54. Jahrgang.
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Ito. _Verlags-Fernsprecher No. 2953. DoNNerStag, dktt 1* FeKriMr.
Redaktions-Fernsprecher No. 52.
1906.
Morgen- Ausgabe.
__1. WLcrtt.
(Nachdruck otiCottn-J
Die Kreuzigung der Mtion.
t. Budapest, 29. Januar.
Ein Notsäfrei acht durch die gesamte Koalitions- areste und vibriert fort in die entferntesten Gaue des Landes: „Die Nation soll ans Kreuz geschlagen wer-
°-n . . . . Der König gibt nicht nach und die Herrscher- ^orte von unsäglichem Leid und Elend sollen erst jetzt traurige Wahrheit werden!" lind wie ein Echo tönt cs oUriick: „Lasset uns den Leidcnskclch bis zur Neige
j-eren, jeder nehme geduldig sein Kreuz auf sich, — wnn es gibt eine Auferstehung! . . ." Das sind die tlestrüben Akkorde, mit denen die heute nachinittag siattfindende Sitzung des führenden Ausschusses der Koalition^ eingeleitet lvird, in lvelcher Gras Julius -i n d r a s s y die Botschaft des Monarchen verkünden ^wd, und die Entscheidung fällen soll über das Sein roer Nichtsein der Koalition, nein, nicht allein, sondern swch über das Sein oder Nichtsein der Verfassung. In Men heißt man dies den letzten Versuch des Kaiser- sjonigs zur Wiederherstellung parlamentarischer Ver- haltnisse. Hier nennt man es ein unaufrichtiges Manöver und die Verantwortung für die künftigen im Mrhinein bereits beschlossenen Geschehnisse mit der Wohlfeilen, scheinheiligen Ausflucht: „Tu l’as voulu,
' eoi ‘ges Dandin!" auf die Koalition lvälzen zu -wneu. Die Botschaft des Königs lvird, wie man trotz
düsteren Schweigens, in das sich Graf Andrüssy tullt, hört, die Aufforderung enthalten, die letzte Aufforderung: Die Koalition möge auf Grund der vom slMier-Komitee der liberalen Partei seinerzeit vorge- lchlagenen Militär-Reformen —• ein Mehr sei ausge- ilDlosfen — die Regierung übernehmen und mit Be- oüligung des Budgets und der Rekruten-Votierung !"r die Wiederherstellung geordneter Verhältnisse borgen, sonst — werde für diese unumgänglichen ^watsnotwendigkeiten auf andere Weise gesorgt werdeii müssen. Die Antwort der Koalition, die sich "--rmit mit Hinblick auf die Stimmungen des Landes Gon den bisher nicht stimmberechtigten Sozialisten ab- Oeiehen) vor eine Unmöglichkeit gestellt sieht, kann nur ! v’ e adle h n e u d e sein. Ilud was soll dann gc- j'i'beu ? . . . Auch hierauf haben jene, die eine intime fivhlung^ mit Wien haben, eine Antwort bereit. Das Ministerium F ä j e r v L r y bleibt vorerst, so wie es . ^ doch erhält es weitere Machtvollkommenheiten, 'f-lche eine bessere, wirksamere Herstellung der Ordnung rrnöglicheu. Allerdings nicht unmittelbar, sondern ^llens dadurch, daß das Parlament demnächst a u f -
Feuilleton.
(Nachdruck verboten.)
Die Entwicklung der Ballade als mnsckalische Kunstgattung.
