s«. Jahrgang.
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<|t0» 82. Vcrlaaö-Fernsprecher No. 288».
Sonntag, den 18. Felrrnar.
RedaktionS^iernsprecher Rr. 82.
1806 .
Morgen - Ausgabe.
1. Mcrtt.
Dre Angriffe uns Posadowsky.
Es ist sicher: Der Staatssekretär vom Reichsamt des Innern mißfällt den Konservativen und den Scharfmachern aus anderen Parteien ganz gehörig. Sie benutzen jede Gelegenheit, um es ihm zu sagen. Er ist ihnen zu sehr Sozialreformer, zu sehr überzeugt von der Notwendigkeit, der Arbeiterklasse anders als mit Schroffheit zu begegnen. Er weicht ihnen zu sehr und zu seinem Schaden (so meinen sie) von der Politik des Fürsten Bülow ab, der sie um so freudiger zustimmen, je weniger sie sich allmählich vom Wesen und von der Art des reinen Agrariertums unterscheidet. Daß Graf Pomdowsky seine wohlwollende Erteilung gegenüber den Aufgaben einer gerechten und billigen Sozialreform als übereinstimmend rnit der Auffassung des Reichskanzlers bezeichnet, gab alsbald den Konservativen in ihren Blättern den Anlaß zu ironischer Skepfis, zur höhnischen Feststellung der Tatsache, daß von dieser Übereinstimmung in der Praxis eigentlich wenig zu merken sei. Jetzt reibt sich die Rechte an den Erklärungen des Grafen Posadowsky zur Wahlrechtsfrage. Sie könnten wahrhaftig mit dem von ihm eingenommenen Standpunkte zufrieden sein, aber sie sind es nicht. Sie betrachten es als selbstverständlich, daß Graf Posadowsky der Forderung entgegentrat, das preußische Abgeordnetenhaus möge durch eine Wahlreform im Sinne des Antrags Albrecht den Sozialdemokraten geöffnet werden. Tie Konservativen halten sich lieber an die Partien der Poiadowskyschen Rede, die ihnen ein übermäßiges Wohlwollen für die grundlegenden Institutionen des Reichs „ach der Wahlrechtsseite hin auszudrückcn schienen. Und so bekommt beispielsweise die „Kreuzzeitung" es fertig, in einem Artikel gegen die Münchener „Post", worin die Bosheiten dieses sozialdemokratischen Organs gegen den Gränen Posadowsky mit anscheinend gutgemeintem Eifer zurnckgewiesen werden, am Schluß doch zu bemerken, die Red>' des Grafen Posadowsky sei zivar sehr geistreich, aber doch wohl recht wenig angebracht gewesen. Das kow'-wvative Blatt findet, daß das von der Münchener „Poll" unternommene Kunststück, den Grafen Posa- dow^'ky durch den Grafen Posadowsky widerlegen zu wn'llen, gar nicht so schwierig sei. Denn der Staatssekretär habe, wie das Vollmarsche Blatt darlegt, die Mängel des preußischen Wahlrechts unter Zitierung des bekannten Bismarckschen Wortes anerkannt, und die Münchener „Post" habe also recht, wenn sie unter Be-
Femlleton.
Ku§ meiner Mappe.
(Für das „Wiesbadener Tagblatt".)
Von Walther Schulte vom Brühl.
6X1.
Das Krwvschrrr.
Er war noch so klein, daß er seinen Namen nicht bollnändig aussprechen konnte und sich immer nur Nuto nannte. Aber seine Augen spähten schon scharf wie die ein^s Sperbers und seine Fäustchen hatten einen festen, eisernen Griff. Und eines TagcS. da nian im Hofe die inor'chc Holzröhrc der Wasserleitung beseitigte, um eine neue einznführen, und der Kleine dem mit Interesse zusah, bemerkte er, lote ein glänzendes, braunes Ding unter dem Holz hervorhuschte und unter ein Brett flüchtete. Benvenuto hob das Brett aus und erblickte ein Tier, das drohend zwei Zangen, und seinen Hinterleib emporrichtete. Aber das Knäbchen griff schnell zu und hielt die zappelnde Kreatur fest in seiner Hand, so daß an der einen Seite nur die beiden Zangen, an der anderen der sich krampfhaft drehende Schwanz hervorguckte. Voller Stolz eilte das Kerlchen zu seinem Großvater, der in der Nähe weilte, hielt lachend die Faust empor und jubelte: „Opapa, da, schönes Krebschen!"
