Einzelbild herunterladen
 

54. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: durch den Verlag 5» Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. 5« Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

32,000 Abonnenten.

Slnzeigen-Preis:

Die einspaltige Petitzeile für lrkale Anzeigen 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reklame» die Pctitzcile für Wiesbaden SO Pfg., für auswärts 1 Mk.

c\ ^ ««rtiieni. für die Abend-Ausgabe bis 12 Uhr mittaas. für die Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr nachmittags. - Für die Aufnahme später ^ingkreichter Anzechen zur nächst-

erscheinenden Ausgabe, wie für die Anzeigen-Äufnahme an bestimmt vorgeschnebenen Tagen wrrd kerne Gewaln übernommen, jedoch nach -»coglichkut Oorge getragen.

|!0, Berlags-Fernfprecher No. 295*.

Morgen - Kusgabe.

1. Matt.

Irrv IebvuciV rrrrö Wävz

auf das

„Wiesbadener Tagblatt"

Lu abonnieren, findet sich Gelegenheit

im Verlag Lauggasse 37, bei den Ausgabestelle», den Zweig - Expeditionen

der Nachbarorte,

und bei sämtliche» deutschen Rrichspostanstalten.

Eine verfehlte Agitation.

D. Berlin, 20. Januar.

Einige Sozialdemokraten (es ist bezeichnend, daß es nur einige sind) bemühen sich um die Organisation eines Massenaustritts aus der Landeskirche. Besonders 'Göbre, der frühere Theologe, und der sogenannte Zehn- Gebote-Hoffmann entfalten in dieser Beziehung eine lebhafte Tätigkeit. Göhre erklärt in einem Aufrufe, angesichts des drohenden Schulgesetzes wäre eine Maisen- austrittsbewegung größten ^tils ans der Landeskirche ein geradezu revolutionierendes Kampfmittel, zwar niujt direkt gegen den Staat, der das Dreiklassenwahlrecht stützt und von ihm gestützt wird, aber gegen einen seiner stärksten Verbündeten, die Kirche. Und der Sturm, der diese erschüttern würde, würde deshalb wahrscheinlich auch an ihm nicht spurlos vorübergehen. Nicht^nnr also, daß die beste Aussicht wäre, das drohende Schulgesetz nochmals in seine finstersten Ursprungswinkel zurückzu­bannen, es wäre vielleicht auch möglich, damit einen ent­scheidenden Stoß gegen das Dreitlassenwahlrecht zu führen. Jedenfalls könnte das preußische Proletariat in diesem Augenblick durch eine solche Massenaustritts-Bc- wegung wenigstens zeigen, daß wirklich eine starke revo­lutionäre Energie auch in ihm steckt. Und auch dieser Beweis de?- Geistes und der Kraft wäre an sich schon ein lehr bedeutsamer Erfolg in der ganzen gegenwärtigen polit'schen Situation. Eigentümlicherweise bekommt man diesen Aufruf Göhres nicht in sozialdemokratischen Blättern zu lesen, sondern in konservativen. Damit allein ist schon gesagt, und dies dünkt uns das Bemer­kenswerteste an dieser ganzen Bewegung, daß die eigent­lichen Führer der Sozialdemokratie gegenwärtig andere Soroen und Forderungen im Herzen haben als die, ob ihre ^Anhänger innerhalb, oder außerhalb der Landes­kirche stehen. Auch der Zehn-Gebote-Hoffmann gehört wahrlich nicht zu den Männern, die ein Bebel oder em

Dienstag, den 23. Januar.

