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Wiesbadener Tagblstt

s«. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. Bezugs-Preis: durch den Verlag S«» Pfg. monatlich, durch die Post 2 Ml. SO Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

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jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.

BerlagS-Fernsprecher No. 2SSS.

Dirrrslag, den 20. Februar.

RebaktionS-Fernfprecher Rr. 82 .

ISO«.

Morgen - Ausgabe.

1. Matt.

Kiii Lmzost iider England md Dcutrrtjlanö.

Das Verhältnis der drei Mächte Deutschland, Eng­land und Frankreich bildet gegenwärtig den wichtigsten Punkt in der allgemeinen Weltlage. Dabei ist es in­teressant, die Stimme eines Franzosen zu vernehmen, der in objektiver und unparteiischer Weise englische und deutsche Verhältnisse vergleicht. Der bekannte Schrift­steller Victor Bärard tut das in einem Werk, das den britischen Imperialismus und feine Folgen für den Handel zum Ausgangspunkt seiner Betrachtungen nimmt und sich in scharfer Weise gegen die Anschau­ungen Chamberlains und seiner Anhänger wendet.

B^rard geht von der Annahme aus, daß der britische Handel in einem Stadium raschen Niederganges ist, aber er findet die notwendigen Mittel, um den Einhalt zu :un nicht in den Zielen der imperialistischen Be- weaung, die den Schutzzoll erstrebt. Nach seiner Ansicht ist es viel mehr für England von nöten, bei Deutsch­land in die Lehre zu gehen, dessen Erfolge in Handel und Industrie in der ganzen Welt durch die praktischen Erfahrungen und das beständige Studium der Ver­hältnisse erreicht worden sind.Deutschland hat ferne «ökine nach den Anforderungen der Gegenwart gebrldet und umgeformt: cs nracht nicht länger aus ihnen Kari­katuren die noch das Wesen längst vergangener Jahr­hunderte an sich tragen. In jeder Stadt und in jedem Bezirk werden die Mitglieder der aufwachsende,r Ge­neration auf allen Gebieten der Industrie, mag es nrrn in Gondel Ackerbau, Chemie oder irgend welchem Er­werbszweige sein, über die wissenschaftlichen Grund- laaen und den inneren Sinn ihres Berufes unterrrchtet.

rriita Kindheit an lernen die zukünftigen Kauf- lli-te 'in jeder deutschen Stadt oder jedem deutschen ^taat alle die Sprachen ihrer Kunden: Französisch,

ffrinfUrfi Nussisch, Spanisch usw.

^ ^Erziehung und Ausbildung des durchschnitt­liches Engländers dagegen schildert der Franzose rn vrel inoünstiaerem Lichte:Englische Erziehung und eng-

Ws Leben gehen nicht darauf aus, etwas Besseres ^----orzubringen als wundervolle animalische Wesen, Menschen die an jede Form des Luxus gewöhnt sind m,i> jeden Vorteil der sozialen Lage ausnutzen, bei denen eine kräflige Entwickelung der Muskeln und "" Körperstärke unleugbar sind, aber deren rnner- (Upt Wert in keinem rechten Verhältnis zu den Kosten ltr C r Unterhaltung steht." Wieviele junge Engländer, rrn-Tt Mrard, können wohl, wenn sie die Schule der nswn und in ein großes, über die ganze Welt sich aus dehnendes Handelsgeschäft eintreten, irgend eine

Feuilleton.

Der Schöpfer von Mexiko.

Es gibt wohl kaum einen Herrscher unter den Souveränen der Welt, dem sein Land so viel verdankt, w dessen eigentliche Schöpfung der von ihm regierte ist als cs bei dem Präsidenten der Republik Meriko ' Porfirio Diaz, der Fall ist. Dieser außerge­wöhnliche Mensch, der die Kühnheit eines Rcnaissance- Eondvttiere mit der staatsmännischen Klugheit ernes modernen Diplomaten vereinigt, der die amerikanische Revnblik ans den Wirren des Bürgerkrieges errettete und einer friedlichen Blütezeit entgcgcnfnhrte, wird von Ser vorzüglichen Kennerin mexikanischer Verhältnisse, Mrs Alec Twecdic, in einem soeben erschienenen Buche einaebcnd und höchst lebendig charakterisiert. Mag die Dame im weiblichen Enthusiasmus vielleicht auch ein menia zu weit gehen, wenn sic ihren Helden schlechthin den größten Mann des 19. Jahrhunderts" nennt, so weiß sie uns doch den Eindruck einer höchst genialen und imponierenden Persönlichkeit zu übermitteln.

