Einzelbild herunterladen
 

M. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgabe«. — Bczngö-Prcis: durch den Verlag S« Pfg. monatlich, durch dre Post s Mk. So Pfg. vierteljährlich für de,de

Verlag: Langgaffe 27.

Anzeigen-PreiS:

Die einspaltige Petitzeile für lokale Anz 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pf Reklamen die Petitzeile für Wicsbadett SO

Wo. 131.

verlags-Ferusprecher R». WM.

Morrtag» den 19. Mar;.

RedaktionSHernfprecher Slo. L2.

1»«S.

Kbend - Kusgabe.

1. MCatt.__

Herwig uls Erzieher.

Berlin, 18. März.

Wenn das Wort, daß diejenige Frau die beste ist, von der ani wenigsten gesprochen wird, sinngemäß auf die Polizei übertragen werden kann, dann wäre unsere Polizei nicht die beste. Im letzten Jahrzehnt ist von der Polizei, und zwar ganz besonders von der Berliner Polizei, sehr viel die Siede gewesen, aber besagte Rede erging keineswegs zum Lobe der Polizei. Es sind jetzr gerade 8 Jahre her, seit das geflügelte Wort „Schutz vor den Schutzleuten" entstand, mit dem an dem vielfach zu Mißgriffen neigenden Übereifer unterer Polizeiorgane eine scharfe Kriffk geübt wurde. Es war zu Ende des Jahres 1897, als ein Berliner Gerichtshof bei der Ver­handlung über einen dieser polizeilichen Mißgriffe das scitdem vielgenannte Worte prägte: „Was einem an­ständigen Mädchen in Berlin passieren kann." Anderer­seits hatte der Leckert-Lützow-Prozeß recht bedenkliche Zustände innerhalb der politischen Polizei und nachher der Sternberg-Prozeß mancherlei Mitzstände innerhalb der Kriminalpolizei bloßgclegt.

Alle diese Vorkommnisse haben mehrfach zu Er­örterungen im preußischen Abgeordnetenhause geführt, und hier und da ist auch die bessernde Hand an die Organisation der Polizei gelegt worden, manche von den früher beklagten Mißständen sind auch mehr oder wenrger beseitigt worden, manche aber auch nicht. So sind gerade in jüngster Zeit mehrfach Fälle bekannt geworden, in denen die politische Polizei erheblich mehr Eifer als Ge­schick ausgewiescn hat, und was gar erst die K riminal- p 0 l i z eä betrifft, so stellt die Berliner Verbrecher­chronik der letzten Jahre förmlich eine Chronik des — drücken Wir uns höflich aus — Mißgeschickes der Polizei

Sinter den zahlreichen sensationellen Kriminalfällen der letzten Zeit, deren Aufdeckung der Berliner Polizei entweder gar nicht oder aber nur mit Hülfe von Privat­personen oder eines glücklichen Zufalls gelang, nimmt der viel erörterte Fall Hennig die hervorragendste Stelle ein, und er bildet wahr sich kein Ruhmesblatt in d-n Geschichte der Polizei. Am 4. Dezember vorigen Jahres hatte der jetzt durch einen glücklichen Zufall end­lich gefaßte Hennig den Raubmord an dem Kellner Gier- noth begangen, und seit der Zeit hatte die Berliner Kriminalpolizei mit so viel Eifer und Mißgeschick die Jaad nach den: Mörder betrieben, daß der Berliner Volkswitz der Polizei zum Schluß den guten Rat gab, die Hennig-Jagd in der Folge nicht selbst auszuüben, sondern lieber anderweitig zu verpachten.

