beschwichtigend, sein Hauch so ivunderbar heilend. Die furchtbare un­erträgliche Einsavikeit der Lebenswüste, in der die Seele vergeblich ' rufend irrt, schwindet vor ihm. Überall Genossen, die desselben Blutes Qualen und Wonnen tragen. Überall Brüder, die deine Freuden und deine Leiden in blutsverwandtem Verstehen mit­leben. Du bist nicht mehr allein. Dein Jammer geht verdüsternd durch Millionen Seelen, dein Jubel fliegt leuchtend durch Millionen Herzen.

Courriäres — diese furchtbare Stunde, die andert­halb Tausend Menschen in ein gemeinsames Grab riß, ist ste nicht flammend redendes Zeugnis für die Wahr­

verzichten wollte, würde die erregte und in eine ganz bestimmte Bahn gelenkte Meinung dafür sorgen, daß sie es nicht kann und nicht darf. Wir wollen hier nicht weiter auf die schier endlose Reihe der tiefgehenden Fragen eingehen, die durch die Wahlreformvorlage so auf die Tagesordnung in Österreich gefetzt worden sind, daß sie ungelöst nicht wieder von ihr verschwinden können; wir wollen nur einen Satz der jüngsten Rede des früheren Ministers und jetzigen liberalen Partei­führers Baernreither herausheben, der an die Wurzel greift, den folgenden Satz nämlich: „Das allgemeine

gleiche Stimmrecht hat von selbst, ich möchte sagen, automatisch, das ungelöste Grundproblem des Staates zur Diskussion gestellt und die Mängel unserer staat­lichen Organisation aufgedeckt." Das ist ein gutes be­lehrendes Wort. Denn es weist auf die Kerrffrage hin, auf das Mißverhältnis nämlich zwischen der Wahl­rechtsreform, die an sich gewiß Anerkennung bean­spruchen kann, und den vollkommen zerfahrenen staat­lichen, gesellschaftlichen und nationalen Zuständen, auf die das neue Wahlgesetz aufgepsropst werden soll. Die Desorganisation des Beamtentums wurde dom Abg. Baernreither mit Recht als das Haupthindernis einer Besserung von Grund aus hingestellt. Was sind das für Verhältnisse, wenn beispielsweise eine österreichische Beamtenzeitung, die von Beamten für Beamte ge­schrieben ist, den nachstehenden Satz enthalten kann: „Wenn es zu einem Generalstreik der Arbetterfchaft kommt, so werden wir die Staatsbeamten auffordern, sich auch darau zu beteiligen. Wenn sie die Arbeit nicht ganz einstellen können, so mögen sie den Generalstreik der Arbeiterschaft wenigstens durch passiven Widerstand unterstützen. Außer durch diesen kann die Staats- maschinc auch noch in anderer Weise in ihrem Gang aufgehalten und geschädigt werden." Es kommt gar nicht darauf cm, ob solche Sprache der entsprechende Ausdruck der zerrütteten Zustände im Staate ist, wie wir denn keineswegs bestreiten möchten, daß sie es wirklich ist. Aber die Auslösung der Ordnung muß weiter noch, als man gemeinhin glaubt, gediehen sein, wenn dergleichen geschehen kann. Wir haben die besten Wünsche für Österreich, aber nicht ebenso gute Hosfnun- gen wie Wünsche, und wir sehen im Hintergründe nicht den Sieg unwiderstehlicher Prinzipien, sondern die Rück- kehr zum Absolutismus auf dem Umwege über einen allerdings kühnen und großen Versuch, den wir aber darum doch nicht unterblieben wissen möchtem

PoLMsche Merstcht.

Jesko v. Puttkamer.

