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54. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgabe». — Bezngs-PreiS: durch den Verlag L« Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. 5« Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

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- «ARUÜftMk erscheinenden Ausgabe, wie für die Anzeigen-Aufnahme an bestimmt vorgeschrrebenen Tagen wird keine Gewahr übernommen, icdoch nach Möglichkeit Sorge getragen.

108. Berlags-Fernsprecher No. S9S«.

Dierrslag, de« 6. Marx.

NedaktionS-Fernsprecher Rr. SS. 1000.

Morgen - Kusgabe.

1. Ml'crtt.

Fleischnol und Viehseuchen.

Bei dem Festmahl des deutschen Land-wirtschaftsrats sprach der Reichskanzler von der Fleischnot, die wir durchlebt hätten. Fürst von Bülow hat sich da falsch ausgedrückt. Tie Fleischnot liegt nicht hinter uns, son­dern wir stehen noch mitten in ihr. Aus vielen deut­schen Städten liegen zuverlässige zahlenmäßige Mittei­lungen vor, daß die Fleischpreise noch außergewöhnlich hoch, ja im weiteren Steigen begriffen sind, da der Aus­trieb von Schlachtvieh geringer wurde. Tiefe Tatsache wird aus ganz verschiedenen Gegenden des Reiches be­richtet, so z. B. ans Chemnitz, Cöln, Hannover usw. Überall ist der Fleischverbrauch und die Zahl der Schlach­tungen stark Zurückgegangen. Nach den Ergebnissen der Schlachtvieh- und Fleischbeschau wurden im zweiten Halbjahr 1905 in Preußen 790 000 Schweine und im letzten Vierteljahr 68 630 Kälber weniger _ als in der gleichen Zeit des Vorjahres geschlachtet. Tie Zunahme der Rinderschlachtungen um 27 338 vermag diesen Iiück- gang nicht annähernd auszugleichen. Man hat nach den Ziffern der früheren Verbrauchsstatistik ausgerechnet, daß der Gesamt-Fleischverbrauch der Bevölkerung. Deutschlands im dritten Vierteljahr 1905 600 388 000 Kilogramm hätte betragen müssen, tatsächlich betrug er — nach den vom Kaiserlichen Statistischen Amt ver­öffentlichten Ergebnissen der Schlachtvieh- und Fleisch­beschau — nur 575 997 000 Kilogramm. Es ist also ein Minderverbrauch von 24 591 000 Kilogramm rn jenem Vierteljahr festznstellen.

Diese Verhältnisse sind seitdem, wie gesagt, nicht besser geworden; wenn die allgemeinen statistischen Zif­fern aus den letzten Monaten vorliegen, wird man das auch zahlenmäßig beweisen können. Sobald ist auch nicht aus Besserung zu hoffen. Daß die Teuerung feilte „schnell vorübergehende" ist, wie der preußische Land- wirtschastsminister glauben machen wollte, hat kürzlich auch der Minister des Innern Dr. Schenkel im badi­schen Landtage betont. Die Fleischteuerung kann nicht schnell vorübergehend sein, da keine Möglichkeit be­steht, den Fleischbedarf des deutschen Volkes zu Wohl- seilen Preisen zu decken, wenn die Reichsregierung an der bisherigen Politik der Grenzsperren gegen Schlacht­vieh und der Einfuhrerschwerungen für Fleischwaren und frisches Fleisch festhält.

Es muß für die Volksernährung verhängnisvoll wer- den, wenn sich agrarische Kreise und ihre amtlichen Schildhalter dem schönen, aber gänzlich unberechtigten Optimismus hingeben, die deutsche Landwirtschaft könne

Feuilleton.

Gm Gespräch mit dem neuen Präsidenten.

Ein interessantes Interview mit dem neuen fran­zösischen Präsidenten Falliörcs veröffentlicht der Pariser Korrespondent des „Daily Expreß" und bietet dabei ein lebendiges Bild von der Art seines Wesens und seinen Anschauungen. Als er in das Arbeitszimmer des Präsi­denten geführt worden war, sah FalliöreZ mit einem seltsamen Lächeln ans und sagte: „Ich sehe, daß sich mein Quälgeist auch nicht um eine Minute verspätet hat. Ich vernnrtc, Sie haben sich auch einen Photographen mit­gebracht." Der Mann mit der Kamera war wirklich zur Stelle und der Präsident fügte nun mit einer resignieren­den Hanübewegung hinzu: „Photographieren Sie mich. Ich bin Ihr Opfer." Er wollte sich zunächst in kein rechtes Gespräch einlaflen. „Wenigstens dreißig Bitten um ein Interview habe ich schon znrückgewiesen. Erst heute morgen wieder ging mir in der Rue de la Santo der Korrespondent eines amerikanischen Blattes nicht von der Seite und ich habe ihm auch wirklich aus zwei Fragen geantwortet, obwohl ich keine Ahnung hatte, warum er sie an mich stellte. Er wollte nämlich von mir wissen, ob ich Verse machte und was ich von der Reklame dächte. Ich erzählte ihm darauf, daß ich noch keinen Vers in meinen: Leben gemacht hätte und mich auch nicht im geringsten um die Reklame kümmerte."