Seine gegenwärtige Stellung schildert sie mit fol­genden Worten:Seine Macht und sein Einfluß stehen völlig einzigartig in der Weltgeschichte da, denn obwohl er nur der Präsident einer Republik ist, so herrscht er üoch' schon % Jahrhundert unumschränkt. Sein Wille ist allmächtig, er gilt so unbedingt, wie weder der deS «arcn noch der des Sultans, und seine Stellung ließe sich eigentlich nur mit einer Machtfülle vergleichen, wie sie etwa der Zar und der Papst zusammen haben wür­den So ist er ein monarchischer und doch dabei ein üeuwkratischer Herrscher. Er regiert ein Millionenvolk mit eiserner Hand: doch alle lieben ihn. Wohl ist er ein Deipot, aber sein Despotismus ist gemäßigt durch Ge­rechtigkeit, und er selbst führt das anspruchslose Leben eines einfachen Bürgers. Er geht spazieren und reitet ostuc Begleitung durch diejenigen Viertel der Stadt

Sprache außer ihrer eigenen nicht. etwa fließend, sondern nur erträglich sprechen?Sie können crn wenig Latein und haben eine kleine Ahnung dom Griechischen: doch diese Sprachen nützen nur den Geist­lichen und dem Mann der Wissenschaft etwas, aber sie vermögen nicht den englischen Kaufleuten Frankreich, Deutschland oder Spanien zu erschließen." John Bull ist ein Mensch, der sich lieber in der freien Lustaufhalt, als im Studierzimmer zu hocken, und er hat für ernst­haften Unterricht wenig übrig.Mit Ausnahme der Bibel und einzelner biblischer Fragen interessieren den Engländer nur halbwissenschaftliche Spielereien und Vermutungen über die hohe Politik. Aber die Haupt­anziehungskraft hat für ihn der Sport. Er kann sich viele Stunden hindurch über den wechselnden Verlaus eines Fußball- oder Cricket-Wettspiels unterhalten und es an der Hand der Berichte in seiner Zeitung kriti­sieren."

Btzrard gibt einige Beispiele für die Findigkeit und den praktischen Sinn der deutschen Kaufleute, die darin den Engländern weit überlegen sind.Deutsche Kauf­häuser liefern nach Portugal nur Vorhänge, die noch nicht mit Borten besetzt sind, und zahlen dafür nur sechs Mark Zoll: die englischen Kanfleute lassen sie vorher

besetzen und müssen dann 1816 M. Zoll bezahlen. Ebenso wird deutsches Porzellan, das auf den italienischen Markt kommt, ohne Stroh- oder Holz­verpackung in besonders eingerichteten Waggons trans­portiert, da der italienische Zoll nach der Größe des Gewichts berechnet wird; englisches Porzellan, das sehr schwer verpackt und mit Schichten von Papier uiid Stroh umhüllt ist, muß doppelt so hoch versteuert werden."

Der Franzose schreibt diesen Aufschwung, des deutschen Handels nicht etwa dem Schutzzoll zu, den Bisinarck aus ganz anderen Gründen eingeführt habe. Er mißbilligt daher auch auf das schärfste dre ähnliche Politik, die Chamberlain in England verfolgt. Viel­mehr liege der Niedergang des englischen Handels darin begründet, daß der englische Kaufmann selbst nicht fort­schreite und dadurch gegen die Konkurrenz weniger wider­standsfähig sei. Tatsache sei es, daß die bedingungslose Vorherrschaft des englischen Haiidels längst erschüttert, ja bereits vernichtet sei.Bis 1860", bemerkt Börard, waren die Berichte der englischen Konsulate voller Hoff­nung und Stolz auf ihre unbedingte Macht und Herrschaft. Zwischen 1880 und 1890 beginnt ein gewisses ängstliches und unsicheres Gefühl sich in ihren Berichten bemerkbar zu machen. Seit 1890 sind die englischen Konsulate ge­zwungen, die Bedeutsamkeit des deutschen Wettbewerbes einzugestehen und den gewaltigeii Erfolg dieser Kon­kurrenten zuzugeben." Es ist zu begreifen, daß die eng lische Presse, soweit sie den Anschauungen Chamberlains nahesteht, gegen diesen Teil der Ausführungen ihres französischen Kritiker s lebhaft polemisiert.

