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s«. Jahrgang.

Erscheint in zwei AnSgabe». — BezngS-PreiS. durch den Verlag L« Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. »« Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgaffe 27,

Avonnenten.

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sür die Abend-Ausgabe bis 12 Uhr mittags, für die Morgen-AuSgabe bis 3 Uhr nachmittags. — Für die Aufnahme später eingereichter Anzeigen zur nächst» fflwwwiw» erscheinenden Ausgabe, wie für die Anzcigcn-Aufnahme an bestimmt vorgcschriebenen Tagen wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.

iP#. IdiS» VerlagS-Fernsprccher No. 2958.

Morgen - Kusgabe. ,

_1. Wlcrtt.

Die ökonomischen Folgen eines künftigen Krieges

'behandelt Jules Roche in einem Aufsatz der Zeitschrift „Je sais tout". Er kommt zu dem Resultat, daß bei der Kompliziertheit des heutigen ökonomischen Lebens ein europäischer Krieg eine allgemeine Katastrophe Her­vorrufen würde, die einen vollkommenen Zusammen­bruch unseres ganzen gesellschaftlichen Lebens bedeuten möchte und etwa einem ungeheuren Erdbeben zu ver­gleichen wäre, das die geologischen Schichten unserer Erde von Grund aus umwühlen würde. Als Grundlage für seine Berechnungen dienen ihm die Verlustlisten und die aufgewandten Kräfte in den Kriegen 1870/71. Nach den Ausstellungen Freycinets betrugen die Streitkräfte bet Republik 680 000 Mann, die im Felde standen, und 600 000 Mann in Paris, worunter 500 000 National­garde. In der erstenZeit desKrieges hatteFrankreich etwa die gleiche Anzahl Soldaten unter den Waffen gehabt, >so daß man die jeweilige Stärke der französischen Armee alles in allem aus 1 200 000 Mann beziffern konnte. Die deutschen Streitkräste zählten im August 1870 alles in allem 1 183 000 Mann und im Februar 1871, wo die Höchstzahl der unter den Waffen Stehenden .erreicht wurde, 1350 000. Die Kosten für die Unterhaltung jedes einzelnen Soldaten berechnet Roche auf 11 Frank täglich. Er stellt zunächst die Gesamtkosten des Krieges mit 9 Milliarden 237 Millionen fest, zieht von dieser Summe die fünf Milliarden, die Frankreich Kriegskosten zahlen mutzte, ebenso eine Milliarde, die durch die Folgen des unglücklichen Krieges erwuchsen, ab und kommt zu dem Ergebnis, daß die Ausgaben für den Krieg, auch wenn derselbe glücklich verlaufen wäre, zum mindesten 3 Milliarden 287 Millionen betragen hätte. Da der Krieg acht Monate oder 245 Tage dauerte, so kommen bei einer Stärke des Heeres von 1 200 000 Mann elf Frank täglich auf den Kopf. Seitdem ist die Heeresstärke der Armee außerordentlich gewachsen. Sie beträgt in Frankreich bei der Mobilmachung des stehenden Heeres 2 080 000 Mann, zu denen noch 130 000 Mann Reserve in jeder der 6 Klassen kommen, so daß schon in den ersten Monaten des Krieges 2 860 000 Mann unter Waffen stehen würden. Die täglich zur Unterhaltung dieses Heeres verausgabte Summe beliefe sich dann auf 31460 000 Frank. Dabei sind die Kosten von 11 Frank sehr niedrig berechnet, denn in dem Bnrenkriege betrugen die Kosten der Engländer für den Mann 20 Frank, wo­bei allerdings zu bedenken ist, daß der englische Soldat mehr kostet als der französische, und im russisch-japani­schen Kriege beliefen sich die täglichen Kosten für einen

Feuilleton.

