Einzelbild herunterladen
 

54. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: durch den Verlag 5» Pfg. monatlich, durch die Post B Mk. 50 Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

22,000 Abaurwuten.

Arrzeigen-Prersr

Die einspaltige Petitzeile für lokale Anzeigen 15 Pfg., für'auswärtige Anzeigen 2c, Pfg. — Ncklamen die Pctitzeile für Wiesbaden oO Pfg., für auswärts 1 Mk.

Für die Aufnahme später eingereichter Anzeigen zur nächst-

Anreize,i-Jtmmlm« BBS? S S tStÄÄwftÄSÄ«

Do. 35.

Verlags-Fernsprecher No. 2S5S.

-«tag, den 22. Januar.

SlebaktionS-fternsprecher N». 52.

1900.

Kbend-Ausgabe.

1. Matt.

Der Demonstratiousiag.

Der gestrige Sonntag war also der große Demon­strationstag der Sozialdemokratie, oder sagen wir besser, der preußischen Arbeiterschaft, gegen unser Drciklassen- wahlsystem, für das unser größter Staatsmann das alter Wett bekannte Wort gebraucht hat, jenes Wort, das man seit einigen Tagen nicht mehr anwenden darf. Hat doch ein preußtscherStaatsanwatt plötzlich entdeckt, daß es eine .Verächtlichmachung staatlicher Einrichtungen" bedeute, die unter Strafe zu stellen sei. Es wird immer schöner im Staate Friedrichs des Großen. Ein scharfes, kritisches Wort, vom eigentlichen Schmiede unserer nationalen Einheit im Reichstag gesprochen, darf nicht mehr^angc- wendet werden. Das wäre so etwas wie der erste Schritt auf dem Wege, die öffentliche Kritik an staatlichen Ein­richtungen überhaupt mundtot zu machen. Aber das alles ändert an der Tatsache kein Tüpfelchen, daß unser Preußisches Dreiklassenwahlsystem ein schreiendes Un­recht bedeutet, ein Unrecht und — eine Torheit. Ein schreiendes Unrecht, weil es Millionen preußischer Wähler bon dem naturlichstenRechte des modernenStaatsbürgers, mitzubestimmen über sein staatliches Wohl und Wehe, durch die Art seiner Einrichtung einfach ausschließt. in­dem cs ihnen die Möglichkeit nimmt, ihre Vertreter in den Landtag zu senden. Sie sind also politisch so gut wie rechtlos, ob sie auch nach ihrem Vermögen zu den Kosten des Staates mit beitragen, ob sie durch ihre Ar­beit nationale Werte schassen, ob sie ihre Söhne zur Ver­teidigung des Landes hergeben müssen. Eine Torheit, weil der Spannung in diesen entrechteten Millionen, die immerhin eine große Macht bedeuten, kein Ventil ge­boten ist, kein Ort in der gesetzgebenden Körperschaft des engeren Vaterlandes, an dem sie offiziell ihre Klagen und Vorschläge anbringen können. Eine Torheit aber auch deshalb? weil durch dieses ungerechte, absolut un­zeitgemäße System der Nonsens entstanden ist, daß in unserem protestantischen Staate das Zentrum dm Herr- fcfjctt bc rljicirict tüctbcn fonntc, uttb bcif$ ttx bic

seit uraltersher schlimmsten Kulturseinde, die „^nnker und die Pfaffen", bei uns den Ausschlag geben. Unsere ganze staatliche Rückständigkeit, die Unkultur, an der Nur leiden und die sich im Schulgesetzentwurf eben wieder anfs schönste bewährt hat, liegt in diesen Dmgen be­gründet. Und da wundert man sich, da schreit nian Zeter und Mord, da droht man mit den Kanonen, wenn die politisch entrechtete Masse endlich einmal zu einer großen Allgemeindemonstration lebendig _ wird, wonn die Spannung ihren Ausweg sucht. Getvih, es sind unge­bildete, zum Teil gründlich verhetzte Massen, die da demonstrierten, aber cs sind auch politisch geschulte und disziplinierte Massen. Und schließlich ist das politc che Kannegießertum eines mitlaiifenden Socl um mcyts schlechter als die politische Meinung des Stimmviehs dessen sich das Zentrum oder die Agrarier bedienen. Uno

Femlleton.

(Raärdruck verdet««.)