Mehring, als gleichwertige Kämpfer auf dem etwas dornigen Pfade zum Zukunftsstaate gelten lassen möch­ten. Man benützt solche Leute, man kann sie als Vor­spann immer gebrauchen, aber damit ist ihre ganze Rolle auch umschrieben. Wir haben nirgends bisher in den leitenden Blättern der Partei eine jener Agitationen zum Zwecke dos Massenaustritts aus der Landeskirche bemerkt, wie sie die Sozialdemokratie sonst so geschickt vorzubreiten versteht, wenn sie die Gemüter der Ge­nossen bis zur Siedehitze entflammen will. Ersichtlich be­sorgt die Partei, daß die' Massen auf diesem Gebiete nicht Folge leisten würden, und die klügeren Führer wissen auch ganz gut, warum sie solche Sorgen mit Fug und Recht zu hegen haben. Der Austritt aus der Landes­kirche aber ist ein öffentlicher Akt, und wie sollten sich zu ihm etwa die Landarbeiter oder die Eisenbahn- und Postbeamten entschließen, die sozialdemokratisch wählen: Sie könnten es nicht, selbst wenn sie es möchten, sie möch­ten cs aber auch nicht. Der Satz „Religion ist Privat- sacke" steht nicht bloß als Zierat im sozialdemokratischen Programm. Er ist der. geschickte Ausweg aus Verlegen­heiten, die der Partei auf Schritt und Tritt erwachsen müßten, wenn sie auf dem bezeichneten Gebiete agita­torisch Vorgehen wollte. In Wirklichkeit wird eine ganz opportunistische Taktik getrieben, die man den Parteihäuptern gewiß nicht übel nehmen kann, von der .es sich jedoch verlohnt, einmal festzustellcn, wie stark sie von dem sonstigen radikalen Getue und Gehabe abweicht. Es heißt, der Zehn-Gebote-Hoffmann wolle an diesem Sonnrag mit einem Frachtwagen von Versammlungs­lokal zu Versammlungslokal ziehen und die bereit- gehaltenen Hunderttausende von Austrrttserklärungen verteilen, auch gleich Unterschriften sammeln Und so einen gewaltigen Schlag gegen die herrschenden Zustände tun. Wir glauben schon, daß dieser konfuse Wortmacher der­gleichen möchte, aber seine weniger törichten Freunde werden ihn schon zur rechten Zeit an die Kette zu legen wissen.

Politische Übersicht.

Nun aber genug!

Unter diesem Titel schreibt die „Deutsche Volksw.- Korr." über die großen englandfreundlichen Kundgebun­gen in Cöln und andern Orts: „Aber eben weil sie groß und eindrucksvoll war, so meinen wir, daß es jetzt an der Zeit ist, einmal abzuwartcn, ob ähnliches auch drüben überm Ärmelkanal in Szene gesetzt werden wird. Wenn nicht, so tonnten am Ende diejenigen recht be­halten, die behaupten, daß dem Engländer eine geballte Faust imponiere, eine tiefe Verbeugung aber leicht Ge­ringschätzung einflöße. Oder es könnten gar diejenigen recht behalten, die noch weiter gehen und behaupten, daß

Nedakiions-Ferusprecher Rr 82. 1906 ,

England unser Liebeswerben für Schwäche oder — Tod und Teufel — gar für Furcht auslegen könnte, und daß gerade das Furcht-Symptom England desto ^ eher zu Friedcnsbruch und Angriff reizen könnte. Wie sagte doch jener mächtige Mongolenfürst, als ihm ein entfernter Stamm unter großen Huldigungen kostbare Geschenke überreichen ließ? „Der Reichtum scheint dort so groß wie die Furcht vor mir zu sein, also auf zu einem Beute­zuge nach dort!" Nun wollen wir England gewiß nicht Mongolengelüste imputieren, aber ebenso gewiß ist doch, daß Englands Politik sich nie viel durch sentimentale Rücksichten hat beeinflussen lassen. Deshalb glauben wir, dem deutschen Volke in bezug auf die Sympathiekund­gebungen für England zurusen zu. müssen: Halt! Stopp!

Kommunalwirtschaft mit kleinlichen Mitteln.

