s*. Jahrgang.
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Morgen- Ausgabe.
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Zum Fall prlers.
I.. Berlin, 20. März.
In der Kolonialpolitik mit ihrem Drum und Dran an heimischen Vorgängen besonders in bezug auf Personalien hat sich während der letzten Monate so diel Wundersames zugetragen, daß nur die chronische Vergeßlichkeit unserer Zeit schuld daran ist, wenn der Eindruck aller dieser merkwürdigen Dinge nicht ganz so stark ist, wie er eigentlich sein sollte. Frischen wir also ern wenig auf. Seitdem Herr Erzberger seinen Feldzug gegen die Mißstände im Kolonialwesen begann, sind in der Versenkung verschwunden: erstens der Kolonialdirektor Stübel, zweitens der Geheimrat Hellwig, drittens der Geheimrat von der Decken. Vielleicht folgt ihnen noch dieser und jener, aber was sich schon zugetragen hat, mag genügen. Warum wankt es und kracht es in der Kolonialabteilung? Waren die in der Öffentlichkeit erhobenen Angriffe unberechtigt oder übertrieben, wie man es nach herkömmlicher bureaukratischer Manier behauptet hat, warum alsdann diese gehäuften Erschütterungen der politischen Gesundheit? Uns geht Herr Erzberger persönlich nichts an, wir kennen ihn nicht, wir geben gern zu, daß zum Glück nicht alles, was er vorgebracht hat, die Probe auf seine Richtigkeit besteht; aber wer will aufstehen und erklären, daß er im wesentlichen Unrecht gehabt und getan hat? Man kann es nicht. Übrigens hat er ersichtlich gar nichts Besonderes dazu getan, um in den Besitz seines Materials zu gelangen, sondern er hat nur getan, was jeder Abgeordnete tun sollte. Er hat nämlich die Denkschriften der Regierung fleißig studiert und hier bereits vieles entdeckt, was ihm und anderen anstößig erscheinen mußte. Was ist das z. B. für eine sonderbare Sache, daß in der einen Denkschrift über Südwestafrika erzählt wird, die und die Chaussee sei im Bau, daß im nächsten Jahre erzählt wird, der Bau mache gute Fortschritte, daß im folgenden Jahre erzählt wird, die Chaussee sei fertig, und daß man im vierten oder fünften Jahre erfährt, sie sei kaum erst angefangen? Für alles, was früher durch Tun und Unterlassen begangen worden ist. kann nun selbstverständlich der neue Kolonialdirektor nicht verantwortlich gemacht werden, und er wird es auch nicht. Vielmehr erkennt jeder Einsichtige an. wie schwierig seine Stellung ist, wie peinigend es für ihn selber sein muß. wenn er auf die erhobenen Beschwerden immer wieder, mal mit dieser und mal mit jener Wendung, zu erwidern hat. er werde eine Untersuchung anstellen, und
Domierslag, den 88. Marx.
unter ihm jedenfalls würden derartige Dinge nicht Vorkommen. Das ist aufrichtig zu glauben, und so wollen wir für die Zukunft Besseres erwarten, als Vergangenheit und jüngste Gegenwart es auf diesem Gebiete gebracht haben. Wir können in Afrika nur Leute mit unbefleckter Weste gebrauchen, wir bedanken uns dafür, daß ein Jesko v. Puttkamer noch länger Gouverneur bleibt^ aber er wird es ja nicht. Wir bedanken uns ftrner dafür, daß ein Mann wie Karl Peters wieder völlig rehabilitiert wftd, ein Unterfangen, an dem die bekannten Freunde dieses Mannes, vor allem die Herren v. Kar- dorff und Arendt, so beharrlich arbeiten. Es ist unmöglich. anzunehmen, daß der Erbprinz zu Hohenlohe- Langenburg den Wünschen und den entsprechenden Schritten der Peters-Freunde nachgeben möchte, aber vielleicht ist er trotz des Eifers, mit dem er sich in ein Amt eingearbeitet hat, noch nicht genügend über den Fall orientiert. Auch die breitere Öffentlichkeit ist es nicht ganz. Denn sonst würde nicht so viel Gewicht