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L4. Jahrgang» leint in zwei Ansgaben. — Bezng den Verlag Le» Pfg. monatlich, i S Mk. 5S» Pfg. vierteljährlich \ Ausgaben zusammen.

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Verlag: Langgasie 27.

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Anzeige» - Annahme K

110 4 Kerlagö-Fernsprecher N». 2958.

Msntaß, den 12. Marx.

SiedaktionS-Fernsprecher Nr. 52.

190«.

KLsnL-KusgsbL.

1. 38Catt._

EllZrn UlchLer f»

Eugen Richters Tob erweckt stärkste Teilnahme nicht, bloß in der politischen Welt, sondern in öer gesamten Bevölkerung. Schon seit Wochen wußten die Getreuen, daß es mit ihm zu Ende gehe. Ein gebrochener Mann war er bereits seit Jahresfrist. Er litt an Arterien­verkalkung, in deren sich steigerndem Verlaufe Herz­schwäche, Muskelschmerzen und vor allem ein schlimmes Augenleiden eiutraten. Seine Teilnahme am politischen Leben war durch diese Komplikation an Krankheiten zu­letzt auf ein Minimum reduziert. Kaum daß er für die „Freie deutsche Presse", das Blatt, das er vor dreißig Jahren unter dem Titel „Freisinnige Zeitung" gegründet hatte, gelegentlich noch einen Artikel diktierte. Sonst aber hatte er sich selber aus öer Öffentlichkeit völlig aus­geschaltet. Er begnügte sich, mußte sich begnügen, von seiner bescheidenen Lichterfelöer Villa aus die politische Entwickelung mit unermüöetem Interesse zu begleiten. Vor etwa acht Tagen richtete die Abgeordnetenhaus- lfraktion der Freisinnigen Volkspartei eine Dankadresse an Richter, nachdem dieser im Dezember sein Landtags- manöat nicdergelegt hatte. Die Adresse konnte ihm je­doch nicht mehr überreicht werden. Beschwichtigenöer- weise hieß es, man wolle ihm die seelische Erregung er­sparen, und diese Rücksicht hatte gewiß auch mitgesprochen. Tatsächlich aber wäre er im weit vorgeschrittenen Ver­fall seiner Kräfte nicht mehr fähig gewesen, die Partei­freunde zu empfangen und ihnen zu antworten. In­dessen wußte er wohl, wie hoffnungslos es um ihn stand, und durch Indiskretionen von Zeitungen konnte er cs nicht erfahren, weil die Umgebung darüber wachte, daß nichts in die Öffentlichkeit drang. Seit Donnerstag lag der Kranke in Agonie, aus öer er nicht wieder zu sich kam. Er starb in der treuen Pflege seiner Frau, der Witwe seines alten Parteifreundes Parisius, mit der er, öer Junggeselle, als Sechzigjähriger noch die Ehe ein­gegangen war. So wenig aktiv Richter in den letzten Jahren gewesen war, so stand seine Persönlichkeit jeder­zeit mit ungebrochener Lebendigkeit vor den Augen der Mitwelt, als sei die alte Kampflust ungebrochen. Zwei­mal in diesem Winter hatte die Öffentlichkeit Gelegen­heit, sich mit Richters Wirken und Wesen näher zu be­schäftigen, zuerst, als maßlos gemeine Schmähungen sozialdemokratischer Blätter an den tiefen Haß erinner­ten, der zwischen dem verstorbenen Parteiführer und jener Partei bestand, sodann, als Fürst Bülow im Reichs­tage davon sprach, nur drei Personen seien für den Posten des Reichsschatzamtssekretärs in Frage gekommen, in vorderster Reihe Eugen Richter, aber er, der Kanzler, habe dem Kaiser sagen müssen, daß Richter wegen seiner Krankheit wohl ablehnend antworten würde. Charakte­ristisch für diese Episode im Reichstage war es, daß die Worte des Fürsten Bülow zwar mit einer gewissen Heiterkeit, aber ohne jede Spur von Ironie aus­genommen wurden. Denn auch Richters Gegner hatten die Empfindung, daß wirklich niemand so berufen ge­wesen wäre wie er, mit seinem reichen Wissen, seiner unvergleichlichen Begabung, seinem politischen Talt, seinem Ansehen auch bei den politischen Feinden eine leitende Stellung auf seinem eigensten Gebiete, dem Finanzwesen, einznnehmen. Aber er Hütte den Schatz- amtssekretärspvften selbstverständlich nicht angenommen, auch wenn er gesund gewesen wäre. Die tiefe Kluft zwischen ihm und dem konscrvativ-ostelbischen Milieu war niemals überbrückbar. Manche Gegensätze freilich hatten sich im Laufe der Zeit gemildert, namentlich im Verfolg der Kämpfe um den neuen Zolltarif, in denen Richter die Obstruktionspolitik der Sozialdemokratie und der Freisinnigen Vereinigung als verfehlt zurückwies, wofür er sich die wüstesten Schmähungen der äußersten Linken, aber auch ein wahrscheinlich sehr skeptisch auf­genommenes Lob von der Rechten gefallen lassen mußte. Indessen, so sehr die Verschiedenheit der Weltanschau­ungen durch persönliches Wohlwollen verwischt wurde, so blieb sie im Kern unveränderlich. Nun ist dies reiche Leben abgeschlossen, und die politische Würdigung hat freie Bahn. Richter ist der letzte aus öer langen Reihe der Männer, mit denen die Geschichte öer Entstehung des Reiches und seines Ausbaues verknüpft ist. Alle anderen sind vor ihm dahingegangen, Lasker, Stausfen- berg, Bamberger, Miguel, dann Windthorst, beide Reichensperger, auch Mommsen und Virchow, und von denen, die mit Bismarck oder gegen ihn gewirkt haben, sind nur noch spärliche Reste übrig, darunter der greise Kardorff. Die Geschichte Richters ist die Geschichte der Freisinnigen Bolkspartei und zugleich die Geschichte der heißesten Kämpfe mit dem ersten Reichskanzler. Gegen niemand war Fürst Bismarck von so erbitterter Feind­schaft beseelt wie gegen den klügsten, beredtesten und zugleich witzigsten Führer der liberalen Opposition. Gab

