5*. Jahrgang.
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Uv. 124. BerlagS^ernsprecher No. 2958. DorMö1?Sl0g, foctt 15. MijlkZ. Redaktions-Fernsprecher No. 52. 1N06.
Morgen - Kusgabe.
__ 1. ISCctff.
Zum Schulgesehentwurf.
Es ist von großem Interesse im Angesicht des lebhaften Streites, der über den neuen Schulgesetzentwurs entbrannt ist und der inimer größere Dimensionen annehmen wird, wenn dieser verhängnisvolle Entwurf Gesetz werden sollte, einmal auch die Stimme eines berühmten Pädagogen — Adolf Diester- Wegs, des Vaters des hier verstorbenen allgemein beliebten und hochverehrten Arztes Geh. R. Diesterweg, zu hören.
AdolfDie st erweg schrie bim Jahre 1863:
Ein Wort über Simultanschulen.
^ „Das Reformationszeitalter erzeugte die religiöse Feindseligkeit, den Streit und Haß der Konfessionen, mit ihnen die trennenden Konfessionsschulen, nicht bloß die evangelischen im Gegensätze zu den katholischen, sondern auch die lutherischen und reformierten.
Das 18. Jahrhundert temperierte diesen Gegensatz, diesen Haß -— das 19. brachte die evangelische Union, brachte Simultanschulen — ein großer Fortschritt.
Die Reaktion rn Preußen — mit dem Jahre 1819 beginnend — suchte sie zu verdrängen und sie hält an diesen: Widerspruch fest bis auf diesen Tag.
Aber die öffentliche Meinung klärt sich, der Trieb nach Einheit und Einr- cu na steigt, Toleranz und Humanität neh m en zu, die völlige Emanzipation unserer jüdischen Mitbürger ist nur noch eine Frage der Zeit.
Ihr mächtiger Strom ergreift auch die Lehrer und Schule.
Täuschen wir uns nicht, zweifeln wir nicht: der geschichtliche Verlaus vom 16. Jahrhundert bis zum 20., das nicht fern ist, ist und wird das sein:
Konfessionsschule, S i m u I t a n s ch u I e , konfessionslose Schule.
Die mittlere bildet den Übergang, den wir bereits erreicht haben.
Die konfessionslose Schule ist indessen noch nicht das Letzte. Sie ist nur notwendig, um über die trennenden Unterschiede tatsächlich hinwegzukommen ; sie selbst führt zur letzten Stufe: zum gemeinsamen religiösen Unterricht aller Kinder. Das ist unsere Meinung und unser Wunsch. Wer trotz dieser offenen Erklärung meinen, d. h. dem Wahn verfallen sollte, daß wir die Tendenz und Absicht hätten, als endliches Resultat eine religionslose Schule zu gründen, dem sagen wir: er irrt.
Man vergegenwärtige sich die aufsteigende Progression: Konfessionsschule, Simultan- schule, paritätische Schule, k o n f e s s i o n s-
Ferrilieton.
Eine Keise üurch öle Kahnra.
Aber eine Reise, die Professor E. F. Gautier im vorigen Jahre durch die Sahara gemacht hat, macht Cyrus C. Adams in der „American Review of ReviewS" ausführliche Mitteilungen: und er nennt die Unternehmung des Professors die bedeutsamste Reife, die ;e durch die Wüste unternommen worden ist. (Sautier zog quer durch die Sahara, reiste etwa 900 Kilometer im Sudan und kehrte nach etwa fünf Monaten wieder nach Frankreich zurück. Noch vor vier Jahren wäre eine solche Expedition unmöglich gewesen: denn damals
machten die kriegslustigen und räuberischen Tuaregs das ganze Land unsicher, stürzten sich mit Windeseile auf französische Truppen und auf Karawanen, töteten die Reisenden, plünderten sie aus und verschwanden so schnell, wie sie gekommen waren. Auf ihren schnellen Kamelen entgingen sie jeder Verfolgung durch die französischen Truppen. Nun ist es aber durch energische Bemühungen den französischen Behörden gelungen, diese die ganze Gegend unsicher machenden Horden zu unterdrücken. Sic führten tief einschneidende Reformen in der Organisation des Militärs durch. „Sie wählten aus den im Norden zahlreich vorhandenen Kamelherd:n die Tiere aus, die sich nach ihrem Bau am besten zu schnellen Ritten eigneten. Diese schnellfüßigen Kamele, die „Meharis" heißen, waren bis dahin der größte Vorteil der Tuaregs gewesen. Die besten Kameltreiber, die man finden konnte, wurden dann in französischen Dienst genommen, mehrere Monate hindurch mit guten modernen Gewehren militärisch ausgebilöet und zu Abteilungen vereinigt. Diese Kompagnien der „leichten Kamelretterei", die man „Meharisten" nennt, stehen unter dem Oberbefehl französischer Offiziere und bilden ein ausgezcichnctes Gegengewicht gegen die Tuaregs.
