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5«. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: durch den Verlag 5« Pfg. monatlich, durch die Post 2 Mk. 50 Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

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litt rtfür die Abend-Ausgabe bis 12 Uhr mittags, für die Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr nachmittags. — Für die Aufnahme später cingcrcichter Anzeigen zur Nlichsi- (»iiikiih ii jviihihi»»* erscheinenden Ausgabe, wie für die Anzeigen-Anfnahme an bestimmt vorgeschriebcncn Tagen wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.

j|tö. 42» Verlags-Fernsprecher No. 2958.

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Morgen - Ausgabe.

1. Mtcrtt.

Graf Hohenthal will dem Sachsenvolk eine neue Konstitution geben, ein neues Wahlrecht, mit dem die Unbill der vor acht Jahren stattgehabten Wahlentrech- tnng mindestens soweit wieder gntgemacht werden soll, daß die stärksten Beschwerden der Verkürzton einiger­maßen befriedigt werden. Wir wissen nicht, ob Gras Hohenthal die Erbschaft des Herrn v. Metzsch mit Vor­behalt oder iir großem Umfange anzutreten gedenkt. Im .letzteren Falle würde er sich über einen Reformvorschlag .zu entscheiden haben, den Mar Bewer unterbreitet hat, und mit dein sich Herr v. Metzsch, wie der Urheber der Idee im „Tag" erzählt, schon eingehend beschäftigt hot. Ter Vorschlag geht dahin, an die Stelle der Unter­scheidung nach Besitz und Bildung die Unterscheidung nach dem Alter eintreten zu lassen. Hiernach sollen oie Wähler vom 25. bis zum 40 Lebensjahre eine, die zwi­schen dem 40. und dem 55. Lebensjahre zwei und die Wähler über 55 Jahre drei Stimmen besitzen. Herr v. Metzsch hat sich nicht damit begnügt, seine statistischen Erhebungen nur ans das Königreich Sachsen zu be­schränken, sondern er bat die preußische Regierung er­sucht, in zwölf preußischen, den sächsischen Verhältnissen sehr ähnlich liegenden Landtagswahlbezirken Ermitte­lungen vorzunehmen. Das Ergebnis war, daß von 100 Urwählern im 25. bis 30. Jahre ungefähr 5414 Prozent sozialdemokratisch wählten. Dagegen wählten von 100 Urwählern im 30. bis 40. Jahre nur noch 29 Prozent sozialdemokratisch: von 100 Urwählern im 50. bis 60. Lebensjahre nur noch 14 Prozent, von 100 Urwählern im 60. bis 70. Lebensjahre nur noch 7 Prozent, von 100 Ur­wählern über 70 Jahre nur 6 Prozent. Die Schluß­folgerungen, die Herr Bewer und anscheinend auch Herr d. Metzsch gezogen, braucht man sich nicht erst auszu­malen, sie ergeben sich leicht genug. Es ist begreiflich, daß aus den mitgeteilten Ergebnissen geschlossen wird, die Zuriickdrängnng der Sozialdemokratie werde die be­quemste Sache von der Welt werden, wenn man das Wahlrecht der jüngeren Lebensalter, in denen der sozial­demokratische Ungestüm vorwaltet, dadurch entwertet, daß man den höheren Lebensaltern, in denen sich der politische Most gesetzt hat, ein erhöhtes Wahlrecht ein- ränmt. Die Sache müßte itm so besser gelingen, je selbstverständlicher es ist, daß die Angehörigen der hand­arbeitenden Klassen die höhere Altersgrenze nicht in so großer Zahl erreichen wie die Mitglieder der sonstigen Berufe. Ta man einmal dein: Reformieren ist, so dekre­tiert es sich ferner leicht, daß das Wahlrecht erst mit dem

Freitag, den 26 . Januar.

