641 . Jahrgang.
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Uo. 128 .
BerlagS.Fer«sprecher No. 2958.
Samstag, den 17. Marx.
Redaktions-Fernsprecher No. 52.
1806 .
Morgen - Ausgabe.
_ 1. Mcatt.
Cm reformiertes Zentrum.
„Wir müssen aus dem Turm heraus", hat der Zentrumsführer Bachem jüngst in den „Historisch-politischen Blättern" ausgerufen. Das Wort hat Aufsehen gemacht; es ist bespöttelt worden, es ist auch ernst genommen worden. Wir für unseren Teil sind der Meinung, daß man es wirklich ernst zu nehmen habe. Man möge sich vergegenwärtigen, daß Herr Julius Bachem seinen Ruf nicht wird haben ergehen lassen, ohne zu wissen, daß er kein Rufer in der Wüste sein wird. Es ist gar kein Zweifel, daß so wie er viele m seiner Partei denken. Wer sich der Vorgänge auf dem Straßburger Katholikentage von 1905 erinnert, der weiß, daß ini Zentrum ein immer lvachsendes Verlangen nach Formen herrscht, die unter Bewahrung des katholischen Grundwesens die Möglichkeit einer Annäherung an die deutsche Welt außerhalb des Bannkreises des Katholizismus gewähren können. In Straßburg wurde zwar viel im alten Stil geredet, wie denn naturgemäß keine Partei so viele Fanatiker von engem Horizont auf- weist wie das Zentruni. Aber daneben ließen sich Töne vernehmen, die Beachtung verdienten, weil aus ihnen das Bestreben herausklang, sich wenigstens einigermaßen mit modernem Geiste zu erfüllen oder doch eine Brücke zu ihm zu schlagen. Es ist eigentlich selbstverständlich, daß eine katholische Partei in Deutschland anders geartet sein muß als in Ländern, wo der Katholizismus die überwältigende Masse der Bevölkerung umfaßt. Man lebt nicht ohne Nutzen und ohne die stärksten Einwirkungen von der Bildungs- und auch der Gcmütsseite her in einem Lande, dessen Kultur seit hundert und ! inehr Jahren auf dem protestantischen Geiste und seinen Ausstrahlungen in Kunst und Wissenschaft beruht. Solange der Kulturkampf noch nachwirkte, konnte dies Verhältnis sich verwischen. Seitdem aber machen sich die Einflüsse mehr und mehr geltend, von denen jetzt die Mahnung des Herrn Bachem zugibt, daß sie mit der Zeit' eine Macht geworden sind, der man sich denn' anpassen möchte.
Nun ist freilich zu sagen, daß solche Abstraktionen von längeren und tiefgreifenden Entwicklungsreihen noch nicht unmittelbar in praktische Wirklichkeit umgesetzt zu werden brauchen, und es könnte sein, es ist vielmehr wahrscheinlich, daß der Ruf „Wir müssen aus dem Zentrumsturm heraus" zunächst nur gleichsam bei der Elite der Zentrumsmassen ein Echo erweckt, sonst aber ungehört verhallt. Parteien marschieren nur scheinbar als geschlossene Masse. Immer gibt es Leute unter ihnen, die dem Gros weit voraus sind, die aber dann ihren Schritt zügeln müssen, wenn sie die Fühlung mit den schwerfällig Nachfolgenden nicht verlieren wollen. Nehmen wir indessen einmal an, daß die Bachemsche Parole von Hunderttausonden in der Partei ausge
nommen wird, würde sich alsdann wohl gleich erwarten lassen, daß das Zentrum die Umwandlung erfährt, die in der Konsequenz der jetzt laut gewordenen Mahnung liegt? In dieser Beziehung nun hat man gewiß skeptisch zu sein. Es ist eine alte Regel, daß die Parteien sich durch die Kräfte erhalten, denen sie ihre Gründung verdanken, und das Zentrum haftet unweigerlich an seinem Ursprünge, an dem konfessionellen Charakter, den ihm namentlich Windthorft ausgeprägt hatte; es hastet für jetzt und wohl noch für geraume Zeit an den Nachwirkungen seiner Anfänge. Daß vornials die Herren v. Gerlach und Rrüel als Hospitanten schon der Zen- trurnsfraktion angchörten, bedeutet gar nichts. Beide waren Kämpfer, die aus der Bahn geschleudert waren, der eine als verbissenster aller rechtskonservativen Reaktionäre, eine politische Mmnie sozusagen, der andere als Welfe vom reinsten Wasser, der nur diese eine Nuance vertrat, ein Solospieler mit Haß und Wut im Herzen. Wenn seitdem keine weiteren Protestanten in das Zentrum eingetreten sind, so ist damit gesagt, daß keiner hatte eintreten können; denn sonst wäre es eben geschehen. Soll man sich nun vorstellen, daß dies fortan wird geschehen können? Wir sagen unter einer Bedingung ja zu der Frage, aber diese Bedingung hätte das Zentruni erst. zu erfüllen, und ob die Partei dazu imstande seiir _ wird, bezweifeln wir trotz der Aufmerksamkeit, die wir der Bachemschen Anregung nicht versagen wollen. Die Bedingung ist klipp und klar, daß das Zentrum zuvörderst wirklich aufhören muß, eine konfessionelle Partei zu sein. Warten wir denn also ab, wie Herr Bachem mit seinem Rufe und Aufrufe wirken wird.
