Viesbadkllkr Tsgblstt.
5 «. Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: durch den Verlag S« Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. SU Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.
Verlag: Langgasse 27.
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A für die Abend-Ausgabe bis 12 Uhr mittags, für die Morgen-A.tSgabc bis 8 Uhr nachmittags. — Für die Aufnahme später eingereichter Anzeigen zur nächst
D -ffilwiifJffSy erscheinenden Ausgabe, wie für die Anzeigen-Äufnahme an bestimmt vorgeschriebenen Tagen wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen
No. GO.
Bcrlags-Fernsprccher No. 2852.
Disrrstog; den 6. Februar'.
NedaküsnS-Ferniprechcr Rr. 52.
1906.
Morgen - Kusgabe.
__ 1. Mtcrit.
Die feijrüHösfütrorae in MnKfM a. M.
. Einer der ältesten Vereine zur Fürsorge für die lchutentlassene Jugend ist zweifelsohne der Vereiir Jugendfürsorge" in Frankfurt a. M. In seiner JUtigkeit beschränkt er sich darauf, erstens gute unv Essende Lehrstellen für Knaben und Mädchen ausfindig SÜ Machen und ferner für anregende, gemütliche Er- ?°mng für jugendliche Arbeiter beiderlei Geschlechts, Kärlich mit Inbegriff der Lehrlinge, zu sorgen.
. Eine Hauptaufgabe und zugleich eine Hauptschwicrig- der Lehrstellenvermittelung liegt darin, die jungen g U veranlassen, nur einen ihren körperlicheil und geistigen Anlagen entsprechenden Beruf zu wühlen. Der .Tüverbreiteten, meistens durch rein äußerliche Ursachen s^borgerufenen Neigung zu „Modeberufeir", Elektro- ^chnik, Feinmechanik n. a.. tritt der Verein nach Kräften ,Pgegen. Die Enttäuschung folgt gerade bei diesen nur chk besonders veranlagte Jünglinge passenden Berufen J° n ft auf dem Fuße nach, hat gewöhnlich einen Berufs» ^chsel zur Folge und führt dann zu uneinholbarem S et k und Geldverlust. Eine andere Kategorie Sorgen- nd^. Vereins sind die Jungen, die aus dein Lehr- .fthältnis nach kurzer Zeit austreten, um des Ver- lenstes halber eine bezahlte Ausläufer- oder eine hnlicho Stelle zu suchen. Wo nicht Leichtsinn, sondern ..Erliche Not die Triebfeder zu dem Betriebswechsel ist, wtet der Verein seine Hülfe an und ist in solchen l Men bestrebt. Arbeitsverhältnissc zu finden, die den siUchen Leuten die Möglichkeit schassen, sich in bessere, g! 1e gewisse Gewähr für die Zukunft bietende ^rellungeir heraufzuarbeiten.
„ wurden im abgelaufenen Geschäftsjahr ange- . kioet: 548 Lehrstellen und 484 Beloerber. soweit
.f Geschäftsstelle bekannt wurde, finb in die ange- , .firnen Lehrstellen eingetreten 225. 64 sind bereits Ehrend der Probezeit wieder ansgetreten infolge von L^Wswechsel. aus gesundheitlichen Rücksichten u. dergl. q, allen Fällen war der Verein bemüht, eine ordnungs- :D?Pße, friedliche Lösung des Vertragsverhältnisses Milchen Lehrherrn und Lehrling bezw. dessen Vertreter ü^kizuführen. Von den 64 stellenlos Gewordenen nuten 11 wieder in Lebrstellen untergebracht werden, frr„Lehrstellenverlnittelnng für Mädchen" er» igj/e sich seitens der Eltern und Vormünder der die fh,?r C verlassenden Mädchen besonders lebhaften Zu- Eli wurden angemeldet: 142 Lehrstellen und pÜ stellensuchende Mädchen. Von diesen 160 stellen- Wf - eu Mädchen wurden nntergebracht als Ver- ' ünnnen 26, als Schneiderinnen 20, als Blumen
Feuilleton.
iNachdrulk vkrliotk».)
