54. Jahrgang.
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130 4 BerlagS-Fernsprecher No. 29B*.
Sonntag, den 18 . Wiirz.
RedakilonS-FernIprecher Nr. 82.
Morgen - Ausgabe.
1. Wlatt.
Nach Arlchlers Tode.
Soll es nun so bleiben, wie es war? Oder soll es, kann es anders werden? Kanu sich die Sehnsucht erfüllen, die „eine große liberale Partei" aus den einzelnen Gruppen hervorgehen sehen möchte, in die der Liberalismus heute zerfällt? Wie oft haben wir in allen Tonarten des Schmerzes wie der ingrimmigen oder spöttischen Ironie gehört, daß nur Eugen Richter das Hindernis einer Umwandlung der Parteiformen aus der Linken bilde! Nur an ihm sollte cs gelegen haben, daß die Freisinnige Volkspartei, die Süddeutsche Volksparter, die Freisinnige Vereinigung und wohl gar der linke Flügel des Nationalliberalismus (auf den rechten, der ja vollständig im konservativenFahrwasser segelt, wagte man denn doch nicht zu hoffen) nicht eine geschlossene Masse bildeten, mindestens aber eine Armee, die zwar getrennt marschieren, zur geeigneten Zeit aber vereint schlagen konnte. Solche Legende — denn das ist sie — wirkt naturgemäß auch gegenwärtig immer noch nach, aber dle Zeit ist da, wo sich wird erweisen müssen, daß sie keinen realenJnhalt hat. Denn dies dünkt uns als das wichtigste praktische Moment im Heimgange Eugen Richters, daß die Politik, die er sein Lebtag betrieben hat, nun nach seinem Tode gewissermaßen ihre Beglaubigung durch unwiderstehliche Tatsachen wird siudeD müssen. Wir meinen dies so' es wird sich Herausstellen, daß Richter nur ausgesprochen hat, was er mit seiner Klugheit und Klarheit besser erkannte, als es die Schwärmer tun, nämlich daß die Gegensätze zwischen den verschiedenen Richtungen im Liberalismus durch die Natur der Dinge selber in Kraft sind, und daß es zu den denkbar schwersten Mühen stets gehören wird, diese Klüfte zu Überdrücken. Der Unterschied einer objektiven Auffassung' pon diesen Verhältnssen zu der von Richter eingenommenen Stellung läßt sich vielleicht so ausdrücken: Der Verstorbene sah die Hindernisse und beugte sich vor ihnen: er wollte seine Kräfte nicht unnötig an ihre Bewältigung setzen. Wir anderen sehen die Hindernisse gleich ihm, müssen uns ebenfalls vor ihrem Gewichte beugen, können es aber nicht unterlassen und wollen es nicht unterlassen, immer wieder das Unserige dazu zu tun, daß etwas, was heute allerdings unmöglich ist, in der Zukunft doch einmal möglich werde.
