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5«. Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgabe«. — Bezugs-Preis: durch den Verlag SO Pfg. monatliche durch die Post S Mk. SO Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.
Verlag: Langgasse 27.
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|t|>, 112. Verlags-Fernsprecher No. 298».
KErrerslagz den 8. Mar§.
RedaktiouS-Fernsprecher Nr. 82.
1906 .
Morgen - Ausgabe.
1. Mkatt. __
Auch noch China!
In einem ihrer neuesten Essays schildert die durch ihre „Briefe, die ihn nicht erreichten" berühmt gewordene Gattin des jetzigen preußischen Gesandten in Hamburg und früheren Gesandten in Peking, Elisabeth v. Heyking, die Zustände in Peking nach dem berüchtigten Boxeraufstande der Jahre 1900/1901. Die ganze offizielle Welt hatte damals, so erzählt sie, nach dem in Peking Unterzeichneten Vertrage erleichtert aufgeatmet, und die in Peking beglaubigten fremden Gesandten erbaten sich einen Erholungsurlaub, wobei sie alle ihre ersten Sekretäre aufs wärmste als Geschäftsträger empfahlen. Denn wenn ein Gesandter auf Urlaub gehen will, entdeckt er allemal ganz hervorragende Eigenschaften in feinem ersten Sekretär. Die leitenden Sterne auf den großen europäischen Staatsbühnen gingen nun ebenfalls auf Sommerurlaub, und bei ihrer Abreise nach dem MeereS- strande, dem Gebirge oder den Kurorten war die letzte Weisung, die sie ihren offiziellen Ersatzmännern erteilten: „Und um Himmels willen hütet euch vor Ver
wicklungen in China!"
Zurzeit ist die europäische Diplomatie von genau derselben Stimmung beseelt, wie sie in den vorstehenden Zeilen geschildert worden ist. Europa braucht Ruhe, denn es hat schon ohnehin der Unruhe genug und näher liegende Sorgen als die chinesische. Harrt doch die marokkanische Frage noch immer der Lösung und im alten Orient, auf dem Balkan, haben sich die Verhältnisse so bedenklich zugespitzt und hat die Spannung zwischen Serbien und Bulgarien auf der einen und Österreich auf der anderen Seite sich so verschärft, daß die europäische Diplomatie für Verwickelungen im neuen Orient, in Ostasien, wahrlich keine Verwendung hat. Der mörderische Krieg zwischen Rußland und Japan und die internationalen Schwierigkeiten, die er mir sich brachte, haben die Diplomatie ohnehin o st - a s i e n m ü d e gemacht, aber es scheint, als ob der Chinamann auf diese in Europa weit verbreitete Ostasienmüdigkeit keine sonderliche Rücksicht zu nehmen bereit ist.
Die Nachrichten aus dem Reiche der Mitte klingen in letzter Zeit wieder reckt bedrohlich und sie erinnern sehr an die Geschichte von dem heimkehrenden Häuptling, dem die züchtige Hausfrau auf seine Frage, was sie für ihm zum Abendbrot zubereitet habe, erwidert: Nur ein Stückchen kalten Missionar! Die Überfälle auf die christlichen Missionen in China haben sich in letzter Zeit bedenklich gehäuft, wobei allerdings nicht zu übersehen ist, daß sich der Haß der Chinesen zur
zeit in erster Reihe gegen die amerikanischen Missionen richtet. Hierbei spielt dre entscheidende Rolle die Entrüstung der Chinesen über dre fast vollrge Ausschließung ihrer Landsleute aus der Umon, erne Entrüstung, die in dem Boykott amerrkamscher Waren in China ihren Ausdruck gefunden hat. Aber es sind keineswegs die amerikanischen Missionen allein, dre unter dem Haß und der Zerstörungswut der Chinesen zu leidenhaben. und es liegt zugleich die Gefahr vor, daß sich dieser Haß gegen die Missionen unversehens zu einem Haß gegen die Fremden überhaupt, zu einer regelrechten Fremdenhetze nach berühmten Mustern ausbildet.
