Wiesbadner Tagblatt.
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Verlag: Langgaffe 27,
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Uo. 86.
BerlagS-Fernsprecher No. 2853 .
Mittwoch, den 21. Februar.
RedaktionS^ernsprecher Ro. 52.
ISO«.
Morgen - Kusgade.
1. WLcrtt.
Etwns über WohllütigKeit.
Von geschätzter Seite wird uns geschrieben:
Der Begriff „Wohltätigkeit" erstreckt sich über ein so weites Feld und ist von so mancherlei verschiedenartigen Gesichtspunkten aus zu beleuchten, daß es nicht leicht ist, diesen Zweig der Liebestätigkeit in den engen Rahmen eines einzigen Aufsatzes zu spannen. Für dieses Mal möchten wir darum den Blick des Lesers auf eine Art der Mildtätigkeit richten, welche von Jahr zu Jahr zu einer besonders beliebten und gern geübten in der „Gesellschaft" geworden ist, nämlich aus die Wohltätigkeitsveranstaltungen, wie Basare, Schaustellungen, Bälle und ähnliche — nennen wir das Ding gleich beim rechten Namen — Vergnügungen. Eine im „Wiesbadener Tagblatt" kürzlich hervorgetretene kleine Betrachtung über „wohltätige Frauen", die in recht ironisierender, aber leider oftmals zutreffender Weise sich über die „Opfer" auslätzt, die diese Wohltäterinnen sich auferlegen müssen, gibt den Anstoß dazu.
Wie steht's nun mit d i e s e r Art der Wohltätigkeit? Und zuvor: Geschieht zur Linderung der Not und Armut nicht sonst genug? Wetteifern nicht Staat und Kirche, Vereine und Private mit einander, auf diesem durch das Gesetz und andere feststehende Einrichtungen, durch Menschenliebe und ein wohltätiges Herz ihnen zugewiesenen Gebiete da zu helfen, wo Mangel ist und da zu heilen, wo Wunden bluten? Erinnern wir uns nur an die Botschaft unseres Heldenkaisers Wilhelm I., durch welche der deutschen Gesetzgebung ein Weg gewiesen wurde, auf dem sie in nun gerade 25 Jahren i'llen Kulturstaaten der Welt vorausgeeilt ist und Hervorragendes geleistet hat! Blicken wir hin auf die kräftigen Pulsschläge, die sich in den dem Dienste an der notleidenden Menschheit gewidmeten Einrichtungen der ckstkstliche:: Kirchen und der ihnen zugetanen Organe zeigen l Vergessen wir auch nicht die Wohltaten, die tagtäglich von Privaten ausgehen und unmittelbar den Mitmenschen zu gute kommen! Geschieht hiernach nicht genug für die leidende Menschheit? Nein, mein Freund, und abermals nein! Besuche einmal die Anstalten, in denen Schwache und Blödsinnige zu einigermaßen brauchbaren Menschen gefördert oder wenigstens in ihren: tieftraurigen Lose zu einen: geordneten Leben angehalten werden solle, gehe einnml hin in jene Anstalten, welche verwahrloste Kinder der Welt aller Art wiedergewinnen wollen: schaue einmal durch die Fenster der Armen- und Krankenhäuser, in denen Notleidende und Sieche in Kumnier und Betrübnis zubringen: sieh dich einmal um in den Straßen der Großstadt: Wieviel Elend, wieviel Not! Lies einmal in den Zeitungen und
Feuilleton.
Chinesische Stratzenbilder.
Die täglich sich mehrenden Nachrichten über bedrohliche Unruhen, die wieder in der chinesischen Bevölkerung sich regen und die zum großen Teil aus dem tief eingewurzelten Fremdenhaß geboren werden, lenken den Blick von neuem nach dem „Reich der Mitte" und auf das tägliche Leben und Treiben der bezopften „Söhne des Himmels". Dem einzelnen Fremden begegnen sic gutmütig und gastfreundlich, und nur die Aufhetzung der Massen, die Anstachelung trüber Leidenschaften verführt sie zu jenen Ausbrüchen der Volkswut, wie sic in den Boxeraufständen hervortraten.
