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Wiesbadener Tsgblsü

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Erscheint in zwei Ausgabe». — Bezugs-Preis: durch den Verlag So Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. SO Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

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e 9 ^ - erscheinenden Ausgabe, wie für d,e Anzetgen-Aufnahme an bestimmt vorgeschnebenen Tagen wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.

Up. 48. Berlags-Fernsprecher N». 298». DikttStag, de» 80. JaNNttr.

Redaktions-Fernsprecher No. 52.

1906 .

Morgen - Ausgabe.

1. Mtcrtt.

Irrv Ieövucrr urrö Wävz

auf das

„Wiesbadener TagbLatt"

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im Verlag Fanggasse 27 , bei den Ausgabestellen, den Zmrig - Grpeditioneu

der Nachbarorte,

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ßn große Wlltzlslkg Ser WlW» Klberoleo.

o~ V n iS5 Londoner n-Korrespondent schreibt unterm «i. d. M.:

v;m Augenblick stehen noch 39 Wahlergebnisse aus, aber der volle Umfang des Sieges der liberalen Parier mtzt sich bereits beurteilen. Diese wird im Haus der Sememen voraussichtlich über 610 bis 515 Stimmen, me Unionisten aber nur über deren 156 bis 160 ver- lugen. Allerdings sind in erstercn Zahlen etwa 120 strbertervertreter und Iren inbegriffen, die sich von Mer auf die Seite der Liberalen zu stellen pflegen, singen sie tzcdoch mit den Unionisten, was völlig ausge- lchlossen ist, so würden die Liberalen noch immer über Me Stimmenmehrheit von 115 besitzen. Welchen Ge- manch diese von ihrem ungeheuerem Übergewicht machen werden, läßt sich vorläufig noch nicht ermessen, man hat sie weder ihres Programmes wegen darum an die Spitze der Geschäfte berufen, weis |,e besonders begabte und bewährte Staatsmänner auf- Zuweisen haben. Die Mitglieder des Kabinetts sind ö- B. als solche durchgehends Neulinge, und ein Pro­gramm haben sie nicht, beziehungsweise es wurde bis­her noch nicht veröffentlicht. Sehr viel wird nun raranf ankommen, ob Sir Henry Campbell-Bannerman and seine Kollegen im Ministerium ihre Eigenliebe so Ueit^ verleugnen können, daß sie sich eingestehen, nicht hm ihrer selbst willen, sondern nur berufen worden zu weil das Volk nach zehnjähriger Mißwirtschaft mr Tories und ihrer Verbündeten überdrüssig war. ( ~ te ganze Sache läuft auf ein nationales Mißtrauens­votum gegen Mr. Balfour und nicht ans ein Ver- 'auensvotum für den neuen Ministervräsidenten hin­aus, wie schon daraus hervorgeht, daß selbst Mr. Glad- mnc, als seine Volkstümlichkeikt geradezu in Ver­