Die Historie der deutschen Ballade, denn nur diese ^-umt als musikalische Kunstform wesentlich in Betracht, ' nicht weit in die mnsikgeschichtlichc Entwickelung harück. Ihre Anfänge fallen in eine nichts viel spätere als das Werden des einstimmigen Kunstliedes über- ^upt,- i„ zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts. Die allade als Dichtungsgattung reicht dagegen ziemlich tief isj“ Mittelalter hinein. Der Name „balada" stammt ans . Proveuzalischen. Ein Tanzlied, von dem Tanzen- si?.selbst gesungen, war ursprünglich die „balada", die Inlett dem 13. Jahrhundert auch in Italien, im ergent- Frankreich und später in Errgland vorsinöct. ,>ahre(ld die „balada" in den romanischen Ländern und r EZtell in Frankreich zu einer stereotypen Dichtungs- ü: P (vierstrophig mit Schlußrefrain) wurde, gewann England im Laufe der Zeit mannigfache Gestalt. ,..'e Ballade wurde die am meisten gebräuchliche p>-orm die nordische Bolkspoesic. Das schwermütige Schvtt- . mit seiner rauhen Natur und mit seiner an m "neu Fehden und romantischen Geschehnissen reichen ff^gangenheit kann als die eigentliche Heimat der Irdischen Ballade gelten, die in Deutschland zuerst (T tc ^ die Übersetzungen Herders bekannt wurde. Im p^üsatz zu der öunkelgefürbten schottischen Ballade die südländische Romanze. Diese ist zumeist nt fi. eit steuudlichen Tonen gehalten. Das farbenprach- -Ae Lehen des Rittertums findet hauptsächlich in der seine Widerspiegelung. Späterhin, als auch eigentliche Historie urit in den Kreis der Nomanzen- \ Balladendichtung gezogen wurde, vermischten suy . ^ beiden Gattungen stark, so daß schließlich kaum mehr
gelöst und vorderhand nicht wieder eiuberufeu werden soll. Gleichzeitig soll das Land aber auch, wie mau vernimmt, in der Person des Erzherzogs Josef einen königlichen Statthalter bekommen, der mit ähnlichen Vollmachten ausgestattet werden soll wie seinerzeit Erzherzog Alb recht. Hierauf sollen auch die letzten Audienzen des Erzherzogs Joses in Wien zurückzuführen sein. Die Wahl soll deshalb auf die Person dieses Erzherzogs fallen, weil die Popularität dieses un g ar i sch eit Prinzen das beste Gegengewicht gegen diese rein absolutistische Maßregel bieten soll. Man sagt, daß freundnachbarliche Winke seitens unseres deutschen Alliierten, der eine dauernde Schwächung unserer Heeresmacht befürchtet, bei diesen so plötzlich geplanten Maßregeln eine ebensolche Ralle gespielt haben sollen wie etwaige Befürchtungen des Herrschers inbezug des Konfliktes unserer Monarchie auf dem Balkan im Ausflüsse unseres Zollkrieges mit Serbien. Jede Eventualität soll uns vollkommen gerüstet finden. Nach Auflösung des Reichstages soll die Eintreibung der Steuern und die Anordnung der Rekrutierungen mit Berufung ans die Zwangslage des Staates mittelst königlichen Ediktes anbefohlen werden. Natürlich sind dies unverfälscht absolutistische Maßnahmen, gegen die es an Widerstand sowohl seitens der Nation, der Komitate, sowie der Oppositions-Männer nicht fehlen wird. Doch soll daun gegen diese und namentlich gegen letztere, die keine Immunität mehr schützt, in der energischesten, rücksichtslosesten Weise vorgegangen werden. Werden sich erst die Kerkertüren hinter den lautesten und gefährlichsten Schreiern schließen, so lvird auch, so hofft man oben, der Widerstand der Nation gebrochen werden können und es wird die „Einsicht der Resignation" eintreten. Möglich auch, daß dieses grausame Kalküle äußerlich zumindest ein- schlägt; eine kardinale Lösung der Krise wird auch dies nicht bedeuten können. Die ungarische Nation klammert sich in ihren Hoffnungen au Lest Eid dcS Königs, und in ihrer Fnsperatiou — an die Lehren der Geschichte . . . Und Hoffnung wie Verzweiflung gipfelt in der unwiderleglichen Erkenntnis, daß eine Nation, die sich s e l b st nicht ausgibt, vielleicht augenblicklich geknebelt, doch niemals für alle Zeiten gebrochen oder besiegt werden kann.
Jteini Gorki über Mitte.