Hauplmmms Glashüttenmiirchen.

(Von unserem eigenen K o r r e f P o n d e n t e n.)

Berlin, 20. Januar.

Gerhart Hauptmanns neuestes Werk ^Und Pipp^

.uzt", ein Glashüttenmärchen, wurde am Freitag tm

fsing-Theater aus Licht gebracht. in,eüe-

Der Beifall nach den eindrucksstarken n pocse

-llen ersten Akten war groß, und t>a J*“#“‘ " t J schien, nahm er nach dem dritten einen demonstrativen sarakter an, so daß der Dichter rmm r w eö r vo n Vorhang mußte. In dreiem Akte mrstyre nw wn in das lyrisch-symbolische Spiel ^klares Revei spinst und mühsamer Geheimnisballast. Der ^ >ch schwerfälliger lastend im vierter >

'er dennoch, wenn auch Opposition sich ' „-^nbar

cht verstanden zu haben, und klatschte u» i dunkler cs um es ivurde. werden soll

Nun sind, wie gleich auseinanderg s tz ^

c Grundlinien und Grundmelodien . Romantik cht so unklar, sondern von einem fern bet Jivmanm

rchgefühlten Rhythmus, nicht sehr eigen,^ j c öoc&

wwandtem Empfinden nacherlebt. ~ . Elemente,

e Linienführung durch fremde verwirrend^ Etenwnte.

irch ein Zuviel der Ingredienzien » \ # &a j

Die Elemente des Märchen» erkenn Venedig

iesengebirge, die schlesische Heimats e , h a g

c neue Liebes- und Sehnsnchtswett des Dicht«-^ ststige Bindemittel Lektüre der Romantiker, em Ocy . Th. A. Hofsmann. Brentano, Eichenüorss.

im übrigen, will man bangend das Wort anwenden: „Wehe, wenn sie losgetassen", so weiß der vorurteilslose Betrachter genau, daß der Barbar nicht nur in dem Sklaven, wenn er die Fessel zerbricht, schlummert, son­dern in allen Schichten.

Wir sind natürlich sehr, sehr weit davon entfernt, die Einrichtung eines übrigens ganz utopistischen Zukunfts­staates zu wünschen und eine Vorherrschaft des Prole­tariats würden wir als das denkbar größte Übel be­trachten, aber nochmals sei es gesagt, es ist ein schreien­des Unrecht und eine Torheit, ist eme grenzenlose Kurz­sichtigkeit, Leute, die zum Bestand unseres Staates, unserer Macht, unseres wirtschaftlichen Gedeihens einen der wichtigsten Faktoren bilden, von der Betätigung beim Ausbau des Staates durch ein logisch unhaltbares Gesetz auszuschließen. Im Reichstag haben dm so stark ver- tretenell Sozialdemokraten noch kernen Schaden gebracht, im Gegenteil, unter ihrer Mithnlfe sind soziale, kulturelle Ge'etzgebmiaswerte geschaffen worden, um die uns andere Völker beneiden, und rm Landtag wurden sie uns im Falle großen Nutzen bringen, indem sie die Vormacht des Zentrums und der Junkerpartei brachen. Aber ganz abaesehen von diesen praktischen Erwägungen, der vierte Stand hat eben ein moraltzches Anrecht daraus, mitzutun, ein nroratisches Anrecht daraus, daß jenes Wahlsystem endlich, endlich zu Falle ■ kommt, das absolut nicht mehr in unsere Vcrhaltnisse paßt und für das unser großer Kanzler, der doch ein grinmiiger Feind der Sozialdemokratie war, jenes schlagende vernichtende Wort geprägt hat.

Somit war die große Wahlrechtsdemonstration am gestrigen Tage (die Ausschreitungen der Zuhälter und des anderen Mobs bei den Hamburger Wahlkrawallen haben mit der Demonstration der Sozialdemokratie gar keinen Zusammenhang) eine bedeutungsvolle historische Tat, um so bedeutungsvoller, wenn sie, trotz des An­reizes, den die leitenden Stellen durch das hartnäckig verweigerte Recht zu Ausschreitungen gaben, in grandioser Ruhe verliefen. Das aber scheint der Fall gewesen zu sein.