In der weichen melodiösen Sprache Falliöres' klingt ein leiser südlicher Akzent an, dessen singender Rhythmus im scharfen Gegensatz zu den kurzen abgehackten Be­wegungen steht, durch die er mit Hand und Kopf den Fluß seiner Rede begleitet. Er hat eine nervöse Art, sein Pincenez anfzusetzen und hernnterfallen zu lassen, er spielt immerfort mit der Schnur, an der es hängt, läßt sie in schnellen Kreisen auf seinem Finger auf- und abtanzen: dabei wirft er den Kopf bald zurück, bald vor­wärts, bald nach rechts, bald nach links, und unterstreicht so mit dem ganzen Körper die wichtigen Worte, akzen­tuiert mft diesen schnellen Gebärden die einförmige

unseren Fleischbedarf selbst decken. Für diese Annahme liegt nicht der geringste Grund vor. Me Erfahrung und jede Zahl spricht gegen sie. Es entfielen 1873 aus je 100 Einwohner 38,4 Rinder, nach den einwandfreien Ergebnissen der Viehzählung vom 1. Dezember 1904 aber nur noch 32,3. Zwar ist das Schlachtgewicht etwas gestiegen, aber nicht derart, um diesen Rückgang ausgu- gleichen. Seit 1900 bis Ende 1904 stieg die Bevötke- rungsziffer im Reich um gut 5%, der Bestand von Kälbern und Jungvieh unter 1 Jahr alt jedoch nur um 2,7%, Jungvieh im Alter von 1—2 Jahren hat zwar um 9,6% zngenommen, für Bullen und Ochsen ist aber nur eine Steigerung von 0,9% vorhanden, die Kühe haben überhaupt abgenommen. In Bayern ist die Ochsenhaltung um 3,5%, die Kuhhaltung _um 2,3% zurückgegangen; in Sachsen beträgt dieser Rückgang 5,7 und 0,8, in Hessen 11,4 und 3,1% usw. Die Schaf­haltung ist bekanntlich ganz allgemein seit Jahrzehnten aus Gründen der heutigen landwirtschaftlichen Betriebs­weise stark im Rückgänge begriffen. Zugenommen hat in den letzten Jahren nur die Schweinezucht, die aber durch das schlechte Futterjahr 1904 empfindlich unter­brochen wurde. Es ist schwer begreiflich, daß der preu­ßische Landwirtschaftsminister nach seinen Äußerungen im preußischen Abgeordnetcnhause diesen Zahlen mit völliger Sorglosigkeit gegenübersteht. Ein, gründlicher Umschwung ist auch im vergangenen Jahr in der deut­schen Viehhaltung nickt eingetreten und so besagt denn diese Statistik, daß die Fleischversorgung Deutschlands in absehbarer Zeit sich kaum erheblich bessern und mit der steigenden Bevölkerung sich vielleicht noch verschlech­tern wird. Vielleicht kommt dann der Tag, an dem che Not und der Unwille der Bevölkerung die heutige Ab- sperrungspotitik bricht.

Fürst von Bülow hat diese auf jenem, Festmahl wiederum mit der Seuchengesahr entschuldigt. Im agrarischen deutschen Landwirtschastsrat hat der Reichs­kanzler keinen Widerspruch zu beftirchtcn. Er braucht nicht besorgt zu sein, daß man ihm zwischen den einzelnen Gängen die Festfreude durch die Statistik verdirbt. Aber wie steht es denn eigentlich mit dieser angeblich so angst- sich zu befürchtenden Gefahr der Einschleppung von Viehseuchen? Da die Agrarier sie bei jeder Gelegenheit so schwarz als möglich malen, so nmß man annehmen, es sei das gesamte für unsere Fleischeinsuhr in Betracht kommende Ausland völlig verseucht und Tmctschlcmd seuchenfrei. Auch hier gibt die Statistik denn doch ein wesentlich anderes Bild. Mit dieser angeblichen Seuchen­gefahr verteuert man dem deutschen Volke schon seit einer Reihe von Jahren eines der notwendigsten Nah­rungsmittel. so wollen auch wir wenigstens um einige Jahre zurückgreifen. Die Maul- und Klauenseuche ist gegenwärtig in Deutschland so gut wie erloschen, aber