Man stelle sich vor, was das besagen will, daß Parteien mit einander verschmolzen werden sollen, von denen
die eine, die Freisinnige Volkspartei, den Individualismus der gesamten Lebensbetätigung innerhalb vonStaat und Gesellschaft als Grundelement ihres Daseins anerkennt und behauptet, während die zweite Gruppe, die Freisinnige Vereinigung, namentlich nach ihrem Bündnis mit den Nationalsozialen bereit ist. einem weitgehenden Staatssozialismus weitgehende Zugeständnisse zu machen. Man stelle sich vor, daß diese beiden Gruppen, wofern sie sich amalgamieren lassen könnten, gemeinsame Sache machen sollen mit dem Nationalliberalismus, der auch in seiner liberalsten Formengebung geneigt ist, mit dem Konservatismus zu paktieren und in starkem Respekt vor dem historisch Gewordenen das Ostclbier- tuni zwar gelegentlich zu bekämpfen, es aber im selben Atemzuge als immanentes Element der preußisch-deutschen Weltordnung gelten zu lassen. Solche Gegensätze überwindet man nicht so leicht. Wie schwer das Beginnen sein muß. wird am klarsten, wenn man sich die Stelle vergegenwärtigt, wo es keineswegs schwer ist, wenn man sich also klarmacht, daß ein engerer Zusammenschluß zwischen der FreisinnigenVolkspartei und derSüddeutscheu Volkspartei allerdings beinahe eine Selbstverständlichkeit ist, und daß in dieser Beziehung ein überzeugender Parallelismus mit den Verhältnissen auf der Rechten besteht, wo Deutschkonservative und Frcikonservative gewiß mancherlei Nuancen aufwcisen, im Kern jedoch beinahe identisch sind. Und so wird es denn Wohl noch geraume Zeit so bleiben, wie es ist. Nichts darf hindern, nichts wird hoffentlich auch hindern, daß die verschiedenen Gruppen des Liberalismus sich in Wahlkämpfen gegenseitig als das sogenannte kleinereübel betrachten und bei Stichwahlen einander unterstützen. Auch ein Zusammengehen in den Parlamenten wird ebenso oft möglich sein. Aber mehr zu verlangen, dünkt uns für jetzt vergeblich, und wir glauben nicht daran, daß sich die Verhältnisse nach Richters Tode irgendwie ändern werden.
Um IMdi, in ici die Sonne oidjt nnier-cht.
Unser Londoner u-Korrespondent schreibt unterm l0. d. M.:
Das Ergebnis hochinteressanter Ermittlungen im britischen Reich, die in 1901 bewirkt wurden, kam soeben in einem Blanbuch zur Veröffentlichung. Sie beziehen sich auf dessen Wachstum. Der Bericht erzählt uns, daß zur Zeit des Zensus von 1861 das Reich 8 500 000 Quadratmeilen (engl.) umfaßte. In den darauffolgenden zwanzig Jahren fanden keine nennenswerten Gebietserweiterungen statt, doch zwischen 1881 und 1891 malte man auf der Landkarte neue große
Flächen in Ostindien, den indischen Vasallenstaaten, und noch gewaltigere in West-, Süd-, Ost- und Mittelafrika, oder alles in allem etwa 2 000 000 Quadratmeilen rot Seit 1891 wurden damit vornehmlich in Afrika und Asien weitere Fortschritte gemacht, und in 1901 war John Bull, soweit sich ermitteln ließ, Herr und Gebieter auf nicht weniger als 11908 378 Quadratmeilen. Sein Besitztum wuchs somit in der verhältnismäßig kurzen Zeit von vierzig Jahren um ungefähr 40 Prozent, so daß ihm heute mehr als der fünfte Teil der Erdoberfläche gehört. Von diesem Ricsengebiet sind über^ 4 000 000 Quadratmeilen in Nord-, Mittel- und Südamerika, 3 000 000 in Australien. 2 500 000 in Afrika und nahezu 2 000 000 in Asien gelegen. Der europäische Teil des britischen Reiches ist seinem Umfang nach verhältnismäßig unbedeutend, denn er mißt nur 126 095 Quadrat- meilen, von denen 121 089 auf das Mutterland entfallen. In 1861 berechnete man die Bevölkerung auf 259 000 000 Seelen, in 1871 auf nahezu 283 000 000, in 1881 auf 311 000 000, in 1891 auf 381000 000 und in 1901 auf ungefähr 400 000 000. Dieses Wachstum war aber, namentlich neuerdings, lediglich der Einverleibung neuer Gebiete zuzuschreiben. Alles in allem genommen, ging der Bevölkerungszuwachs durch Geburten allein in den zehn Jahren, die mit 1901 endeten, sehr bedeutend zurück. Von London abgesehen, das jetzt über 6 000 000 Einwohner zählt, ist die größte Stadt des Reiches Kalkutta. Dieses enthielt in 1?0 nur 10 000 oder 12 000 Menschen, in 1901 aber ihrer 843 000. Die drittgrößte Stadt ist Bombay mit 776 000 Einwohnern, und ihm folgt Glasgow mit deren 761 000. Nach Indien und dem Vereinigten Königreich sind die am stärksten bevölkerten Gebiete:
Kanada .... mit 6 371 316 Einwohnern Australien ..... 3836154
Ceylon. 3 573 419
Die Kapkolonie . „ 2 409 804
Westindien ... „ 1 576 927
Alle anderen enthalten weniger als 1000 000 Einwohner, so daß es also im britischen Reich nicht an Raum mangelt. Gerade darum fühlen sich die englischen Staatsmänner durch die Abnahme der Geburtsziffern beunruhigt, denn der fortivährende Bevölkerungs-Zufluß aus. anderen Ländern liefert keinen genügenden Ersatz. Stockengländer werden sie ja alle sehr schnell, die zuziehenden Russen, Polen, - Deutschen, Österreicher und Skandinavier, wie unter anderen jener englische Peer, Lord Milner von Chamberlains Gnaden, beweist, aber auch sie scheinen sich nach der Anglisierung nicht mehr recht vermehren zu wollen. John Bulls Land müßte
Feuilleton.
