£■*. Jahrgang.
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Ml». 126. BerlagS-Fernfprrcher N«. 2958.
Freilag, den 16. Mars.
Redaktions-Fernsprecher Ar. 52.
1906 .
Morgen - Kusgabe.
1. MLcrtt. _
FrauKreilhs KevölKeMg cinft und jetzt.
Die Franzosen sehen wieder einmal mit Spannung den Ergebnissen der Volkszählung entgegen, die soeben bei ihnen vorgenommen worden ist, denn das Schicksal ihrer ganzen Nation ist nur zu eng mit diesen Zahlen verknüpft, durch die ein beängstigend geringer Bevölkerungszuwachs ausgedrückt wird. Bei der Volkszählung von 1800 hatte Frankreich 36 761845 Einwohner, darunter 1100 000 Fremde und 100 000 Naturalisierte. Man kann mit Sicherheit voraussetzen, daß die Bevölkerung im Jahre 1306 40 Millionen Seelen nicht erreichen wird. Die ungeheuere Gefahr, die in diesen Resultaten liegt, entgeht einsichtigen Franzosen nicht: denn sie erkennen die Wahrheit des Ausspruches, den ein großer Staatsmann getan hat: „Die Zukunft gehört den Völkern, die Kinder haben." Was nützen den Franzosen ihre Kolonien, wenn sic sie nicht bevölkern können? Die angelsächsische Rasse hat während zweier Jahrhunderte einen großen Teil ihrer Bevölkerung an Nordamerika, Australien, Ncu- Seelanö und Süd-Afrika abgegeben, und dennoch ist die Bevölkerung Großbritanniens immer größer geworden und die Verhältnisse ihres Wachstums sind außerordentlich: 12 Millionen im Jahre 1789, 30 Millionen 1872 und 43 Millionen 1805. Mit Unruhe und Besorgnis haben unsere westlichen Nachbarn auch von den Ergebnissen der jüngsten deutschen Volkszählung Kenntnis genommen. Ein Blick ans die Geschichte Frankreichs lehrt, daß diese Abnahme der Bevölkerungsziffcrn erst in letzter Zeit eingetreten ist.
—Zu Anfang des 18. Jahrhunderts stand Frankreich nicht nur als führende Macht in Politik und Kultur, sondern auch als volksrcichstes Land an der Spitze der europäischen Mächte. Frankreich hatte 20 Millionen Einwohner, das heilige römische Reich zählte im ganzen nur 22 Millionen Einwohner, obwohl Deutschland, Böhmen und Ungarn dazu gehörten und etwa vierzig verschiedene Fürsten in den einzelnen Ländern herrschten. England und Schottland hatten 10 Millionen Einwohner, während Spanien, das durch die Auswanderung nach Amerika völlig geschwächt war, kaum mehr als 4 Mill. Einwohner zählte. Obwohl die Kriege Ludwigs XIV. und auch die langwierigen Feldzüge, die Frankreich im Lause des 18. Jahrhunderts zu bestehen hatte, die Be
völkerung stark geschwächt hatten, so besaß Frankreich im Jahre 1788 beim Beginn der französischen Revolution doch 26 Millionen Einwohner. England hatte damals 12 Millionen, das Deutsche Reich kaum ebenso viel als Frankreich, Rußland zählte unter der Herrschaft der großen Katharina 25 Millionen Einwohner und Preußen 9 Millionen. Erst das Chaos der Revolution und die ungeheueren Anforderungen, die die napoleonische Ara an die Bevölkerung Frankreichs stellte, haben die Einwohnerzahl des Landes so stark vermindert» daß es seitdem seine frühere Stärke nie wieder erlangt hat. Der Ruhm der „großen Nation" ist unter dem Korsen um einen schweren Preis errungen worden. Fast alle Männer im kraftvollen Alter von 20—25 Jahren waren gefallen, ihre Knochen bleichten unter den Pyramiden Ägyptens und auf den Steppen Rußlands. Als dir Laufbahn des Kaisers mit der Gefangensetzung auf St. Helena ihr tragisches Ende erreichte, ließ er in Frankreich nur noch ein Geschlecht von Greisen und Knaben zurück. Der wirtschaftliche Wohlstand ist viel früher wieder aufgeblüht als die Kraft und die Stärke des Volkes. 