Unser Berliner N-Korrespondeiit schreibt uns vo.^ gestern abend über den Verlauf der Versammlungen:

An den Versammlungen nahmen alles in allem in Berlin selbst nicht gaiiz 30 000 Personen teil, mährend ca. 10 000 unverrichteter Sache nmkehren mußten, weil die Vcrsammlungssälc, die sich schon um

10 Uhr vormittags zu füllen begannen, zumeist um

11 Uhr gefüllt waren, so daß sie von der Polizei ge­schlossen werden nrnßten. Die Versammlungen, in denen mit Bewilligung der Polizei Ordner, die durch große Schleifen kenntlich gemacht waren, die Ordnung aufrecht erhielten, verliefen nach den Einzelberichten, die mir von allen Seiten zngcgangen sind, in voller Ordnung. In allen Versammlungen wurden zwei vom Partci- vorstand vorher den Versammlungsleitern Angestellte Resolutionen angenommen. Die erste richtet sich in schärfster Tonart gegen das preußische Land­tag s wa hl r e ch t, sie lautet wie folgt:

„Die Versammlung erklärt: Der preußische Landtag,

bestehend aus Herrenhaus und Abgeordnetenhaus, ist di,

Spottgeburt einer Volksvertretung. Das Herrenhaus iß die Vertretung einer rückständigen, kulturfeindlichen Aristokratie. Das Abgeordnetenhaus, das aus Grund eines Wahlsystems gewählt ist, das selbst Bismarck schon im Jahre 1887 als das elendste und erbärmlichste alle, Wahlsysteme bezeichnet und sich bis heute als das ver- rottetste und widersinnigste Wahlsystem erwiesen hat, isi ausschließlich aus den Vertretern eines raffgierigen Junkertums und einer anmaßenden Kapiialisteullasse zu­sammengesetzt. Das arbeitende Volk, das den Staat erst existenzfähig macht, geht bei dieser sog. Volksvertretung vollkommen leer aus, ein Zustand, der eine brennende Schmach für einen modernen Staat ist. Eine so zu­sammengesetzte Volksvertretung verkörpert die nackte Klassenherrschaft. Die Versammlung protestiert aufs nachdrücklichste gegen die Vergewaltigung und Rechtlos- machung, die der ungeheuren Mehrheit des preußischen Volkes, durch ein solches Zerrbild einer Volksvertretung zugefügt wird. Die Versammlung fordert die schleunige Beseitigung eines solchen Privilegienparlamcntes und die Wahl einer Volksvertretung, die aus Grund des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts von allen Staatsangehörigen ohne Unterschied des Ge­schlechtes gewählt wird, die das 20. Lebensjahr über­schritten haben, nach Maßgabe der Verhältniswahl. Die Versammelten verpflichten sich durch Anschluß an die Sozialdemokratie mit allen ihnen zu Gebote stehenden Kräften für die Beseitigung des preußischen Junker- unö Dreiklaffenparlamcntcs und für die Schaffung einer dem Allgemeininteresse entsprechenden Volksvertretung zu wirken."

Die z w e i t e R e s o l u t i o n hat folgenden Wortlaut:

„Die Versammlung begrüßt mit Genugtuung die revolutionären Ereignisse in Rußland, durch welche das mit Verbrechen jeder Art beladene absolutistische Regiment in seinen Grundfesten erschüttert ist und den unter den grauenvollen Zuständen lebenden Völkern im russischen Reich die Bahnen freiheitlicher kultureller Entwicklung geöffnet wurden. Die Versamm­lung spricht allen Kämpfern für politische Freiheit in Rußland ihre tiefste Sympathie und Bewunderung aus, ganz besonders aber den Männern und Frauen, die, auf dem Boden der sozialdemokratischen Anschauungen fußerrö, mit und in dem Proletariat wirken und kämpfen, deren zäher und unermüdlicher Arbeit, die sic seit Jahr­zehnten allen Gefahren und Verfolgungen zum Trotz betrieben haben, in erster Linie die erreichten Resultate ,zn danken sind. Die Versammlung betrachtet es als Pflicht des deutschen Proletariats, die Opfer dieser Kämpfe, deren Siege seine Siege sind, mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln zu unterstützen."

