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5#. Jahrgang.

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U0. 122. Berlags^erusprecher Ro. 298,. Mrttw0lh^ de« 1*4. Mär?. Redaktions-Fernsprecher Rr. 82 . 1906.

Morgen - Kusgabe.

__1. Matt.

Unser Heerwesen.

Eine patriotische Handlung liegt unzweifelhaft darin, wenn alte inaktive Offiziere auf Grund ihrer langjähri­gen Erfahrungen eine Beseitigung von übelständen an­streben, die unserem Heerwesen anhaften und folglich die Schlagfertigkeit der Truppen nicht unwesentlich beein­trächtigen. Gerade, weil diese alten Herren jetzt außer­halb des bannenden Einflusses ihrer aktiven Vorge­setzten stehen und über etwaige Vergleiche, zwischen früher und jetzt, sowie über das ausländische Heerwesen einen freien oder unbefangenen Blick haben, ist ihr Urteil um so höher in der öffentlichen Meinung anzu­schlagen.

Es ist Wohl nicht zu leugnen, daß die oberen Heer­führer stets geneigt sein werden, das Heil eines Heer­wesens darin zu erblicken, wenn an den alten Überliefe­rungen trotz der Einführung der modernen Feuer­waffen ängstlich festgehalten wird. Offizierbeförde­rung und Truppenausbildung stehen bei uns noch immer unter dem Banne der alten Tradition, weil nicht allein die Söhne des Adels und der sonstigen mit den Höfen in naher Beziehung stehenden Personen die einfluß­reichsten Stellen im Heere einnehmen, sondern auch für die Ausbildmrgsmethoden die physische Kraftleistung und die Bravourstücke zur Erreichung von Manöver- Effekten besondere Vorliebe finden.

Daß daher in weiteren Kreisen des Offizierkorps des preußischen Heeres eine gewisse Unruhe und Un­sicherheit eingetreten ist, kann trotz aller gegenteiligen Behauptungen nicht bezweifelt werden. Der Offizier­ersatz bei der wichtigsten Truppengattung, nämlich bei der Infanterie, ist, sowohl der Qualität wie der Zahl nach, höchst unzureichend. Die Zukunft wird lehren, daß die Besserung der materiellen Lage der Offiziere allein nicht den gewünschten Nachersah bringen wird. Hierzu bedarf es vielmehr auch einer Sicherung der Lebens­stellung des Offiziers und durchgreifender Änderungen der dienstlichen Verhältnisse. Nachstehende Punkte, welche vorzugsweise die Verhältnisse der Infanterie be­rücksichtigen, sollen dazu Anregung geben.

1. Zwei Erscheinungen charakterisieren die heutigen Zustände. Einmal die auf allen militärischen Gebieten entstandenen Ruhelosigkeiten, sodann die fortwährenden Eingriffe der höheren Stellen in das Gebiet der niederen: beide Tatsachen führen wie in den TageS- blättern oft besprochen zu Mißstimmungen und zur

Nervosität des Ausbildungspersonals und geben An­regung zu Mißhandlungen von Untergebenen. Der häufige Wechsel in den oberen Kommandostellen trägt zu solchen Zuständen wesentlich bei. Eine Prüfung der Armee-Rangliste seit 1888 wird zeigen, wie unregel­mäßig die höheren Stellen seither besetzt wurden.

Jeder Kommandeur möchte gerne etwas anderes schaffen als sein Vorgänger, daher erscheinen jedesmal besondere Vorschriften und mit Vorliebe mündliche An­weisungen, die sehr selten mit den Reglements und den Allerhöchsten Vorschriften in Einklang zu bringen sind. Sind dann nach einiger Zeit diese besonderen Vor­schriften durchgedrungen, dann erscheint ein neuer Kom­mandeur auf der Bildfläche mit der Erteilung neuer Orders, so daß die eingeführten Sondermethoden ewig wechseln und nur Unruhe und Unsicherheiten bereiten. Derartige Bestrebungen haben zur Folge, daß Ungleich­heiten entstehen und ein zu einem anderen Armeekorps versetzter Offizier sich eine vollkommene neue Taktik aneignen mutz. Wie wertlos solche eingeführte Sonder­systeme sind, zeigt sich am deutlichsten bei einer Mobil­machung, welche Mannschaften aus allen Gebieten zu­sammenbringt; dann kann nur der Inhalt der Regle­ments Geltung finden. Die Grundlage für die Aus­bildung des Heeres liegt in den unteren Formationen, daher hat Kaiser Wilhelm I. stets die Selbständigkeit der Kompagniechefs betont, und jede Einrede seitens der Komnrandostellen verboten. Das Anordnen von Besich­tigungen über die gegebenen Vorschriften hinaus, namentlich das sogenannteBeiwohnen" der Übungen was in der Regel in Besichtigungen ausartet, stört den Tienstgang und bringt nur Unzufriedenheit und Mißstimmung bei den Stelleninhabern hervor.

