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s«. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. Bezugs-Preis: durch den Verlag M» Pfg. monatlich, durch die Post 2 Mk. L» Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

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Üttf* Berlags-Fernivrecher No. 295*.

Morgen - Kusgabe.

_ 1. Wkatt.

Pas MS Scr freien EiseadahMUrs.

Aus Rom wird uns geschrieben:

Bei der Annahme des Eisenbahngesetzes im letzten Sommer bekundete die italienische Kammer die lobens­werte Absicht, mit der bisherigen Mißwirtschaft der Freikarten entschieden ein Ende zu machen. Insgeheim verwahrte sich freilich jeder Volksbote dagegen, daß die neue Verwaltung ihm und seinen durch Traditionen ge­heiligten Rechten entgegentreten könne, auch müsse nach wie vor die Eisenbahnimmunität der Legislatoren auf deren Familie und dienstbare Geister ausgedehnt bleiben. Der Eisenbahnminister Todesco zeigte sich denn auch des in ihn gesetzten Vertrauens wiirdig, er erhob den Mißbrauch zu wohlbegründetem Neckt und schasste so alle bösen Beklemmungen aus der Welt. Seine letzte Amtshandlung bestand in der Ausstellung eines könig­lichen Dekrets, kraft dessen er sich und seinen Nachfolgern im Amt das Recht vorbehielt, ein bis fünf Personen monatlich 60 Freikarten, ferner 100 Karten zu ermäßig­ten Preisen verabreichen zu dürfen. Außerdem werden in dem Dekret die Kategorien von Personen, die zu Freikarten und jene, die zu Fahrpreisermäßigung be­rechtigt sind, festgesetzt. Personen, die, wie zum Beispiel die höchsten Würdenträger des königlichen Haushaltes oder die Überlebenden der Ritter des hohen Annunziata- Ordens, ausgezeichnet in der Lage sind, ihre Reisen aus eigener Tasche zu bezahlen, haben ein Recht auf die gleiche Eisenbahnimmunität wie die Prinzen von könig­lichem Geblüt.Die Mitarbeiter der italienischen Zeitungen und diejenigen der führenden ausländischen Blätter" - so heißt es wörtlich in dem vielfach ange­fochtenen Dekretsind zu einer Freikarte jährlich, auch für ihre Familie gültig, und zu drei Reisen mit ermäßigten Preisen jährlich berechtigt." Dabei ist es selbstverständlich, daß die neu hinzugekommenen Ver­günstigungen an den bisher üblichen nichts ändern. Deputierte reisen für die ganze Dauer ihres Mandats auf sämtlichen Eisenbahnen und auf allen Dampfern der italienischen Schiffahrtsgesellschaften nach Vorzeigen ihrer Karte ohne die geringste pekuniäre Belästigung, die Senatoren sogar auf Lebensdauer. Auch Offiziere, die in Deutschland so gut wie keine Eisenbahnvcr- günstigung genießen, haben, wenn sie auch nicht ganz so gut wie die Parlamentarier behandelt werden, in Italien keinen Grund zur Klage. Sie alle sind im Besitz eines immerwährenden Kuponheftes, das ihnen bei Entrichtung von 22 Centesimi auf eine Lire gestattet.

Feuilleton.

(Nachdruck verbot-».)

Keanzosische Rirchenschütze.

Die Inventaraufnahme, die die französische Regie­rung jetzt in den französischen Kirchen vornehmen läßt und die so viele Unruhen und Konflikte Hervorrust, lenkt die Aufmerksamkeit aus die ungeheuren Kunstschätze, die die französischen Kirchen besitzen. Schon die große retrospektive Ausstellung auf der Weltausstellung von 1900 breitete die wundervolle Fülle dieser Kostbarkeiten in ihrer strahlenden Schönheit aus: aus den großen Kathedralen wie aus den kleinen Kirchen waren herr­liche Werke gekommen, Statuen, Gestühle, Schnitzereien, Bronzen und Emaillen, Glasfenster und Reliquien­kasten, Gewebe und Stickereien an Meßgewändern und Kaseln, Kellhe und Kruzifixe boten sich den Blicken dar, und die große Ausstellung primitiver französischer Dkeister im Jahre 1904 hat dann die Reichhaltigkeit der französischen Bilderschätze und die hohe künstlerische Be­deutung dieser Malereien, die fast alle bisher in Kirchen verborgen geruht hatten, erwicsew