Wie viel Mißgriffe der Berliner Kriminalpolizei bei dieser — Jagd zugestoßen sind, das ist erst jetzt in vollem Ilmfange bekannt geworden. So macht der hiestge

„Lokal-Anzeiger", der als polizeioffiziös gilt, allerlei neue Mitteilungen über seine Beteiligung an der Hennrg- Jagd, die für die Kriminalpolizei nicht weniger als rühmlich sind. Unter anderm erzählt das Blatt, daß Hennig ihm gegen hohes Honorar ausführliche Artikel über die Ermordung Giernoths angeboten habe, ein Fall, der übrigens einer gewissen Sensationspresse ganz neue Bahnen weist. Der Dieb, der seinen Diebstahl' der Mörder, der seine Mordtat schildert, das wäre jedenfalls eine ganz neue Nummer. Das betreffende Blatt ging im Einverständnis mit der Kriminalpolizei auf das Angebot ein, und es wurde mit dem Mörder vereinbart, daß das Honorar am 2. Januar aus dem. Postamt Blumenstraße postlagernd deponiert werden ; sollte. Nach der Dafftellung des ,,Lokal-Anzeigers" fand ; sich Hennig dort auch ein, entwischte aber der Kriminal­polizei noch im letzten Augenblick durch deren Ungeschick, während diese in einer heute veröffentlichten.Darstellung behauptet, daß Hennig nicht in eigner Person auf dem Postamt gewesen sei, ohne.daß diese polizeiosstzchsr^ Dar-' stellung den erwähnten Mißgriff völlig zu bemänteln vermag. ^ _ . , .. _

Das zweite Miß- und Ungeschick der Pottzei bei der Hennig-Jagd ist noch in frischer Erinnerung. Am 6. Februar wurde ihr der Mörder glerchfam auf dem Präsenfferteller überreicht, indem die Wrrffn, bei der er wohnte, die Polizeibehörde zu seiner Abholung ans-- forderte. Es fanden sich bekanntlich auch zwei Beamte zu diesem Zweck ein, die aber ihrer Aufgabe so wenig gewachsen waren, daß sie den Verbrecher unnriüeloar vor dem Polizeibureau entwischen ließen. Seitdem hat dre Polizei die Hennig-Jagd in Berlin mit nervösem Eifer fortgesetzt, während sich jetzt herausstellt, daß der Ver­brecher sich seit dem 7. Februar unbehelligt in Stettin aushielt, und wenn es dort endlich gelungen ist, ihn zu fassen, so ist das nicht etwa der Polizei, sondern dem Zu­fall und einem Angestellten der privaten Wach- und Schließgesellfchast zu verdanken.

Es liegt in der Natur der Sache, daß dies chronische Mißgeschick der Kriminalpolizei die Frage aufs neue zur Erörterung gebracht hat, wo hier die Fehler liegen, und wie sie zu beseitigen sind. Es ist schon häiffig genug daraut hingewiesen worden, daß vielleicht der wesent­lichste Mißstaud in der zu großen Zentralisation, m der ; Überhäufung des Berliner Polizeipräsidiums mit zaül- reichen und aanz verschiedenartigen Aufgaben liegt. Hat doch das Polizeipräsidium eine Regierungsabteilung, ejne Bauabteilung, eine Gewerbeabteilung; es unter­steht ihr die Feuerwehr, das Fuhrwesen, die Markt-Auf- sicht, die iogenaunte Sittenaussicht usw. ufw. Da ist es zum Schluß kein Wunder, wenn unter dieser allzii mannigfachen Tätigkeit die Hauptaufgabe der Polizei leidet, nämlich die Verbrecher zu fangen. Wie wir hören, wird auch sin preußischen Abgeordnetenhause demnächst,, die Frage angeschnitten werden, wie den hier beklagten , MiMänden in der Organisation unserer Polizei abge- < Holsen werden könnte. Vielleicht wird auf diese Weffe Hennig noch als „Erzieher" wirken! Dr. j. P.

Deutscher Reichstag«

Berlin, 17. März.

«Schluß aus öer gestrigen Morgen-Ausgabe.,

ASg. Kar-orff (Reichspt.) tritt für Zurückweisung an die Kommission ein.

Abg. Dove (Freis. Vgg.) spricht sich dagegen aus.

ASg. Siugcr lSoz.) stellt unter großer Heiterkeit des Hauses Verweisung an die Schnlkommission des Abge­ordnetenhauses anheim und bezweifelt die Bcschluß- sähigkeit des Hauses.

Vizepräsident Graf Stolberg schließt sich dem an und beraumt die nächste Sitzung auf heute nachmittag 4ff> Uhr an mit derselben Tagesordnung unter Ausschluß der angefochtenen Position.