Dieser Fremden haß stellte von jeher die lebhafteste geistige Betätiaunq dar, deren der Chrnese überhaupt fähig ist, und seine Ursachen lassen stch unschwer erklären. Die chinesische Politik der letzten Jahrzehnte, welche die chinesische Mauer, die Sitte und Gewohnhert um das Reich der Mitte errichtet hatten, , von den „Weißen Barbaren" niederreißen ließ und die ein Stück Land nach dem anderen den Europäern eröffncte und zum Teil abtrat, hat den angeborenen Haß der Chinesen gegen alles Fremde und gegen alle Fremden zur stärksten Entfaltung gebracht. Und dieser Haß ist dadurch zur wrlden Leidenschaftlichkeit angewachsen, . daß die Mandarinen gleichzeitig den religiösen Fanatismus der Chinesen zu erwecken verstanden, jo dotz stch der nationale Hatz gegen die Fremden mit dem religiösen Haß vereinigte.
Dadurch, daß vor fünf Jahren der Boxeraufstand, zu dem fick die freindenfeindliche Bewegung verdichtet hatte, von den Mächten gemeinsam niedergeschlagen wurde, ist diese Bewegung für einige Jahre zurückgedämpft worden. In ganz entgegengesetztem Sinne aber hat jetzt der o st a s i a t i s ch e Krieg gewirkt, denn der Sieg der Japaner über das Heer des „Weißen garen" hat den Glauben an die kriegerische Überlegenheit der kaukasischen über die mongolische Rasse gründlich vernichtet und so den angeborenen und nie ganz eingedämmten Hochmut der Chinesen gegen die „fremden Barbaren" aufs neue entfacht. Dazu kommt, daß die Japaner, denen ja der Kamm gründlich geschwollen ist und die sich jetzt in ganz Ostasien als Herren fühlen, aufs eifrigste beflissen sind, die „n a t i o n a le B e w e g u n a" in China zu entfachen, wobei sie sich als wesentlichstes Hülfsmittel einer zum großen Teil mit japanischem Gelde in China ins Leben gerufenen Presse bedienen. Unter diesen Umständen wird es der ernstesten Aufmerksamkeit der internationalen Diplomatie bedürfen, um ein Umsichgreifen der fremdenfeindlichen Bewegung iri China zu verhindern, wobei es freilich in erster Reihe darauf ankommen wird, daß Taktlosigkeiten und Übergriffe, wie sie in letzter Zeit von amerikanischen und englischen Missionen wiederholt begangen worden sind, in Zukunft auf das peinlichste vermieden werden.
Politische Übersicht.
Minister Studt und die Volksschullehrer.
Der „Rhein.-Westf. Ztg." schreibt ihr schulpolitischer Mitarbeiter: Die Anzeichen mehren sich, daß zwischen dem jetzigen Cbef der Unterrichtsverwaltung und den ihm unterstellten 100 000 Volksschullehrern nach und nach ein besseres Verhältnis platzgreift. Die soeben erledigte zweite Lesung des Kultusetats gab dem Minister Gelegenheit, die besseren Beziehungen weiter anzubahnen. Es wurde allerdings auch die allerhöchste Zeit! Seit den Tagen Mühlers und Puttkamers war das Verhältnis des Kultusministeriums zu den Päda- gogen der Volksschule nicht so kühl, ja so frostig, als gegenwärtig. Wen trifft die Schuld? Man hat gesagt. Dt. Studt sei zu konservativ. Bosse war es nicht minder, und doch blicken die preußischen Lehrer noch heute mrt warmem Herzen zu seinemBild empor, das einen Ehrenplatz in ihrer Arbeitsstube einnimmt. Bosse ging, und Studt kam! Wie ein verwüstender Hagelfchlag kam es aus dem schwarzwolkiqen Himmel der Bureaukratie! Kein freundliches Wort, kein Wort des Vertrauens! Die Kinderschuhe, die der Lehrerstand unter Bosse ausgezogen hatte, zog man ihm nun wieder an. „Drei- tausend neue geistliche Schulinspektoren wurden in einem Jahre angestellt. Wie hat man sich", so heißt es in einem soeben erschienenen Werk über „Die Volksschule am Abgrund?" gesträubt, das Grundgehalt von 900 M. zu erhöhen! Kein