30. Lebensjahre beginnen soll. Die moralische Berechti­gung hierzu wird aus der Forderung der Sozialdemo­kratie entnommen, die das Wahlrecht schon mit dem 21.Lebensjahre beginnen lassen will, und die Erwägung dabei ist: Wenn es kein Verfassungsbruch sein soll, daß bereits mit 21 Jahren statt, wie jetzt, mit 26 Jahren ge­wählt wird, so kann es auch fein Vcrfassnngsbruch sein, daß fortan erst mit.30 Jahren statt mit 25 Jahren ge­wählt werden soll. Eine kritische Prüfung des Bewer- schen Reformplanes kann füglich unterbleiben, solange inan nicht darüber unterrichtet ist, ob die sächsische Regie­rung, der dieser Plan allerdings ausnehmend zu ge­fallen scheint, wirklich die Absicht hat, ihre Reform-Vor­lage auf dieser Grundlage auszubauen. Einstweilen interessiert das Gefallen der sächsischen Machthaber an der Idee mehr als diese Idee selber, und dies Interesse wächst noch,, wenn man hört, daß die preußische Regie­rung ebenfalls entsprechende statistische Ermittelungen angestellt hat, deren Ergebnisse den: Fürsten Bülow und Herrn v. Bethmann-Hollweg vielleicht so gut behagen, daß auch sie dem Gedanken einer Wahlrechtsändernng auf der Basis des Altersunterschiedes näherzutreten wünschen. Man muß wohl sagen: Der Vorschlags hat für jeden etwasGewinnendes, der derForderung gleichen Wahlrechts dem Scheine nach entsprechen möchte, die wirkliche Gleichheit aber aus Besorgnis vor sozialdemo­kratischer Überflügelung zu versagen gedenkt. Jeden­falls hat der Vorschlag die Originalität für sich, und man muß sich eigentlich wundern, daß unter den zahl­reichen Ideen, mit denen Berufene und Unberufene sich an der Lösung der Wahlrechtsprobleme in Deutschland und anderwärts versucht haben, noch niemals die anf- getaucht ist, die eine Unterscheidung nach dem Alter empfiehlt.

Politische Meesrcht.

Polnische Bestrebungen.

Eine interessante Nachricht kommt aus den baltischen Provinzen. Man erfährt nämlich von dort, daß sich polnische Großgrundbesitzer unter der Hand beniühen, die Güter der deutschen Grundherren zu erwerben, die durch die lettische Revolution einstweilen vertrieben wor­den sind. Über den Erfolg läßt sich zunächst wohl nichts sagen, obwohl anzunehmen ist, daß die Bestrebungen des Polentnms, sich dort festzusetzen, umsonst sein dürften. Jedenfalls verdient dieser neueste Fcldzugsplan des Polonrsmns alle Aufmerksamkeit. Er zeigt, wie be- dachtsamwind in wie organischer Weise vorgegangen wird: er zeigt aber auch, daß sich der polnische Groß­grundbesitz materiell stark genug fühlt, urn eine neue, gewiß nicht geringfügige Ausgabe aus sich zu nehmen.

Re-akti«ns-Fcr«1prccher No. 52. 1866.

Man hört nichts darüber, ob sich auch Polen aus unseren Ostmarkcn an den erwähnten Bemühungen beteiligen, oder ob es nur ihre Landsleute in Russisch-Polen sind, die eine Erweiterung ihres Machtbereichs nach Norden hin anstreben Es wäre nicht unwichtig, Näheres h:er- über in Erfahrung bringen zu können.

Lehrermangel.

Nach der letzten amtlichen Schulstatistik vom 27.Junl 1901 hatte der preußische Staat für 5 670 870 VolkS- schüler 104 082 Schulklassen eröffnet, aber nur 89163 Lehrerstellen eingerichtet, von den 1862 unbesetzt waren. Sollte keine Schulklasse mehr als 60 Schüler zählen, so müßte der preußische Staat nach dein augenblicklichen Stande der Verhältnisse 40 000 Lehrkräfte mehr an­stellen. Die Regierung setzt- alle Hebel in Bewegung, um die bestehenden Lehrerbildungsanstalten zu füllen, und gründet neue Lehrerseminare und Präparanden- anstalten. Vielleicht gelingt es auch, die Lücken auszn- füllen. Aber wie steht es mit der Qualität dieser mit Mühe und Not zusainmengebrachten Anwärter auf ein Volksschulamt? — Auf diese Frage hat noch kein Ge­heimrat eine befriedigende Antwort gegeben, auch der Herr Kultusminister nicht. Trotzdem ist das Herrcn- haus in seiner Sitzung von: 3. März v. I. über d:e Petition des „Preußischen Lehrervereins" um Revision des Besoldungsgesetzes ohne Debatte zur Tagesordnung übergegangen. Nicht ein Wort. — Beredter hat noch nie eine parlamentarische Körperschaft ihre bildungs­politischen Anschauungen zum Ausdruck gebracht. IX

Italien und Montenegro.

m. Rom, 23. Januar.

