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54. Jahrgang»

Erscheint in zwei Ausgaben. Bezugs-Preis: durch den Verlag SO Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. SO Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

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Lilien - ältttltlttltC für die Abend - Ausgabe bis 12 Uhr mittags, für die Morgen- Ausgabe bis 3 Uhr nachmittags. Für die Aufnahme später eingereichter Anzeigen zur nächst-. _»» £**'**. 8 erscheinenden Ausgabe, wie für die Anzeigen-Aufnahme an bestimmt vorgeschriebenen Tagen wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.'

Hfl. 70«,

Berlags-Fernsprecher No. 2953.

Sormtag» den 11. Februar.

Rebaktions-Fernsprecher No. 52.

1906.

Morgen - Ausgabe.

._ 1. Mtcrtt.

NoLKsjahlungssrZebnLjse.

ist \a feine Neuigkeit, daß die Bevölkerung im üMen Deutschland sehr viel weniger als die im Westen .. "o Süden zunimmt, und daß das platte Land vielfach entvölkert wird, aber dieDeutlichkeit, mit der die p^'cheinung jetzt durch die vorläufigen Ergebnisse der jivten^ Volkszählung illustriert wird, hat doch etwas st^appierendes. Während die Bevölkerung in den Re- tz.'^nngsüezirken Potsdam, Münster und Düsseldorf um ; -6 bezw. 16,94 bezw. 14,97% gewachsen ist, stieg sie »> Regierungsbezirk Gumbinnen nur um 0,35%, im . Lterungsbezirk Stralsund nur um 1,91 und im Re- ^i^nngsüezirk Frankfurt a. O. nur um 1,93%. Aber ein öie vorzugsweise agrarischen Gebiete weisen

r b ungemein dürftige Bevölkernngszunahme auf, y^üern auch das industriereiche Schlesien tut es. Die MilcheStatistische Korrespondenz, die das vorläufige

i I^önis der Volkszählung für Preußen veröffentlicht, ^ mit Recht hervor, daß die schwache Bevölkerungs- - »ahme und teilweis sogar die Bevölkerungsabnahme

Pv-,pfiert um so bemerkenswerter sei, als die Provinzen .^Preußen und Westpreußen, Posen und Schlesien mit ^ ürfenreichen slavischen Bevölkerungselementen stark ^%setzt sind, während für Westpreußen und Posen h^ öie erfolgreichen Ansiedlungsversuche mit staatlicher ^r^stützung in Betracht kommen, für Westpreußen ki^bröem eine junge, aufblühende, für Schlesien eine alt- otz^iessene bedeutende Industrie. So gut begründet Zweifel die Argumente sind, die das Mißverhältnis ^Bevölkerungsvermehrung zwischen dem Osten und

ir-i,Origen Landesteilen Preußens aus den oft uner» ."chen landwirtschaften Verhältnissen erklären, so »vx ?wn doch aber airch sagen: es kommt hier offcn- «n beherrschender mit Elementargewalt wirkender ^mdertrieb mit in Frage, der uralte Trieb nach dem h,^^n, der ja sogar in unseren Städten, auf lokal- ?Wem Gebiet, beinahe überall deutlich währnehm- h.( Denn in der Regel gedeihen die östlichen Stadt- ihO^f mir mangelhaft, während die westlichen sich hjS' !c rascher ausdehnen. Wäre dieser Zug vom Osten nicht wie eine Natnrkraft mitbestimmend, so Wf wan nicht, warum Schlesierr sich langsamer ent- !vj soll als Westfalen, denn die Reize des Aufenthalts i>;» Gegenteil mögen sich in diesen beiden Provinzen bcTt ^?9e halten. Eher sogar könnte man wohl sagen, gi.l-^chlesien von der Statur um einiges mehr be- %at wird als Westfalen.