Mittelchen, z. B. Vermehrung der Präparandenanstalten und Seminare, Gewährung von Stipendien usw., blieb unversucht. Man drückte sich!" Einen Zusammenhang zwischen Lehrerbesoldung und Lehrermangel bestritt der Minister jahrelang mrt einer Hartnäckigkeit, die allgemeines Kopfschütteln erregte. Negierte Bosse mit dem Herzen — Studt herrschte mrt dem Verstand, und auch da noch wenig glücklich. Dazu kam die „Parlamentsschwäche" des Kultusministeriums. Zwischen dem Chef und seinen Untergebenen tat sich eine tiefe Kluft auf. Man würde aber dem Minister unrecht tun, wollte man ihn in erster Linie für die unliebsamen Dinge verantwortlich machen, die den Kredit des Kultusministeriums bis zur Neige erschöpft haben. Die Hauptschuld lastet auf den Schultern des jetzigen Ministerialdirektors. Das oben zitierte Buch nennt ihn einen „Kirchenmann, der in der Lehrerschaft nie eine Spur von Vertrauen besessen hat und auch jetzt noch nicht besitzt. Schwartzkopff hat sein redlich Teil dazu beigetragen, das Ministerium in eine Richtwng hineinzudrängen, die ihm auf die Dauer verhängnisvoll werden muß. Der jetzige Ministerialdirektor besorgt in seiner schulamtlichen Tätigkeit lediglich die Geschäfte der Kirche." Wo das Vertrauen fehlt ist ein Zusam-
Feuilleton.
(Nachdruck verboten.)
Der persische Thronfolger.
Aus den Geschichten des alten Hofmarschalls.
Von Fedor v. Zobeltitz.
„Tja", sagte der alte Hofmarschall, als wir beim Kaffee saßen und die Zigaretten angezündet hatten, „so 'was kommt vor — es gibt Irrungen und Wirrungen, denen auch hervorragend disziplinierte Geister zuweilen unterliegen, zum Erempel > . . hört einmal zu, ich will euch eine nette Geschichte erzählen!
Ich war so etwa zwei Jahre an unserem Hose zu Trinlingen und derzeit Kammerherr unserer lieben kleinen Prinzeß Anna Dorothea und hätte mich eigentlich recht wohl fühlen können. Hätte, sage ich — wenn nicht der Hofmarschall Graf Schwechtcn-Emmendaal dagewesen wäre, der namentlich uns jüngeren Kammerherrn das Leben auf unglaubliche Weise schwer machte. Dieser Graf Schwechten stammte aus niederländischem Adel, war Leutnant bei den dritten Husaren im Haag gewesen und als solcher einmal zu unserm verewigten Fürsten bei Gelegenheit eines holländischen Besuchs kommandiert worden. Seine nette Art, Anekdoten zu erzählen, hatte dem Fürsten gefallen; er zog ihn an fernen Hof und da kroch denn der Graf langsam die Stufenleiter aller höfischen Würde,: empor und blieb auch unter dem regierenden Herrn dessen Hausmarschall. _
llns^ Jüngeren war er ein Greuel. Er triezte und schuhriegelte uns, wo er nur konnte, und überbürdete uns mit Dienst. Auf seine sogenannte Logik und seinen schön „disziplinierten" Geist tat er sich besonders viel zugute; ich möchte sagen, sein ganzes Leben war nach Schema F. geregelt, und da er im Laufe der Jahre auch feine hübschen Anekdoten vergessen hatte oder doch .keinen mehr fand, dem seine alten Ladenhüter gefallen hätten (neue wußte er nicht), so war er eigentlich ein schrecklich langweiliger Mensch.
Eines Tages im Mai wurde ich schon in aller Herrgottsfrühe nach dem schlosse befohlen. Ich fand im gelben Damaftzimmer die gesamte Cortäge versammelt: Die Hofstaaten, Adjutanten und Minister — alle in großer Aufregung. Was war passiert? Aus London war folgendes Telegramm eingetroffen:
„Trinlingen, Castle. AH Mirza arrives with attendance on Tuesday evening 7,20 with train 53. Please send Carriage.
Halliday Sky.“
Zu deutsch also: „Trinlingen, Schloß, Ali Mirza trifft mit seinem Gefolge am Dienstagabend mit tarifmäßigem Zuge Nr. 53 ein; bitten Wagen zu senden.