es doch eine Zeit, wo er regelmäßig den Reichstagssaal verließ, wenn Richter das Wort ergriff. Später freilich, in öer ungezwungenen Zurückgezogenheit von Friedrichs­ruh, hat er auch ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen. Es ist das tragische Verhängnis Richters gewesen, daß er seine großen Fähigkeiten immer nur in oppositioneller Kritik erweisen konnte, aber es war nicht seine Schuld, daß dies so lag. Seine unbeugsame Charakterfestigkeit, die ehrenhafteste überzeugungstrcue, sein Liberalismus duldeten keine Kompromisse, und da der bureaukratrsch- konservative Grundzug der preußisch-deutschen Entwicke­lung sich ihm nicht anpasien wollte, so-wollte und konnte er auch kein Entgegenkommen zeigen. Man hat ihn da­für verantwortlich gemacht, daß unter Caprivi die Mög­lichkeit einer Annäherung von Regierung und Freisinn versäumt wurde, welche Möglichkeit angeblich vorhanden gewesen wäre, wenn die Freisinnigen die Caprivische Militärvorlage gegen die Konzession der zweijährigen Dienstzeit angenommen hätten. Aber Richter sah schärfer

als seine Tadler. Er wußte, daß die Ära Caprivi ver­gänglich sein werde, und daß jede Partei verloren >st, die sich auf vorübergehende Konstellationen stützt statt auf bleibende Grundsätze. Welche Wirkung Richters Hin- scheiöen auf die weitere Entwickelung des Liberalismus haben wird, läßt sich noch nicht ganz übersehen. Es ist möglich, daß die niemals ruhenden Einigungs­bestrebungen jetzt mit vermehrtem Nachdruck fortgesetzt werden, aber ob sie gelingen, hängt von so viel Faktoren ab, daß man gut daran tun wird, zunächst nur aufmerk­sam zu beobachten. ^