Ein großes Triptychon aus der Kathedrale von Moulins erregte besonders die Bewunderung der Kenner; jes zeigte die Madonna mit dem Jesuskind zwischen zwei Stiftern und war lange dem Florentiner Ghir- landajo zugeschrieben worden, bis es nun als das Werk eines französischen Meisters vom Ende des 15. Jahr» Hunderts erkannt wurde. Nicht nur der wundervolle Farbenglanz und die edle Anmut der Bewegungen ver­leiht diesem Werk seine hohe Bedeutung, sondern cs hat auch durch seine historischen Porträts einen großen ge- schichtlichcn Wert. So erhält es z. B., wie Henry Rou- jon in einem den wichtigsten Kirchenschätzen gewidmeten Aussatze inJe sais tout" ausführt, ein authentisches Porträt der klugen und energischen Regentin Anne de Beaujeu, bie für ihren minderjährigen Bruder Karl ym. die Regierung leitete. Der junge König

Mittwoch» den 21. Marx.

kreuz und quer durch ihr schönes Vaterland zu fahren. Freilich, der unbequeme, Urlaub des Vorgesetzten ist auch unter dem milderen Himmelsstrich von nöten, da die hohen Chargen aber selbst kleinen Ausflügen nicht ab­geneigt sind, so befleißigen sie sich den Untergebenen gegenüber keiner drakonischen Strenge. Das gleiche Eisenbahn-Vademekum führen sämtliche Ministerial- beamte bei sich. Die Provinzbeamten, gleichviel welcher Gattung sie angehören, müssen sich mit einer Ermäßi­gung von 50 Proz. begnügen, sie müssen sogar jedesmal darum amtlich einkommen, eine schreiende Ungerechtig­keit, über die sie tief unglücklich sind. In derselben Weise werden Bühnenangehörige, sofern sich wenigstens vier von ihnen zusammentun, behandelt. Da nun auf sämtlichen Hauptlinien Offiziere, Beamte, Theatergrößen sich in der ersten Klasse breit machen, ist es nur zu natürlich, daß ehemalige Minister und Unterstaatssekre­täre von ihren Kollegen im Amt ganz zu schweigen wie jeder, der nur ein wenig aus sich hälff es fiir unter ihrer Würde halten, in so gemischter Gesellschaft zu reisen, sie beanspruchen unter allen Umständen das Recht auf ein reserviertes Coupä. Daß das übrige Publikum noch ärger zusammengepfercht wird, das küm­mert die Sterne am Himmel nicht, sie glitzern kühl und unnahbar über dem gemeinen Menschcnpack. Schon vor Jahren hatte der Ministerpräsident Saracco gerade dem letztgenannten Unfug zu steuern versucht, nur noch ein Jahr nach dem Sturz sollten politische Größen das Recht auf ein reserviertes Eoupä behalten. Der freigiebige Herr Todesco aber fahndete mühsam nach allen denen, die einst zu den Bevorzugten zu zählen waren, ohne irgend ein Zutun ihrerseits schneite ihnen eine elegante Karte ins Haus, auf welcher ihnen das schöne Vorrecht amtlich für das ganze Jahr 1906 erneuert wurde. Das folgende Beispiel mag das italienische Paradies für Frei­karten noch besser erläutern: Bei dem internationalen Prcssetag in Luzern hielten es die biederen Gastgeber für ausreichend, die Mitglieder mit einer Freikarte 2. Klasse für das gesamte Schweizer Eisenbahnnetz zu beglücken, aber nur für die Dauer von 14 Tagen. Bei einem ähnlichen Anlaß in Italien erhielten die Vertreter des internationalen Journalismus in Italien eine Karte 1. Klasse, gültig für 6 Monate im ganzen Reiche inklusive der Inseln. Zeitweise waren sie also den Sena­toren und Deputierten ganz gleich gestellt, und es bleibt unerfindlich, warum gerade Italien als einzige Macht der Welt die Preßmatadorcn des Auslandes umsonst auf seinen Bahnen reisen ließ. Übrigens ist es in den beruflichen Verbänden italienischer Journalisten wegen der Eisenbahn-Bevorzugung zu bösen Zwistigkeiten ge­kommen. In Mailand wurde eine Tagesordnung, die neue Begünstigung einer freien Reise jährlich für sich selbst und die Familie als eine Art von Bestechung zurück­

hatte vor dieser stolzen und bedeutenden Frau so große Angst, daß er, wie ein Chronist erzählt, in ihrer An­wesenheit blaß wurde und ihm der Appetit beim Essen verging.