In der neu anberaumten Sitzung wird das Ordi- «arium für Ostafrika debattelos bewilligt. Im Extra- ordiuariüm hat die Kommission 243960 M. für die weiße Kompagnie gestrichen.

Abg. Graf Arnim (Reichspt.) trttt für die Wieder- herstclttrng dieser Forderung ein.

Erbprinz zu Hohenlohe befürwortet ebenfalls die Forderung des Gouverneurs auf Entsendung einer weißen Kompagnie nach Ostafrika. Der Gonvernenr wünsche am Sitze der Regierung in Dar es-Salam unbe­dingt eine zuverlässige Truppe zu haben. Im Hinblick auf die gesunden klimatischen Verhältnisse in Dar es Salam trafen die gegen diese Position angeführten ge­sundheitlichen Bedenken nicht zu. Dazu komme, daß der Gouverneur telegraphiert habe, daß er bei Ablehnung -der weißen Kompagnie eine Verantwortung nicht über­nehme, wenn nicht eine Vermehrung der schwarzen Kom­pagnien statffände. Zum mindesten müßte man zur Be­dienung öer Maschinengewehre weiße Mannschaften haben, da sie in den Händen der Eingeborenen eine furchtbare Waffe für die deutschen Truppen werde» können.

Abg. v. Beehlcndorf-Kölpin (Kons.) lehnt die Forde­rung nur aus hygienischen Gründen ab, will aber eine Verstärkung der schwarzen Truppen dem Gouverneur nicht versagen.

Abg. MMer-Sagan (Freis. Vpt.) meint, von der Ver­wendung deutscher Truppen in Ostafrika könne doch nur an bestiimnten Orten zu bestimmten Zetten die Rede sein.

Abg. Erzberger (Zentr.) befürwortet den Kom- mtsswnsbeschlutz.

Nachdem Erbprinz Hohenlohe nochmals die Gründe für die Entsendung einer weißen Kompagnie dargelegt hat,.wird die Position gestrichen.

Der Rest der Ausgaben wird den Kommissivnsan- trägen gemäß bewilligt.

Beim Reservefonds beantragt

Abg. Bachem (Zentr.) ein Dispositiv zu schaffen für unvorhergesehene notwendige Ausgaben.

Geh. Rat Sertz stimmt diesem Anträge zu.

Feuilleton.

(Nachdruck »ctbotaD

Tiere als Heuchler.

Von Dr. Th. Zell.

II.

Eine bekannte Heuchelei bei Tieren ist das Sichtot- stellcn, um das gefährdete Leben zu retten. Nicht nur Insekten machen hiervon Gebrauch, sondern auch Raub­tiere, wie das Opossum und unser Wiesel. Von dem letztgenannten berichtet Freiherr von Droste-Hülshoff im Zoologischen Garten folgenden Fall:

Aus einem Spaziergange Ende Mai 1872 wurde ,meine Aufmerksamkeit durch auffallende, augenschein­lich von einem Tiere herrührende Töne in meiner Nähe erregt. Ich begab mich an die Stelle, wo ich die Töne ver­nommen hatte, und bemerkte ein altes und zwei junge Wiesel, welch letztere bereits mindestens die Größe eines alten erreicht hatten. Bei meinem Erscheinen ent­fernte sich das alte Wiesel schleunigst, die beiden jungen drückten sich an den Boden und machten es mir dadurch möglich, das eine derselben durch einen raschen Griff im Genick zu erfassen: das andere entfloh darauf eiligst. Auf das klägliche Zetergeschrei des von mir in der Hand gehaltenen erschien nun augenblicklich das alte und rannte unausgesetzt und mit unglaublicher Schnellig­keit in einer Entfernung von 1 bis 2 Fuß um mich herum: den wiederholten Streichen meines mit der linken Hand geführten Regenschirmes wich das Wiesel geschickt ans und erreichte ich damit nur, daß ich meinen Regen­schirm zerschlug. Nachdem dieses nun etwa 5 Minuten gedauert hatte, setzte ich meinen Weg fort unter Beglei­