Der Prozeß Hüger ist nicht etwa ein vereinzeltes Beispiel, sondern die in ihm zutage tretenden Verhält­nisse sind typisch, nur gibt es nicht sehr viele Haupt- lente (in Preußen), welche den Willen haben, ihre Rechte (wie in Württemberg) wahrzunehmen, weil sie Nachteile für ihr Fortkommen befürchten. Daß unter solchen Verhältnissen Charaktere, wie das Heer sie im Ernstfälle braucht, nicht erzogen werden, ist einleuchtend. Hier tut ein gründlicher Eingriff von maßgebender Stelle not, dahingehend, daß a) alle schriftlichen und mündlichen Zusätze zu den Allerhöchsten Vorschriften strenge geahndet werden, b) für alle Stellen im Heere die Selbständigkeit in der Ausbildung der Mannschaften auf das peinlichste gewahrt bleibt, und c) von den höheren Vorgesetzten nicht mehr Besichtigungen vorge­nommen werden dürfen, als die Dienstvorschriften aus­drücklich vorfehen.

2. Kein verantwortlicher Führer im Heeresdienst hat im Frieden eine so schwere, zeitraubende, Geist und

Körper frühzeitig ruinierende Tätigkeit zu vollbringen als der Kompagniechef. Auf den Chefs dieser unteren Formationen ruht die Ausbildung der Mannschaften des Heeres. Von diesen Führern wird alles gefordert^ was möglich und mitunter auch nicht möglich ist, so daß Tag und Nacht nicht ausreicht, wenn sie alles erfüllen wollten. Dabei vermehren sich die Dienstpflichten fort­dauernd durch neue zeitgemäße Anforderungen. Es wäre daher durchaus angebracht, wenn für diese Dienst­stellen eine Arbeitsteilung zur Einführung gelangta, Diese wird in der Weise gedacht, daß bei jedem Bataillon zwei zur Disposition gestellte Hauptleute (eventl. untep Charaktererhöhung) mit der Beaufsichtigung der Be­kleidungskammern, der Küchenverwaltung und der Rekrutenausbildung des Bataillons betraut würden, damit der Kompagniechef sich dem übrigen Kompagnie­dienst vollständig widmen kann; nämlich: gründliche Unterweisung der Unteroffiziere und Mannschaften im Schießen, Felddienst und in den sonstigen Kriegshienst- zweigen. Die Kräfte dieser Diensterfahrenen und noch rüstigen Offiziere z. D. würden dann nicht brach liegen, sondern noch erheblichen Nutzen schaffen können. Diese älteren Männer würden durch das Weiterdienen mit den Hauptmanns-Kompetenzen unter Zurechnung der Dienstjahre sich eine höhere Pension erringen könneru Auch in gewissen anderen Stellen des Heeres würden die erfahrenen Offiziere z. D. noch Wesentliches leisten können, wie z. B. bei den Kadetteuanstalten, Unter» offizierfchulen, höheren Kommandostäben usw.