Ringsum Napoleon»

Es machte seinerzeit einiges Aufsehen, als der leider viel zu früh verstorbene Gras Uork von Wartenburg ein Buch über die deutsche Geschichte veröffentlichte. Das war für Deutschland etwas Ungewöhnliches, wo es einem Autodidakten aus historischem Gebiete, der nicht zur historischen Zunft gehört, nicht leicht fällt, sich gegenüber -der zünftigen Geschichtschreibung durchzusetzen. Der Erfolg jenes Buches aber hat wiederum den Beweis er­bracht, daß es auch für die Wissenschaft von Vorteil ist, wenn ein kluger und gedankenvoller Mann historische Fragen in seiner Weise behandelt. Seine Urteilskraft ist durch die Forschungsarbeit an sich weniger ermüdet und nicht durch die Masse an stofflichem Detail beengt. Von höherer Warte kann er den Gang eines historischen Dramas verfolgen, und so wie er dankbar aus der Hand des wissenschaftlichen Forschers und Kritikers sein Mate­rial empfängt, so kann dieser wieder von ihm neue Ge­danken und Ideen erhalten. In viel höherem Maße als von jenem Buche des Grafen Aork kann das von einem soeben erschienenen Buche des Norwegers Alexander Kielland gelten.

Über die literarische Bedeutung Kiellands braucht nichts gesagt zu werden. Seine gedankentiefen Romane sind dem deutschen Publikum bekannt, so weit es der nordischen Dichtung Interesse entgegenbringt: eine vor­zügliche deutsche Übertragung, vom Verfasser selber durchgesehen, erscheint gegenwärtig im Verlage von Georg Merseburger in Leipzig. In demselben Verlage ist Kiellands neues Werk unter dem Titel „Ringsum Napoleon" (Preis geb. 7 Mark) soeben veröffentlicht. Es ist ein so eigenartiges Buch, wie wir Deutsche nur wenige besitzen.

Mit leisen Tönen beginnt Kiellands Dichtung: Aus dem Wirrwarr der absterbenden Revolution hebt sich die schmächtige Gestalt des ersten Bonaparte ab, die ersten

Freitag, den 23» Mar;»

Soldaten aus über 10 Frank, obwohl der russische Soldat viel billiger ist als der französische. Erfolgt nun die vollständige Mobilmachung, wobei auch noch die sechs Klassen der Landwehr eingereiht werden, so kommen noch 600 000 Mann hinzu und die Zahl der täglichen Kosten für die Armee steigt auf 38 000 000 Frank für den Tag. Berechnet man die Dauer des Krieges ebenfalls auf 245 Tage wie 1870/71, so ergibt sich als Gesamtkosten die ungeheure Summe von 9 Milliarden 310 Millionen. Dehnt man die täglichen Unterhaltungskosten von 11 Frank für den Soldaten auf die Armeen Deutschlands, das 6 400 000 Mann unter Waffen stellt, Österreichs mit 2 000 000 Mann und Italiens mit 3 300 000 Mann aus, so ergibt der tägliche Verbrauch dieser Staaten 100 Millionen für einen Tag. Wie riesenhaft diese Summen sind, zeigt ein Vergleich mit dem französischen Staats- hudget, das täglich 10 Millionen beträgt, wovon zwei Millionen aus die Armee entfallen. Die täglichen Aus­gaben für die Armee betragen also im Falle eines Krieges neunzehnmal so viel als die im Frieden dafür ausge­worfene Summe und über 3schmal so viel als das ganze Staatsbudget. Zu diesen immensen Kosten kommt noch der wirtschaftliche Niedergang des ganzen Landes und aller Industrien. Im Kriege 1870/71 entging Frank­reich nur dadurch dem Staatsbankerott, daß die Bank von Frankreich die notwendigen Summen aufbrachte. Aber heute wäre es unmöglich auch für die Bank von Frankreich, so große Summen aufzubringen. Da fast die ganze männliche Bevölkerung zwischen zwanzig und fünfundvierzig Jahren im Felde steht, muß ein großer Teil der industriellen Unternehmungen und wirtschaft­lichen Betriebe ihre Arbeit einstellen. Nicht nur daß zwei bis drei Millionen Menschen nichts niehr verdienen, sondern ihre Abwesenheit lähmt auch die übrige Be­völkerung völlig und läßt nur noch der ganz individuellen Arbeit eine Möglichkeit zu bestehen und die Zahl solcher Einzelbetriebe ist im modernen Wirtschaftsleben immer geringer geworden. Das Unheil und die Verwirrung würden noch wachsen, wenn der ganze Verkehr und der ganze Ablauf des sozialen Lebens stocken würde. Kein elektrisches Licht mehr in den Straßen, keine Straßen­bahnen, keine Droschken, keine Telegraphen und kein Gas! Die Druckereien wären verödet, die Bergwerke brach gelegt und überall würde sich der Krieg auf das furchtbarste bemerkbar machen. Doch auch ein völliger Niedergang der Geldgeschäfte stände bevor. Während des Krieges 1870/71 sank die französische dreiprozentige Staatsanleihe uni % ihres Wertes, aber damals war die Krisis nicht allgemein: die englischen Papiere z. B. sanken fast gar nicht. Die französischen Staatsschulden be­trugen damals nicht mehr als 14 Milliarden, während sie heute über 38 Milliarden betragen. Die augenblick­liche Folge eines heutigen Krieges wäre ein ungc-