Bus meiner Mappe.
(QfiiT das „Wiesbadener Tagblat t".)
Von Walther Schulte vom Vrühl.
CXVII.
Mode.
Der Regierungsassessor von Stetten, zubenannt der „schöne Emil", schwitzte Blut. Da stand er nun vor seinem Spiegel, tadellos, im Gesellschastssrack. Die Weste nach dem neuesten Schnitt ließ ein prachtvoll gestärktes Hemd sehen und alles war so, wie man es von ihm, dem ^Vorbild für jeden „gut gekleideten" jungen Mann, nur erwarten konnte, — bis aus das eine. Nein, es ging nicht, die weiße Binde war schmutzig, effektiv schmutzig. Und keine Möglichkeit, schnell eine andere herzuschaffen, denn die Läden waren bereits geschlossen wegen des verdammten Achtuhrladenschlusses. Und in zehn Minuten mußte er in den festlichen Salons der Gräfin erscheinen! Gerade wollte er verzweifelt in seine Haare fahren, die ihm der Friseur eben erst gekräuselt, da fiel sein Blick aus eine weißseidene, schmale Binde-Krawatte mit roten Spritzerchen, die er im vergangenen Jahre nur einmal bei einer Strandpromenade im Seebad getragen. Sie paßte zwar zu seiner Fracktoilette wie Himbeersauce zum Kaviar und wie Bratentunke zur Hummermayonuaise — aber —. Noch überlegte der Modesüngling, dann lächelte er siegesgewiß und legte die Binde um seinen hohen Kragen, der ganz so aussah, als wolle er mit seiner steifen Kante die etwas abstehenden Ohren glatt vom Kopfe schneiden.
Und so betrat der „schöne Emil" bald darauf die Salons des gastlichen Hauses, begrüßte die Herrin und versammelte sich zu andern geschniegelten Frackträgern.
' Da kam sein Freund, der Graf Rosenbach, plötzlich auf ihn zu und flüsterte entsetzt: „Mensch, was hast du gemacht? Du hast eine falsche Krawatte umgelcgt, hast dich vergriffen, wirst dich unsterblich blamieren. Vielleicht ist es noch möglich, daß du vor Beginn der Tafel
heimfliegst und den gräßlichen Schaden reparierst." Und im gleichen Augenblick trat auch der kleine Baron Tripitz heran und sagte etwas Ähnliches. Aber Stetten lächelte nur mitleidig und antwortete: „Na, da haben wir's ja nial wieder! Kerls, seid ihr aber noch weit zurück in der Kultur! Wollt zu den Führern in der Kunst des Geschmacks zählen und wißt noch nicht, daß seit vorgestrigem Empfang bei King Edward weiße Krawatte bei Frack endgültig verbannt ist. Über solch umwälzende Neuerungen läßt man sich doch telegraphisch unterrichten. Geht,, schämt euch!"