Die finanzwissenschaftlichen Grundlagen der Stengel- schon Steuerreform sind so erstaunlich minderwertige, daß man sich fragen muß: Wo hat das heutige Ver­waltungsgeschlecht seine Fachkenntnisse her? Die gleiche Frage entsteht gegenüber den: preußischen Schulgesetz­entwurf, soweit darin die Interessen der Städte berührt werden. Die bedenklichste Illustration findet sie jedoch in der Steuergesetzgebung mancher Kommunen. Hier­bei gibt es keinen Unterschied nach der Größe und Be­deutung der Gemeinden, auch nicht nach Ost- und West- elbien. Steuerproduktionen der zweifelhaftesten Sorte begegnen uns überall. Wir heben ans dem reichen Wust nur die markantesten hervor: Billettsteuer, Lustbarkeits­steuer, Fleisch- und Mahlsteuer, Weinsteuer, Gastwirts­betriebssteuer, nicht zu vergessen die „Luftsäulensteuer" von Eisenach, die offenbar den Vogel in der Originals- tät abschießt und Fenstersteuer, sowie Klaviersteuer weit hinter sich läßt. In einigen sächsischen Orten gibt es sogar eine Ortssteuer für das Geborenwerden und Sterben, also für zwei Angelegenheiten, für die man beim besten Willen nichts kann. Aus diesem Steuer- bukett sieht eine schlimme Unverständigkeit und Unwissen- schastlichkeit hervor, wie man sie . bei besser verwalteten Städten nicht finden sollte. Wie ist das zu erklären? Das eine ist sicher, daß alle minderwertigen und wissen­schaftlich unbegründeten Steuern nur da entstehen können, wo man kleinliche Jnteressenpolitik betreibt und keinen Sinn für Großzügigkeit in der Finanzverwaltung hat. Es sind immer bestimmte Gruppen in den städti­schen Körperschaften, für die bestimmte Steuern, und seien sie noch so lächerlicher Natur, ohne weiteres annehmbar sind. Gewiß wird man seitens der meisten Stadtver­ordneten geltend machen können, daß nicht jeder Ver­treter der Bürgerschaft ein studierter Mann ist, der bei Wagner und Schmoller etwas über Steuergrundlagen gehört hat. Dasselbe wird man aber nicht seitens der leitenden Magisiratsbeamten geltend machen können. Hier muß ein nicht unbedeutendes Maß finanzwissen­schaftlicher Kenntnisse bezw. Informationen vorausgesetzt

Femlletorr.

Die §chulstaöt.

In Amerika,, dein Lande des Bürgersinns, der Selbst­verwaltung und der Verehrung des Kindes, ist em neues Pädagogisches Experiment mit Erfolg versucht Word , das sich wirklich dem Ideal einer amerikanischen Kuider erziehung zu nähern scheint. Die Kinder eriie^ Sch - Lebietes werden nämlich nach derselben Methode opga liert, nach der'die Verwaltung der amerrkanischen Städte vor sich acht. In einer solchen „Schulstadt wählen dm Kleinen mit direktem Wahlrecht sich einen Burgerment , einen Stadtrichter, Stadträte und eine gesetzgebende Körperschaft, die sich aus Vertretern, der verschied neu ^Schulstuben zusammensetzt. Der Münder und stropa- gator dieses Systems, Wilson L. Gill., hat bereits großc Erfolge mit dieser neuen Form der Krndereizrehung

In Philadelphia sind 33 Schulen nach dleseist System organisiert, ebenso eine größere Anzahl von Vc>lWschulen in New Bork, Boston, Syrakus und anderen Städten. Außerdem hat Gill während eines öwcllahr gen Aufent­haltes in Kuba sämtliche öffentliche Schulen dieser ^n 'eln nach diesem Selbstverwaltungsprinzip eingerichtet, die denkbar günstigsten Erfolge erzielt undsuh dm An Erkennung aller Autoritäten errungen. Tm Gesetze, üm durch diese Kindcrregierung festgelegt werden mmsen uiit den in großen Grundzügen festgelegten gen des Direktors und der Lehrer uberelnstlnimen aber ini übrigen haben die Lehrer nur eine beratende stimme oder die Wirksainkcit einer höheren ^nstanz, dm nur em- treten darf, wenn sie von deii Schülern angeryfen wrrä , Frank Parsons schildert im -Fcutury Magazm dm Umgestaltung einer Bostoner Mädchen i<fi swnden Schulstadt. 700 kleine Mädchen aus allen Klassen standen in dein großen Saal und erklärteii durch fl 1. das Recht der freien Verwaltung für die Grundlage iyrer