Die italienisch-montenegrinischen Handelsbeziehun­gen entwickeln sich in bemerkenswerter Weise. Es be­stehen jetzt zwei italienische Schiffahrtslinien zwischen den beiden Ländern, die apnlische und die neue venetia- nische. Die letztere hat den bisher der englisch-monte­negrinischen Handelsgesellschaft gehörigen Dampfer „Danitza" gekauft und noch einen weiteren Dampfer, den „Spiro", für jene Verbindung in Dienst gestellt, einen dritten Dampfer beabsichtigt dieselbe Gesellschaft dem- nächst zwischen Wirbasar und Skutari verkehren zu lassen. In kurzem wrrd ferner der Ban der Bahn von Antivari nach Wirbasar, die erste, die überhaupt in Montenegro ausgeführt wird, ebenfalls ein italienisches Unternehmen, beginnen. Durch diese Verbindung, gegen die von albanischer Seite immer lebhaft agitiert worden ist, werden Skutari und Cettinje für den italienischen Handel leichter erreichbar. — Die Eingewöhnung in. die neue Ordnung der Dinge geht, Nachrichten aus Monte­negro zufolge, nicht ganz glatt vor sich. Die „alte Garde" unter den Ministern, Männern wie Voivode Bojo Petrowitsch, der vor Einführung des Parlamentarismus

Fenilleton.

Ae Zeit der Reftrwäiimst in der Knrtngrnphie.

Wer nicht selbst etwas Erdkunde studiert hat, wird ftcfj schwer eine richtige Vorstellung davon machen können, eine wie lange Geschichte von Abenteuern,

Und tüchtiger Arbeit hinter jedem Kartenblatt steat, oav via,: heute in irgend einem Atlas aufschlägt. L^:e Ge­schichte der Kartographie ist überhaupt zu einen: vc-

londern Forschungsgebiet geworden, das wichtige uno ssuch das allgemeine Interesse in höchstem Grade jestelm e Ergebnisse aufzuweisen bat. Ein in jeder HurstHt tresf- üches Werk dieser Richtung ist jetzt von den: Münchener Geographen Christian Sandler unter dem -itel. Reformation der Kartographie um 1/00 veroffen.licht lvorden. Es besteht aus einem großen, hervorragend vusgestatteten Atlas und einem auf wenige Seiten z: - lammengedrängten Text, der in diesem geringen Um- ^ang eine geradezu erstaunliche Fülle von Tatsachen :m «eitn« Arbeitsergebnissen bringt. Die Kartographie hat selbstverständlich eine ganze Reihe von Resorma lonen Wrchgemacht seit ihren ersten ansehnlichen Anfängen, *.1 e sich namentlich in den Werken des Ptolemnuv ver- io n>cr„. Jedoch hat Sandler ohne Zweift-l rechst weim r eine Reformation um das Jahr 1700 besonders als °% bezeichnet, die mit der Erwerbung ^y' ite 3 = «niten Kenntnis, der Erdgestalt in engstem !'°ng gestanden hat. Der Laie wird äußerst nberiascht zu hören,. wie ungenan und fehlerhaft die -^orteii- ^slder vor dieser Reformation gewesen pnd, uno er wird -esen Emd'.: ck schon aus den Karten des ^aadlerschen Hasses en^ r innen können, die zum dtnschauft hsten ge- "ren. was sin dieser Beziehung m der Kartographie '-'bor überhaupt geleistet worden 'st. «andler ha.

. c ; r üd; dafür gesorgt, daß auch das ungeübte Aug- • _ Ehler dp r attr-n Karten sofort sehen kann, "wem