Nach der Annahme dieser beiden, kräftig ge­haltenen Resolutionen wurde noch zum Austritt aus der Landeskirche als „Protest gegen den Volksschul- lasten-Gesetzentwurf" aufgefordcrt, und dann leerten sich die Versammlungen in voller Ruhe. In den ersten 10 Minuten waren hierbei auch noch die Ordner tätig. Dann lenkte die Polizei den Strom der Menschen­massen so, daß sie sich nicht dem Zentrum zuzogen, doch geschah dies ohne alle Strenge, und die Ansammlungen

Ein anderes Bindemittel zwischen Riesengebirge und

Ienedig stellte sich aber noch ein, ein natürlich-organisches md darum gerade reizvolles, die Glaskunst. Die Magie Nnranos soll ja nach einer Sage durch Italiener in ene deutsche Berge gebracht worden sein, so bringt auch lauptman in die eiserstarrte Riesengebirgswelt, in die rüb schwebende Vaudenatmosphäre einen Hauch der üblichen Wunöerwelt: Pippa, die Tochter eines italie- rischen Glaskünstlers, der in einer der Hütten arbeitet.

Wie dies kindhaftc verträumte Wesen, vom Schimmer rer Fremde und Seltsamkeit umflossen, in der rauhen, tnsteren Nebelwelt, wenn sie mit aufgelösten Haaren anzt, zum Sinnbild phantastischer Märchcnfernen und ränmerischer Reiche wird, das ist von einer ganz natür- ichen Symbolik. Jeder sieht in ihr ein Abbild seiner Sehnsüchte und Wünsche.

Und wollte man diese Figur deuten, so dürfte man agen, sie ist daS Symbol der Phantasie.

DaS höchste Recht ans die Phantasie hat der Dichter. Der "erscheint denn auch im ersten Akt in der deutsch- comantischen Gestalt eines fahrenden Gesellen, eines Wanderburschen, Michel.

Das ist eine Art SimpliciuS, ein reiner Tor, ein tci^aer Lümmel und ein GotteSkind", voller Schwaben- rarrbeit und voller Wunder, Völler Lieder und Schnurr- fteifereien. Hanptmann hat diese Figur sehr lebendig

rettet Pippa aus der Höhle des wüsten Wald­greises, des alten Huhn, der sie fortgeschlevpt hat. als man bei dem Spielerhändel in der Schenke ihren Vater

Erft *K' a-iden wandern über daS Schrwegcbirge, bis sie todesmatt Unterkunft in der Berghütte eines anderen Alten, des weisen Wann, finden.

Mit der Person Wanus beginnt die nebulöse Ge­

heimnisserei. Er wird dem anderen Alten, der Pippa entführte, gegenübergcstellt, wie in der Edda die Äsen und die Niesen, Geist und rohe Kraft, Sonne und Finster­nis, Sommer und Winter sich gegenüber stehen, und die Absicht ist wohl: in diesen Gestalten letzte Ausläufer des Mythos zu geben, Hypostasen, die den dunklen Zu­sammenhang mit Urzeiten noch haben, aber dabei doch auch den Erdgesctzcn unterworfen sind.

Zwischen den beiden Alten entspinnt sich ein Kamps um Pippa, zuerst scheint der Weise der Überlegene, aber zum Schluß zerstört die rohe Urgewalt doch das zarte zerbrechliche Geschöpf. Das Geschwisterkind der Gläser von Murano sinkt entseelt zusammen, als der ungestalte Dämon, der sie zum Tanz gezwungen, den venezianischen Kelch Wanus zerdrückt.

Die inneren Zusammenhänge in dieser Vergnicknng des reinen Phantasiespiels mit dem Mythos bleiben un­klar und wirken mühsam erzwungen.

Der wesentliche Sinn des Gedichtes kommt erst in der Schlußszene wieder heraus.

Hier nierkt man, daß in Michel eben der glückselige Narr der Einbildungskraft gezeichnet wurde. Erblindet steht er an der Leiche Pippas. Aber nur äußerlich starb sie ihm, er braucht nichts Äußerliches mehr.

Er trägt in sich alle Wunder der Welt, unsichtbare Königreiche, und die Herrlichkeiten Venedigs sind nur das kleinste von ihnen. Niemand kann sie ihm nehmen, und auch Pippa ist in ihm und — Pippa tanzt.

Ein Hymnus auf die Phantasie und das alleinselig­machende Glück der inneren Gesichte, des Scheins, der wahrer als die Wirklichkeit.

Dichterisch fein und echt gefühlt ward das, gestaltet aber nicht mit zwingender Hand. Spectator.