1876 zählte Frankreich, das seitdem um Nizza und Savoyen vermehrt worden war, kaum 37 Millionen Einwohner: es hatte sich also seit mehr als 80 Jahren nur um elf Millionen vermehrt. Deutschland wies eine Einwohnerzahl von 41 Millionen auf und Preußen war von 11 Millionen auf 25 gestiegen. Seit dem Kriege von 70/71 ist dieses Verhältnis dasselbe geblieben. 1872 nach den Verlusten des Krieges und nach der Einbuße von Elsaß- Lothringen hatte Frankreich 36 Millionen Seelen. Seitdem hat es sich um nicht mehr als 3 Millionen vermehrt. Die Bevölkerung Preußens erreicht nun fast die Frankreichs, obwohl sein Lanügebict sich nur über 348 000 Quadratkilometer ausdehnt, während Frankreich über eine Fläche von 536 060 Quadratkilometer und einen viel fruchtbareren Boden verfügt. Dieser Rückgang Frankreichs wird noch viel anschaulicher, wenn man nach den jetzt herrschenden Verhältnissen der Steigerung der Ve- völkernngsziffer die Bevölkerung der verschiedenen Staaten im Jahre 1950 ausrechnet. Danach würde Rußland 170 Millionen Einwohner haben, die Bereinigten Staaten zählten 130 Millionen, Deutschland 95, Österreich-Ungarn 65, die vereinigten Königreiche England, Schottland und Irland 62, Italien 50 und Frankreich 41. Der „Ganlois" leitet dieses betrübliche Ergebnis aus dem allzu großen Wohlleben der meisten Stände in Frankreich her und er sicht kein Heilmittel für diese Schäden. Resigniert schließt er seine Betrachtung mit den Worten: „Wir werden uns auch darüber mit einer Posse oder einer Operette trösten."
Politische Übersicht.
Der Zehnmillionen-Fonds.
L. Berlin, 14. März.
Ein seit 14 Tagen umlaufendes Gerücht erhält festere Gestalt. Darnach sollen die im vorigen Jahre cm* geleiteten Bemühungen, einen Zehnmillionen-Fonds zur Verfügung des Kaisers für Erhöhung von Offiziersgagen und Pensionen zu stellen, Erfolg gehabt haben. Damals genügte die Bekanntgebung des Planes, uni ihn sofort durch Intervention des Fürsten Bülow zu beseitigen, der dem Reichsbankpräsidentcn wegen feiner Teilnahme an der Gewinnung der Hochfinanz für das Projekt einen Tadel erteilte. Der Gedanke, für den Fürst Henckel-Donnersmark nach außen hin verantwortlich zeichnete, schien damit endgültig beseitigt. Jetzt wird behauptet, er sei es keineswegs, und man bringt sogar die Adelsverleihung an Fricdländcr und Caro mit der Angelegenheit in Verbindung. Die Gerüchte sind so weitverbreitet, daß ihre Prüfung und die Feststellung des Sachverhalts unvermeidlich erscheinen. Über den antikonstitutionellen Charakter eines solchen Fonds kann keine Meinungsverschiedenheit bestehen. Der Reichskanzler hätte also allen Anlaß, den zirkulierenden Behauptungen näher zu treten.
Tie Reichsfinanzreform.
Was soll denn nun aus der Reichsfinanzreform werden? Die Budgetkommissiori des Reichstags bietet den verbündeten Negierungen Steuern an, die sie nicht haben wollen, und streicht ihnen dafür Steuern, die sie gefordert haben. Das Zweite mag verdienstlich sein, das Erste führt in die Gefilde politischer Komik hinein. Die Reichsleitung kann den Kilometerzuschlag für Eisenbahnsahrkarten, die Ansichtskartensteuer und weitere liebliche Blüten pseudo-finanzpolitischer Raserei nur annehmen, wenn sie den Wunsch hat, sich noch stärker zu blamieren, als es die Kommissionsmehrheit getan hat. Wäre nun aber das Unglück wirklich so groß, wenn der Schatzsekretär nur einen Teil seiner Forderungen durchsetzre? Was ihm auch bewilligt wird, es wird immer unvergleichlich mehr sein, als was ihm bis dahin zur Verfügung gestanden hatte. Nimmt der Reichstag die Steuern an, mit denen die Regierung sich einverstanden erklärt, und lehnt er die Steuern ab, die von der Regierung verschmäht werden müssen, oder nimmt er auch diese ans die Gefahr hin an, daß der Bundesrat ihnen die Zustimmung versagt, so wird allerdings die Notwendigkeit eintreten, die Matrikular-
Feuilleton.