Mexiko, in denen noch vor wenigen Jahren kein Mensch gewagt hätte, allein und unbewaffnet sich zu zeigen, und in denen Mord und Totschlag herrschten. Er ist kein reicher Mann, sein jährliches Einkommen, das er vom Staate bezieht, beläuft sich auf noch nicht 100 000 M. Aber er allein ist es, der sein Vaterland aus dem Chaos der

Vernichtung und des Unterganges gerettet hat: er hat die

von Kriegen und Wirren fast aufgeriebene Bevölkerung dem Frieden und dem Wohlstände zugcführt, er hat dre Finanzen vor dem Bankerott bewahrt und in einem viertel Jahrhundert ans einem völlig erschöpften, schwer geschädigten Staate eine glückliche und stolze Nation ge­schaffen. Einige Zahlen beweisen das am anschau­lichsten.

Im Jahre 1876, als er zuerst die Präsidentschaft an­trat, erstreckte sich der Schienenweg in Mexiko über 350 englische Meilen, während er heute 10 000 englische Meilen lang ist. Der Gesamtwert des Exports und Imports betrug im Jahre 1876 eine Summe von 130 Millionen Mark: im Jahre 1903 war diese Summe auf 800 Millionen gestiegen. Die Staatseinnahmen wuchsen von vierzig Millionen Mark im Jahre 1877/78 auf 160 Millionen für 1904/05. Diese Tatsachen sprechen für sich selbst und beweisen, daß der Mann, der schon siebenmal zum Präsidenten von Mexiko erwählt worden ist, die Verwaltung des Landes vorzüglich versteht.

Aber es bedurfte nicht nur eines klugen Staats­mannes, sondern vor allem eines eisernen Kriegshelden, um Ordnung und Ruhe hcrzustellcn. Diaz. hat alle Wechselsälle des Kampfes kennen gelernt, über Nieder­lagen und Mißerfolge hinweg, durch Intrigen und Verrat hindurch ist er sieghaft fortgeschritten, bis end­lich auch seine Feinde es aufgcbcn mutzten, sich ihm zu widersetzen, und auch sic sein segensreiches Wirken an­erkannten. Er ist ein ziemlich kleiner untersetzter Mann, obwohl seine Größe von 5 Fuß 5 Zoll für einen Mexikaner eigentlich groß ist: sein energisches Auftreten, sein Kommandoton, seine knappen Bewegungen verraten den Soldaten. Aus seinen tiefliegenden schwarzen Augen

Deutsches Zierch.

* Das Ressort des Grafen PosadowSky. Daß das Ressort des Grafen Posadowsky ein reichhaltiges ist, weiß jedermann, rvas ein Staatssekretär, des Innern aber für reichhaltige Materien beherrschen muß, das glaubt von den Außenstehenden keiner. Es sei deshalb hier eine kleine Blutenlese wicdergegeben von dem Inhalte der Reden, die in der jetzt schon elf Tage tobenden Posa- dowsky-Schlacht gehalten sind. Es wurde geredet über. Sozialpolitik im allgemeinen, Berufsvereinc, Heimarbei­ter, Banarbeiterschutz, Sonntagsruhe, Binnenschiffahrt, Arbeitskammern, Maßregeln zugunsten des Mittelstan­des, Befähigungsnachweis, Ausverkaufs- und Schnner- geldcrwesen, Statistik des Handelsstandes, Berner Ärberterschutzkonferenz, Streikverhältnisse, Arbeiterorga­nisationen, Revision des Krankenkassengesetzes, Zehn­stundentag, Rechtsfähigkeit der Berufsvereinc, Sozial­demokratie und Sozialreform, Fabrik und Handwerk, Witwen- und Waisenversichcrung, Sonntagsarbcit im Handelsgewerbe, kaufmännisches Unterrichtswesen, Ge- werbeinspcktoren, Reichshandwcrkerblatt, Ruhezeit für Binnenschiffer, Arbeiterschutz in der Landwirtschaft, Ver­einheitlichung der sozialen Gesetzgebung, christliche Ge­werkschaften, Lage der Berg-, Hütten- und Walzwerk­arbeiter, thüringische Textilindustrie, Tarifverträge, Arbeiterausschüsse, Vogelschutz, Reichsberggesetz, Auto­mobilismus, Löhne in der Landwirtschaft, Anskunfts- ivcsen, Selbstverwaltung der Krankenkassen, Rcmscheider Ärztestreik, Unfallversicherung, Genossenschaftswesen, Sozialdemokratie und russische Revolution, RcichSvcr- band gegen die Sozialdemokratie, Glasarbeiter, freie Ärztowahl, Prostitution, Alkohvlismns, Kiudcrschntz, Armenpflege auf dem Lande, Seefischer, Rcichsschulkom- nnssion »sw. usw.