darauf gelebt werden, daß der vielberufene Tuckerbrief tatsächlich nicht existiert. Aus seiner Nichtexistenz möchte Herr Arendt natürlich folgern, daß Peters somit ganz zu Unrecht bezichtigt worden sei, aber die Verhandlung vor dem Disziplrnargerichtshof und dann die Verhandlung in der Berufungsinstanz haben ergeben, daß Peters wirklich seine Konkubine und deren schwarzen Liebhaber hatte hängen lassen. Seine Freisprechung erfolgte nur, weil zur Zeit in den Kolonien das deutsche Strafgesetzbuch noch nicht in Geltung war, und seine Entlassung aus dem Reichsdienst erfolgte lediglich darum, trfeil er unrichtig hierher berichtet hatte. Ob Peters seine Handlungsweise, wie es Bebel durch den angeblichen Tuckerbrief hatte belegen wollen, eben durch ein Schreiben an jenen Missionschef bekräftigt hatte oder nicht, hat mit dem wirklichen Hergang, der anderweittg ausreichend beweisbar war, so gut wie nichts gemein. Nun war schon seinerzeit gerüchtweise davon die Rede gewesen, daß Peters einen Brief ungefähr des Inhalts, der auch den Inhalt des (nicht existierenden) Tuckerbriefes bilden sollte, an einen andern englischen Missionschef gerichtet habe, und daß bei der Veröffentlichung dieser Vorgänge nur ein Versehen und eine Verwechslung stattgefurchen habe. Wir wissen es nicht, wie es sich damit verhält, möchten aber empfehlen, daß der Kolonialdirektor die Akten in der Peters-Sache durchforschen lassen möge, und wir haben unsere triftigen Gründe zu dieser Empfehlung. Möglich, daß sich dabei ganz überraschende Dinge Herausstellen. Jedenfalls halten wir es für vollkommen ausgeschlossen, daß eine etwaige energischere Wiederaufnahme der Versuche, Herrn Peters in den Reichsdienst zu ziehen, jemals auch nur beimErbprinzen Hohenlohe-Langenburg, geschweige denn überhaupt, Er- folg haben könnte.
Re9ak1i,«S^er«sprecher 9t». 62. 1906.
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Politische Kbrrstcht.
Das englische Ministerium und die Chincsenjrage im Transvaal.
f n. L o rr ü o n, 18. März.
Die letzte Rede des Kolonialsekretärs Churchill im englischen Unterhause über die Chinesenftage hat in Transvaal böses Blut verursacht. Man ist dort der Ansicht. daß die Zukunft der Minenindustrie von der wetteren Beschäftigung chinesischer Arbeiter völlig abhängig ist. Churchill wäscht jetzt seine Hände in Unschuld, indem er in einem Briefe an die „Daily Mail" schreibt! „Jede Baisse, die aus der Diskussion am Mittwoch ist den südafrikanischen Minenwerten hervorgehen sollte, ist nicht den Erklärungen der Regierung, sondern den pesii- mistischen Reden Balfours und Chamberlams zuzuschreiben. Die Negierung hat die von Asguith und Lord Elgin gezogenen Grenzen nicht überschritten." Etwas böses Gewissen spricht doch aus dieser Erklärung.
, Italienische Auswanderung.
in. R o nt, 18. März.
Das italienische Ministerium hat der Kammer einen ausführlichen Bericht über die starke Auswanderung aus Italien nach Nord- und Südamerika unterbreitet.- Im letzten Jahre allein wandten sich nicht weniger als 250 000 Bauern in den südlichen Provinzen nach Amerika. d. i. dreimal soviel als im Jahre 1902. In einer Provinz, Avellino, wunderten im Jahre 1905 4 Prozent der Bevölkerung aus; zahlreiche Familien sehen sich infolge dessen dem Ruine nahe gebracht, indem sie ihres Ernährers beraubt wurden. In Calabrien verloren nicht weniger als 29 Familien von je 100 ihr Oberhaupt durch Tod oder Auswanderung. In manchen Gegenden gibt es Gemeinden, die sich ausschließlich aus Weiberr^ alten Männern und Kindern zusannuenfttzen.
Tig Krise der sozialistischen Partei in Italien.
IN. Rom, 19. März.