Die ..Wahrheit über Marokkos
Tie amerikanische Zeitschrift „Harpcr's Weekly" veröffentlicht unter diesem Titel einen längeren Aufsatz von Artur Schneider, der interessante Streiflichter ans das Intrigenspiel der Vertreter europäischer Mächte und der Wesire am Hofe des Sultans von Marokko wirst und dabei eine entschiedene Stellungnahme gegen das Vorgehen Frankreichs erkennen läßt. Der Verfasser, der als der Lehrer und persönliche Freund des Sultans bezeichnet wird, schildert zunächst ausführlich das Be- stechiingssystem, das bei allen maurischen Würdenträgern in Übung wäre. Als Mnlai Abd el Aziz vor einigen Jahren seinen Wesiren seinen Entschluß verkündete, in die Negierung seines Landes tätig einzugreifen, fehlte ihm wohl ein klarer, Begriff von seinen Herrscherpflichten. Viele von seinen Vorgängern hatten schon mit demselben Problem zu tun, wie sic die Mächte, die Marokko in Besitz zu nehmen strebten, hinznhalten vermöchten. Ihre Methode war es, diese Mächte durch Intrigen untereinander in Uneinigkeit zu halten. Der junge Sultan wollte diese Diplomatie nun noch dadurch ergänzen, daß er reichlich europäische Waren kaufte, indem er hoffte, sich dadurch den guten Willen der Mächte zu gewinnen. Wenn alle die Karawanen europäische Waren in die königlichen Speicher brachten, so war er besonders mit
sich zufrieden, da er so nicht nur die Mächte gut zu sttm- men glaubte, sondern auch die Neugier des Orientalen! durch diese Wunder der Zivilisation befriedigen konnte. Die Wesire ermutigten ihn aber zu diesem Vorgehen« und jeder suchte ihn zu bestimmen, Waren aus dem Lande zu kaufen, durch Lessen Kaufleute er selber seine Gelü- kisten füllte und durch dessen Einflirß er persönlichen Schutz zu finden hoffte. Von den einflußreichen Wesiren stehen, wie der Autor versichert, einige im Solde und alle unter dem Schutze einer fremden Regierung. Alle maurischen Beamten haben Handflächen, an denen ein Teil des Geldes, das durch ihre Hände geht, kleben bleibt. Das ist schon seit Jahrhunderten so gewesen und.,wird auch nicht so leicht anszurottcn sein. Als Schneider'eines Tages nach Tanger geschickt wurde, um einige notwendige Gegenstände einzukanfen, sagte der Sultan zu ihm: „Ich will cs wie die Wesire machen. Wenn die Waren ankommen, geben Sie mir je ein Stück; das wird meine Provision sein." Natürlich scherzte er; aber cs zeigt sich in solchen Worten, wie gut er über die Methoden seiner Beamten unterrichtet ist. „Sie behandeln unfern Sultan wie ein Hühnchen, das gekocht werden soll, sie rupfen ihm die Federn aus", sagte ein Marokkaner. Bei diesem System verschwand jedenfalls das Geld im Schatzamt, und die Eingeborenen wurden über die Wirtschaft erbittert. Dann brach der Aufstand aus, der leicht hätte unterdrückt werden können, wenn er nicht von Frankreich geschürt worden wäre, wie die Franzosen überhaupt dem Sultan alle möglichen Verlegenheiten zu bereiten suchten. Die europäischen Zeitungen brachten ellenlange Berichte über den Aufstand, aber gerade in dieser Zeit reiste Schneider sieben Tage lang durch das Land mit einer Karawane, die 60 000 Dollar in Silber beförderte, ohne die geringste Angelegenheit zu erfahren; dabei waren nur er und zwei Soldaten bewaffnet, die sechs übrigen Mann der Begleitung trugen keinerlei Waffen bei sich. So