" Der Alte brachte die schon matten Augen dem Gegenstand näher, dann schrie er vor Entsetzen: „Ein Skorpion, ein Skorpion! Wirf weg, wirf weg!" Ein Ohnmachtsgefühl überkam ihn, aber er faßte sich mit Gewalt, fuhr auf den Kleinen zu und stöhnte: „Weg, weg!" Doch
Nuto wich zurück und drückte seine Beute nur noch fester.
Ta trat sein Vater herbei, näher gelockt vom Geschrei des Alten, der jammernd krächzte: „Er ist des Todes, er kalt einen Skorpion in der Hand, einen riesigen Skorpion!"
„Gleich wirfst du 's weg", brüllte der Mann halb sinnlos und eilte auf das Kind zu. Das aber entlief und trorre, die kleine Faust mit dem Tier gegen die Brust pressend: „Hab's dcfangen, Nutos Krebschen!"
rufung auf den Grafen Posadowsky erkläre, es bleibe dabei, daß das preußische Wahlsystem das elendeste der Welt sei. - -
Was sollen nun diese Nadelstiche und gröberen Anwürfe gegen den Staatssekretär des Innern? Sollen sie den Grafen Posadowsky von seinem Platze fortärgern? Oder wird erwartet, daß Fürst Bülow oder eine noch höhere Stelle allmählich ■ finden wird, dieser Mann sei ein unbequemes Hindernis auf dem Wege einer Politik, die als Hauptziel zu verfolgen habe die unbedingte Anpassung an die konservativ-scharfmacherische Tendenz der gewaltsamen Repression? Keiner, der die Konservativen kennt, der vor allem ihre im stillen noch mehr als in der Öffentlichkeit wirkende Macht und ihre Entschlossenheit zu deren rücksichtslosem Gebrauche kennt, wird die Angriffe auk den Grafen Posadowsky leicht nehmen wollen. Auch ist es etwas gründlich anderes, ob dieser Minister oder einer seiner Kollegen beseitigt wird. EinePosadowsky- Krise wäre eine politische Krise von größter Bedeutung, und zwar nicht wegen der sympathischen Person des Staatssekretärs, die alle ehrlichen Freunde einer gesunden Sozialpolitik gewiß mit Bedauern scheiden sehen würden, sondern in erster Reihe darum, weil seine eventuelle Entfernung nur der Vorläufer eines vollständigen Systemwechsels sein Würde. Wer ihm folgte, wäre, wie er auch heißen mag, der Mann der Scharfmacher, und wenn der Reichskanzler sich von ihm trennte, so würde er damit bekennen, daß er den Kampf gegen die Sozialdemokratie auf ein Gebiet verlegen wolle, wo die Gewaltsamkeit der Gegensätze leicht zu Explosionen führen könnte. Einstweilen kann man sa nicht sagen, daß die fortgesetzten Versuche, den Grafen Posadowsky sowohl bei dem verantwort! ichenStaatsmann wie darüber hinaus zu diskreditieren, eine erkennbare Wirkung in der Öffentlichkeit gehabt haben, aber was nicht ist, kann werden, und es macht jedenfalls einen eigentümlichenEin- druck, wenn Graf Posadowsky es für nötig hält, so laut, wie es in einer der jüngsten Reden geschah, zu versichern, er würde nicht eine Stunde länger im Amte bleiben, wenn er sich nicht im Einverständnis mit dem Reichskanzler fühlte. Gerade die Lebhaftigkeit dieser Versicherung läßt die Vermutung zu, daß unter vier Augen Auseinandersetzungen stattgcfunden haben mögen, die zwar zu dem vom Grafen Posadowsky öffentlich erklärten Einvernehmen geführt haben, die aber schwerlich gesucht worden wären, wenn ihnen nicht ein gewisser Dissens vorangegangen wäre, dessen Beilegung dann freilich gelungen ist. Vor der Hand geben die Konservativen die Partie nicht verloren. Es ist kein Zweifel, sie betrachten den Grafen Posadowsky nicht als ihren Freund und Gönner.