Über den Grafen Witte urteilt Maxim Gorki in einem Briefe an den bekannten englischen Sozialisten Hyndman folgendermaßen:
„Das russische Proletariat kämpft bewußt für die politische Freiheit, die cs dringend braucht, und cs hat der Regierung das Manifest vom 30. Oktober durch seine eigene Kraft abgerungcn. Man erzählt Ihnen, dieses Manifest sei eine Tat des freien Willens des
eine genaue Grenze zwischen Ballade und Romanze zu ziehen war. Die nordischen Balladen fanden durch die Herderschen Übersetzungen in Deutschland schnell weite Verbreitung und Beachtung. Durch die volkstümlichen Vorbilder angeregt, versuchten es jetzt deutsche Poeten mit der episch-lyrischen Dichtungsform der Ballade. Bürger ist der Schöpfer der deutschen Ballade, die in kurzer Zeit durch Goethe, Schiller, Ilhland und Heine zur höchsten künstlerischen Blüte gebracht wurde.
Zugleich mit dem Erscheinen der Ballaüenöichtungen Bürgers ((Leonore, die Pfarrcrstochter von Tauben- Hain, der Kaiser und der Abt, die Weiber von Wcins- bnrg n. a.) tauchen auch die ersten Valladenkompvsitionen ans. Die Namen Andre (der Gründer des bekannten Mnsikverlages in Offenbach), A m i b i u s Kunze n, Corona Schröter (die berühmte Sängerin) n. a. kennzeichnen neben Rudolf Zumsteeg und dem jüngeren I. F. Reichardt, Karl Friedrich Zelter und Bernhard Klein die erste Entwick- lnngsphase der Balladenkomposition. Zunächst blieb man ganz alltäglich im Konventionellen stecken. Die einzelnen Strophen der Dichtung wurden ein und derselben 8- resp. lOtaktigen Melodie nntergelcgt und der Reihe nach abgesungen. Es blieb dem Sänger überlassen, die meist völlig gleichgültigen, mit höchst primitiver Klavierbegleitung versehene Melodien je nach den: Inhalt der betreffenden Strophe charakteristisch zu nuancieren. So ist beispielsweise von Corona Schröftr der „Erlkönig" über eine gemächlich heitere achttaktige Melodie komponiert, bei der man vergeblich nach irgend welchen Beziehungen zwischen Dichtung und Musik forscht. Ernsthaft unternahm cs zum ersten Mal der schwäbische Tondichter I v h a n n Rudolf Z u m st e e g (1760—1802) die Ballade musikalisch auszugestalten, ihr eine durch den Gang der Dichtung bedingte freiere und mannigfaltigere Form zu geben. Im Ausdruck gelingt Znmstecg vieles für die damalige Zeit überraschend, in der technischen Gestaltung dagegen kommt er kaum über die Konvention seinerzeit hinaus, über-
Zarcn gewesen: die Wahrheit ist, daß es eine Trophäe des Sieges des Volkes ist.
Sofort nach der Veröffentlichung des Manifestes in Petersburg ersannen Gouverneure nnd andere hohe Beamte einen Anschlag gegen das Volk, einen Anschlag, dessen Zick war, zu zeigen, das rnssische Volt sei noch nicht fähig, die Segnungen politischer Freiheit zu würdigen oder sic in angemessener Weise zu benutzen. Ter Anschlag wurde nachher in der Presse von einem der Mitverschworcneu enthüllt. Die Ergebnisse dieses Anschlages waren die brutalen Überfälle auf die Inden, diese großen Dulder, auf die revolutionären Jntellel- tnellen nnd auf die Arbeiter.
Sie haben von diesen weisen' Taten der russischen Regierenden gelesen. Diese Leute haben ein Verbrechen begangen, das in der Geschichte der Menschheit nicht seinesgleichen hat, ein Verbrechen, für dessen Gemeinheit einen Namen zu finden unmöglich ist. Es ist vielleicht für mich kaum nötig, zu erklären, daß die Quelle des in Rußland herrschenden Zustandes der Anarchie in der russischen Regierung, und zwar im Haupte dieser Regierung, dem kraftlosen, wankelmütigen Sergius Witte, gesucht werden muß. Es heißt, daß dieser Mann von der Bourgeoisie Westeuropas und Amerikas als ein großer Staatsmann betrachtet wird. Wenn das wahr wäre, würde es mir leid tun.