L. 33 e x I i tt, 23. März.

über Herrn Jesko v. Puttkamer ist vieles schon er­zählt worden, aber mancherlei, was für die Charakteristik dieses neuerdings in etwas bedrängte Verhältnisse ge­

hest dieses Traumes? Deutsche Bergleute eilten, allen kleinen Groll vergessend, den ftanzösischen Brüdern zu Hülse. Und die Zeitungen der ganzen Welt, diese Herolde der Menschheitsseele, wußten von einem Entsetzensschrei, einer Mitleidsklage zu sagen, die um die ganze Erde liefen, an jedes, jedes Herz rührend. Wie eine einzige große Familie leidet die ganze Menschheit in gemein­samer Trauer um die gräßlich entrissenen Brüder. Ein schönes und trostreiches Bild — trotz allen Schmerzes.

Wohl denen, die nur dieses Bild sehen. Der Zweifel sieht ein anderes. Sieht es mit bftterem Lächeln in schmerzend greller Deutlichkeit. Millionen sind es, die fern von der großen Gräberstatte, fern von dem entsetzlichen Unglück ihrer „Brüder" vernahmen. Mit furchtbaren Einzelheiten, die alle Schreckensschauer ver­wandten Blutes aufwühlen mußten. Millionen sind es. Und meines Bruders Leid ist doch wie Leid, das mich selbst getroffen. Wo ist unter den Millionen einer, der die furchtbare Kunde von Courriöres wie ein eigenstes Unglück erlebte, der auch nur eine Viertelstunde lang diesen entsetzlichen Schmerz Tausender Brüder wie einen eigensten empfand. Wahr und wahrhaftig. Im tiefsten Innersten.

Wo ist unter den Millionen einer, dessen Seele schmerzzerrissen auch nur eine Viertelstunde lang wirk­lich in dem verderbenheimgesuchten Grubenlande war. Dort, wo der Himmel jetzt dumpf lastend wie die Decke einer Riesengrust auf der Erde liegt. Wo jede Hütte eine Leichenkammer ist. Wo Tausende von Weibern und Kindern mit tränenblinden Augen in zerfetzten und verkohlten Fleischresten den Mann und Vater wieder­finden sollen. Ihr erstes, zitterndes Ahnen des Furcht­baren, ihr hetzendes Irren von qualvoller Furcht zu der letzten schwanken, schwindenden Hoffnung, ihre dumpfe Vernichtung in der grauenvollen Gewißheit, ihr rasen­des Empören gegen das blindwütende Schicksal — wer

ratenen Gouverneurs wichtig ist, mag noch nachgetragen werden. Zunächst kann man auf Grund der Mitteilun­gen von Sachkennern gern zugeben, daß er, namentlich früher, ein gar nicht übler, gar nicht erfolgloser Be­amter war. Als für den Sohn des Ministers v. Putt­kamer, nachdem er sein heißes Blut in nicht immer ein­wandfreier Weise ausgetobt hatte, eine Unterkunft irgendwo draußen gesucht werden sollte, bot sich seinen mächtigen Gönnern (auch Fürst Bismarck als Halbonkel konnte sich der Sache nicht versagen) ein Kanzlerposten in Kamerun, also eine Art gehobener Subalternjtelle, als bequemer Ausweg dar. Hier, wie gesagt, bewährte sich Herr Jesko v. Puttkamer unter strammer Leitung (wenn wir nicht irren, unter Soden) gar nicht schlecht, und er wurde auch später in Togo seinen Pflichten ganz gerecht. Aber der vergrößerte Machtumfang eines Gouverneurs von Kamerun fand bei ihm offenbar nicht die erforderlichen moralischen Gegengewichte vor. Nebenbei bemerkt, hatte und hat Herr v. Puttkamer neben verschiedenen, weniger rühmlichen Neigungen auch eine, die etwas Versöhnendes und Gewinnendes hat. Er ist nämlich ungemein für Musik empfänglich; er gehörte seinerzeit zu den Begründern des Berlin- Potsdamer Wagnervereins, den der Berliner Witz znm „Richard v. Wagner-Verein" gestempelt hat, weil sich diese aus exklusiven Kreisen gebildete Gesellschaft in einen beabsichtigten Gegensatz zu dem großen Berliner Wagner-Verein stellte. Seine Schwärmerei für Richard Wagner bekundete Herr v. Puttkamer in Togo wie in Kamerun dadurch, daß er Negerkapellen bildete und sie Wagnersche Kompofitionen spielen ließ. Die europäi­schen Besucher der Kolonien waren denn auch begreif- lichcrweise sehr erstaunt, wenn sie von den schwarzen Musikanten mtt Stücken aus Wagners Opern begrüßt wurden.