Auf dem letzten sozialistischen Kongreß, der vor zwei Jahren abgehalten wurde, machten sich vier verschiedene Strömungen in der Partei bemerkbar: 1. die extreme Linke, mit einem jungen Publizisten, Arthur Labriola, an der Spitze: ihr Programm ist so revolutionär wie möglich; 2. das linke Zentrum, mit Enrico Ferri als Führer; das Programm ist gemäßigt revolutionär? 3. das rechte Zentrum, das sich den Reformen nähert, aber 'jeglichem bürgerlichen Ministerium eine Unterstützung versagt: Führer ist Cabrini; 4. die Reformer, welche auch ein bürgerliches Ministerium unterstützen zu dürfen glauben, wenn es nur rin den Interessen des Proletariats günstiges Programm vertritt. An der Spitze dieser Gruppe stehen Tairati und Bissolati. Auf
Feuilleton.
(Nachdruck »erd«!»».)
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Es mögen sich schon viele geärgert haben, daß unsere Erde den Unbescheidenen als das Wichtigste im Weltall gilt. In der Tat, was ist dieses winzige Kügelchen im Vergleich mit den Sonnen, die in ungemessener Ferne durch den Äther fliegen und, begleitet von ihren Trabanten, sich um einen rätselhaften Mittelpunkt schwingen? Von ihnen gibt uns höchstens die Spektralanalyse ein wenig Kunde. Im übrigen sind sie für uns nichts als strahlende Lichter ohne wahrnehmbare Gestalt, und die Beschäftigung mit ihnen bleibt für den Laien ein müßiges Spiel der Einbildung, dem wir uns allenfalls bei viel freier Zeit hingebeu können.
Ein anderes ist es mit dem Bezirk der Sonne, in dem wir uns mit unseren Bruderplaneten befinden. Diese geben uns genug zu tun, und immer von neuem taucht die Frage aus, was für Geschöpfe wohl aus ihnen leben und ob sie überhaupt bevölkert sind. Wenn ich in meiner Häuslichkeit danach gefragt worden bin, antwortete ich: „Liebes Kind, genau weiß man das nicht; es wäre aber schade, wenn sich aus den anderen Planeten die Zustände wiederholen würden, wie man sie auf unserer Erde findet, die von den feinsten Geistern als ein Ort voller Schmerz und Niedrigkeit hingcstellt wird. Vielleicht gibt es auf den anderen Planeten schönere Verhältnisse und vollkommenere Menschen." Mit kindlichen Fragen wird man bald fertig, wenn man einen schönen Wahn nicht unnütz zerstören will. Indessen ist auch außerhalb der Familie die Nachfrage groß; selbst Gelehrte sprechen von Planctenbcwohncrn, und beinahe
*) Aus „Tagereisen und Streiflichter". 36 Erzählungen von Johannes Ziegler erschienen im 16. Jahrgang« des „Vereins der Bücherfreunde", welcher jährlich 8 Werke erster deutscher Schriststeller herausgibt. Mitgliedsbeitrag für die gebundene Ausgabe vierteljährlich 4.60 M. (6.40 Kronen, 6 Franks, für die geheftete Ausgabe 3.76 M. (4.50 Kronen, 5 Franks. Prospekte gratis und franko durch die Geschäftsleitung des „Vereins der Bücherfreunde", Berlin SW. 11, Hallefches Ufer 21.
im Ernst wird davon geredet, nach den Bewohnern des Mars zu forschen und Beziehungen mit ihnen anzu- knüpfen. Ich selbst habe mich gründlich an diesem Gedanken beteiligt und bin zu der überzeuguug gelangt, daß dies nie gelingen wird. Es gibt Dinge, die uns verborgen sind und verborgen bleiben; von ihnen heißt cs: ignorannm st ignorabimus. Wie sollte cs auch
anders sein? Wissen wir doch heute noch nicht, wie ein Grashalm wächst, warum ein Stein in der Luft zu Boden fällt und warum die Magnetnadel nach Norden zeigt.