Die GesellschaftZsaison.
Berlin. 1. Fevruc
Sais
Berlin, 1. Februar.
—»fton ist auf der Höhe! Väter und Gatter i stöhnend Abend für Abend in den gehaßten doch mindestens in den Gehrock, den der ^cor^ - Z'o schön rcnd verständlich „Überrock nennt, stem !c> genau, was der . Abend ihnen bringen wrro. Mit in qualvoll fürchterlicher Enge, cur drei-, 'er Mehrgängiges Diner oder Souper, das rhnen bekomnit. vielstündige Entsagung ihres vielge- Ranchirauts, mehr oder weniger gequälte * n mit einer mehr oder weniger schönen und an- en Nachbarin (leider meistens weniger). Der Gesellschaftsnmnsch. auch jüngeren Jahrgangs Meinen den männlichen Geschlechts — W l ft M ’ stert oder fühlt sich wenigstens verpflichtet, e. D c ° entlocken ihm die größten Pviletten- und Anstrengungen des weiblichen Teils nur- ein es Lächeln. Seiiie Konversation wird mit ledem Haftsabend matter uiid matter, und da alle ren dieses Winters eigentlich nichts andere^ be- als einen riesigen Durchfall, so ist sogar mese^ sonst eines der beliebtesten, gar zu schncll av- Wenn man recht betrachtet, bietet die Gsoßstadt- keit ein trauriges Bild. Lauter Menschen die
n- als ob sie lieber zil Hause waren oder sonst m anders, als wo sie augenblicklich sind. Uiid großen Festlichkeiten, die sich allabendlich abrollen. trgkeitsfesten und andern, möchte man die lungen u bedauern, die in ihren reizenden Toiletten strg auf die Tänzer warten, /die, 'iicht koniincn Ausnahmen gibt es natürlich, immer, es gibt der dopen man- sich immer amüsierl, weil man
binderinnen 9, als Kindermädchen 9. in Modewarengeschäften^ 8, im Haushalt 8, als Kontoristinnen 4. in Fabrikbetrieben 3, als Stickerinnen, 2 und als Büglerinnen 1, also im ganzen 89. ©in besonderer Zudrang war zu den Stelleii als „Verkäuferin" zu beobachten. In den einzelnen Fällen, konnten Eltern und Vormünder-in wirksamer Weise mit Erfolg darüber belehrt werden, daß in anderen Gebieten des Erwerbslebens. besonders in der Konfektioii lind dem Modefach (Schiieiderinnen. Putzmacherinnen),^ lohnende ^ Be- schäftigilng mit Aussicht auf spätere Selbständigkeit sich bietet. Der Verein hat einen „Wegweiser für die Iveib- liche Jugend" als Leitfaden für die Berufswahl. herans- gegeben. Das Büchlein enthält alle Angaben über Art und Dauer der Lehrzeit in den einzelnen Berufs- zweiqen, sowie über Anfangs- und Höchstlohn.
Lehrlinge und Lehrmädchen blcxbeu natürlich unter Aufsicht des Vereins, der dazu besondere Vertrauenspersonen bestellt hat.