Eine der an Schätzen reichsten Kirchen ist die von Conques, das Gotteshaus eines kleinen Fleckens, der in dem kleinen Tal von Dourdon liegt, ein edles Bauwerk im besten romanischen Stil. Bis ans Ende des neun­ten Jahrhunderts war diese' Kirche dem Heilande ge­weiht und wenig bekannt. Aber dann wurde sie durch eine merkwürdige Veränderung ein berühmtes, viel be­suchtes Heiligtun,. Die nicht weit davon gelegene Stadt Agen war stolz darauf, die Gebeine einer Märtyrerin, der heiligen Fides, zu besitzen. Die kostbare Reliquie war einem Priester Arinisdus zur Bewahrung über­geben, der zu der Bruderschaft von Conques gehörte. Der nahm eines Tages den Körper der Heiligen in dem kost­baren Reliquienschrein, der ihn barq, und trug ihn nach Conques. Die heilige Fides, obwohl durch ein Ver­brechen an einen andern Ort versetzt, tat dennoch große Wunder und zog eine andächtige Pilgerschaft nach der bisher unbeachteten Abtei. Große Reichtümer häuften sich nun in dem Kirchlein und unter ihnen befindet sich auch jene alte Statuette der heiligen Fides, die eine der frühesten Werke französischer Goldschmiedekunst ist und 1900 das größte Aussehen erregte. Die starren masken­haften Züge der Heiligen, der schwere funkelnde Glanz der Kostbarkeiten, die noch den Zusanimenhang mit byzantinischen Vorbildern verraten, umaeben die starr ausgerichtete Gestalt mit einem unheimlichen, fast grauenvollen Zauber. Wie sie sich, im Schein der Gold­platten glänzend, übersät mit Juwelen und funkelnden Edelsteinen, aus den großen Augen von Emaille stier auswärtsstarrend, aus dem magischen Dunkel einer Ge­betsnische aufrichtete, mochte sie mehr als ein heidnisches Idol erscheinen, denn als eine christliche Märtyrerin.

Der heilige Bernhard, dieser weiche und schwermütige Mystiker, ist auch wirklich durch die bizarre Phantastik dieser Figur abgesckireckt worden. Auch heute noch, wo die Zeit einen gedämpfteren Ton über all die bunten

RedaktiouS-Ferufprecher No. 52. 1006.

zuweisen, mit knapper Mehrheit abgelehnt. Die modernen Catonen, welche das Verhältnis der Presse zur Eisen­bahnverwaltung jenem zu den Theaterdirektionen gleich­stellen, haben bisher die bedeutende Ermäßigung sehr gern hingenommen und würden sich glücklich schätzen, wenn alles beim alten bliebe 6 Reisen jährlich zu er-, mäßigten Preisen. Gerade in diesen Tagen hat sich Roosevelt entschlossen, um auch den Schein zu meiden, die vielen Gefälligkeiten, mit denen er von den Rail- waykings überhäuft wird, könnten irgend einen Einfluß' auf ihren Strauß mit der Regierung ausüben, nur noch auf eigene Kosten zu reisen. Zu diesem Heroismus hat man sich bisher in Italien nicht ausgeschwungen. Der. Zwischenfall mit den Journalisten erweckt mein be­sonderes Interesse, ich gestehe es offen, weil ich selbst zum Handwerk gehöre. Im übrigen verkörpert er die komische Seite in einer schwerwiegenden Frage. Das unsinnige Treiben mit den Freikarten ist leider für das ganze fiskalische System bezeichnend. Als das große Werk der Einigung Italiens sich wie durch Wunderkrast vollzog, flickte man ein Verwaltungssystem mit Anleihen von allen Seiten hastig und ohne innere Logik zusammen. So ist es bisher geblieben, und wenn es ein Gebot der Selbstachtung, der Selbsterhaltung ist, für die Beseiti­gung derartiger Gegensätze einzutreten, so ruft in noch ernsterer ethisch höher stehenden Weise das Interesse am Wohl dos aufblühenden Landes den Patrioten zur Be-, leuchtung heilbarer Mißstände. E. G a g l i a r d i. *

Politische Übersicht.