lange er in Fez war, ereignete sich kein einziges Gefecht, während die europäische Presse über schreckliche Kämpfe zu berichten wußte. Als dann der englisch-französische Vertrag unterzeichnet war, stellte der Prätendent die Feindseligkeiten ein, und es kamen keine Vorräte und Munition mehr über die algerische Grenze. Damals entstand auch der Ausdruck „friedliche Durchdringung", der „töricht und seit dem Besuche des Kaisers in Tanger veraltet" ist. Wenn man ferner glaubt, wie das z. B. in Amerika der Fall ist, daß die Mauren den Franzosen freundlich gesinnt ivären, so befindet man sich in einem gänzlichen Irrtum. Der Sultan und sein Volk wollen durchaus nicht die Hülse oder den Rat eines habsüchtigen europäischen Landes, „Dann folgte der denkwürdige Besuch des Kaisers in Tanger. Dieser Besuch rief die größte Erregung hervor, die ich jemals in Marokko miterlcbt habe", schreibt Schneider weiter und schildert dann den nach- haltcndcn Eindruck, den dieser Besuch hinterlietz. Und er schließt seinen Artikel mit folgenden bemerkenswerten Sätzen: „Ist Marokko wirklich ein so barbarisches Land, daß die europäische Intervention nötig ist? Nein, ganz entschieden nicht. Es sind mancherlei Übelstänöc im
Feuilleton.
Sarah Sernharüt int KrkuszeU.
Dem wahrhaft großen Geiste müssen auch die Anschläge der Feinde nur dazu dienen, daß sein Ruhm noch mehr erhöht wird, und alle Unglücksfälle müssen sich ihm zum Besten wenden. So glaubte auch der Theatertrust der Vereinigten Staaten Sarah Bernhardt einen bösen Schabernack zu spielen, als er alle Theatcr- direktoren von Texas zwang, der großen Tragödin ihre Bühnen zu verschließen. Aber die „göttliche Sarah" hat dadurch nur noch eine Reklame mehr erhalten, und alle, die in Amerika etwas auf Sensationen geben — und derer sind nicht wenige —, werden sich beeilen, nach Dallas in Texas zu fahren und dort der denkwürdigen Aufführung beizuwohnen, in der Frankreichs große Tragödin in einem Zirkuszelt den Musen der klassischen Dichtung opfert.
Die merkwürdigsten Dinge werden jetzt aus New Pork über das „Bernhardt-Fieber" gemeldet, das weite Kreise der Vereinigten Staaten in einem Taumel der Begeisterung fortreißt. Wo sie hinkomint, werden ihr rauschende Ovationen bereitet, ihre Vorstellungen sind überfüllt, frenetischer Jubel bricht immer wieder bei ihrem Erscheinen los. Sie wird niit Blumen überschüttet; ihr Pfad ist ein wahres „Bett von Blumen" und amerikanische Reporter vergleichen sic mit Flora, unter deren Fuß die blühenden Kinder des Frühlings, hervorsprossen. Andererseits aber vergessen sie auch nicht sestzustellen, daß die Tragödin wenigstens für 4000 M. die Woche Blumen erhält und sie erklären diesen ungewöhnlichen Enthusiasmus der Amerikaner damit, daß die Bernhardt den Geist des Amerikanismus
am besten zu erfassen weiß. Nicht nur ihr wundersames Spiel ist es, was ihr alle Herzen int Sturm erobert, sondern noch mehr ihre wirklich große Persönlichkeit, die an Energie und Lebhaftigkeit, Arbcitsaus- dauer und Geschäftssinn, Berechnung und Temperament dem Idealbild der vollkommenen Anicrikanerin nahe kommt. Die Pullman-Schlafwagengesellschaft hat den Privatwagen Vanderbilts, der ein Wunderwerk an Bcauemlichkciten und Eleganz ist, der Bernhardt zur Verfügung gestellt und ihn „Bernhardt-Wagen" umgetauft.