lose Schule, Humanitätsschule mit gemeinsamem Religionsunterricht aller Kinder einer Kommune, foglich eine Kommunalschule in unbeschränktem Sinne des Worts und weil sie die gesamte Jugend des deutschen Volkes aufnimmt und in gleicher Weise behandelt, die deutsche Nationalschule. Durch dieselbe beseitigen wir fundamental aus unserem Volke die Ungleichartigkeit der Grundbildung, das Absonde ruugsgelü sie der Stämme, das egoistische Vorurteil der Bevorzugung durch absonderliche Gläubigkeit, die Zwietracht und den Haß, begründen durch sie die Einheit in Gesinnung und Streben und erobern uns dadurch — nicht durch das Mittel der Vergewaltigung, sondern auf friedlichem Wege der Erziehung und Bildung — das deutscheVaterland. Äußerliche Einheit ist gut, ist notwendig, sie ist aber nicht das Höchste. Viel wichtiger ist die innere, sie erzeugt die äußere.
So verfahren, heißt menschlich (human) verfahren, deutsch denken, in deutscher Weise erziehen und bilden."
Und mit dieser aufsteigenden Progression des Diester- wegschen Gedankengangs vor beinahe 50 Jahren: Konfessionsschule, Simultanschule, konfessionslose und Humanitätsschule vergleiche man den Gedankengang des neuen Schulgesetzentwurfes und man muß staunen, daß solche Gedanken im 20. Jahrhundert möglich waren.
Die bedeutsame Rede, welche Herr vr. C o e st e r bei der Protcstversammlung gegen deuSchulgesetzentwurf hielt, wird dieser Tage als Broschüre erscheinen und zum Preise von 20 Pf. in allen Buchhandlungen zu haben sein. Der Reinertrag wird dem Verein zur Bekämpfung der Schwindsucht überwiesen werden, welcher dieser Unterstützungen dringend bedarf, wenn seine Existenz nicht in Frage gestellt werden soll.
Politische Übersicht.
Angriffe auf Tirpitz.