.Das

Thema der Bevölkerungsverschiebung ist so

^b->Ä^wtig, daß es gewagt wäre, im uns zu Gebote ' - "öen Rahmen ihm auch nur obenhin gerecht

werden zu wollen. Dies jedenfalls ist klar: Deutschland wird immer mehr ein Land der Großstädte und der Großindustrie. Wir wissen noch nicht ganz genau, wie viel die jährliche Bevölkerungszunahme im Reiche während der letzten Zählperiode betragen hat. Sie dürfte sich aber zwischen 900 000 und einer Million be­wegen. Was die Zahl bedeutet, wird erst völlig ein­dringlich. wenn man ihr entgegenhält, daß die Aus­wanderung, die noch im Beginn der 90er Jahre jährlich weit über 100 000 Köpfe betrug, jetzt auf ungefähr 25 000 jährlich gesunken ist, eine Ziffer, die ihrerseits wieder mehr als ausgeglichen wird durch die starke Ein­wanderung aus Russisch-Polen, Galizien rrnd Italien. Deutschland hält also seinen ungeheuren Jahresüber­schuß, mit dem sich der keines andern europäischen Staates messen kann, völlig fest, aber es verwendet ihn nicht in der Landwirtschaft, sondern in der Industrie, in Handel und Gewerbe. Welche Vorzüge und welche Gefahren in diesem Zustande liegen, ist oft genug er- örtet worden. Zwei Bemerkungen nur mögen zur Wür­digung des großen Problems noch gemacht werden. Die eine ist, daß die Erfahrungen einer.jahrzehntelangen Periode der Begünstigung der landwirtschaftlichen Inter­essen durch Gesetzgebung und Verwaltung gezeigt haben, wie ohnmächtig die Staatsgewalt gegenüber solchen volkswirtschaftlichen-Prozessen ist, die sich nach ihren un­widerstehlichen innersten Bedingungen vollziehen und jeder Fesselung spotten. Die andere Bemerkung aber mag besänftigend wirken. Es muß nämlich darauf hin­gewiesen werden, daß die ländliche Bevölkerung natur­gemäß gar nicht die Tendenz zu einer starken Ver­mehrung haben kann, auch wenn es der Landwirtschaft noch so gut geht. Denn die Arbeitsmöglichkeiten können sich nicht sonderlich vermehren, so daß auch bei blühenden Agrarzuständen, wie sie u. a. die Schweiz und Dänemark aufweisen, die Bevölkerung ziemlich zu stagnieren pflegt. Die Industrie, dagegen ist theoretisch nahezu unbegrenzt in ihrer Aufnahmefähigkeit. Somit braucht der Still­stand der Bevölkerung in den vorzugsweise agrarischen Provinzen an und für sich noch keineswegs als Beweis für ein Darniederliegen der Landwirtschaft zu gelten. Man muß jedenfalls von den agrarischen Beschwerden vieles abzichen, was sich bei näherem Zusehen als be­wußte oder auch unbewußte Übertreibung herausstellt.

Politische Uversrcht.

England und Rußland.

n. L o II d o II, 8. Februar.

Auf die englisch-französischen Hoffnungen, Rußland werde sich derEntente cordiale" anschließen, ist ein kalter Reif gefallen. Wie der Petersburger Korrespon­dent derMorninapost" berichtet, hat dieSlovo", das Blatt des Grafen Lambsdorff, in einem längeren Artikel

über diebritisch-russische" Annäherung den Preis ge- uarmr, den Rußland von England für seine Freundschaft fordert: einen Kriegshafen, also so ein neues Port Arthur, am persischen Golf. DieSlovo" versichert, ein solches maritimes Ausgangstor habe Rußland unbe­dingt nötig und britische Interessen würden dadurch auch in Persien nicht bedroht. Von einer Gegenleistung für' den Fall, daß England dem Zarenreiche einen neuen Platz amwarmen Meer" nicht mißgönnen will, ist in dem Artikel desSlovo" nicht die Rede, und das ver­schnupft bei den Engländern recht sehr, die an Geschäfte gewöhnt sind, bei denen sie einen realen Vorteil gegen ein vages Versprechen eintauschen. Daß auch einmal eine andere Macht sich auf den gleichen Standpunkt stellt, ist John Bull unfaßbar. Mit saurer Miene erwägt die Londoner Presse: Für ihren Handel brauchen die Russen keinen Hafen am persischen Golf. Die Häfen am Schwar­zen Meer stehen mit der ganzen Welt in kommerzieller Verbindung und die Flüsse Südrußlands, von der Wolga abgesehen, bedeuten ebenso viele vortreffliche Zufahrts­wege zum Schwarzeir Meer. Der kürzeste Weg vom kaspischen See zu den Haupthandelsstraßen der Welt wird immer die Eisenbahnverbindung mit dem Schwarzen Meere bleiben. Die Entfernung von Baku bis Poti ist kürzer wie die von der Südküste des Caspi-Sees nach dem persischen Meerbusen. Mit einem befestigten Hafen am persischen Golf meinen die Russen daher nur die Voraussetzung für eine militärische und wirtschaftliche Eroberung Persiens durch Rußland. Gleichzeitig würde der Kriegshafen die Basis für weitere Operationen ab- geben, die entweder nach dem Euphratdelta oder nach Indien gerichtet sein könnten. John Bull wird sich hüten, daraus hineinzufallen, und andererseits ist nichts einznsehen, warum Rußland um englischer Gunst willen zu einem besonderen Opfer als Gegenwert bereit sein sollte: es steht sich am besten, wenn es wartet und dis Zeit für seine Pläne wirken läßt.