Ein genauer Kenner Chinas, der Nev. E. I. Hardy, schildert in einem Aufsatz von „Chambers Journal" die Freundlichkeit, mit der ihn in den Straßen von Peking ganz unbekannte Leute einluden, in ihr Haus zu treten, sich ihre Geräte anzusehcn und eine Tasse Tee, etwas Kuchen oder eine Zigarette von ihnen anzunehmen. Eine ganze Menschenmenge folgte ihm und alle waren gern bereit, ihm interessante Dinge zu zeigen und ihm behülf- ltch zu sein. Ja, einmal gingen sie sogar so weit, ihn bei der Hand zu nehmen und in einen heiligen Tempel zu führen, wo sie ihm heilige Bücher und andere merkwürdige Dinge vorlegten.
Die charakteristische Szenerie für das chinesische Volksleben bilden die kleinen Städte und ihre Straßen. Sie haben in dem weiten Reich alle eine große Ähnlichkeit: überall, mit Ausnahme von Peking, sind die Straßen so eng, daß kaum zwei Sänften aneinander vorüber getragen werden können und durch das häusliche Leben, das sich mit tausend Gegenständen bis auf die Straßen hinaus erstreckt, erscheinen sic noch enger. Zu beiden Seiten breiten sich Läden aus und schnell aufgeschlagenc Restaurants: an den auf die Straße gestellten Tischen sitzen Spieler, Wahrsager und Mcdizinverkäuser. Alte schmutzige Sachen, die ausschen, wie wenn sie niemals
Blättern: Überall Hülfe rufe und Bitten um Mittel und Gaben!
Es geschieht also noch bei weitem nicht genug. Gewiß können wir die Armut und Not nicht aus der Welt schaffen. Sie besteht, so lange die Welt geschaffen, und wird bestehen, so lange Menschen auf Erden wandeln. Und selbst, wenn heute allen mit vollen Händen zu teil würde, dessen sie bedürfen. Glücklich würde sie das nicht machen und —• wir sind dessen gewiß — in erschreckend kurzer Zeit ständen wir wieder auf dem alten Punkte. Es muß mehr geschehen und könnte mehr geschehen. Und da sinnen und grübeln nun viele Menschen, wie sie es anstelle::, Geld, recht viel Geld für diesen und jenen guten Zweck zusammenzubringen. Unsere Zeit steht in: Zeichen des Genusses. Was liegt da näher, als die Vergnügungssucht und :nit ihr die Eitelkeit, Selbstgefälligkeit und wie die kleinen Schwächen der Menschheit sonst alle heißen, in den Dienst der Liebe zu stellen? Der Zweck wird ja erreicht: Ein ausverkauftes Haus und volle Kassen.
Aber ist damit auch der wirkliche Zweck, wie er sein sollte, erfüllt? Genügt das Geld allein, um die Armen und Notleidenden in jeder Beziehung zu heben? Ich meine, dazu gehört etwas mehr als Geld und Brot, das fiir eine angenehme Gegenleistung gegeben und oft nur als eine Abschlagszahlung zur Verhinderung größeren Unheils, das über die Allgemeinheit Hereinbrechen könnte, aufgcfaßt wird. Bedarf der Arme und Verlassene nicht auch des menschlichen Zuspruchs, eines aus innerster Überzeugung wohltätigen Herzens, eines Auges, das für seine Leiden empfindlich ist? „Nur, wenn er sieht, daß er nicht verlassen dasteht in der Welt, daß seiner ein freundlicher Blick gedenkt, daß es viele Reiche gibt, die ihm mcht bloß :hr Geld, sondern auch ihre Gefühle und ihr Herz schenken, nur dann fühlt er sich getröstet und glücklich inmrttcn allen Elends und aller Not.") Das ist allerdings mehr, als solche Wohltätigkeistsfeste zu bieten vermögen.