L. Berlin, 13. März.
Die Budgetkommission des Reichstages hat die Marineforderungen im Etatsentwurf in allen wescnr- lichen Stücken angenommen, und so sollte man meinen, daß auch in den Kreisen der Flottenfreunöe draußen im Lande nichts als Befriedigung herrschen müßte. Aber es ist nicht so, es ist auffälligerweise ganz anders. Man nimmt wahr, daß Personen und Tendenzen am Werke sind, die Stellung des Herrn v. Tirpitz zu untergraben. In allerlei versteckten und auch ganz offenen Angriffen wird es so dargcstclli, als ob Herr o. Tirpitz nur darum Erfolg in der Budgetkommission hatte, weil er seine Forderungen auf ein unzulässig niedriges Maß beschränkte. Die Schwärmer für eine Flotte, die es wohl gar morgen oder spätestens übermorgen mit der eug-
Sie reiten auf ihren schnellen Tieren pfeilgeschwind von einer Oase zur andern, und sie wußten eine höchst wirksame Verfolgung der Räuber öurchzusetzen. Vermöge dieser neuorganisierten Abteilun .n sind die Tuaregs schnell unterworfen worden. S . fanden, baß die Zeit ihrer Siegestaten nun vorbei war. Stets wurden sie von den Meharisten eingeholt und geschlagen. Selbst bis in ihre starken Befestigungen in den Hoggar-Bcrgen wurden sie verfolgt, zu Hunderten gefangen genommen und erlitten eine schwere Niederlage nach der andern. So baten sie denn demütig um Frieden und leben ietzt ruhig sind bescheiden in den mittleren und südlichen Teilen der Wüste, wo sie ihre Kamele und ihr Bich züchten und alle Räubereien aufgcgeben haben. Denn über ihnen wachen die Meharisten, die die Polizei der Sahara bilden und für Sicherheit und Ruhe sorgen." So konnte Gautier mit seinen beiden Gefährten tatsächlich unbewaffnet und völlig sicher die Sahara durchqueren. Nach seinen Mitteilungen ist die Sahara als Wüste viel weniger ausgedehnt, als man allgemein angenommen hat. Nimmt man den Weg über das Adrar- Plateau, das sich etwa 750 Meter über dem Meeresspiegel erhebt, so findet man überall mit Gras bedeckte Flächen, die sich über die flachen Teile des Plateaus ausdehnen und in den Tälern sogar von einer lebhafteren Vegetation abgelöst werden. So mutzte Gauticr zu seiner großen Überraschung erkennen, daß dieses weite Hochland überhaupt nicht im eigentlichen Sinne als Wüste angesehen werden kann. Sein Erstaunen wuchs jedoch noch, als er sich weiter nach Süden wandte und schließlich auf einem Landstrich ankam, der einen ziemlich hohen Graswuchs aufwies. Er verfolgte diesen 640 Kilometer breiten Gürtel, der schließlich im Sudan endet. Diese weite Stcppengegend, die sich über ein bisher zur Wüste gerechnetes Gebiet ausdehnt, hat jedes Jahr ihre Regenzeit mit sechs bis zwölf Zoll Regen. Das ist zwar nur wenig, da ein Land zürn Ackerbau wenigstens zwanzig
tischen soll aufnehmen können, waren freilich immer schop ungehalten über den nach ihrer Meinung tadelnswerten Zuschnitt der Neufordernngen, aber bis dahin konnte man annehmen, daß dieser Unmut mehr ein Ergebnis kluger taktischer Erwägungen als der Ausdruck wirklicher Entrüstung sei. Man konnte, anders ausgedrückt, vermuten, es werde nur darum von einer übergroßen Bescheidenheit der Marineverwaltung gesprochen, weil auf diese Weise wenigstens das Geforderte am zweckmäßigsten gesichert werden könnte. Jetzt jedoch, wo sich ergeben hat, daß die Vergrößerung der Flotte vom Reichstage keinen Widerspruch finden wird, bekommen die fortgesetzten Angriffe auf Herrn v. Tirpitz ein anderes Gesicht. Soll der Staatssekretär zu Fall gebracht werden? Es steht ganz danach aus, und man wird begierig sein dürfen, ob seinen Angreifern nicht von einer mächtigeren Seite her abgewinkt wird, oder ob sie weiter ihr Unterminierungswerk treiben dürfen, in welchem Falle allerdings die Sache ein bedenkliches Gesicht erhalten müßte. Jedenfalls können die abfälligen Äußerungen von Artikel schreibenden Flottenschwärme >:» nicht mit Stillschweigen übergangen werben.
Enthüllungen ans dem agrarische« Lager.