In dem Augenblick erblickte der verzweifelte Vater im Handarbcitskästchen seiner Frau, das aus der Gartenbank stand, eine Schere. Er ergriff sie und sagte flehend: „Komm, komm, Nuto. Böses Tier. Wir
wollen es mit der Schere stechen." Das dünkte dem Kleinen ein neuer Spaß. Er hielt dem Vater das Fäustchen entgegen und im nächsten Augenblick waren die Scheren und der sich windende Schwanz des giftigen Geziefers abgeschnitten und lagen am Boden.
„Böses Tier", sagte jetzt Nuto schmollend, warf den Rest weg und zertrampelte ihn. Der Vater aber drückte weinend das gerettete Kind ans Herz und dann kam der greise Großvater, untersuchte zitternd die unverletzte Hand des Enkels, streichelte sie und rief: „O,
Giovanne, lieber Sohn, die Hand deines Kindes ist gesegnet. Sie hielt den Tod in Händen und er vermochte ihr nichts anzuhaben. Glaube mir, dies Kinderfäustchen wird einst die Hand eines großen Mannes werden!"
Es war die Hand Benvenuto Ccllinis, des größten Kleinkünstlers der Renaissance.
CXII.
Uersimsiene Götter.
Das kräftige Buschmesser bahnte mir, — so erzählte der Sammler — den Weg durch das Gewirr von Farnen und mannigfachem Gesträuch, durch das Lianengespinst, das hoch in die Bäume cmporstieg und hie und da zwei Palmenkronen gleich wie mit einem luftig- leichten Feston verband.
Um mich her das feierliche Schweigen des Urwalds, kaum, daß hin und wieder einmal die Stimmen einiger von mir aufgeschreckten und eilig fortturnenden Affen oder das Gekreisch eines Papageien laut wurden. Die Erzählung der Javannen, daß hier, seitab der Heerstraße, vorn Walde ganz umsponnen, die Trümmer eines Hindutempels seit grauen Tagen versunken lägen, reizte meine neugierige Phantasie. Schon dünkte mir, ich sähe zwischen Bäumen ungewiß riesige Steintrümmer ragen, und unermüdlich drang ich vor, dem hauenden Galok manches verträumte Pflanzcnleben opfernd.
PoMischr Mersrcht.
Ein frischer Zug in unserer Sozialpolitik.
Was alle Veröffentlichungen über das Elend in der Heimindustrie, alle Heimarbeiterschutzkongresse, alle Petitionen an Bundesrat und Reichstag nicht vermochten, nämlich die Gesetzgebungsmaschinc für die Ausdehnung des Heimarbeiterschutzes in Gang zu bringen, das hat der Besuch der Kaiserin in der Hcimarbciterschntzaus- -/abstcllung zu Wege gebracht. Die Bilder des Elends, die die Kaiserin aus der Ausstellung mit sich genommen» gelangten diesmal direkt zu dem Kaiser und sie waren so farbenreich, um ihn selbst zu einer sehr merklichen Initiative anzuregen. Man wird jetzt bald wahrnehmen können, wie all die „schweren und unüberwindlichen Hindernisse", die sich sonst jedem Fortschritt der sozialpolitischen Gesetzgebung entgegenstcllcn, wenigstens so weit es die Heimarbeit angeht, bedeutend zuschammen- schrumpfen werden und sich hier ein frischer Wind cln- stellen wird. Die besten Anzeichen machen sich schon bemerkbar. Bald nach dem Besuch der Kaiserin in der Ausstellung fand im Reichsamt des Innern eine Sitzung statt» die sich mit der Frage der gesetzlichen Regelung der Heimarbeit befaßte? Darauf hielt das preußische Staats- ministerium unter dem Vorsitz des Fürsten Bülow eine Sitzung ab, bei der die Heimarbeit auf der Tagesordnung stand, dann folgte eine Krouratssitzung, der der Kaiser — hier in seiner Eigenschaft