In den letzten Tagen hatte Eugen Richter keinerlei Interesse am öffentlichen Leben mehr. Seit Donnerstag war er bereits bewußtlos. Durch Morphium-Ein­spritzung wurde dem Kranken Schmerzlosigkeit verschafft. Freitagabend war volle Agonie eingctretcn. Die Be­erdigung erfolgt am Dienstag auf dem alten Luiseu- stäötischen Kirchhofe in Berlin. Vorher findet im Trauerhause in Großlichterfelde eine Feier statt. — Die Abendblätter widmen ohne Unterschied der Partei- stellung dem dahingeschieöenen bedeutenden Parlamen­tarier anerkennende Nachrufe. Die von Richter ge­gründete „Freie Deutsche Presse" ist mit Trauerrand erschienen. Im Reichstag widmete, wie schon gemeldet, Gpaf Ballestrem bei Beginn der Sitzung dem dahin­geschiedenen freisinnigen Führer einen warmen Nachruf. Auch im Abgeordnetenhause, dem bekanntlich Eugen Richter nicht mehr als Mitglied angehörte, übernahm es der konservative Abgeordnete v. Heydcbranö, im Namen seiner Freunde und auch der übrigen Parteien Richter einige anerkennende Worte zu widmen.

Beim Empfang der Nachricht vom Tode Eugen Richters äußerte Fürst Bülow seine aufrichtige Teil­nahme. Er habe stets die hohe Begabung des Ver­storbenen besonders aus finanztechnischem Gebiete an­erkannt. Niemals habe er dem hervorragenden Charakter Richters die Achtung versagt. Seine gleichartige Auf­fassung über die Bekämpfung der Sozialdemokratie habe ihn, Bülow, auch persönlich dem freisinnigen Führer nahe gebracht und zu manchen intimen und interessanten Gesprächen geführt. Bülow sandte der Witwe Richters ein warm gehaltenes Beileids-Telegramm.

Den Angehörigen des verstorbenen Abgeordneten Eugen Richter sind im Laufe des gestrigen Tages eine große Anzahl von Beileids-Kundgebungen bekannter Parlamentarier zugegangcn. Reichskanzler Fürst Bülow drückte der Witwe in einem Handschreiben seine herz­liche Teilnahme aus. Ferner sandte Graf Posaöowsky ein in den wärmsten Ausdrücken gehaltenes Telegramm. Auch der Präsident des Reichstags, Graf Ballcstrcm, kondolierte auf telegraphischem Wege.

Deutscher Reichstag.

Berlin, 10. März. : l

Auf dem Platze des verstorbenen Abg. Engel» Richter befindet sich ein Kranz mit einer schwarzen Schleife. Unter lautloser Stille und während sich die Ab­geordneten von ihren Plätzen erheben, widmet Präsident Graf Ballestrent Engen Richter einen Nachruf und schil- dert die parlamentarische Laufbahn des Verstorbenen und fährt fort: Mit seinen anerkannt hervorragenden Geistesgaben und mit seltener Geistesschärfe war der Verstorbene allezeit bemüht, für des Vaterlandes Wohl und Größe zu wirken. Er wird in unserer dankbaren Erinnerung fortleben. Mit unvergleichlicher Pflicht­treue und Selbstlosigkeit widmete er sich bis zum letzten Augenblicke selbst bei seiner schweren Krankheit den Arbeiten für des Reiches Wohl und Gedeihen. Sein Andenken wird bei uns in hohen Ehren bleiben.

Nachdem Graf Ballcstrcm dann festgcstellt hatte, daß sich die Abgeordneten zu Ehren des Verstorbnen von ihren Plätzen erhoben hatten, setzt das-Haus die Etats­beratung fort.

Abg. Fischer-Berlin (Soz.) erörtert die Verhältnisse bei der Reichsöruckerei.

