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Ütfl» 116 ♦ Werlags-Fernsprecher No. 2958.

Samstaß, den 10* März.

RedaktionS-Fernlprecher Nr. 52.

isa«.

Morgen - Kusgabe.

1. Matt. __

Tags politisch hoher Erregung.

Die Trinksprüche, welche in Dresden zwischen den Königen vonSachsen und vonWürtte m-- berg gewechselt worden sind, l>abcn begreiflicherweise Aufsehen erregt. Sprach doch der König bon Sachsen mit unverkennbarer Bezugnahnie auf die gegenwärtige, durch die Marokko-Frage geschaffene internationale Lage von „diesen Tagen politisch hoher Er­reg u n g". wo die Bundesfürsten in Wort und Tat zeigen, wie fest und treu sie zusammenstehen. Und der König von Württemberg versicherte, die innige treue Bundesfreundfchaft der deutschen Fürsten sei die feste Bürgschaft dafür, daß „auch in schwerer Zeit, vor welcher uns Gott bewahren möge", ein fester Hort an dem Throne Deutschlands zu finden sei. Diese Trinksprüche sind um so bedeutsamer, als sie sich im vollem Einklang befinden mit der Ansprache, welche der Kaiser am 25. Februar bei dem Empfang der Feldniarschälle an diese richtete und die in den bedeutsamen Worten gipfelte: „Gebe

Gott, daß ein Kriegsfall nicht eintrete. Sollte es aber dennoch geschehen, so bin ich fest überzeugt, daß die Armee sich ebenso bewähren werde wie vor 35 Jahren."

Sowohl in diesen Worten des Kaisers wie in den Trinksprüchen der Könige von Sachsen und Württem­berg ist mit nicht mißverständlicher Deutlichkeit der Friedensliebe Deutschlands und der Entschlossenheit der deutschen Regierung Ausdruck gegeben, das Ihrige zur Aufrechterhaltung deo Friedens zu tun. Wenn hier und da Besorgnisse laut worden, daß die Marokko -Ko n - ferenz nicht nur scheitern, sondern daß ihr Scheitern vielleicht den Frieden Europas bedrohe, so können diese Befürchtungen sich jedenfalls nicht an die Haltung Deutschlands, sondern nur an die Frankreichs knüpfen und noch mehr an die Haltung derjenigen, die hinter Frankreich stehen und in Algeciras hinter den Kulrssen die Drähte ziehen. In der Tat kann nicht geleugnet werden, daß die Entwicklung der Verhandlungen in Algeciras sehr unerfreulich ist. Sieht man auch von den bewußt entstellten Berichten der französischen, der eng­lischen und — es ist betrübend, das feststellen zu müssen — auch der italienischen Presse ab, so bleibt immerhin genug, um es mindestens als ungewiß erscheinen zu lassen, ob auf dem Wege gegenseitiger Kompro­misse, durch ein rückhaltsloses Nachgeben Frankreichs in der Bankfrage, dem möglicherweise Zugeständ­nisse Deutschlands in der P o l i z e i f r a g e folgen wür­den. doch noch eine Einigung zu erzielen ist.

Jedenfalls kann darüber kein Zweifel sein, daß Deutschland auf der Marokko-Konferenz, trotzdem die überwiegende Mehrzahl der Mächte und selbst das mit Deutschland verbündete Italien sich auf die Seite Frank­reichs geschlagen haben, die stärkere Position hat, und

FemZletmr.

Machdruck verboten.)

Schlaflosigkeit.

Schlaflosigkeit wird i>n allgemeinen für keine Krank­heit betrachtet, aber von denen, die darunter zu leiden haben, oft schlimmer als eine solche empfunden. Die Arzte pflegen sie — wenigstens, wenn sie selbst nicht davon betroffen werden — nicht allzu schwer zu nehmen, son­dern stellen sie als ein kleines Übel hin, aber die kleinen Übel, falls sie nicht nur vorübergehend, sind es ja gerade, die das Leben „unerträglich" machen können.