Die Zahl der dienstbaren Geister, die mit ihr in diesem Zuge weilt, beschränkt sich aus acht. Darunter ist Henri, der farbige Koch, eine Hauptperson, und zwei andere Farbige helfen ihm bei seiner schwierigen Tätigkeit. Tann kommen die beiden weißen Diener Emile und Antonio, die bereits seit langen Jahren bei Sarah im Dienste sind und sich schon eher den persönlichen Dienstleistungen für ihre Herrin widmen dürfen. Allerdings gilt ihre Aufmerksamkeit weniger der Schauspielerin als der Pflege des Lieblingshundes Festillon, eines furchtbar häßlichen Affenpiuschers. Um Madame selbst sind ihre beiden Kammerzofen Domingo und Romilda beschäftigt. Das Gepäck, das die Bernhardt für ihre Person mit sich führt, besteht aus 42 großen Koffern und 50 verschiedenartig geformten Ledertaschen, und cs ist keine Kleinigkeit, sich in diesen: Chaos von Gepäckstücken zurechtzufinden, zumal Geduld nicht zu den Tugenden der Tragödin gehört und sie alles, was sie wünscht, augenblicklich zur Hand haben will. Ein Sekretär und ein geprüfter Masseur vervollständigen die Liste ihres Personals, das bei Sarah wahrlich keinen Ruheposten hat, sondern sich recht tüchtig tummeln muß. Dem Intermezzo mit dem Zirkuszclt sieht
Madame Bernhardt mit größtem Vergnügen entgegen« Sie wäre selbst in einer Bretterbude gern aufgetreten, nur um ihren Willen durchzusetzen und dem allmächtigen Theatertrust Widerstand zu leisten. Dem amerikanischen Publikum gefällt eine solche Energie und es ist ebenfalls belustigt, daß den hämischen Trustleuten ein Strich durch die Rechnung gemacht wird.
Das Zelt des Zirkus Bailey ist übrigens auch gar kein luftiger und unsicherer Bau, sondern es hat eine sehr solide: Konstruktion und wird durch die Unbilden der Witterung durchaus nicht irgendwie berührt. Es ist seit ein paar Tagen für die Vorstellungen in stand gesetzt worden. Der Boden wird extra parkettiert, der ganze Raum gereinigt und getrocknet, so daß er wie ein großer Saal aussehen wird. Sarah ist so entzückt von dem Gedanken, daß sie das Experiment noch einmal wiederholen wird, und zwar tritt sie am 26. März in Dallas und an: 3. April in Forthworth auf, wo das Zelt dann schnell wieder aufgeschlagen werden soll« Sonderzügc aus allen Teilen Amerikas werden zu diesen beiden Vorstellungen nach Texas abgehcn und man hofft, daß der Ertrag einer solchen Vorstellung sich auf wenigstens 50 000 M. belaufen wird. Im Cansas City ist Atme. Bernhardt in der berühmten „Versammlungs- Halle" aufgetreten, die sonst zu großen politischen Veranstaltungen dient und in der Bryan als Gegenkandidat McKinleys seine bekannten Reden gehalten hat. Über 6000 Personen wohnten der Vorstellung bei und die Bruttoeinnahme betrug 40 000 M., die größte Summe, die bei gewöhnlichen Preisen bis jetzt bei der Vorführung eines Dramas eingenommen worden ist. Auch die Mitglieder der Pariser Truppe, die die Bernhardt begleiten, werden von den amerikanischen Kritikern zum Teil sehr gelobt und incm "ollt lest, deck man niemals, selbst nicht