Die Vcvölkeruugsbewcgung in den englischen Kolonien.,

ii. London, iS. März.

Die kürzlich veröffentlichte erste Statistik des ge- samten britischen Weltreiches, deren Ausarbeitung Chain- berlain als Kolonialsekretäp veranlaßte, gibt auch lehr-, reiche Aufschlüsse über die Bevölkerungsbewegung in den englischen Kolonien. Der Umfang, in welchem die Be- völkernng in den einzelnen Besitzungen auff Einwande­rung zurückzuführen ist, ist sehr verschieden. In West- australien sind nicht weniger als 9,4 Prozent der Be- wohner eingewandert, in der Orange-Kolonie, in Neu- seeland 31,4, in Kanada 12,8 und in der Kapkolonie 8,5 Prozent. Ebenso unterschiedlich ist die Zusammensetzung der cingcwanderten Elemente. Während in Australien, Neuseeland und Kanada die überwiegende Mehrheit der neuen Ansiedler aus dem Vereinigten Königreich stam­men, sind in der Orange-Kolonie 28.1 Prozent der Be*' völkerung aus andern Teilen des Imperiums und nur 4,8 Prozent aus dem Mutterlands eingewandert. In Australien ging eine rege Aus- und Einwanderung zwi- schon den einzelnen Kolonien von statten zugunsten Neu-

Zierate gebreitet hat, wirkt diese bei aller Starrheit lebendige Gestalt nnt den vorgestreckten Armen wie ein seltsamer Spuk. Conques besitzt auch noch einen wundervoll kostbaren Buchstaben in herrlicher Gold» schmiedearbeit, den man mit den 24 Buchstaben zu- sammenbringt, von denen Kaiser Karl je einen an 24 Abteien geschenkt haben soll. Ein Meisterwerk der frühen französischen Plastik ist auch die Statue deÄ heiligen Baudime in der Kirche Saint-Nectaire, einem kleinen Gotteshaus im Departement Puy-de-Domc. Auch diese fein inKupfer ziselierte und vergoldeteStatue hat noch etwas Primitives und Wildes in dem tief in die Stirn fallenden Haaren mit der großen Tonsur, den maskenhaften Zügen und der übermäßig großen, in seg­nender Gebärde starr ausgereckten Hand. Aber zu- gleich liegt auch eine ungeheure Lebendigkeit in diesen markigen Zügen, dem breiten Mund, der mächtigen Nase. Das Weiße der Augen ist aus Elfenbein und die großen runden Pupillen sind aus Horn eingesetzt.

Reich sind die Kirchenschätze Frankreichs an schönen Madonnenbildern, in denen alle Lieblichkeit und Grazre seiner frühen Kunst zum Ausdruck kommt. Da ist die reizende Elsenbeinmadonna von Villencuvc-lös-Avignon, ein Werk des 14. Jahrhunderts, das uns eine liebend geneigte holdselige Mutter und ein freundlich auf dem Schoß stehendes Jesuskind zeigt: dann die Madonncl von St. Paterne, eine entzückend bewegte Mädchenstatue ans Terrakotta, die durch eine reiche farbige Bemalung noch mehr Anmut und Schönheit erhalt. Den stolzen Reichtum des Ausdrucks und der Gewandmotive der Hochrenaissance verrät dann die Marmorfigur von Germain Pilon in der Kirche von Notre-damc de la Couture" in Le Mans. Ein Kopf von träumerischer Weichheit und zartester Schwärmerei des seelischen Aus- druckcs ist die Büste der heiligen Fortunata in Corräze deren ttefe Innigkeit wie ein ganz modernes Kunstwerk anmutet.

Besonders berühmt sind die Schätze der französischen Krrche durch rhro unschätzbaren Tapisserien, die die Herr- lichjten eingewebten Bilder enthalten. Die Altar-