'^sichtiges Blatt mit der richtigen Zoiümnng dev be-

^ffenden Erdgebiets darübergelegt ist. ^le ^rrtumer

der Karten vor der Zeit ihrer Reformation erscheinen danach als fast verblüffend groß, und zwar nicht nur mit Bezug aus die Küsten ferner Erdteile wie Amerika und Ostäsien, sondern auch innerhalb der ältesten Knltnr- reiche Europas. Das Mittelländische Meer wurde bis ins 17. Jahrhundert hinein ganz verzerrt dargestellt, und der niederländische Kartograph Blaen, der zuerst daraus hinwies, äußerte in Kürze, daß ganz Europa auf den Karten zu lang gezeichnet würde. Diesem Karto­graphen ist auch das Verdienst zuzusprechen, daß er zu­erst Schritte zur Verbesserung dieser Fehler unternahm und die Längenausdehnung des Mittelmeeres, das bis dahin um zwanzig Längengrade zu groß angenommen wurde, ziemlich genau berichtigte. Die unüberwindliche Schwierigkeit für die damaligen Kartographen lag in der Unvöllständigkeit und in der Unsicherheit der geo­graphischen Ortsbestimmungen und namentlich der Längenangaben für die einzelnen Plätze auf der Erde. Der große Galilei hat die Tabellen, die von den Karto­graphen für die Längen und Breiten der Orte gegeben wurden, kurzweg als „trügerisch" gekennzeichnet, und auch die hervorragendsten andern Geographen jener Zeit konnten darüber nicht im unklaren, bleiben, daß alle solche Verzeichnisse schon deshalb kein Vertrauen mehr beanspruchen durften, weil sie in ganz ungeheuerlicher Weise in ihren Angaben von einander äbwichen. Die Landkarten des siebzehnten Jahrhunderts, zeigten nicht, nur das Mittelmeer um 15 -20 Grad zu lang, sondern auch die Küste Chinas um 25 Grad oder gar noch mehr zu weit nach Osten hinausgeschoben. Die. bedeutendsten Forscher arbeiteten zuvor schon mit Erfolg an der Ver­kleinerung dieser Jrrtümer, aber zu ihrer völligen Aus­merzung fehlte es an der sicheren Grundlage. Deren eine gab wiederum Galilei, der im Jahr 1610 nach der Entdeckung der Jupitcrmonde sofort erkannte, daß durch ihre Verfinsterungen, die nunmehr seit der Erschaffung des Fernrohrs leicht beobachtet werden konnten, ein neues und vorzügliches Mittel zur Bestimmung geo- grapbiicher Längen gegeben war. Nachdem dann Cassini im Jahr 1868 seine Tafeln für die Verfinsterun­

gen der Jupitermonde veröffentlicht hatte, war der Geo­graphie das erste verhältnismäßig leicht und sicher an­wendbare Mittel zur Längenbestimmung in die Hand gegeben worden.

Es ist von besonderem Interesse, wie sich die weitere Entwicklungen die politischen Geschehnisse Europas eng anschließt, sondier prägt den Satz: die Kartographie folgt gern der. politischen Macht. Der große Aufschwung Frankreichs in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahr­hunderts unter Ludwig XIV. führte auch für diesen Zweig der Forschung eine neue Ära herbei. Geographie und Astronomie müssen nach den bestehenden Über­lieferungen damals geradezu Modesache gewesen sein, jedoch die Geographie zunächst noch in zweiter Linie. Immerhin fand diese einen hervorragenden Förderer in Cassini, der bereits das Ziel einer Neuerung der Karto­graphie ausdrücklich ins Auge faßte. In demselben Jahr (1669), in dem Cassini von der Universität Bologna ans einen Ruf Ludwigs XIV. nach Paris übersicdelte hatte Picard seine berühmte Gradmessung begonnen' um die Größe der Erde zu bestimmen. Tie Geschichte dieser Gradmessung ist bekannt. Selbstverständlich mußte sie von größtem Einfluß auf die Kartographie werden, obgleich bis zum Jabr 1678 ein solcher in einer Verbesserung der Landkarten noch nicht hervortritt Erst iil den folgenden Jahren machte man fick: daran die neu gewonnenen Grundlagen für die Herstellung einer ge­nauen Karte Frankreichs ausznnutzen, bie' auf An­regung der Akademie der Wissenschaften vom König be- fohlen worden war. Man sprach schon damals die Hoff- mmg an», daß nach der richtigen kartographischen Dar- lEOuiig e : n e s Landes sich eine Verbesserung der ganzen Weltkarte ohne große Schwierigkeit ermöglichen lassen werde, ggn ^afir 1682 erschien das Ergebnis in Gestalt der äußerst wichtigen „Carte de France", die vielleicht für die damaligen Patrioten Frankreichs nur insofern eine Enttäuschung bedeutet haben mag, als sie dadurch erfuhren, daß Frankreich bisher in beiden Hanptrichtun- gen, namentlich aber in seiner Längenausdehnung von Ost nach West zu groß dargestellt worden war. Die