götterung ausgeartet war, nie einen nur annähernd so glänzenden Wahlsieg errang. Diesen dürfen die Liberalen auch nun- und nimmermehr einem einzelnen Einfluß, wie z. B. der Begeisterung für den Freihandel zuschreiben, wiewohl es keinem Zweifel unterliegt, daß die Spaltung, die Mr. Chambcrlains Fiskalpolitik unter den Unionisten verursachte, sowie die Mißbilligung dieser in den Kreisen der Arbeiter viel dazu beitrug. Das gleiche gilt von der Chinesenfrage in Transvaal, von dem Erziehungsgesetz, dem Armeeskandal und vielen anderen. Die Führer der Liberalen erklärten aus Partei-diplomatischen Gründen immer und immer wieder, es handle sich bei dem Kampf einzig und allein um die Frcihandelspolitik, aber die Wähler selbst wür­den das gewiß nicht zugeben. Der Durchschnittsmann, wegen seiner Stellungnahme befragt, dürfte erklären, daß er in 1900 für die Unionisten stimmte, weil die Haltung der Radikalen im Zusammenhang mit deni Burenkrieg damals eine patriotische war, und daß er seine Stimnie jetzt für die letzteren abgab, weil er An­laß hatte, mit der alten Regierung unzufrieden zu sein. Andere, die sich etwas eingehender mit Politik befassen, vermögen tiefere Gründe vorzubringen. Unter diesen ist der beliebteste in den Kreisen der Arbeit die Beschäf­tigung der Chinesen in den Minen auf dem Rand. Man hat ihnen, um die Erbitterung gegen die Unionisten zu schüren, eingeredet, die Kulis nähmen ihnen die Arbeit weg, aber Sir Henry Campbell-Bannerman und seine Minister, die vor den Wähler,! wohl mit solch un­sinnigen Behauptungen, nicht aber vor der Oppositions­partei im Unterhaus bestehen können, befinden sich darum nun in einem Dilemma. Sie wissen genau, daß die Beschäftigung der Chinesen in Transvaal aus wirt­schaftlichen Gründen unvermeidlich ist, möchten das aber im Parlament natürlich nicht zugeben, und so erklären sie denn jetzt, die dreijährige Verdingung jener Arbeiter und die Beschränkung ihrer Rechte während dieser Zeit laufe auf Sklaverei hinaus, die sich mit der politischen Moral Großbritanniens nicht vertrage, und so müsse dem Skandal ein Ende geniacht werden. Das soll ge­schehen, inden, inan dem Transvaal Selbstregierung verleiht und ihm die Entscheidung der Sache überträgt. Cs steht da der mit den Liberalen verbündeten Arbeiter­partei die erste Enttäuschung bevor, denn die Chinesen werden selbstredend bleiben, doch die Verantwortung dafür wird scheinbar die Transvaalregierung und nicht Herrn Bannerman treffen. Im übrigen dürste sich sehr bald die alte Erfahrung bestätigen, daß das Volk mit den Liberalen stets schnell unzufrieden wird, und binnen spätestens sechs Jahren werden sie wieder den Laufpaß erhalten. Bis dahin dürften sich die Unionisten erholt und unter der Führung Chambcrlains mit fliegendem Banner wieder an der Spitze marschieren.

Ardeiterelend aus Sizilien.

In den letzten Jahren sind die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse Siziliens auch in Europa dies­seits der Alpen mehr und mehr in den Bereich des öffentlichen Interesses gerückt, namentlich in dem Maße, in dem die vielfach grauenhaften Verhältnisse in den sizilianischen Schwefelbergwerfen in weiteren Kreisen bekannt wurden. Inzwischen sind von dem sonnigen Jnsellande mancherlei Bruchstücke über Leben und Leiden der Arbeiterbevölkerung zu uns gelangt, aber es fehlt an einem zusammenhängenden Bilde und es ist ein Verdienst von Dt. Wermert, daß er in seinem ganz vorzüglichen, vor kurzem erschienenen Werke über „die Insel Sizilien in volkswirtschaftlicher, kultureller und sozialer Beziehung" speziell von den Arbeiterver­hältnissen eine zusammenhängende Darstellung ge­geben hat.

fasser — herrscht ein solches Proletarierelend als in dem gesegneten, sonnenglitzernden Hesperidenlande." Das Elend der Landarbeiter, die Verkommenheit der Schwefelbergleutc, die Bedürftigkeit der Hirten sind kaum zu beschreiben. In der Niedrigkeit der Löhne und der dadurch bedingten Lebensweise findet diese Tat­sache ihren Ausdruck. Man hat zwischen Tagelöhnern und ständigen Arbeitern zu unterscheiden, die ersteren sind in der Mehrheit. Der höchste Tagelohn, der in der Gegend von Palermo gezahlt wird, beträgt in baar zwei Mark. Je weiter von dem Zentralpunkte entfernt, desto niedriger werden die Lohnsätze. In vielen Gemeinden werden nur 1 bis 1.40 Mark bezahlt. Der Lebensunter­halt erstreckt sich bei solcher Löhnung nur auf Brot und eine Suppe von Hülsenfrüchten oder Kraut, d. h. Grün­zeug. welches die Frauen oder Kinder draußen von den Bergen geholt haben. Eine Suppe von Maccaroni oder Reis gehört bei den Arbeitern bereits zu den feineren Mahlzeiten, die der gewöhnliche Mann sich keineswegs täglich zu leisten vermag. Fleisch gibt es nur zu beson- ders festlichen Gelegenheiten, wie bei der Feier des Schutzheiligen oder an sonstigen hohen Festen, demnach nur einige seltene Male im Jahre.