* Z«m Erbschaftösteuerprojekt ist der Steuerkom­mission des Reichstags ein Zentrumsantrag am Zehnhofs zugegangen, der etwa folgendes enthält: Die Steuerabc stufungen für die verschiedenen Berwandtschaftsgradt sollen etwas anders als in der Regierungsvorlage ge- staltet werden. Der niedrigste Steuersatz soll 5 Prozent sein und für die nächsten Verwandten gelten. Geschwister der Eltern werden schon mit 8 Prozent bedacht. Ferner sind nach dem Zentrumsantrage noch Steuersätze von 10 Prozent und 15 Prozent für weitläufigere Verwandte vorgesehen. Bei Erbschastsbeträgen von 20 000 biZ 1000 000 M. wird eine progressive Steuer verlangt, von IV fachen bis 2°/,fachen Summen. Erbschaftserwerbe von nicht mehr als 500 M. sollen von der Steuer befreit bleiben (nach der Vorlage nur 300 SOL), ferner Erbschaf­ten, die an die allernächsten Verwandten fallen und ge­wisse Summen, von 10 000 und 3000 M. nicht übersteigen. Vollständig neu sind die Bestimmungen über die Nachlaß- steuer. Ein Nachlaß, der 10 000 M. übersteigt, unterliegt

trifft ein durchdringender Blick den Besucher, während das kurz gehaltene weiße Haar, der buschige weiße Schnurrbart, sein freundliches frisches Aussehen Ver­trauen und Sympathie erwecken. Niemand würde ihm seine 75 Jahre ansehen, so aufrecht geht er, so lebendig ist sein ganzes Wesen. Er führt immer noch das Leben eines rüstigen Mannes und ist in seiner Tätigkeit un­ermüdlich. Wie die meisten Leute im heißen Klima steht er lrüh ans, nimmt zum Frühstück nur eine Tasse Kaffee zu sich und erledigt dann eine Menge Angelegenheiten in seinem Bmrcan und mit seinen Ministern, bevor er sein Mittagsmahl einnimmt. Fast alle Leute halten am Nachmittag in Mexiko ihre Siesta. Nicht so der Präsi­dent. Obivvhl er während dieser Zeit keine Sitzungen abhült, um nicht seinen Beamten ihre Ruhe zu rauben, so arbeitet er doch auch noch während der heißesten Tages­zeit weiter. Er läßt sich alle Telegramme, die die eng­lischen und amerikanischen Zeitungen empfangen, jeden Tag, ja jede Stunde ins Spanische übersetzen, und nichts geht in der weiten Wett vor sich, daS er nicht erführe und für das er nicht Interesse hätte. Besonders interessieren ihn neue industrielle Erfindungen oder wissenschaftliche Entdeckungen und er sucht sic ans alle mögliche Weis« für sein Land zn verwerten.

Die (stattin des Präsidenten ist eine schöne anmutige Frau von Welt, die viel jünger als ihr Gatte ist. Sie hatte den kühnen General schon lange aus der Fern« verehrt und als den Helden ihrer Träume geliebt, als ei sie im Jahre 1880 kennen lernte und sich ebenfalls so­gleich in sie verliebte. Durch ihre seine Bildung und ihre echte weibliche Anmut wußte sie viele Härten im Wesen des Präsidenten, der aus niederem Stande cmpor- gckommen ist, zu mildern, und sie vor allem hat aus dem rauhen Krieger den seinen Diplomaten gebildet. Por­firio Diaz würde heute nicht so gütig, so menschlich, so abgeklärt und harmonisch sein, wie er cs ist, wenn er nicht in seiner Frau die schönste Ergänzung seines rauhen, an wilden Abenteuern reichen Schicksals gefun­den und in ihr ein vollkommenes Glück erreicht hätte." ,