Ich habe eine sehr hohe Meinung von der Intelligenz und der Verstandesschärfe der Bourgeoisie des Westens, und eS fällt mir schwer, zu begreifen, wie jemand staatsmünnische Begabung und Klugheit in einem Manne finden kann, der sein Land zugrunde richtet und es jetzt stückweise ansverkauft. Denn sein Vorschlag, die russischen Eisenbahnen ausländischen Kapitalisten zu verpfänden, kann nur türkische Politik genannt werden, die in Rußland nicht einmal Blödlinge für intelligent halten.
Seit dem 30. Oktober hat Wittes Regierung frei und offen das rnssische Volk herausgefvröert und versucht, durch Mnsspielnng der Nationalitäten gegeneinander, von Klasse gegen Klasse, von Stadt gegen Land und von Dorf gegen Dorf der russischen Revolution einen anarchistischen Charakter zu geben. Alle Handlungen der Regierung in den Monaten Oktober, November und Dezember bis zum heutigen Tage sind offene Verbrechen gegen die vom Volke errungenen und als ihm gehörig anerkannten Rechte gewesen: und es ist reichlich Grund zu der Annahme, daß diese Verbrechen vorsätzlich geschehen sind, um das Volk zu reizen, es in den Aufstand zu treiben nnd seine Kraft durch die Kraft der Armee zu brechen.
„Das Proletariat ist geschlagen, die Revolution üt ausgerottet", kreischt unsere reaktionäre Presse in boshaftem Entzücken. Dieses Entzücken ist verfrüht. Das Proletariat ist nicht geschlagen. Wenn sic auch Verluste erlitten hat, ist die Revolution doch durch neue Hoffnungen gekräftigt, und während dieser Tage haben sich ihre Reihen gewaltig verstärkt."
dies fehlte cs Znmstecg an schöpferischer Ursprünglichkeit, um dauernd Wertvolles zu schaffen. Aber er blieb ein sicherer Pfadfinder. Und wenn seine ihn überlebenden Zeitgenossen, Reichardt und Zelter, vielleicht reicher begabte Musiker waren, ans dem Gebiete der Ballade sind sie jedenfalls nicht über Znmstecg hinaus gekommen. Im Gegenteil, die Balladcnkvmpositioncn der beiden Berliner Tonsetzer (Reichardt 1752—1811 wa>- Hof-Kapellmeister, Zelter 1758—1832, der Freund nnd musikalische Sachverständige Goethes, Direktor der Singakademie) reichen nur in wenigen Fällen an die Znm- steegschen großen Schöpfungen heran. Die Balladen Bernhard Kleins, des Berliner Kirchenmusikdirektors (1793—1832), weisen zum Teil bereits plastischere mnsika- lichere Gestaltung und schärfere Charakterisierung ans Sie stehen in der formalen Entwicklung ungefähr au-' einer Stufe mit den wenigen reinen Balladen- schvpfungcn Franz Schuberts, ohne die letzteren an musikalischem und überhaupt künstlerischem Wert entfernt zu erreichen.
stein in der Entwicklung der Balladenkompositiom Hier haben wir mit einem Schlage die moölbrnc Ballade vor uns, die mit scharfen Strichen in 'ebensorübende- warben dur Vorgänge der Dichtung illustriert und die ganz aus der poetischen Grundstimmung des Ganzen cmporwachst. Zum erstenmal wird die Begleitung das Klavier zu charakteristischen tonmalerischen Wirkungen herangczogen. Zum erstenmal ist hier auch die Text- ^ dichterischen Intentionen gemäß durch-
w shr. a l S £ roc ' der Großmeister der Ballade, dem dreie Kunstgattung ihre volle Ausgestaltung nach w stftchtungen Inn verdankt, fand in den Schnbert- ichen Vorbildern die wesentlichen Momente für den weiteren Ausbau vor. Löwe schuf seine Balladen, je nach oer Gliederung und dem Gründcharakkcr der Dichtung, nach verschiedenen Prinzipien. Neben den kunstvoll st gearbeiteten und öurchkomponierten Wvrtton- gedichtcn, bei denen die innere Einheit bald durch leit-