L. Berlin, 14. März.
Eine Börsencpisoöe, die seltsame Streiflichter auf gewisse agrarische Anschauungen und Vorgänge wirft, hat sich in der letzten Woche hier zugetragen. Der Vertreter der Pommcrschen landwirtschaftlichen Hauptgenoffenschaft an der Berliner Börse ist „unbekannt wohin" verschwunden. Der Mann scheint seine triftigen Gründe zu einem Leben der Zurückgezogenheit zu haben. Was der Sache nun aber ihren absonderlichen Stempel gibt, ist, daß sich jetzt herausstellt, jene Genossenschaft, ein auf Staatshülse angewiesenes Institut, habe größere Posten von russischem Hafer bezogen und an der hiesigen Börsen verkaufen lassen. Mit anderen Worten: Die
Pommcrsche landwirtschaftliche Hauptgenossenschaft hat Geschäfte gemacht, die sie statutengemäß gar nicht machen darf, und selbst wenn man über dies Moment noch hinweggehen wollte, so bliebe die Merkwürdigkeit bestehen, daß eine von Landwirten unterhaltene Körperschaft teil- nimmi an der Einfuhr von billigem ausländischen Getreide, um von den höheren Berliner Preisen zu profitieren. Die genannte Genossenschaft tut also mit Schlichter Naivctät genau dasselbe, was dem organisierten Getrciöehandcl in allen Tonarten als Verrat an den Jntcrcffcn des vaterländischen Getreidebaues vor- geworfcn wird. Die Genossenschaft hat zwar nicht als Korporation über die vermeintlich zu niedrigen deutschen Getreidezölle geschimpft, wenigstens können wir nicht behaupten, daß sie es getan habe, jedoch ihre Mitglieder werden cs um so reichlicher getan haben, zumal sic Agrarier vom reinsten Wasser sind. Und nun kommen sie und machen Geschäfte, wie sie wahrhaftig nicht jeder Gc- trcidchändler macht, obwohl die Mitglieder -es Berliner Getrcidchanöels durchaus legitimiert zu derartigen Geschäften sind. Es ist der Genossenschaft ein bißchen zu gömreu, daß sie mit ihreiu Berliner Vertreter so ange-
Zoll jährlichen Rcgenfall braucht, aber innucrhin wird durch diese Regenzeit das Land mit einem üppigen Grasteppich überdeckt. Die Steppe, die weithin gutes Weide- lanö bietet, hat auch kleine Teiche und cs entfaltet sich daher ein reiches Tierleben. Gautier fand viele Arten von Antilopen, wilden Schweinen, Giraffen, Löwen und Elefanten. Sv ist zur größten Überraschung aller sest- gestellt, daß ein bedeutender Teil der Sahara keine Wüste, sondern ein rcichbelcbtes Tier- und Weideland ist. Nicht weniger merkwürdig aber ist die Entdeckung, daß die Sahara früher auch von Menschen bewohnt war. Der Forscher fand zwingende Beweise, nach denen lange vor der Zeit, in der die jetzige Form des Regenfalles eint rat, im neolityischcn Zeitalter oder in der späteren Steinzeit eine sehr große Bevölkerung diesen Teil der Sahara belebt hat. Er fand überall Gräber über die grasige Fläche verstreut: er fand auf den Felsen viele Hunderte Zcichnnngen, die Ticrformen und andere Gegenstände öarstcllten und von diesen früheren Bewohnern der Sahara geschaffen worden sind: er entdeckte die abgeplatteten Steine, die sie zum Mahlen des Korns gebraucht hatten. Diese Mühlsteine beweisen deutlich, daß das Land in der Gegend damals angebant wurde, und diese Art, das Korn zu Mehl zu mahlen, zeigt eine nicht unbedeutende Höhe der Kultur, in der diese frühe Bevölkerung der Sahara sich befand. Überall fand man auch zahlreiche Pfeilspitzen, Äxte ans Stein und andere Werkzeuge. Jedenfalls bewohnten vor vielen hundert Jahren viele Menschen diese Gegend: Tausende von
Ackerbauern pflügten das Lanö, und zwar geschah das in einer Zeitpcrivde, die, nach geologischen Epochen gerechnet, verhältnismäßig kurze Zeit znrttcklicgt. Tie zunehmende Dürre, die durch dag Gertngerwcröcn des jährlich fallenden RegcnS hcrvorgeruscn wurde, trieb schließlich die Bewohner zurück nach dem Sudan, und nun hat die Welt vergessen, daß diese Gegend überhaupt einmal von Menschen bewohnt war.