Wenn sich nun jetzt über dem Haupte des Gouver­neurs von Kameruu so viel Wolken zusammengezogen haben, so darf man weit weniger darüber verwundert sein, daß dies geschehen ist, als darüber, daß es nicht schon längst geschehen ist. Wir möchten an einen etwa zwölf Jahre zurückliegenden Vorfall erinnern, der merk- würdigerweise in den letzten Puttkamer-Debatten wie auch in der Presse unberührt geblieben ist. Damals brachte ein hiesiges Blatt starke Angriffe gegen den gerade in Berlin anwesenden Herrn v. Puttkamer wegen Borkonnnnissen in seiner Amtsführung, und die Sprache war so herausfordernd, daß Gras Caprivi sofort eine Untersuchung einleitete und die Stellung eines Straf- antrags für unvermeidlich erklärte. Aber cs kam nicht dazu, wenigstens nicht sofort, sondern Herr v. Puttkamer wurde schleunigst nach Kamerun znrückgeschickt, und von dort aus stellte er denn allerdings den Strafantrag, der, wenn es auf eine Beschleunigung des Verfahrens und auf möglichst vollständige Aufklärung durch die Zeugen- schaff des Gouverneurs angekommen wäre, zweckmäßiger- weise unverzüglich und während des Berliner Aufent- Halts v. Puttkamcrs einzubringen war. Jnrmerhin war

hat es auch nur eine Viertelstunde lang in der tieffteu Seele, wahr und wahrhaftig, brüderlich miterlebt?

Boshaft höhnt der Zweifel: Für meines Bruders

Leben gäbe ich doch mein Augenlicht. Und denk dir, das Schicksal hätte zu einem gesprochen: Anderthalbtausend derner Bruder will ich marternd in Flammen und stürzende Felsen begraben. Sie sollen verschont sein, gibst du dein Augenlicht ... — Wo ist einer?

Alle Menschen sind Brüder. Sind Kinder eines Vaters. In der Lebenswüste findest du überall Ge- fährten, die deines Blutes Qualen und Wonnen tragen,. Dein Jammer geht verdüsternd durch Millionen Seelen, dein Jubel fliegt leuchtend durch Millionen Herzen Du brst nM alleim Wie lind beschwichtigend ' ist diese Wahrheit, ihr Atem wie wunderbar heilend . . ,

Frauenlogik.

Ich weiß, die gute Anna lügt. Und chre giftigen Bosheften stnd wirklich oft unerträglich. Neulich, in dem Tee bei Meyers, hat sie sehr schlecht von mir ge- sprochen. Ich hab's wieder erfahren. Freilich, ihr Pariser Schneider macht entzückende Kostüme. Und sie will mich an ihn empfehlen. Alle andern haben sie ver­gebens um die Adresse gebeten. Mir will sie ihn ver­raten. Sie ist meine Freundin. —

Ich finde es einfach empörend, wie dieser freche B. neulich ganz ungeniert die Geschichte von der Chanteuse erzählte. Die Sftten unserer Gesellschaft werden wirk- lich immer schlechter. Das hätte eurer vor ein paar Jahren noch wagen sollen. Zu unverschämt! Dumm, daß gerade die langweilige Baronin dazwischen kommen mußte. Wie die Geschichte wohl ausgegangen sein maa« Ich muß Albert fragen, ob er den Schluß nicht weiß — Ich sche es ja «n, daß ich in dem Zank mit Albert gestern Unrecht gehabt habe. Es war ungeschickt von mir zu behaupten, daß er nur aus Eigeuänn nicht mit