Halliday Sky."
Wer war Ali Mirza? Wer Halliday Sky? — Das Telegramm war vorschriftsmäßig beim Kastellan abgegeben worden und vorschriftsmäßig hatte dieser es an den Haus- und Hofmarschall Grafen Schwechten, der zugleich als Palastrntendaut fungierte, weiter befördert
„Meine Herren", sagte der Graf, der mit gewichtiger Miene unter uns stand, „ich gestehe Ihnen zu: ich war einen Augenblick ratlos, als ich die Depesche gelesen hatte. Daß Ali Mirza irgend eine exotische Fürstlichkeit sein müsse, konnte ich mir allerdings denken; indessen auch derartige Besuche werden gewöhnlich mit größerer Förmlichkeit angckündigt. Vor allen Dingen fragte man zunächst an, ob der Besuch genehm fei. Aber es gibt auch Ausnahmefälle. Einen solchen haben wir zweifellos vor uns. Ali Mirza ist niemand anderes als der Wahliad von Memalik- i mahruse- i Iran."
Auf diese leicht hingeworfenen Fremdworte mochten die meisten von uns ziemlich blödsinnige Gesichter machen. Unser alter Kabinettsminister Exzellenz Dr. Buschbein schüttelte den Kopf und ärgerte sich; er konnte den Grafen am wenigsten leiden. Der Flügeladjutant Major von Mangelbach, der an ewigem Schnupfen litt, nieste ein paarmal und sagte _ dann schlankweg mit seiner verstopft klingenden Stimme: „Nun sind wir eben so klug wie vorher, Exzellenz Schwechten. Wer ist denn das eigentlich, der Mameluk von Markuse oder wie «sie ihn nennen —.?"
Graf Schwechten lächelte von oben herab. „Weder liameluk noch Markuse, Herr Major. Memalik i rahruse- i Iran ist die heimische Bezeichnung für Zersien, und Wahliad wird der präsumtive Thronfolger enannt. Verzeihen Sie, daß ich diese Kenntnis voraus- etzte. Muhamed Ali Mirza ist der Kronprinz von sersien, ältester Sohn Seiner Majestät des fünften Souveräns aus der Dynastie Kadschar, des gegenwärtigen Schahinschah."
Er schaute uns wieder triumphierend an, und der iingste Kammerherr Baron Bielke fragte: „Ja, was oill denn der bei uns, Exzellenz?!"
„Diese Frage, mein lieber Baron", entgegnete Schwechten, „habe ich mir natürlich auch vorgelegt: Die Sache liegt so: Wie Sie aus den Zeitungen wissen oerden, hat der persische Thronfolger einen Besuch in England gemacht und wollte von dort, um seinen etwas mgegriffenen Allerhöchsten Magen auszukurieren, auf inige Wochen nach Karlsbad. Ich kann nun nicht mders als annehmen, daß der Prinz bei uns Station u machen wünscht, vielleicht nur für eine Woche —- ißer auch für diesen Fall müßten wir unfte Vorbe- eitungen treffen. Zu allem Unglück wellt unser durch- auchtigstes fürstliches Paar in Abbazia. Ich habe an >en Fürsten telegraphiert, was geschehen solle. _ Hoheit laßen mir zurückgedrahtet: „Erbprinz soll Al: Mirza mpfangen, Ehrenkompagnie, Wohnung rm Schlosse, Saladiner, Galaoper, große Suite. Die Fürstin und nich entschuldigen." Also klare Order."
„Ganz klar", sagte der Oberstallmerster, „Welche Vagen wünschen Sie? Aber das bemerke ich gleich: >as neue Viergespann geb ich nicht her, die Biester find nir noch nicht genügend eingefahren."
„Ehrenkompagnie", murrte Major von Mangelbach, .da wird der Kommandeur wieder schimpfen. Und mit liecht. Grade jetzt in der Rekrutenzeit!"
„Herr Major", entgegnete Graf Schwechten eifrig, .fürstlicher Befehl — dagegen ist nicht zu remonstrieren! Zst der Musik die persische Nationalhymne bekannt?"
Der Major zuckte mit den Achseln, daß die Fang-