Und sie schämten sich, schämten sich so, daß ihnen ihre weißen Krawatten ordentlich wie Henkerstrickc vorkamen und daß ihnen der Genuß an dem großartigen Souper merklich beeinträchtigt wurde. Und alle andern tadellosen Jünglinge, die da versammelt waren, schämten sich gleichfalls, als sic es einer dem andern zngeraunt hatten, weshalb der „schöne Emil" diese seltsame Krawatte trage.
Acht Tage später, bei dem großen Regierungsballe, trugen alle die, die auf sich hielten, weiße, rot und blau betupfelte Binden um den Hals. Der einzige aber, der unter dieser hervorragend eleganten Jeunesse dorde von einer weißen Krawatte umgeben war, das war Stetten. Und als er daruin interpelliert wurde und selbstgefällig bekannte, daß das mit den bunten Schlipsen zum Frack nur ein horribler Mumpitz sei, da kannte der Zorn der wohlgeklcideten jungen Männerblütc keine Grenzen und man munkelte andern Tages von etlichen Duellen unter schweren Bedingungen.
Gott sei Dank verliefen sie unblutig.
CXVIII.
Dev Detter Gottfried.
„Wie geht es denn eigentlich deinem Vetter Gottfried?" frug ich meinen Freund, der inich auf der Durchreise besuchte. „Was ist in den dreißig Jahren, die ich ihn nicht sah, aus ihm geworden? Er war immer ein so seltsamer Junge, und wenn er auch kein hervorragender Schüler war, so dachte ich doch damals immer: Na, in dem Gottfried Römer steckt was, aus dem kann noch mal was werden."
„Hm, ja. Es, ist auch etwas aus ihn: geworden, nämlich ein Sonderling", berichtete der Freund. „Er erlebte mal so was wie eine Herzensenttäuschung, beerbte dann zum Tröste eine reiche Tante, wurde Frauenhasser und leidet nun an fortgesetztem Junggesellentum. Um sich nicht in die Hände einer Wirtschafterin begeben zu müssen, lebt er das ganze Jahr in Hotels herum, meist auf Reisen. Ich hatte ihn auch jahrelang nicht genossen, aber türzlich traf es sich, daß ich ihn in Cöln zu- fällig erwischte, wo er schon seit Monaten in einem ebenso öden als vornehmen Hotelzimmer kampierte. Er zeigte sich sehr erfreut, mich zu sehen, nahm eine Düte mit Zigarren aus seiner Brusttasche und hielt sie mir unter die Nase.
„Ich Hab' sie eben gekauft und ihrer gleich ein' versucht", sagte er, „Sie war scheußlich. Überall wird man betrogen. Die Dinger sind nicht zu rauchen. Willstc ihrer ein?"
Ich dankte ihm lachend. Na, darauf ließ er wenigstens eine sehr anständige Flasche Wein aussahren.
„Nimm mir's nicht übel, Gottfried, aber ich bin dein Vetter und mein' es gut mit dir", sprach ich wohlwollend, nachdem wir einige Gläschen intus hatten. „Es geht dir doch gewiß materiell nicht schlecht, aber cs will mir fast erscheinen, als wärst du in der Wüsche etwas vernachlässigt."
„So, so, merkste wat?" fragte er in seiner nieder- rheinischen Dialektfärbung ordentlich mit Genugtuung. „Ja, dat stimmt, dat mit der Wäsche, dat is auch so'n Punkt. Da bin ich auch dat Opfer von dem verdammten Weibervolk. Knöppe annähen, Flicken, Sbrümpse stopfen — so wat gibt et einfach nicht. Und wenn sie's doch mal machen, dann is et so liederlich, daß man nix wie Ärger davon hat. So lass' ich denn dat Zeug hin und wieder mal waschen, aber flicken — nee! — da lass ich die Wciberbande nit mehr dran."
„Aber . . . wandte ich ein, doch er siel mir gleich ins Wort: „Die Sache ist sehr einfach. Ich trag dat ein- fach ungcslickt, bis die Hemden wie Zunder auseinanderfallen und die Strümpfe nur noch aus einem Loch be- sieben. Schön ist dat ja am End' nit, aber ich spare mir dann wenigstens den Ärger über verpfuschte Flickerei.