Einen wichtigen Faktor in dem täglichen Lohne spielt der Vitto, d. b. der in Gestalt äußerst dürftiger Mahl­zeiten gewährte Naturallohn. Es gibt Orte, z. B Patti, in denen der tägliche Arbeitslohn mit Vitto 40 bis 60 Centesimi 135 bis 40 Pfennige) ausmacht und die Frauen 20, 25 oder höchstens 30 Centesimi verdienen. In Mirto verdient die Frau mit Vitto den Hungerlohn von 10 Centesimi für ihre Arbeit während des ganzen langen Sommertages. Dabei kostet Kuhfleisch 1.60 Lire (1.20 Mark), Schweinefleisch 1.—, Hammelfleisch 1.10 ^.rre, Brok oO, Reis 40 Centesimi für 1 Kilogramm.

Fe uillet on.

(Nachdruck »erdoNn.)

Merhanö Iteckenpferöe.

Plauderei von Heinz Volkmann.

Man weiß, daß sich die Gewaltigen der Bretter wäh- der Mußezeih die in ihren nervenanspannenden fthhus fällt, gar zu gern in den Port eines Zeitvertreibs I ochten. Hier sammeln und erholen sie sich; hier suchen sso finden sie neue Kraft, Zuweilen muß man sogar fttaunt sein über die Vielseitigkeit, die sie in dieser Hin- Mt an den Tag legen. So findet Sarah Bernhardt .hliges Vergnügen daran, heute womöglich einen Auf- ! Ic 0 im Ballon zu unternehmen, morgen dagegen, nach- Zll sie glücklich gelandet, in echter Sumpswildnis sich r" .hiner Jagd ans wilde Enten zu beteiligen. Dabei , "sststellert sie, überwacht mit sicherem Auge das Her­ren ihrer Kostüme und meißelt Büsten oder Statuen. hMnso malt sic vorzüglich. Auch Preise hat stc aus ,-1en Kunstgebieten wiederholt bekommen. Ihre Lands- Mnnin, die R6jane, die, bevor sie ihr wunderbares Gc- ims Ungsgenie erkannt, Telegraphistin werden wollte, - 4 noch heute kein angenehmeres Geräusch kennen als M Tipptipp des elektrischen Apparats. Wahrscheinlich damit holde Erinnerungen aus den Tagen der fugend verknüpft. Pauline Lucca und Charlotte L°lter hatten vor, sich mit der Nähnadel ihr tägliches zu erwerben. Wenn die erstere, diese umiber- uMrche „Selika" und „Margarete", „Frau Fluch ..Mignon", eines Tages unbeschäftigt war. kannte ßu* kin größeres Vergnügen, als eigenhanorg rhre cm^crobe instand zu bringen. Und ähnlich hielt es st.-?? die Wolter, diese große Tragödin der deutschen Mhne. Stella Hohenfels, noch heute eine Stutze und Stern des Hofburgtheaters in Wien, kam direkt aus to"** Konfektionsgeschäft der Leipzigerstraße zu MUin auf die weltbedeutenden Bretter: was Wunder, ihre Toiletten, die sie selber zu kompomeren

pflegt, einen Geschmack bekunden, der den Neid ihrer Kolleginnen erregt. Mrs. Langtrey, der ausgelassene Liebling der kunstfrohen Bevölkerung Londons, be­trieb als junges Ding die Milchwirtschaft —der bos­hafte Schnack behauptet sogar, sie sei Kuhmagd gewesen. Eleonore Düse wollte durchaus Nonne werden. Ob die große Tragödin noch heute Hang für das Klosterleben an den Tag legt, habe ich leider nicht ergründen können. Jedenfalls ist nicht ausgeschlossen, daß er sich noch ein­stellt —- gemäß der alten Weisheitsregel: „0n revient toujours ses premiers amours!"