Es fragt sich, ob die anderen Planeten überhaupt bewohnbar sind, und ob unsere Erde nicht wirklich in dem ungeheuren Raum, der uns von dem nächsten Sonncnbczirk trennt und dessen Radius mehr als vier Billionen Meilen mißt, der einzige von denkenden oder auch nur lebenden Geschöpfen bevölkerte Weltkörper ist. Da kommt es auf eine Untersuchung an. Der Sonne zunächst, zwischen ihr und dem Merkur, hat Leverrier in der Mitte der fünfziger Jahre einen Planeten entdeckt, den er Vulkan nannte. Er ist ein rätselhafter Stern, der zuweilen sichtbar war und dann wieder verschwand. Oppolzer kündigte dessen Erscheinen im Jahre 1879 für den Monat März an, doch ließ er sich nicht blicken. Mau hatte gehofft, ihn während der letzten Sonnenfinsternis ausfindig zu machen und durch Photographie fcstzu- stellen, aber vergebens; er zeigte sich nicht. Leverrier berechnete dessen Lauf um die Sonne auf ungefähr zwanzig Tage; aus dieser kurzen Umlaufszeit ist zu ermessen, wie nahe der Sonne er sich befindet. Weil er verschwunden zu sein scheint, glauben einige Astronomen, er sei in das Glutmeer der Sonne gestürzt.
Dieses Schicksal wird unter allen Planeten zunächst den Merkur ereilen. Er ist ebenfalls schwer zu erblicken, denn er kommt der Sonne so nahe, daß er am Morgen knapp vor ihr aufgeht, am Tage in ihrem Licht verschwindet und abends fast gleichzeitig mit ihr untergcht. Nur wenige Menschen haben ihn gesehen, und Koperni- kns klagte vor seinem Tode, daß er sich vergebens bemüht habe, ihn zu erblicken. Den Fernrohren unserer Zeit entgeht er nicht, und Schiaparelli hat ihn als eine glühend halbslüssige Kugel erkannt, die von Dämpfen
umwallt ist. So heiß ist die Ausstrahlung der Sonne in seiner geringen Entfernung von acht Millionen geographischen Meilen. Bon einer Tierwelt kann natürlich bei diesem Himmelskörper nicht die Rede sein. Nicht viel günstiger ist es mit der Venus bestellt, obwohl sie schon fünfzehn Millionen Meilen von der Sonne entfernt ist. Sie hat zwar keine wallende, sondern eine ruhige Atmosphäre, dennoch herrscht auf ihr eine Hitze, die keinem menschlichen Wesen den Aufenthalt gestattet. Ist es nicht schon auf unserer Erde zuweilen unausstehlich heiß bei einer Sonnenferne von durchschnittlich zwanzig Millionen Meilen! Die Afrikareisenden Rvhlfs, Doktor Nachtigal und Stanley erzählen, daß sie mehr als fünfzig Grad Celsius unter ihren Zelten gehabt haben, und daß selbst Negerkinder bei solcher Hitze starben. Und wie weit dehnt die Hitze sich auf beiden Halbkugeln unseres Planeten aus! In Petersburg wird im Sommer der Asphalt auf den Straßen weich, und ich selbst habe in Norwegen unter dem Polarkreis Täler gefunden, wo es im Juli drückend schwül war. An eine merkliche Abkühlung unserer Erde ist noch lange nicht zu denken, obwohl sie nach Helmholtz' Schätzung schon vierzehn Millionen Jahre alt ist.
Ob es auf dem vielberusenen Mars Menschen gibt? Dies ist sehr zu bezweifeln; wahrscheinlich gibt cs dort keine mehr. Er ist dreißig Millionen Meilen von der Sonne entfernt, und von dieser bekommt er natürlich lange nicht so viel Wärme wie wir. Zudem ist er klein — seine Oberfläche beträgt nur ein Viertel der Erdoberfläche — und viel weiter abgckühlt als unser Planet. Er scheint sehr alt zu sein, denn seine Gebirge sind schon seit langer Zeit herabgebröckclt und bilden nur noch Schutt und Sand. Eine Billardkugel hat im Verhältnis größere Erhöhungen als er. Nach meiner Ansicht sind die sogenannten Kanäle nichts anderes als Wasser, das ans der ganz ebenen Sandfläche fast willkürlich fließt, ungefähr so, wie cs auf einigen Wüstcn- strecken Afrikas nach Wolkcnbrüchen geschieht. Seine Schneegrenze der Nord- und Südpolargegend reicht weit hinab. Genug, er ist unwirtlich, öde und kalt, und seine hydrographischen Zustände sind derart, baß man ans seinen Gefilden we weiß, ob man nicht rm nächsten