(Nachdruck vrrboren.)
Jur Geschichte der deutschen Zeitung.
Die letzte Jahrhundertwende lenkte auf den mannigfachsten Gebieten die Blicke der Forscher zurück. Es drängte sie, Abrechnung zu halten über das, was bisher menschliches Streben und Weben, menschliches Wollen und Vollbringen geleistet — die Kulturergebuisse auf den Generalnenner zu bringen und aufzuzcigcn, wie die gegenwärtigen Zustände geschichtlich bedingt, wie sich ihr Ablauf zu dem heute vorliegendeu Ergebnis hin im ganzen und einzelnen gestaltet hat. So entstanden Kunst- Literaturgeschichten in beängstigender Zahl. Und wenn auch in Deutschland, wo man viel lieber dieses oder jenes über die Großen und Größten liest, als daß man ihre Werke selbst vornimmt, die Nachfrage nach orientierenden Büchern für die verschiedenartigsten Zweige wissenschaftlicher und ästhetischer Forschung stets sehr groß gewesen ist, so wurde das Bedürfnis durch die Verlagsbuchhandlungen doch weit überboten. Zu dem Brauchbaren und Vorzüglichen indessen, das diese Flut deutscher Berlagserschcinungen um die Jahrhuudcrtsschciüe gezeitigt hat, darf man das fleißige dreibändige Werk „Geschichte des deutschen Z e i t u n g s w e s e n s von den ersten Anfängen bis zur Wiederaufrichtung des Deutschen Reiches" von Ludwig S a l o m o n rechnen, das im Verlage der Schulzeschen Hofbuchhandlung in Oldenburg nach dem Erscheinen des dritten Bandes jetzt vollständig vorlicgt. Man konnte mit großem Recht häufig Verwunderung darüber äußern hören, daß sich bisher niemand daran gemacht hat, die historische Entwickelung der Presse, dieses wichtigen Kulturfaktors in der Gegenwart, anfzuzeigen und damit einen bedeutsamen Beitrag zur neueren Geschichte und neuesten Kultur- und Gesellschaftsgcschichtc zu liefern. Auch konnte man darüber erstaunt sein, daß an unseren Universitäten über den Werdegang des Zeitungswesens, über die Entwickelung der Schriftstellerei, ja, wenn man will, der Buchschreibekunst so gut wie nichts verlautete und höchstens hier und da einmal ein einstündigcs Publikum angekündigt wurde. Dieser Mangel an systematischen Forschungen auf einem so wichtigen Gebiet zur Kenntnis
und Erkenntnis unseres Kulturverlauss mutz im wesentlichen auf die verschwindend geringen wissenschaftlichen Vorarbeiten und auf die schwierige Beschaffung des in Hunderten von Staats- und Privatbibliotyeken, n Archiven und Liebhabersammlungen verstreuten Materials zurückgeführt werden, das für manche Zcitpcriode noch dazu von erschreckender Dürftigkeit ist. Um so größere Anerkennung und Bewunderung ist daher Ludwig Salomon zu zollen, der nach fast fünfundzwandzrg- jährigen Scparatstudicn nunmehr die Ergebnisse seiner gewissenhaften Fvrscherarbeit in einem dreibändigen großen Werke dargestellt hat.