, 3. Soll in einem Heere Ernst, Intelligenz, Nüchtern­heit und Sitte herrschen, dann müssen die Offizierkorps aus solchen Männern zusammengesetzt sein, die nur bei vorzüglicher, Bildung den Beruf als Kriegsmänner nämlich ihrer Existenz wegen wählen, nicht aber den. Dienst als Mittel ansehen, um sich eine bevorzugte Stellung zu verschaffen und im gesellschaftlichen Verkehr selbst über intclligenle Stände im Zivilleben sich erhaben zu dünken. Hat nun ein solcher Mann von Charakter­stärke, guter Bildung und geistiger Begabung den Beruf als Offizier gewählt und sich in das Militärwesen mit Liebe und Lust hineingelebt, dann muß er wie ein Oberbeamter im Staatsdienste die Sicherheit haben, nicht eines Tages ausgeschaltet zu werden, wie es jetzt öfter vorkommt. Man führt dieses vielfach auf die geheimen Oualifikationsberichte zurück, und Wohl mit' Recht. Die Vorgesetzten sind aber auch nur Menschen und lassen sich, selbst wenn sie noch so gewissenhaft sind und noch so gerecht sein wollen, doch mehr oder weniger durch Zufälligkeiten und durch persönliche Einflüsse des Verkehrs in ihren Ansichten leiten, ohne es selbst zu merken. Dafür liefert die Tatsache den Beweis, daß Wiederholt Offiziere, welche ungünstig beurteilt in ein

Feuilleton.

(Nachdruck oetSstenJ)

MerkiviirWe falle krankhafter UachatzMung.

Von Dr. Otto Gotthilf.

In einer der obersten Klassen einer Volksschule zu Ehristiama, die aus 13- bis 14jährigen Knaben bestand, hatte soeben eine Turnstunde begonnen. Da bat ein Knabe den Lehrer, ihn wegen Unwohlseins von den Übungen zu befreien. Eben war der Lehrer im Begriff, zu untersuchen, was dem Schüler fehle, als dieser plötz­lich ohnmächtig umfiel. Selbstverständlich nahm der Lehrer sich seiner fürsorglich an, knöpfte ihm die Kleiöc.r auf und legte ihn behutsam hin. Da geschah folgendes: Neun Klassengenossen fielen einer nach dem anderen ohn­mächtig und bewußtlos zu Boden. Es war ein Umfallen wie auf dem Schlachtfelöe.

Ähnliche Fälle kommen namentlich in Mädchenschulen und Penstonaten vor. Es beruht dies auf einer Art an­steckender krankhafter Nachahmung nervenschwach ver­anlagter Personen mit empfindlichem Zentralnerven- spstem.

Zum vollen Verständnis dieser merkwürdigen Er­scheinung mutz man sich klar machen, daß der unwill­kürliche Nachahmungstrieb im täglichen Leben überhaupt eine außerordentlich große Rolle spielt. Schon der griechische Vater der Naturwissenschaft, Aristoteles, be- zeichnete den Mensch alsein nachahmendcs Tier." All­täglich kann man beobachten, wie ansteckend Gähnen und Lachen wirken. Schneidet jemand Grimassen, so ahmen dies unwillkürlich manche Zuschauer nach. Beim An­hören eines bekannten Liedes summen viele mit. Beim Billardspielen und Kegelschieben begleitet der aufmerk­same Beobachter die Bewegung der Kugeln mit leichter Arm- und Hanöürehung.

In wie hohem Grade auch das ästhetische Urteil, der Geschmack", durch den Nachahmungstrieb beherrscht wird, das beweist die Allgewalt der Mode, die den wider­sinnigsten Torheiten und Zerrbildern für vorüber­

gehende Zeitdauer unwiderstehliche Reize zu verleihen weiß.

Auch Ideen und Ansichten wirken ansteckend. Wie häufig ereignen sich Fülle, wo jemand durch seine Worte und Taten, durch das ganze selbstbewußte Auftreten seiner Umgebung so imponiert, daß seine Ansichten und Gewohnheiten als unumstößlich wahr und richtig hin­genommen werden. Das ist die Kraft unbewußter psychischer.Einwirkung; der geistig Bevorzugtere über­trägt (infiziert) seine Ideen auf die Durchschnitts­menschen.

Werfen wir den Blick eine Stufe weiter auf die tieferen Regungen des menschlichen Gemütes, so be­gegnen un8 sofort verwandte Grundbeziehungen. Auf der psychischen Ansteckung, auf dem Nachahmungstrieb beruht die rasche Verbreitung neuer sektiererischer Leh­ren. Die wunderlichsten religiösen Übungen finden schnell zahlreicheNachbeter", wenn der neue Prophet sie nur recht begeistert und begeisternd vorträgt. Daher die treffende Bemerkung Shaftesburys:Der Enthusias­

mus ist ansteckend wie der Schnupfen."