als König von Preußen — präsidierte, mit gleicher Tagesordnung und schon am folgenden Tage besuchte Graf v. Posadowsky mit seinen Räten selbst die Heimarbeitsausstellung. Man sieht, die Ereignisse überstürzen sich, cs zeigt sich plötzlich eine Aktivität des Interesses für die Heimarbeit, an die noch vor vier Wochen kein Mensch geglaubt hätte. Diese Tatsachen führen zu zwei bedeutsamen Ergebnissen, einmal bestätigen sie aufs neue, daß all die spruchreifen Fragen unserer sozialpolitischen Gesetzgebung nicht deshalb immer ans dem toten Punkte bleiben, weil ihre Durchführung mit zn großen gesetzgeberischen Schwierigkeiten oder wirtschaftlichen Schäden verknüpft wäre, sondern vielmehr deshalb, weil der passive Widerstand i n e i n s l u ß r e i ch e n K r e i s e n jeden sozialpolitischen Fortschritt verhindert. Zweitens aber werfen sie aufs neue ein grelles Licht darauf, wie wenig der Kaiser wirklich über die sozialen Verhältnisse der Arbeiterschaft unterrichtet wird. Erst eines Zufalles, wie ihn der Besuch der Kaiserin in der Heimarbeitsausstellung darstellt, bedarf es, um ihm einen winzig kleinen Ausschnitt sozialen Elends in seiner wirklichen Gestalt zu zeigen.
Und großartiger wurde die Einsamkeit. Das sanfte Gurren der Tauben steigerte fast noch das Gefühl des Weltfernen in mir, verstärkte den Eindruck des Märchenhaften. Da drang leises Wasscrrauschen an mein Ohr. Ich arbeitete mich werter, gclairgte an ein Bächlein und folgte mühsam seinem Lauf durch Gestein und wild wucherndes Gehölz. Es erweiterte sich zn einem kleinen, dunkeln Teich. Geheimnisvoll glimmerte sein Wasser in dem grünlichen Schatten der Bäume. Vereinzelt nur drangen Sonnenstrahlen hinab durch die Laubkronen, vereinigten sich hie und da zu breiten Lichtstreifen. Goldglänzende Fliegen und Libellen im Gaukelflng huschten aufglühend durch sie hin.
Ich umging ein dichtes Gebüsch. Da — ich stand still in plötzlichem Erschrecken — leuchteten nur wenige Schritte' vor mir, jenseits des dunkeln Wassers, drei helle Fraucnleiber ans, grell beschienen von einem dieser verlorenen Lichtstreifen. Geheimnisvoll, gespenstisch, trotz einer anmutig tanzenden Bewegung standen sie dort, unheimlich starr, mit lächelnden Mienen, Kronen auf dem Haupt, und ihr Gewand fiel in steifen Linien von ihren Hüften nieder. In dem schwarzen Wasser spiegelte sich ihr Bild. Aus einer felsüberragten Nische, zwischen plumpen, nieder» Säulen, schimmerten sie so hervor, dies? steinernen, indischen Grazien, und über ihnen grinste im Fels, von feuchtem Moose fast übersponnen, der Kopf eines Ungeheuers.
Ich stand vor einem Teil der Tempelruinen, die sich, überdeckt mit Bildhauerarbeitcn, in die Urwaldswildnis betteten, vergessen, sagenhaft, von keinem besucht und bewundert, stand da mit meinem Buschmesser in der Faust, in meinen hohen, schützenden Gamaschen, den Rucksack auf dem Rücken und starrte fast erschrocken nach diesen holden Steinbildern. Und sie lächelten mich an. so seltsam starr, so fremd. Und im wankenden Spiel des Lichts und der Schatten war es, als käme Leben in die Gruppe, als regten sich die Glieder in anniutigen, ruhigen Tanzbewegungen.
Und das Wasser rauschte leise, und es flüsterte in den Zweigen und hoch in den Baumkronen gurrten die . Tauben.