Und weiter: Ist cs in Wirklichkeit nicht ein beschämendes Zeugnis, das dir durch eine solche Veranstaltung ausgestellt wird? Stellt man dir nicht damit das Armutszeugnis aus: Da du und deine reichlichen Mittel aus dem moralisch lauteren Beweggründe der reinen Menschenliebe nicht zu haben seid, so wenden w:r uns an deinen Egoismus und an deinen Vcrgnügungs- sinn, um etwas von deinen Mitteln für die gute Sache zu erlangen. Und Hand auf.s Herz: Gibst du der Welt durch deine Teilnahme an solchen Festen nicht recht, so zu denken? Du siehst gerne „nach oben", Gedanken und Aussprüche hoher und höchster Persönlichkeiten sind auch siir dein Tun und Lassen oftmals bestimmend.. So laß dir denn auch. eine Äußerung unseres jetzigen Kaisers zu Herzen gehen, die ich dir mitteilen möchte. Es war im Juni 1897 bei Gelegenheit der Besichtigung
*) Ratzinger, Kirchliche Armenpflege.
neu gewesen wären, liegen zum Verkauf da. Alle Augenblicke stolpert man über irgend einen Unglücklichen, der, über und über mit Schwären bedeckt, auf die Straße geworfen worden ist, um sich ein paar Münzen zu erbetteln oder zu sterben. Durch die unreine schwere Lust dringt fortwährend der Lärm und das Geschrei feilschender und handelnder Menschen, die sich stundenlang um eine kleine Münze herumzanken können. Von Zeit zu Zeit windet sich durch dieses Gewirr ein Hochzeits- oder Leichenzug, und bisweilen wackelt auch mit großer Majestät und mit schäbigem Gefolge ein dicker Mandarin durch die enge Gasse, wobei sich alles ehrfürchtig an die Wände drückt.
Langsam und vorsichtig schieben sich zwölf und noch mehr Blinde an den Hütten entlang: ein jeder hat die Hände auf die Schultern seines Vordermannes gelegt und so tasten sie sich vorwärts. Sehr häufig kann man auch eine feierliche Prozession sehen, der ein Götterbild ans einer prunkvollen Sänfte vorangetragcn wird, dem wieder ein buntes Gewimmel von Gläubigen mit Fahnen und farbigen Laternen folgt. Über das Ganze ist ein furchtbarer Gestank gebreitet, der von den Ladungen mit Kot und Unrat hcrkommt, die durch die Straßen gefahren werden. Gewöhnlich sind die Straßen mit Granitplatten gepflastert, jedoch über den Steinen fließt eine trübe Flut von Wasser und Schmutz. Jeden dritten oder vierten Schritt aber fehlt die Pflasterung ganz und man sinkt bis an die Knöchel in eine zähe schlammige Masse. Der Weg wird noch schlüpfriger und schwieriger durch die faulenden Tiere und den Abfall der Speisen, die der Chinese sorglos auf die Straße wirft. Überall kriechen Hunde herum, die nicht minder schmutzig und mit ekligen Geschwüren bedeckt sind als die Bettler.
Ihren Höhepunkt aber erreicht die Gefährlichkeit und das Grauen einer chinesischen Straße in der Dunkelheit. Wohl schaukeln hie und da an dem Hanse irgend eines Kaufmanns oder Gastwirts ein paar bunte Papicr- lampions, aber sie werfen ihren nngemisien, von phantastischen Schatten durchhuschten Schein nur über kurze Strecken hin auf die schmutzigen Lachen: alles andere
unserer Ringkirche. Als der Monarch hörte, daß ein hiesiger wohlhabender Bürger eine große Summe für einen guten Zweck gespendet habe, bemerkte er: „D a s ist etwas Schönes, das freut mich, das ist doch etwas ganz anderes als diese Basar e." Der Kaiser ließ keinen Zweifel darüber,' daß ihm diese Basarwohltätigkeit höchst unsympathisch sei; er erinnerte an ein Wort des verstorbenen General» superintendenten Büchsei, der sich in drastischer Weise über diese Art Wohltätigkeit ausgelassen hat. Diese damalige Äußerung hat mich jo sehr interessiert, daß ich sie mir zurückgelegt habe. Eine Auffrischung derselben ist nicht von Schaden und was hier von Basaren gesagt ist, gilt zweifellos auch von anderen Vergnügungen, die man sich unter der Schutzmarke der Wohltätig» keit leistet. Wir Menschenkinder bedürfen der Zerstreuung und Fröhlichkeit, und es wird niemandem ein in gebührenden Grenzen sich haltendes Vergnügen verdacht werden. Dann soll er aber auch damit nicht Verstecken spielen.