BrasiliauislHe Zustände.

n. Washington, 80. Januar.

Haarsträubende Zustände unter der Willkürherrschafh eines brasilianischen Präfekten im Acre-Territoriums werden gegenwärtig in der amerikanischen Presse aufge­deckt. Im Departement Alto Jurua residiert als Prä-, fekt einOberst" Dr. Thaumaturgo de Azevedo, der vor allem in einer diktatorischen Erhebung von Steuern und' Abgaben Unglaubliches leistet. Für ein Maultier sinh 20 Milreis (1 Milreis 2 M.) Steuern zu zahlen, für, ein Kanoe der gleiche Betrag; die Eichung eines jeden Gewichtes oder Maßes kostet auch 20 Milreis und mk Schlachtgebühren für ein Stück Rind ist dasselbe zu ent­richten. Zudem wird von jeder erwachsenen Person eine Kopfsteuer in Höhe von 6 Milreis erhoben. Eine Trauung kommt auf 800 Milreis zu stehen, eine Voll­macht ans 100 Milreis. Den Gerichtsdicnern muß außer den ungemein hohen Reisekosten noch 30 Milreis pro

Feuilleton.

Ein- und Ausfälle.

' ü r dasW resbadencr Tagblat t".) Bon Joseph Kaisler.

I^ummernde Zauber dieses alten Wortes blühte

Edelfrauen.

IV e

tt)Qc j) und jung entgegen ans zwei neuen Büchern n e Ü n J? S I i e 9 & a r e Mach t" von Mar i e v o n

schenbach (Berlin, Gebr. Paetel) und

* Dag Anderer" von der Verfasserin der

'«a innerer von oer öle ihn nicht erreichten" (Berlin, Gebr. Paetel). ct (SfipTfrmton Nicht ihren zufälligen Geburts-

,- H n, Edelfrauen. -

r! e WiA ttte ^ mit dem Wort, das einen so köstlichen, Klana von Bewundernna und Liebe birgt.

sivd Leben zeigen uns hundert Frauen adeliger le leine (Beifrauen sind. Aber die beiden sind 4ZiZ.lt ginet Edelfrauen und ihre Bücher sind ihre

'Kplome.

W. % Mce

ivir an der Frau als Höchstes, Köstlichstes h ern / alles worum wir in Weichen Stunden dcm

. iuuimu 41111- Ul- 7 .

r ihr beugen und sie als die Feinere, Reichere wieder in dem neuen Buch von Marie von N?hs^pich^nbach. Tiefstes heiligendes Verstehen alle^

Begreifen, das

uact) - freistes yerugei rSd c l? n ' gütiges, mütterliches

er»

Verzeihet bringt.' 'Und Äugen, warme, tief-

SUAi _

^ugen, vor denen sich das Chaos des wirren

K^sillih^/iner klaren Harmonie ordnet, über deren "iikorden noch siegreich die süße Melodie alles

fc. " ^'cher Liebe schwebt. ,

O:ähn,^ a höestegbare SNacht" nennt sie nach der ersten SbhU 8 ^ neues Buch und kann als erste und feinste ^iiü.Uwauen mit dieser Allmacht natürlich nur die