Feldzüge in Italien, die ägyptische Expedition, und dann, sobald der erste Konsul die Geschicke Frankreichs mit kräftiger Hand meistert, befinden wir uns sofort auf der Höhe der Darstellung: Die europäische Rolle Napoleons hat begonnen. Ein eigenartiger Wechsel hatte sich bereits in Paris vollzogen, die Zeit der Revo­lution war zu Ende. „Der Erste Konsul zog in die Paläste der Könige ein, und die Bürgerschaft wurde verdrängt. Als er vom Schloß Luxembourg aus dem linken Seincufer nach der Tuilerien und dem Louvre übersiedelte, geschah es mit einer in Stil und Pracht wahrhaft königlicher Zeremonie. Innerhalb von wenig Tagen verschwand der familiäre Ton aus der Zeit der Revolution: die republikanischen Formen des gesellschaft­lichen Lebens wichen vor der kalten Hofluft, die sehr bald die Säle der Tuilerien zu füllen anfing. Man sagte nicht mehr Bürger und Bürgerin, man sing an. sein Haar zu schneiden und sich zu putzen. Nie ging eine Veränderung so plötzlich vor sich! Und Napoleon auf dem Schlachtfelds bei Marengo, als die Schlacht fast ver­loren war: „Kommen Sie, sagte Desaix, wir wollen von den Pferden steigen, das macht den Eindruck, als ob wir ruhiger wären." Desaix und Bonaparte setzten sich also nieder auf das Feld und sahen sich die Schlacht an, die sie leiteten, und an deren Ausfall das Schicksal des Vaterlandes hing. Und diese beiden jungen Leute waren ungefähr in dem Alter, wo wir mit Examen und Zensuren unsere Zeit vergeuden und vor einigen ver­trockneten und verstaubten Professoren zittern.

In so frischer Darstellung führt uns Kielland im­mer mitten in die Reihen der Kämpfenden, wir stürmen mit. ihnen vor und siegen mit ihnen, aber mit lang­atmigen strategischen Vorlesungen werden wir nicht ge­quält.

So zeichnet Kielland Napoleon: „Er war alle seine Tage, sogar in seiner Jugend, ein ungemütlicher Mensch. Nie habe ich gelesen, daß Napoleon gelacht hätte, er konnte es wohl nicht. Aber es wird erzählt, daß ein wohlmeinendes Lächeln von ihm Wunden heilen und den, dem es galt, dazu bringen konnte, für ihn

Ret>aktio«S^crusprecher No. 52. 1906.

heurer Kurssturz, der im Augenblick alle Werte außer­ordentlich verringern würde. Das Ergebnis wäre eins vollständige Geldkrise, und das unheilvolle Gespenst des Papiergeldes, das schon 1870/71 Frankreich bedroht, würde gar bald seine Schrecken bemerkbar machen. Bei der Geldkrise des Jahres 1870 rief der Finanzminister üeRoujsy aus: „DasPapiergeld würde den vollkommenen Ruin Frankreich bedeuten." Damals half man sich durch das Eingreifen der Bank von Frankreich noch glücklich darüber hinweg. Heute aber würde die Zeit der Assig­naten nach der französischen Revolution wieder zurück- kehren, wo das Papiergeld gar keinen Wert mehr hatte und schließlich 100 Frank-Billetts nur noch den Wert don 3 Sou hatten, und ein Pfund Zucker 470 Frank und ein Brot 60 Frank kosteten. Die gleichen unheilvollen Folgen würde der europäische Krieg für Deutschland, für Italien, für England, für Österreich haben. Überall würde eine völlige ökonomische Vernichtung herein- brechen und dem Sieger tvürde sein Sieg teuer zu stehen kommen. Viele Jahre hindurch würden diese Folgen andauern, bevor sie an Wirksamkeit auf das'ganze Leben verlören.