Dasselbe gilt auf politischem Gebiete. Die Geschichte zeigt uns die erstaunlichsten Beispiele, wie widerstands­los die schwächlichsten Geister hingerissen werden vom mutigen Ringen und Kämpfen einzelner, selbst wenn dasselbe für töricht und verwerflich gilt (Revolutionen).

Die Macht des Beispiels im Guten wie im Bösen beruht auf demselben Gesetze. Daher die hinreißende Macht, welche edle Naturen meist unbewußt auf ihre Umgebung ausiiveu: daher die entsittlichende Ansteckung ganzer sozialer Kreise durch tiefgcsunkcne Kreaturen. Es gibt gleichsam Epidemien der Tugend wie des Lasters. Welche großartigen Beispiele führt nicht die Geschichte an von der plötzlichen hingehenden Aufopferung Tausender (auch Kinder, Frauen und Greise) zur Rettung von Herd und Heimat! Man denke nur au den Tugendbund in Preußen im Jahre 1813. Als Berbrccherepidcmien seien erwähnt die Vergiftungssucht'der italienischen Frauen um die Mitte des 17. Jahrhunderts: eine ähnliche Ver­irrung in Frankreich wenige Jahrhunderte später, wo innerhalb zwei Jahre über hundert Frauen wegen Gijt- moröes hingcrichtet wurden: ferner die Brandstistcr-

banüen des südlichen Frankreichs im Jahre 1830: die auch heutzutage immer mal epidemisch austretenden Selbstmorde unter bestimmten Kreisen, z. B. unter Schülern oder Soldaten. Glaubwürdige Beispiele blutiger Verbrechen, zu denen der erste Anstoß durch den Anblick einer Hinrichtung oder die Erzählung eines ähn­lichen Verbrechens oder nur durch die Lektüre derartiger Schauergeschichten gegeben wurde, finden sich wiederholt in den Annalen der Kriminalrechtspflege.

Bon allen Nachahmungskrankheiten werden ganz besonders weichliche Gemüter, hysterisch veranlagte Per­sonen ergriffen. Schon Mitleid und Mitfreude treten bei ihnen in überschwänglicher Weise auf. Der Anblick von Schmerzen oder Krämpfen ruft oft bei ihnen die gleichen hervor. Dies gilt namentlich von der Epilepsie. In den Wartezimmern der Nervenklinikcn folgen dem Krampfanfalle eines einzelnen fast stets sofort mehrere. Schon die Römer verboten deshalb Epileptischen den Besuch der Volksversammlungen. Dahin gehört auch die Chorea (veitstanzartige Muskelzuckungen), deren Übertragbarkeit so häufig in Mädchenpcnsionaten be­obachtet wird. Ähnlich verhält es sich mit den merkwür­digen Krampfepidemien, dem Veitstanz im Mittelalter, den Konvulsionären in England usw.

Die große Empfänglichkeit leicht erregbarer Per­sonen für psychische Einflüsse spielt auch eine hervor­ragende Rolle bei der Entstehung und Verbreitung von Gemüts- und Geisteskrankheiten. Diese traurige Tat­sache wird immer wieder wissenschaftlich sestgestcllt, mutz aber auch einmal öffentlich geschildert werden, weil durch ihre Kenntnis unsäglich viel Familienunglück vermieden werden kann.

Sehr oft kommt es vor, daß ein gemütskrankes Familienglied, z. B. der Mann, von den Angehörigen zu Hause in fürsorglicher Liebe gepflegt wird. Aber siche da, nach Jahr und Tag stellen sich auch bei Frau oder Tochter allmählich ähnliche krankhafte Ideen (z. B. Größenwahn oder Verfolgungswahn) ein. Der Grund liegt wieder in einer geistigen Ansteckung, Übertragung. Den engen Kreis der Familie umschlingt ein mächtiges Band geistiger Sympathie. Die Angehörigen werden ja stets auf die Ansichten und Vorstellungen der irren