Natürlich ist hier nicht von Schlaflosigkeit die Rede, die durch ein physisches Leiden, irgend einen krankhaften Zustand hervorgerufen wird. Dann kann man es sich leicht erklären, warum das Gehirn nicht zur Ruhe kom­men will, warum es den Körper wach erhält. Und man kann dann auch hoffen, die Wirkung aufzuheben, indem man der Ursache nachgeht und sie zu beseitigen sucht.

Aber wenn man sich bei ganz guter Gesundheit be­findet, wenn man schlafen will und nicht kann, wenn der beste Wille nichts auszurichten vermag gegen die Wider­standsfähigkeit der Nerven, dann wird die Schlaflosigkeit unerklärlich. Weshalb gibt das Gehirn seine bewußte Tätigkeit nicht ans und schlummert ein? Vielleicht wird man darauf eine Antwort finden, sobald man besser da­rüber unterrichtet sein wird, wie dieses eigentümliche Organ funktioniert. Jetzt kann nur konstatiert werden, daß es nicht gehorcht und selbst die ärztliche Kunst must zugeben, daß sie gegen das Übel nichts auszurichten weist.

Die Gehirntätigkeit setzt sich ja auch während des Traumes fort und in weit ungeregelter Weise sogar als

zwar nicht nur die moralische, sondern auch die polrtrsch stärkere. Tenn wenn das französische Kabinett Rouvrer auch am Mittwoch gestürzt worden ist und nur noch brs zur Bildung des neuen Kabinetts die Geschäfte fuhrt, so ist doch die französische Regierung an das gebunden, was Rouvier in seiner Note vom 21. Juni 1905 anerkannt hat, und was ja auch auf Grund des Madrider Ab­kommens vom Jahre 1880 ganz selbstverständlich rst, daß nämlich auf der Konferenz „die Einstimmigkeit der ver­tretenen Mächte zur Gültigkeit irgend ernes Beschlußes erforderlich" ist. . - ^ ^ . -

Aber wenn auch von Paris aus vernchert wrrd, daß in der Marokko-Frage die Politik Rouviers, der ja durch den Sturz Delcassäs seinen ernsten Willen zu einer Politik des Friedens bekundet hat, fortgesetzt werden wird, so ist doch nicht zu leugnen, daß der unerwartete Sturz des Kabinetts im jetzigen Augenblick sehr unge­legen kommt. Freilich war es nicht etwa die Marokko- Frage, sondern Fragen der inneren Politik, die das fett dem'24. Januar v. I. im Amte befindliche Kabinett Rou­vier zu Fall brachten. Hierbei bildete die Frage der Inventaraufnahme in den Kirchen auch nur den letzten Anstoß, denn es war ein offenes Geheimnis, daß das Kabinett längst auf wackligen Füßen stand, und daß der neue Präsident der Republik, Herr Fallrtzres, ferne Ministerliste im wesentlichen schon bei seinem Amts­antritt in der Tasche hatte.

Es braucht auch keineswegs befürchtet zu werden, daß das neue Kabinett von den Bahnen Rouviers in die D e l c a s s ü s übergehen werde, obwohl K ö n t g Eduardvon England diesen in Paris zum Früh­stück eingeladen hatte. Daran ist freilich nicht zu zwer- feln, daß einflußreiche Kräfte jenseits des Kanals be­müht sind, Frankreich in der Marokko-Frage scharf zu machen, und an dieser bedauerlichen Tatsache können auch die eifrigsten Bestrebungen, die „deutsch-englrsche Freundschaft" zu beteuern, nichts ändern. Aber es sind zwei andere Mächte da, die wollend oder nicht wollend bestrebt sein müssen, einen Ausgleich in der Marokko- Frage herbeizuführen. Diese Mächte sind Rußland und Italien. Das Zarenreich braucht den Frieden, weil es Geld braucht und angesichts seiner militärischen Schwächuna rede Verwicklung zrr fürchten hat. Italien aber hat ein noch stärkeres Interesse daran, auf einen günstigen Ausgana der Konferenz in Algeciras hinzu­wirken, denn es ist durch den Dreibundvertrag an Deutschland, durch seine Sympathien und unbekannte Geheimverträge aber an Frankreich gebunden. Aus diesen Gründen zweifeln wir nicht daran, daß die Marokko-Konferenz entweder doch rroch mit einee Einigung oder aber mit einer Vertagung endigen wird, die jedenfalls nicht die von Pessimisten gefürchteten Folgen nach sich ziehen kann. Eiire Folge aber wird die Marokko-Konferenz zweifellos haben, oder sie hat sie vielmehr setzt schon, nämlich daß der Drei- b rr n d , soweit die Stellung Italiens in diesem in Betracht kommt, einem unverkennbaren Lockerungs­prozeß unterworfen ist.