Melodie seiner Sprache. Der Interviewer fragte ihn nach den Empfindungen, die er bei seiner Wahl gehabt habe. Der Präsident, der in dem weiten Gemache schnell auf- und abgeschritten ist und sich dabet bald an das Bücherregal gelehnt hat, bald vor der schönen Boülle- uhr auf dem Kamin stehen geblieben ist, setzt sich mit großer Entschiedenheit in feinen Armsessel, dreht den Stuhl nach dem Partner mit einem Ruck herum und sagt: „Ich wüßte wirklich kaum irgend einen bestimmten Eindruck anzugeben, den ich hatte, als ich das Resultat der Wahl hörte. Glauben Sie mir, ich war viel zu müde, und ich hatte mit zu großer Spannung gewartet. Aber ich schätze, wenn ich nicht gewählt worden wäre, dann wäre mein Ärger größer geworden, als es meine Befriedigung nach dem Erfolg war." Dabei glitt ein leicht ironisches Lächeln über feine Züge, und als der Korrespondent nun die etwas indiskrete Frage tat, ob er jetzt vollkommen glücklich sei, schüttelte er nachdenklich das Haupt. „Ist jemand völlig glücklich?" murmelte er halblaut, wie im Gespräch mit sich selbst, und dann die Stimme hebend, fügte er hinzu: „Können Sie sich einen Mann vorstellen, der nicht geheime Befürchtungen hätte, wenn er eine solche Stellung auf sich nimmt? Diese Be­sorgnis wirst natürlich einen Schatten aus mein Glück, aber ich hoffe, sie wird bald verschwinden. Sie müssen mich recht verstehen. Es ist ja ein ganz natürliches Zögern, das den befällt, der vor die Vollendung einer so großen Aufgabe gestellt ist. Das treibt einen, sich zurückzuziehen nnd alles fahren zu lassen. Aber dann in der letzten Minute strömt eine Welle von Zutrauen durch einen, eine Welle von Mut, und dann meint man, daß es ein Irrtum war, an den eigenen Kräften zu zweifeln und der Bedenklichkeit nnd der Sorge Raum zu geben."

Der neue Präsident sieht in dem Wirken seines Vor­gängers Loubet ein Ideal, dem auch er nacheifern will. Er wird noch lebhafter und ganz warm, wenn er davon spricht. Er will „das edle Wirken für Frankreich und für den Frieden weiter führen, das Loubet begonnen hat. Das ist's!" Damit schließt er höchst energisch sein Bekenntnis: in diesem Sinne wird er seinen Einfluß auf das entschiedenste geltend machen. In seiner ein­

in verschiedenen ausländischen Staaten gleichfalls. Seit 1903 ist diese Seuche in Frankreich stark im Rückgänge begriffen; im Jahre 1908 kamen nur noch einzelne Fälle vor. In Dänemark gab es 1900 nur 9 Fälle, 1901 einen verseuchten Bestand und 1902, 1903, 1905 waren vollständig seuchenfrei; 1904 waren einige Be­stände verseucht. In Holland waren an Schweineseuche im ersten Quartal des vorigen Jahres 38, im zweiten 45 Tiere erkrankt; in Frankreich im ganzen vorigen Jahre nur 11—16 Bestände, in Dänemark noch weniger. Also von einer „Verseuchung" läßt sich da nicht reden; die Einfuhrverbote und Einfuhrerschwerungen gegen diese Länder lassen sich nicht mit „SenchengefaHr" recht« fertigen. Wie sieht es nun eigentlich in Deutschland aus? —- Im Jahre 1904 gab es bei uns in 36 047 Ge­höften Rotlauf und in 89 890 Schweineseuche. Es sind wegen Rotlaufs 45 299 Schtveine gefallen oder notgc- schlachtet und wegen Seuche 64 883. lind diese Krank­heiten gab es, obgleich seit länger als 10 Fahren unsere Grenzen gegen die Einfuhr fremder Schweine geschlossen sind, Nur zur notdürftigsten Fleischbersorgung Ober­schlesiens hat man an der russischen Grenze bekanntlich eine kleine Lücke gelassen, durch die ein gewisses Kon­tingent unter sehr erschwerenden sanitären Vorschriften aus Rußland eingeführt werden darf. Wer seit Jahren ist kein verseuchtes russisches Schwein über die deutsche Grenze gelangt. Tie Seuchen sind also in Deutschland selbst entstanden. Daß dieses geschieht, beweist eine Mitteilung aus den letzten Tagen, nach der in Göppingen gleichzeitig in fünf Ställen die Schweinepest ansbrach, obgleich nachweislich in der ganzen Gegend kein fremdes Stück Vieh eingefiihrt wurde. Es ist übrigens auch be­merkenswert, daß England im Jahresdurchschnitt 650 000—600 000 lebende Schlachtrinder aus den Ver­einigten Staaten bezieht, ohne daß diese Einfuhr jemals zu Klagen wegen Einschleppung von Seuchen Veran- lasftrng gab. In Deutschland ist diese Einfuhr verboten. Das frische Fleisch dieser Rinder dürfen wir jedoch von England, natürlich erheblich verteuert, kaufen und es geht wöchentlich in Mengen von 4000—6000 Vierteln über die deutsche Zollgrenze. Der direkte Bezug dieses Fleisches aus Amerika ist in Deutschland seit 1894 ge­setzlich untersagt.