Was das starke Geschlecht betrifft, so füllt es seine Mußestunden wohl vorwiegend aus durch Spori, Freudigkeit am sammeln seltener oder Kunstgegen­stände und durch literarische Liebhabereien. Damit ist selbstredend nicht gesagt, daß es nicht auch hin und wie­der einer anderen Nebenbeschäftigung niit starkem In­teresse nachhänge. Niemann, dieser gottbegnadete „Tannhäuser" und „Vasco de Gäma", „Rienzi" und „Johann von Leyden", „Lohengrin" und „Florestan", versteht auch mit Pinsel und Palette ganz ausgezeichnet umzugehen. Ein anderer großer Wagnersänger, Theodor Reichmann, das langjährige Mitglied der Wiener Hofoper, incinte das Gold, das er sich in seiner Blütezeit so leicht znsammensang, nicht vorteilhafter an- legcn zu können, als indem er ein Engros-Weingeschäst ins Leben rief. So kam cs, daß der herrlichste „Flie­gende Holländer" seiner Zeit bedächtig Weinproben über seine Zunge gleiten ließ und „König Marke" sich in ewigen Ängsten. vor der Reblaus befand. Der Künstler, der ja gleichfalls aus dem Kaufmannsstandc hervorgegangen war, tat eben damit dar, daß die Liebe zu jenem weder durch Ruhm noch durch Lorbeeren völlig erstickt worden. Allein Merkur wollte offenbar von seinem abtrünnigen Jünger absolut nichts mehr wissen. Das Unternehmen ging scharf in die Brüche, und Reichmann büßte dabei den weitaus größten Teil seines beträchtlichen Vermögens ein. Glücklicher war Betz, der andere berühmte Bariton aus dem letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts, bei seinen kaus-

manmjchen Exkursionen. Der Künstler spekulierte nnt kolossalem Erfolge in Häusern und Grimdstücken im Westen Berlins. Der große „Hans Sachs", der herrliche „Ton Juan" verfolgte mit Kennerblick die Entwickelung der Millionenstadt und kalkulierte haar- scharf, wre und wo sich ihr Baubedürfnis am ehesten ernstellen und entfalten würde. Betz hat infolgedessen wie auch seiner hoch geordneten wirtschaftlichen Ver­hältnisse wegen bei seinem Tode ein überaus stattliches Vermögen hinterlassen. Emil Devrient gefiel sich ini Privatleben als Burgherr. Es geschah mit mehr Pose als Natürlichkeit. Der von seinen Zeitgenossen — zumal von den Frauen — so vergötterte „Marquis Posa" und „Tasso". war auch in dieser seiner Privatrollc ewig Schauspieler. Nur daß er sich aus den Brettern offen­er mehr zu Hause wußte. Es soll geradezu unangenehm berührt haben, wenn der eitelc, ewig jung schön sein wollende Mime sich mit den Allüren eines echt blau- blntigen Aristokraten ansstaffierte.

.„Großen Reiz scheint auf unsere modernen Bühnen­künstler die Beschäftigung mit der Landwirtschaft ans- znuben. Darüber darf man sich auch keinesfalls wun­dern. Was für cm Zauber muß darin liegen, wenn man sich aus der Welt des Scheins in dieieniae Jwa Seins flüchten darf, aus der dicken, staub- und varfum- gefüllten Luft des Theaterraums in die so reine friL der lieben Gottesnatur! Der große Pianist Paderewski schwärmt für Schafherden und Gestüte für GeWa'el- und MUchwirtich»,,. s„ S"Äl * « e^cuso zuhause tote tn einem Klaviersessel den Tasten gegenüber. Allein selbst innerhalb dieses so idyllischen Privatvergnügens ereilte ihn einmal das Verhängnis mn> ^is^r^c kei einem befreundeten Landwirt zu Be­such, als an ihn das Anerbieten erging, das Engage­ment für eine amerikanische Tournäe anzunehmen. Es yandette sich um die Kleinigkeit von einer Million Mark J3 000 Mark für jeden Abend. Allein seine ^cgeisterung für die Wonnen des Landlebens hielt ihn gleichwohl nicht ab, auf den so verführerischen Antrag einzugehen. Der bekannte Heldentcnor Anton Schott