Einem, sehr lebhaft empfundenen Bedürfnis ist der Verein durch Eröffnung voii Aufenthaftsräumen für junge Leute,, gleichviel ob sie Lehrlinge oder nur jugendliche Arbeiter sind, entgegengekommen. Für dm männliche Jugend gibt es 6. die Sonntags von 3—9 J /> Uhr, in der Woche von 71 / 2 — 91/2 Uhr den Besuchern zu Spiel, Lektüre und Unterhaltung zur Verfügung stehen: für die weibliche Jugend sind bisher 2 eingerichtet, die allerdings nur Sonntags geöffnet sind. Die Gesamtzahl der männlichen Besucher betrug im letzten Jahre 30 802, der weiblichen nur 19 <7. Die jungen Burschen bähen außerdem noch einen Turnverein und im Anschluß an die einzelnen Lehrlingsheime sogenannte „Jugendbünde" gegründet, die sie selbst verwalten. Wanderungen, auch die jetzt mancherorts, wie in Hamburg und Dresden, sehr in Aufnahme kommenden WchtwandMngen, sind bei den jungen Leuten sehr beliebt. Bei den Mädchen dagegen haben gemeinsame größere Spaziergänge keinen Änklang gefunden, bei diesen ist aber der Wunsch nach Gewinnung eines Gartens zu ruhigem Aufenthalt an Sonntagen sehr leb- haü. Daß an Sonntagabenden die Heime von Gc- sangsovrträgen und kleinen musikalischen Aufführungen widerhallen und regelmäßige Vorträge in ihnen gehalten werden, bedarf kaum der Erwähnung.
Die Nützlichkeit dieser Veranstaltungen, die oic Jugend vor verrohenden Vergnügungen bewahren, wird von der Stadtvertrctung durch Gewährung eures Zuschusses von 3000 M. und von der Verwaltung des Waisenhauses durch einen gleich hohen Beitrag aner- fannt während die Rothschild-Stiftung sogar 9000 M. jährlich bewilligt. Der schönste und beste Lohn, den der Verein für seine Bestrebungen erhalt, rst aber dre rege Teilnahme und dankbare Sympathie, die er bei der beranwachsenden Jugend der unbemittelten Schichten findet!_
pe Irifis des baltischen pHtfäjüons
beleuchtet Axel Freiherr v. Freytagh-Loringhoven im Februarhcft der „Deutschen Monatsschrift". In gewisser Beziehung kann man die Deutsch-Balten von Schuld nicht freisprechen. In völliger Verkennung der tatsächlichen Verhältnisse hielten sie rrach wie vor an dem 'Glauben fest, daß die Existenz und das Gedeihen des Baltentums einzig auf dem Absolutismus beruhe. Sie entschlossen sich nicht, eine srondierende Stellung, einzu- irehrnen, sondern erschöpften sich nach wie vor in Er- gebcnheitsadrcssen. Das war gegenüber der Politik der russischen Regierung nicht recht verständlich, und außerdem verschloß man sich mit diesem Standpunkte gegen daS politische Leben in Rußland selbst. Es war schon seit Jahrzehnten jedem — auch dem, der nicht selbst im öffentlichen Leben stand — bekannt, daß m Rußland eine große und einflußreiche liberale Partei existierte, die ohne revolutionäre Ziele zu verfolgen, die Einführung einer Konstitution anstrebte. Ein, zweiter Hauptpunkt ihres Programms war die. Bekämpfung, der panslawistischcn Politik den Fremdvölkern gegenüber. Diese Tatsache mußte auch den Repräsentanten der Ritterschaften und Städte bekannt sein. Sie mußten ferner wissen, daß der absolutistische Beamtenstaat bis auf das Mark der Knochen von Korruption zerfressen war, und sic mußten sich sagen, daß das alte System unrettbar seinem Zusammenbruch cntgegenging. Jedoch selbst wenn sie zn dieser Erkenntnis nicht gelangten, selbst wenn sie die Kraft des Selbstherrschertums überschätzten, selbst dann mußten sie sich gegen die Bedrückung und Vergewaltigung zur Wehr setzen und sich,in offenem männlichen Prorcst den Liberalen anschließen, ^ie haben das nicht getan und haben Willkür und Unrecht hingenommen.