im Wachen, aber wenn nicht gerade ein Alpdruck uns quält, pflegen die Träume ganz unterhaltend zu sein. Bei der Schlaflosigkeit vollzieht sich fast stets eine Art „Wiederkäuen", ein ganz uninteressantes Ereignis fällt uns plötzlich ein und dreht sich, wie es im Volksmunde heißt, unaufhörlich in unserem Kopfe herum. Vergeblich versucht man, nicht daran zu denken, nach einer Minute findet man, daß dieGedankerr sich wieder auf den früheren Gegenstand richten, der nicht die geringste Wichtigkeit besitzt, der bei Tage uns selbst absolut gleichgültig er­scheint und von dem man sich doch nicht losmachcn kann.

Man spricht häufig von den schlaflosen Nächten der Schuldigen und Verbrecher, malt es sich aus, wie sie sich, ohne Ruhe zu finden, auf ihrem Lager hin- und her- wälzerr, verfolgt von Unruhe und Gewissensbissen. Das beruht aber aus einem Irrtum. Die Schurken erfreuen sich meist eines recht gesunden Schlafes und der normale Mensch liest mit größtem Erstaunen, das; zum Tode Ver­urteilte ans tiefstem Schlummer geweckt werden mußten, um zur Rrchtstätte geführt zrr werden. Dagegen ist das, was mir den „Schlaf des Gerechten" zu benamsen pflegen, durchaus nicht immer das Erbteil der braven Leute, und wenn er sich nicht entstellen will, dann nützen die schönsten und erbaulichsten Reflcxivnen nichts, der Schlummer bleibt fern.

Es gibt ja nun allerlei Mittel, die die Wissenschaft gefunden hat, um ihn hcrbeizuführen, aber unschuldig ist wohl kerns von ihnen, und es ist daher entschieden mehr ratsam, sich ihrer häufig zu bedienen. Die, welche unsere Großmütter empfehlen, haben ja nun allerdings den Vorzug unschädlich zu sein, aber sie pflegen auch nicht viel zrr nützen. Da soll ein Taschentuch fest um die Schläfen gebunden oder ein feuchtes Tuch hinten in den Nacken gelegt werden, welches letztere zwar gewöhnlich nicht d-m

Mm Schlüge setzentmurs.

i.

Eine der erfrischendsten Kundgebungen aus dieser letzteir Gruppe ist, so schreibt die „Pädagogische Ztg. , eine Flugschrift des N a t i o n a l l i b e r a l e n Vereins Zweibrücken und des Jungliberalen Vereins Zweibrücken: „Der Liberalismus und der

preußische Schulgesetzentwurf", ein Vortrag von Lehrer Fritz Wühler in Zweibrücken?) In dem Nanonal- lrberalismus, wie er aus dieser Schrift spricht, rst der zweite Teil uicht bloß ein altes Requisit, hier rst er ern Wort, das ein Programm für jetzt und die Zukunft in sich schließt, in der» die Traditionen einer größeren Zert. in der der Nationalliberalismus noch Rückgrat zeigte, lebendig sirrd.