Staatssekretär Krätke erklärt: Ich stehe nicht an, die Bestrebungen der Druckertarifgemeinschaft voll anzuer­kennen. Wenn trotzdem die Reichsöruckerei diese Tarif­gemeinschaft nicht anerkennt, so geschieht dies, weil sie ein Staatsinstitut ist und Streitigkeiten, wie sie zwischen Arbeitern und Unternehmern entstehen können, nicht aufkommcn lassen darf. Übrigens zahlt die Reichs-! druckcrci mindestens dieselben Löhne, die der Tarif ent­hält. Die Entlassung von Arbeitern, und zwar auch von solchen, die für den Betrieb öer Reichsöruckerei unge­eignet sind, ist das gute Recht der Direktion. Was die Mitteilungen über die Spar- und Darlehenskassen an­betrifft, über die Stillschweigen bewahrt werden sollte, so bedauere ich, daß von einem Rcgierungsvertreter üt. einer Kommission einige Angaben darüber gemacht wor- den sind. Eine Beabsichtigung lag dabei aber nicht vor.

Abgg. Marconr (Ztr.) und Kopsch (Freis. Vpt.) er­kennen die geregelten Lohnverhältnissc bei der Reichs­druckerei an, bedauern aber, daß die Rcichsdrnckerei den Buchdruckcrtarif nicht anerkennt.

Nach einer weiteren Auseinandersetzung zwischen Abgg. Fischer und Kopsch und des Staatssekretärs Krätk« wird öer Etat öer Reichsöruckerei bewilligt.

Sodann werden die gestern zurückgestellten Reso­lutionen der Budgetkommission, sowie die des Abg. Gröber zum Postetat angenommen, ausgenommen die­jenigen Bestimmungen der Resolution Gröber, die die Ausdehnung öer Sonntagsruhe auf die Bestellung von Postanweisungen und die Abfertigung von Drucksachen­massensendungen fordern.

Es folgt die Beratung des Etats des Rcichseiscn- bahnamtes.

Abg. Schlumberger (Nil.) begründet eine von ihm eingebrachtc Resolution, welche die verbündeten Regte- rnngcn ersucht, daß sic, nachdem die Haupt- und Neben­bahnen in den Reichslanden nahezu ansgcbaut sind, aus den künftigen Betriebsüberschüssen öer Reichseisen- bahncn einen Beitrag zur Entwickelung des Klcinbahn- wesens in Elsaß-Lothringen durch den Reichsetat zur Verfügung stellen, und zwar in einem angemessenen Ver­hältnisse zu den Zuschutzleistungen des Landes selbst.

Der Dirigent im Reichsamt für die Verwaltung öer Reichseisenbahnen Glöckner erklärt, die Voraussetzungen der Resolution erscheinen unzutreffend. Wir haben außerdem noch auf viele Jahre hinaus sehr erhebliche .Aufwendungen zu machen für den Ausbau der Haupt- und Nebenbahnen. Ich gebe zwar zu, daß diese Bahnen mit den Überschüssen nichts zu tun haben, da das Geld für sie aus einer Anleihe genommen ist. Ich glaube aber kaum, daß die verbündeten Regierungen in der Lage sein werden, eine solche Regelung zu treffen, wie die Reso­lution sie wünscht.

Abg. Erzbergcr (Ztr.) regt an, das Wort „nahezu" in der Resolution zu streichen, und erörtert dann die Arbeiterfrage bei den Rcichseisenbahnen.

Nachdem noch die Abgg. Schlumberger und v. Staudy (Kons.) gesprochen haben, wird die Resolution Schlum­berger angenommen.

Nach Bewilligung des Etats der Rcichseisenbahnen gebt das Haus zur Beratung des Etats des Reichseisen- bahnamtes über.

Abg. Stolle (Soz.) sagt, an den vielen Eiscnbalnrun- fällen in der letzten Zeit seien die unangebrachte Spar­samkeit der preußischen Bahnverwaltung und die Über­lastung der Beamten schuld.

Der Präsident des Rcichseisenbahnamtes Schulz weist diese Angriffe zurück i»nd fährt fort, auch die Be­hauptung, daß sich die Unfälle von Jahr zu Jahr mehren, ist unrichtig. Mit der Betriebssicherheit auf den öcut-