Fragt man aber nach den tieferen Gründen ihres Verhaltens, so erweist es sich, daß aicch sie keine Rechtfertigung bieten können. Von der falschen Beurteilung der Machtverhültnisfe abgesehen,-wollten sie sich der liberalen Partei nicht anschließen, weil eine Konstitution ihnen unvorteilhaft gewesen wäre. Selbst wenn diese nicht ans dem allgemeinen, gleichen geheimen, direkten Stimmrecht beruht hätte, wäre ihr Einfluß und ihre Stellung innerhalb der baltischen Provinzen wesentlichen Abschwächungen und Änderungen unterworfen gewesen. Vor allem hätte sich die politische Herrschaft des Großgrundbesitzes nicht länger aufrecht erhalten lassen. Mit der bloßen Führerschaft aber, auf die die Machthaber kraft ihrer kulturellen Überlegenheit sehr wohl hätten Anspruch erheben können, wollten sie sich nicht begnügen. Eine solche Politik konnte nicht verfehlen, die lebhafteste Erbitterung innerhalb der liberalen russischen Partei zn wecken.
Die tatsächlich befolgte Politik hat das Resultat gehabt: ein großer Teil der ursprünglich gemäßigten Libc-
schon von vornherein mit ganz bestimmten Erwartungen lünaebt auch solche, — wenn cs auch nur wemge. sind, — ans denen man immer tanzt. Das Verhältnis der Tausenden zu einander darf aber nicht so sein, wie ich es neulich auf einem Wohltätigkeitsfestc sah, wohlgc-
Fig. 1-
Fig. 2.
zählte siebzig Tänzerinnen und wohlgczahlte sieben Tänzer, nein, nicht Tänzer, aber wenigstens männliche Wesen die vor diesem „Embarras de richesse" ganz verzweifelt standen und lieber gar nicht tanzten. Und, doch sahen die iungen Dinger so niedlich aus in ihren weißen, blauen und rosa Tüllkleidchen, in den jetzt wieder fuß- freien, flittergestickten Toiletten, die in leichter An
lehnung an den Biedermeierstil und das Empire gehalten waren, mit dem sorgfältig frisierten Köpfchen, in dessen Tollen kecke Bandgewinde steckten oder runde Empire- krünzchen lagen, lind die Mütter rings an den Wänden
— „auf der Drachenburg", sagte einer der respektlosen Sieben —■ in ihren schwarzen und braunen und moosgrünen stattlichen Toiletten, bemühten sich krampfhaft, unbefangen auszuseben. Aber es gab eine allgemeine Spannung, wenn einer der Sieben sich auch nur ein wenig einer der Siebzig näherte. Und das nennt sich jetzt noch der neuesten Mode „Winterfest mit Ball". Hat man sich durch das Programm durchgearbeitet, — es stk betrübend, daß die Träger der als Köder genannten ersten Namen immer durch Abwesenheit glänzen :ind durch Sterne zweiten bis siebenten Grades ersetzt werden müssen — dann ist es hart, >venn auf eine Tänzerin ein Zehntel Tänzer kommt, nicht wahr?
Da ist eS beim Presseball anders. Er bietet freilich Jahr für Jahr fast dasselbe Bild. Drangvoll fürchterliche Enge, etwa viertausend Personen, die sich in den Räumen der Philharmonie quetschen, — man kann es schon gar nicht mehr anders nennen, — und es ist gar- nicht abzuschen, wie da überhaupt getanzt werden soll. Aber sie bringen cs doch fertig. Der erste flotte Leul- nant, der sich mit einer mutigen Dame ins Gewühl stürzt, dreht seine Tänzerin freilich auf einem Raum, der incht viel größer ist als ein mäßiger Dessertteller. Aber er bohrt sich mit Ausdauer in das Gewühl hinein, zieht immer weitere Kreise, — jetzt tanzen schon zwei Paare, — dann sechs — dann zehn, — dann zwanzig
— und schließlich ist es ein ganz regelrechter Ball, der^ sich da mitten im Gedränge entwickelt. Freilich bic jungen Mädchen sind doch in der Minderzahl. Hauptsache sind die Berühmtheiten, die großen, die kleinen und die ganz kleinen. Je kleiner übrigens'die Berühmtheit, desto größer meistens die Toilette und vor allem desto tiefer der Ausschnitt. An der Tiefe des Ausschnitts läßt sich die Größe der Berühmtheit ganz