tung des alten Wiesels, welches mich aber, nachdem ich 30 bis 40 Schritte zurückgelegt hatte, verließ. Sofort änderte das junge seine Taktik. Nachdem es nämlich unter fortwährendem Geschrei versucht hatte, sich zu bc- ' freien, hörte dieses nunmehr gänzlich auf: es hing ganz schlaff in meiner Hand, schloß die Augen, sperrte schließ­lich auch noch das Maul ganz wett auf und war augen­scheinlich tot. Da ich das Wiesel lebend behalten wollte, so war mir diese Entdeckung nicht angenehm und um so ausfallender, als ich dasselbe, um es nicht zu ersticken, nur mit zwei Fingern an den starken Halswirbeln ge­faßt hatte. Es' war und blieb aber tot und alle Be­mühungen, ein Lebenszeichen von demselben zu erhalten, blieben fruchtlos. Ich trug es daher noch eine Strecke und warf es dann mitten in einen kleinen Teich, an dem mein Weg vorüberführtc. Kaum hatte es die Wasser­fläche berührt, als cs auch schon zu meiner nicht geringen Überraschung zu schwimmen begann und ganz munter an das Ufer schwamm, um im Grase und Gestrüpp zu ver­schwinden.

Das Wiesel hatte mich augenscheinlich absichtlich ge­täuscht und lieferte dadurch wieder einen Beweis für die Behauptung' daß die Tiere doch mitunter eine bedeu­tende Überlegung an den Tag legen, die mir übrigens mit dem Begriff von Instinkt wohl vereinbar zu sein scheint.

Auch die wilden Gänse stellen sich tot, wenn sie sich in der Mauser befinden nnd deshalb schlecht fliegen können, und täuschen dadurch häufig den Jäger. Überhaupt mutz man wohl die Palme unter den Verstellungskünstlern den Vögeln zuerkenncn. Namentlich die Bögelmütter, die Junge haben, verstehen es ausgezeichnet, etwaige Feinde abzulenken.

So schildert z. V. der ausgezeichnete Naturforscher

Lenz folgenden Fall: „Ein recht auffallendes Beispiel solcher Verstcllungskunst hat nur der Obcr-Medizinal- rat Buddeus zu Gotha mitgeteilt: Er bemerkte aus einem-pyramidenförmig zugeschntttenen Lichten Baume seines Gartens ein Müllerchen und begann es aufmerk­sam zu betrachten. Da schien das Tierchen plötzlich krank zu werden, begann zu schwanken, und fiel dann wie tot vom Baume gerade ins Gras herab. Der Ober- Medizinalrat sprang zu, es zu ergreifen: es raffte sich aber scheinbar mühsam auf und flüchtete langsam flatternd vor ihm her ins Gebüsch. Von der Verfolgung znrückgckehrt, untersuchte er den Baum genauer und fand da drei kleine, kaum ausgeflogene junge Mttller- chen ruhig aus einem Ästchen sitzend. Die Mutter hatte nur die Rolle des Sterbens gespielt, um den vermeint­lichen Feind abznlocken. Am folgenden Tage suchte der Ober-Medizinalrat die Müllerchen wieder auf, das Tier­chen stürzte wieder genau wie am vorigen Tage zu Boden und flatterte dann vor ihm her. An den nächst­folgenden Tagen berief er einzelne Freunde, das Wun­der mit anzusehen, und es wiederholte sich regelmäßig, bis die Jungen etwas selbständig waren. Dieselbe Kunst trieb auch das nette Tierchen noch in den zwei folgende» Jahren, wo es wieder in dem Garten nistete."

In seinem bekannten Buche: „Bingo nnd andere

Tiergeschichten" berichtet Thompson von den Leiden und Freuden einer Fasanenmutter, die ihre kleinen Jungen vor den zahlreichen Feinden schützen will. Es heißt dort:

Drüben auf der Wiese erschien ein großer Fuchs: kam ihren Pfad entlang nnd sicherlich würde er sie in wenigen Augenblicken mit seiner feinen Nase wittern. Da gab es keine Zeit zu verlieren.

Krr! Krr! (Versteckt euch! Versteckt euch!) rief die Mutter leise, aber in bestinmttem Tone, und die armen