So steht es also mit der „SenHengefahr". Wenn der Reichskanzler sie im LanöwirtschastZrat abermals als den Grund für die deutsche Absperrungspolitik hin-, stellte, so wußte er, daß man ihm an dieser Stelle laute,n Beifall zollen werde. Doch es geschah unter dem leb­haftesten Widerspruch der weit überwiegenden Mehrheit des deutschen Volkes. Diesem ist sehr wohl bekannt, weshalb und zu wessen Gunsten jene Politik befolgt wird und ein notwendiges Nahrungsmittel unverljältnis- mäßig teuer bezahlt werden muß. «

fachen schlichten Art lehnt er eine Antwort über seine politische Laufbahn ab: „Ich kann nur sagen, daß ich immer dem republikanischen Ideal und der demokra­tischen Gesinnung treu geblieben bin, die mich in meinen Anfängen erfüllte. Ich erinnere mich an jede Stunde meines Lebens nnd auch daran, daß mein Großvater ein Grobschmied war und mein Vater ein Registrator."

Falliöres ist stolz auf seine niedere Herkunft, und wenn etwas ihm die Präsidentschaft verleiden kann, so ist es die allzu große Öffentlichkeit, der er nun fort­während ansgcsetzt ist. „Als ich die Ehre annahm. Frankreich zu repräsentieren, da sagte ich all meinen persönlichen Neigungen Lebewohl. Nicht ohne manche Versuchungen des Herzens habe ich mich zu diesem Opfer entschlossen. Meine Neigung zu dem Stück Erde, auf dem ich geboren bin, ist sehr groß. Ich liebte es, jedes Jahr auf zwei bis drei Monate dort ernzitkehren und das Leben eines einfachen Weinbauern zu führen. Nun freilich habe ich nicht mehr Zeit, so lange bei meinem Weinberg nnd meinen Obstbäumcn zu bleiben, aber ich hoffe, auch jetzt noch einen Monat oder sechs Wochen mich alljährlich dort erholen zu können. Es wird meine beste Erholung sein, mich wieder zu finden unter den Szenen meiner Jugend, meines Ehrgeizes und meiner Kämpfe."

Der Präsident tut sich auf seinen Wein etwas zu­gute, der von einem findigen Pariser Weinhändler jetzt mit dem Namen Falliöres und seiner Besitzung Loupillvn viel verkauft wird: er will auch jetzt feine täglichen Ge- wohnhciten, unter die sein vielbesprochener- Morgen- spaziergang gehört, nicht aufgeben. „Man denkt viel­leicht, ich machte diesen Spaziergang zu meinem Bcr« gnügen, aber ich mache ihn aus Gesundheitsrücksichten, so wie andere Leute Sport treiben oder Marienbader trinken. Es ist ganz erstaunlich, wie sehr sich die Leute für meine Morgenpromenaöe interessieren. Jeden Morgen stehen die Kausleute vor ihren Ladentüren, warten, bis ich komme, und sehen mir dann so lange nach, bis ich ihrem Auge entschwinde."

Der Präsident ist ein verhältnismäßig später Auf­steher, er erhebt sich zwischen sieben und neun Uhr; seine Hauptarbeitszeit beginnt direkt nach dem Morgenspazicr-