„Die N a t i o n a l l i b e r a I e n verleugnen den Geist Bennigsens. Ein Bennigsen hätte dieses Kompromiß niemals m i t g e m a ch t, n i e - m a l s g utg eh eitzen . . . Wenn nun jetzt drese selbe Partei einen Gesetzentwurf gutheißt, der der nationalen Zerreißung und der kulturellen Abwärts- bewecrung weitgehend Vorschub leistet, bann hilft sie den Begriffen Irrational" und „liberal", die ihr Leben und Dasein gegeben, selbst den Garaus machen . . . Wenn aus den vielfach geradezu himmelschreienden Um gercchtigkciteir und Mißständen (bei der Schullastenver­teilung) für die reaktionären Parteien noch nicht ein Gerechtigkeitsgefübl, noch nicht ein Kullurinteresse, also auch noch nicht die Verpflichtung erwachsen ist, auf Ab­hülfe bedacht zu sein, so haben dieserhalb die Herren Hackenberg rrnd Zedlitz, die Väter des Kompromrsses. vom Volke noch lange nicht die Ermächtigung erhalten, die diesbezügliche Geneigtheit der Konservativen zu er­kaufen um den Preis dessen, was der deutsche Lrberalrs- mus als sein und des deutschen Volkes eigenstes Wesen erachtet, um den Preis der „nationalen Einheit". Dre beabsichtigte Scheidung.der preußischen Volksschule rn zwei Arten von Kirchenschrilen bedeutet „eine brutale Vergewaltigung des Seelenlebens der Natron und eine vollständige Verkennung der kulturellen Aufwärtsbe- wegring, die sich dagegen auflehnt, daß die geistige und soziale Gemeinschaft durch konfessionelle Formen ge­hemmt oder gestört werde." „Das Ganze ist und bleibt ein geradezu raffiniert zurecht gedrechseltes System von Hemmnissen für die einheitliche deutsche Kulturer-

^ ^Diese Proben aus der temperamentvollen Broschüre lassen das Interesse erkennen, das Lehrer und politische Parteien in den anderen Bundesstaaten dem Schul­kampfe in Preußen entgegenbringen.

Einer der wenigen „höheren" Lehrer, die die deutsche Schule nicht als ein loses Gruppengebilde, sondern als einen großen gemeinsamen Bau betrachten, ist Professor Itr Ludwig Gurlitt in Steglitz. Er sieht mit scharfem

*) Lehmannsche Buchhaudlunq in Zweibrücken. Preis 30 Pf., bei 10 Stück 20 Pf., 25 Stück 15 Pf., 50 Stück 15 Pf.

Schlummer, aber manchmal einen steifen Hals herbei- führt. Oder aber der Rat wird erteilt, die Daumen auf die Augenlider zu drücken, den Kopf unter die Bettdecke zu stecken, ein Wort oder eine Ziffer unaufhörlich zu wiederholen und dergleichen mehr, was alles nicht hin­dert, daß das Gehirn arbeitet und die Gedanken spazieren gehen.

Als ganz wirksam hat cs sich dagegen schon manchmal erwiesen, wenn man gewissermaßen eine List anwendete, um der bösen Schlaflosigkeit zu entgehen. Sobald sich ganz deutlich gezeigt hat, daß der Schlummer nicht kommen will, das schreckliche „Wiederkäuen" beginnt, er­hebt man sich vom Lager, kleidet sich vollständig an, nimmt selbst Hut und Stock und geht bis zur Tür der Wohnung. Dann kehrt man in das Schlafzimmer zurück, entkleidet sich wieder und legt sich zu Bett. In 89 Fällen von 108 schlummert man angeblich sofort ein, das widerspenstige Gehirn, das den Körper nicht zur Ruhe kommen lassen wollte, ist überlistet worden. Jedenfalls ist das Mittel nicht gefährlich und daher besser als das Einnehmer, selbst der Drogen, die als unschädlich gelten, aber es ge­hört Willenskraft dazu, es anzuwenden und es erscheint sehr fraglich, ob es länger hilft, als man eben an seine Kraft glaubt.

Im allgemeinen wird man gegen die Schlaflosigkeit: mit Erfolg nur eine Eigenschaft zur Anwendung bringen können, die sich schon in so vielen Fällen als Siegerin erwiesen hat, die Geduld, und muß man sich dann ruhig sagen, daß man eben etwas mehr Nachdenken und etwas weniger träumen wird. Allerdings sind nur wenige so philosophisch veranlagt, besonders da die Schlaflosigkeit nicht nur eine Unannehmlichkeit ist, sondern auch der Körper darunter leidet und die geistige Schaffenskraft dadurch beeinträchtigt wird! W. Waldau.