Oder wollen wir uns glauben machen, daß eure solche „Wohltätigkeit" den Bedürftigen besonders „wohltut"?, Können wir glauben, daß die prunkhaften Erscheinungen -nd Darbietungen solcher Feste dem Armen, wenn er von ihnen in der Zeitung liest, hervorragend dankbar stimmt? Gewiß nicht! Wie ganz anders würden die aleichen reichen Wohltaten ausgenommen werden, wenn sie ohne Aussicht auf eigenen Nutzen aus reiner, unver- mischter Menschenliebe gegeben würden! Würde dich, der du in der glücklichen Lage bist, deinen Mitmenschen helfen zu können, nicht schließlich doch ein ganz anderes Gefühl der Freude und Zufriedenheit beseelen, wenn du diesen Motiven folgst? Versuche es nur einmal. Tritt wieder ein solcher Anlaß an dich heran, so der. sichte einmal auf das Vergnügen, spende deine Gabe in gleichem Maße und du wirst sehen, daß der Segen a u st beiden Seiten nicht ausbleibt. „Lasset uns mcht lieben mit Worten, noch mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit", sagt der Evan, gelist Johannes. __ '
Politische Übersicht.
Russische Finanznötc.
Wird Rußland eine neue Anleihe aufnehmen können? Vor Wochen bereits erfuhr man von Verhandlungen zwischen dem russischen Finanzministerium _ und einer Pariser Bankcngruppc, aber es ist augenschernlrch brsher nichts daraus geworden, und wenn man. das dringende Geldbedürfnis des Zarenreichs als erwiesene Tatsache zugrunde legt, so darf man wohl folgern, daß darurw nichts daraus geworden ist, weil die französischen Geldgeber wachsende Bedenken gegen die russische Kredrt- Würdigkeit geltend gemacht haben. Bezeichnend ::: dieser
liegt in schwarzer Finsternis und lauert mit tiefen Löchern und scheußlichen Hindernissen ans den armen Wanderer. Deshalb trägt jeder nur halbwegs anständige Chinese des Nichts eine Laterne mit sich, und der Fremde wird gut tun, sich eine Vamtzusfackel zu kaufen und sie sich von einem Jungen vorantragen zu lassen. /
Sehr stark bestimmt wird die Buntheit des Straßcn- bildes durch die Anschläge an den Mauern, die in ihrer. Mannigfaltigkeit dem Annoncenteil einer unserer Zeitungen aleichen. Da bietet jemand in dem blumigen Stil asiatischer Dichtung seine unfehlbaren Heilmittel an, ein anderer ladet zu einem Fest ein: ja, es finden sich auch Ankündigungen, die zum Kampfe gegen die Fremden und besonders die Missionare anfreizen. Die^ größte Wut des Europäers erregen die furchtbaren Mißhandlungen, die die Kinder von den Bettlern erdulden müssen. Sehr häufig wird ein Kind gezwungen, ganz, still zu liegen, und dann für tot ausgegeben, während die Mutter über der angeblichen Leiche weint, um den Passanten eine kleine Münze abznlockcn.
Mit den farbigen Plakaten stimmen die grellen Firmenschilder zu einer unruhigen Buntheit zusammen. In goldenen Buchstaben stehen Anpreisungen über den Läden und diese machen in China einen viel größeren Eindruck als bei uns, ja, der ganze Erfolg eines Geschäftes kann davon abhängen. „Gesundheit und Glück geleiten den, der hier eintritt", liest man z. B. über dem Eingang zu einer schmutzigen Opiumspelunke. Ähnlich sind die Kontraste, die durch die hochtönenden Straßennamen hcrvorgcrufen werden. Da heißt in Canton eine enge Gasse, in die man nachts nur durch ein verschlossenes Tor gelangen kann, die „Straße der wachsenden Tugend". Aber diese wachsende Tugend wird durch eine Unzahl von Spielhöllen, Opiumhöhlen und ordinären Vergnügungslokalen bezeichnet. Eine der belebtesten Straßen Pekings heißt die „Straße der ewigen Ruhe". Andere Gassen haben Namen wie „die Straße der Gnade", „des zehntausendfültigcn Friedens", „der tausend Seligkeiten" usw. Eine von besonders ekligen Ge- rüchen verpestete Straße heißt „die Straße der erfrischen-