'^ke. meinen. Sie erzählt die Geschichte eines

i

jungen ungarischen Mädchens, das von der Laune eines souveränen Magnaten, desHerren", vergewaltigt, Mutter wird. Auf dem Totenbette legitimiert der ge­brocheneHerr" das Kind, sie aber muß schwören, es nie wieder zu sehen. Mit einem Manne ihrer Sphäre ivird sie später noch eine glückliche Frau und reiche Mutter. Sie weiß den Sohn ihres Unglücks glücklich als Erben und Nachfolger desHerrn". Und noch immer kann sie nur mit Schaudern an die gewalttätige Stunde, da es ward, denken. Und doch die Mutterliebe fordert, drängt, begehrt. Sie muß ihn einmal halten, küssen, segnen. Und sie bricht ihren Schwur und setzt ihr ganzes neu gewonnenes Glück für diesen Augenblick ein. Ein hohes Lied derunbesiegbaren Macht" der Mutterliebe. Und so tief, so allumfassend ist das Begreifen alles Menschlichen bei Marie v. Ebner-Eschenbach, daß sie selbst denHerrn", den Zerstörer und Zerbrecher alles Schönen und Großen von ihrer Gnade nicht ausschließt, sondern ihn uns verstehen läßt, in seinen dunklen Regun­gen und den Notwendigkeiten seiner wilden Natur. Eine Edelfrau sprecht den Namen wie Fromme den Namen einer Heiligen sprechen.

Im Innersten nicht minder eine Edelfrau- die Verfasserin derBriefe, die ihn nicht erreichten", so wie sie sich in ihrem neuen BucheDer Tag Anderer" zeigt. Und doch ein ganz anderes Bild. Besitzt Marie von Ebner-Eschenbach alle höchsten seltensten, aktiven Kräfte der Frauenseele, so sammelt E. v. Heyking alle Zauber seclenadeliger Passivität in sich. Die heimlichen Zauber jener Resignation, die müde sein darf, weil sic nichts ihres Wollens wert gefunden, weil sie die robusten Ge­walttätigkeiten scheut, die sich allein gegen das Leben durchsetzen. So zeichnet sie uns imTag Anderer" die Seele der Gräfin Jsa, die auf das langersehnte, spät gefundene Glück der Liebe verzichtet, aus inneren Not­wendigkeiten verzichten muß, weil- ihre erwachsene Tochter ~ x * Mahnerin, daß bereits der Tag eines anderen

Geschlechtes angebrochen ist, vor ihr steht. Alle seinen, leidschweren Töne des Nerzichtenmüssens klingen in dieser Gefchichte, wehmütig sich in jede Seele singend, aus.

Zwei Edelfrauen die Künderinnen der siegenden und der besiegten Liebe.

Jesu Versuchung.

Vierzig Tage lang war Jesus in der Wüste gewesen und hatte die Stimmen der Tiere gehört.

Noch klangen sie ihm in der Seele nach, als er auf sonnebeschienenen Wegen, Sehnsucht nach dem Menschen im Herzen, dem bewohnten Lande entgegenwanderte.

Auf seine Frage:Was ist euch das Beste auf Gottes herrlicher Erde?" hatte der Löwe mit gierigem Brüllen geantwortet:Das Fleisch einer frischgejagten Gazelle!" die Riesenschlange mit lüsternem Zungenspiel gezischt: Ein fettes Kaninchen!" der Rabe lauernd gekrächzt: Eine sonnendurchwärmte Vogclleiche!" die schösisingende Nachtigall leckerlnstig gezwischertrEin dicker, voller Wurm!" Und selbst der Frosch im Tümpel hatte seine Ouarrstimme auf die Frage erhoben und geschrien: Das Beste eine schwere, gemästete Brummsliege!"

Schmerzend klangen ihre gierigen Stimmen in der Seele des Heiligen nach. In niedriger Nacht waren diese Armen unerlösbar gefangen. Und doppelt schnell schlug in fernem Herzen die Sehnsucht nach dem aufrecht­gehenden, himmelwärts sehenden Menschen.

A,a kam ihm einer ans dem Wege entgegen etn reicher, würdevoll schreitender Sadducäer.

In lichter Traninfreude hielt ihn der Heilige an und fragte mit hoffnnngsheller Stimme:Bruder sag', was rst das Beste auf der schönen Erde?"

Einen Augenblick stutzte der andere, dann antwortete er mrt etnent erinnerungsfrohen Lächeln um die vollen Lippen:Eine mit lLklavenfleisch gemästete Muräne."

Ta war es, daß Jesus zweifelte, ob er für dieses Geschlecht sterben solle.