Schulstadt und beschworen voller Feuer, Unordnung, Un­gerechtigkeit, Auflehnung und Ungezogenheit nicht mehr- unter sich zu dulden. Mit großem Ernst und dem vollen Bewußtsein ihrer Pflichten schritten sie dann zur Wahl ihrer Beamten. Bürgermeister wurde ein niedliches, lustig lachendes Mädchen mit einem runden Gesicht, das 12V 2 Jahre, alt war. Als man sie kurz nach ihrer Wahl fragte^ welche Bedeutung sie wohl darin sähe, daß sie Bürgermeister der Haudock-Schule sei, erklärte sie: „„Das bedeutet, daß ich daraiif halten muß, daß jedes Mädchen ordentlich, sauber und artig ist. Das bedeutet, daß alles in Ordnung und guter Sitte geschehen niuß, jede Schülerin in ihrer Kleidung sauber und adrett ist und sie auch die Schulstuben und den Schulgarten in Ordnung halten." Als geäußert wurde, das sei eine schwere Auf­gabe, der sie doch mit einigein Bangen entgegensehen müste, da antwortete sic ruhig und sofort: „Nein, das ist ganz leicht, denn sie werden alle gute Bürger sein." Der danach erwählte. Richter, Mary Finn, sagte: „Ich werde alle Bürger ermahnen, daß sie sich gut aufführen, und wenn sie das nicht tun, dann werde ich sie bestrafen. Es müssen sich alle anständig benehmen."

Die ganze Disziplin der Schule ist in die Hände der Schülerinnen gegeben. Die Lehrerschaft steht nur so über ihneii, wie etwa die allgemeine Landesverfassung über dem Regiment einer Stadt steht. Ja, die Selbst­verwaltung ist sogar in den Schulen noch ausgedehnter wie in d-m meisten Städten. Denn Parteiungen und Machenschaften gegen die eingesetzten Behörden werden nickst geduldet. Da gibt es kerne Bestechung und kerne Indolenz die die Anordnungen zunichte macht. Der zwölfjährige Bürgermeister und der zehnjährige Richter, sie regieren nach den idealen Gesetzen, die dem ameeikam- ickicn Kinde von srüh auf ernaepragt sind. Alles Gute und Edle in ihrem Herzen entfaltet sich und blüht auf, da sie schon so früh ihre Gest nr,ringen betätigen können. -Die Resultate, die man mit diesen Schulstädten erzielte, sind in jeder Beziehung glänzende. Ordnung und Lern­

eifer sind außerordentlich gesteigert worden: die Achtung vor dein Gesetze entwickelt sich in den jungen Seelen ebenso wie der Sinn für Gerechtigkeit und Gehorsam. Ungezogenheiten werden jetzt nicht mehr als die gegen eine fremde Macht verübten Streiche ausgefaßt, denen man Mut und Geschicklichkeit nachrühmt, sondern als ein Verbrechen gegen die Allgemeinheit, als eine Beleidigung der Mitschüler selbst.

Die erste,Schule, in der das System eingeführt wurde, ist dadurch in kurzer Zeit völlig umgewandclt worden. Es war eine ungeordnete Gemeindeschule, in der über 1000 Schüler aus einer New Iorker Vorstadt unterrichtet wurden. Die Zustände waren so arg, daß auf dem Schulhofe eine Polizeiwache errichtet werden mußte, um hei den fortwährenden Unregelmäßigkeiten sofort ein- greifen zu können. Innerhalb einer Woche hatte sich das Bild völlig verändert. Es wurde von den Schülern selbst auf gute Zucht gesehen, und die Lehrer waren aller Besorgnis um die verrotteten Verhältnisse enthoben. Die Macht, die den jungen Beamten gewährt wird, stärkt ihr Verantwortlichkeitsgefühl außerordentlich. So wurde in der ersten Klasse einer Volksschule von Philadelphia einer der schlimmsten, schmutzigsten und faulsten Burschen zum Vertreter der Klasse in dem Rat der Schule erwählt Der Lehrer erklärte das ganze System für verfehlt, wenn ein solcher „kleiner Schurke" gewählt würde. Aber nach sechs Wochen mußte er selbst ihm erklären: „Tommy ich kann mich gar nickt genug wundern, wie artig du'ge­worden bist, du hast keinmal die Schule geschwänzt und lernst dein Pensum ordentlich. Du bist scstsauber wie ein kleiner Gentleman und hast dich vom letzten bis auf die erste Bank hinaufgearbeitet." Der kleine Bursche sah auf und sagte: „Ich tue nur, was man von einem Ver­treter im Schulrat erwarten muß." In einer andern Schule war ein schmutziges, träges und ungezogenes Mädchen vom Schulbürgermeister zum Polizisten ge­macht worden. Die Lehrerin erklärte darauf: „Die Ver­änderung, die mit dem Mädchen vorgegangen ist, ist