Die moderne Zeitung ist von Geburt aus eine Deutsche — ein Kind der Reformation, der Renaissance, der allgemeinen Wiedergeburt freiheitlichen Geistes, des erwachenden Individualismus, des allmählich sich entwickelnden Kultus der Persönlichkeit. Kaisertum und Papsttum sanken in Trümmer. Eine neue Zeit brach herein, getragen von bedeutenden kampffrohen und energiestarken Männern, die kühn das Alte und Morsche niederrissen und eine allgemeine Zersetzung und Umbildung aller sozialen und kulturellen Verhältnisse her- betführten. Diese Menschen, die sich in den verschiedenen Zentren zu gemeinsamer Kulturarbeit znsammenfanden, brauchten aber Mittel und Wege, um sich gegenseitig von dem Fortschritt ihres Tuns zu überzeugen, um über neue und erfolgreiche Maßnahmen zur Fortführung der reformatorischen Ausgaben miteinander in Verbindung zu treten. Dazu bedurfte es nun nicht nur der Wirksamkeit durch Tat und mündliches Wort. Auch die Schrift mußte mich elfen, um die neuen Ideen in weitere Kreise zu tragen. Und nicht so sehr dickleibige Bücher, deren Herstellung damals noch verhältnismäßig lange Zeit in Anspruch nahm und deren Verbreitung bei dem teuren Preise und der Scheu der großen Menge vor langatmigen Auseinandersetzungen nur äußerst gering war, sondern die kurze, schnell fertige und schnell verbreitete Tagesnotiz mußte in den Dienst der Aufklärung, des Aus- tauschcns von melk- und menschhcitbewegenden Ideen und Nachrichten benutzt werden.
Hierzu bediente man sich zunächst der Briefe. Schreiben bedeutender Männer wurden nicht nur an einzelne Personen, sondern gleich an mehrere Gesinnungsgenossen in den verschiedensten Städten gerichtet, die sic dann wiederum in ihren Freundes- und Bekannten
kreisen zirkulieren ließen. Diese Blätter nannte man schon im 16. Jahrhundert „Zeitungen", was so viel wie Neuigkeiten, neue Nachrichten, und zwar gleich von vornherein mit Vorliebe politische Neuigkeiten bedeutete, so daß diese Bezeichnung für den Embryo unserer modernen Tagespresse schon denselben begrifflichen Inhalt wie heute hat — eben die kollektive Bedeutung einer zusammenfassenden Darstellung verschiedener politischer Einzelnachrichtcn. Wenn auch diese „Zeitungen" oder „Neuen Zeitungen", die sämtlich in lateinischer, als der damals allen Gebildeten durchaus geläufigen Sprache abgefaßt waren, die bedeutendsten und solgeschwerstcn Nachrichten und Neuigkeiten schon ziemlich vollständig zu verzeichnen sich bemühten, so stand die Art und Weise der Nachrcchtengebung doch noch ans sehr niedriger Stufe. Von redaktioneller Tätigkeit ist kaum etwas zu spüren. Die einzelnen Tatsachen-Berichte wurden vom Schreiber ebenso form- wie kritiklos hintereinander aufgezählt, und nur sehr selten ringt sich in einer Art von Kommentar so etwas wie eine eigene Meinung durch, wird so etwas wie ein politisches Urteil, je nachdem in protestantischer oder katholischer Färbung, laut. Während diese Zeitungen lange Zeit hindurch nur handschriftlich verbreitet und dazu von armen Studenten für einen Hungerlohn kopiert wurden, sah man sich bei wichtigen Anlässen, die einen längeren Bericht und möglichst weite Verbreitung notwendig machten, bald veranlaßt, auch für solche Tagesnachrichten die eben erfundene Drncker- presse in Anspruch zu nehmen.
Das wesentliche Charakteristikum der modernen Zeitung, das regelmäßige Erscheinen zu bestimmten Zeiten, haben diese Nachrichten der ersten Periode hu allgemeinen noch nicht. Diese Kennzeichen finden wir erst in den sogenannten „N c l a t i o n e n" des ausgehenden 16. Jahrhunderts, die nur halbjährig, teilweise sogar nur ganzjährig, d. h. stets zur Frankfurter Buchhändler-Messe im Frühjahr und Herbst, erschienen und in ziemlich umfangreichen Heften die Ereignisse der verflossenen Zeit zusammenfaßten. Der Grund zur Einführung dieser sogenannten Meß-Relationen, die sämtlich gedruckt, und zwar durchweg in deutscher Sprack-e abgefatzt waren, lag hauptsächlich darin, vaß vielen Lesern die gedrängte Kürze der geschriebenen Zeitungen nicht mehr genügte. Diese Zeitschriften, so möchte man sie fast nennen, deren bedeutendste in Cölu und Frank-