Politische Übersicht.

Der Entwurf zu einer neuen schweizerischen Militär.

Organisation.

n. Bern, 20. März.

Der Bundesrat hat soeben einen Gesetzentwurf für dieHeeresreorganisation angenommen, der, begleitet von einer Botschaft, gestern abend der Öffentlichkeit über­geben worden ist. Das neue Gesetz erfüllt in erster Linie den Zweck, alle seit dem Jahre 1874 zur Er­gänzung und Vervollständigung der ursprünglichen Organisation erlassenen Verfügungen einheitlich zu kodifizieren: dann soll es durch eine klarere und ein­fachere Fassung die fortwährenden, bisher bei den ge­ringsten Veränderungen in der Organisation des Truppenkorps unvermeidlich gewesenen Revisionen überflüssig machen. Maßgebende Grundsätze waren bei der Bearbeitung des Entwurfs: a) Weglassung aller Einzelheiten, die öfteren Veränderungen unterworfen sind: b) Reorganisation des Unterrichts, so daß eine bessere Ausbildung von Mannschaft und Führern möglich wird; <?) Durchführung und Weiterentwickelung der in Art. 26 der Militärorganisation von 1874 enthaltenen Verpflichtung der Kommandanten, bei derErhaltung der Bestände und bei der Kriegsbereitschaft mitzuwirken- Die Ermöglichung einer gründlicheren und solideren Ausbildung der Truppen ist danach der Hauptzweck der getroffenen Neuerungen. Die Botschaft weist darauf hin, daß die Ansprüche in bezug auf Ausbildung und

durchs Feuer zu gehen. Aber kein Lachen, kein Aus- bruch von Fröhlichkeit, immer der gleiche Marmorstil mit dem fest zusammengepreßten Mund, bereit, zu kom­mandieren oder die Leute zu Tode zu erschrecken mit dieser Stimme, die ihresgleichen nicht hatte; immer war man unsicher."

Bei der Durcharbeitung der riesigen Napoleon-Lite­ratur hat Kielland naturgemäß alle die kleinen Anek- doten und Geschichten sich zu eigen gemacht, die die historische Darstellung so hübsch würzen, aber keine von ihnen erzählt er allein um der Anekdote willen, nur, Wenn es gilt, einen charakteristischen Federstrich in dem Gesamtbilde einzutragen. Las Cafes fragt Napoleon: „Ich verstehe nicht, warum Ew. Majestät den Degen Friedrichs des Großen nicht behielten, da Sie ihn in Ihrer Hand hatten." „Ich hatte ja meinen eigenen", antwortete der Kaiser in ruhigem, mildem Tone und mit einem ganz eigentümlichen Lächeln . . . Und noch eine Degcngeschichte: Der Besiegte von Ulm, General Mack, mußte bei der Kapitulation seinen Degen ablic- fern. Mack hatte schon früher einmal seinen Degen ab- geben müsien, nämlich dem alten General Championnet zurzeit der Republik, bei der Einnahme von Neapel. Aber Championnet war ein gutmütiger Mann. „Be- halten Sie Ihren Degen, Herr General", sagte er, „meine Regierung hat mir verboien, Geschenke von eng­lischem Fabrikat anzunehmen."

Und die prächtige Schilderung des Schlachtenschick­sals: „In einigen Schlachten kommt die Niederlage plötzlich mitten im Kampf, und in einem Augenblick ist ans der einen Seite alles zu Boden geworfen, gute, solide Truppen sind mit einem Male gänzlich uni,raucht bar geworden. Eine solche Schlacht ist die Schlacht von Austerlitz. In den zwei Stunden, wo Kutnsow sich mit seiner ganzen Armee anstrengte, die Höhen von Vraqcn zurückzuerobern, stnnd der Kampf in gewisser Hinsicht gleich, und auf keiner Seite ivar ein allmählich zu- nehmendes Übergewicht erkennbar: es war, als ob ein Stahlbogeu immer stärker und stärker gespannt würde bis er plötzlich brach, und dir Niederlage auf einmal