s» Jahrgang.
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erscheinenden Ausgabe, wie für die Anzeigen-Aufnahme an bestimmt vorgeschnebenen Tagen wird kerne
34. Verlags-Fernsprecher N». 2953.
Sonntag, den 21. Januar.
— Für die Aufnahme später eingereichtcr Anzeigen zur nächst- Gcwähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.
NedaktionS-Fernsprecher Ar 52. 1906.
Morgen - Ausgabe.
1. Matt.
Mas die Konferenz dringen wird.
Ein Teil der öffentlichen Meinung ist unruhig, namentlich in Frankreich, aber die Wissenden, wohl auch die französischen, amüsieren sich über die Unruhe. Im stillen wenigstens tun sie das, während vor der Öffentlichkreit freilich ernste Mienen aufgesetzt werden müssen. Das Geschäft der Augurn bringt das so mit sich. Die Wahrheit zu sagen: Kein vernünftiger Beurteiler sieht auch nur die entfernteste Möglichkeit von Komplikationen, die aus der Marokko-Konferenz ihren Anfang nehmen und zu weiteren verschärften Gefahren führen könnten. Die sachlichen Gegensätze zwischen Deutschland _ und Frankreich sind ja viel geringer, als man gemeinhin glaubt. Man würde es ja nicht einmal glauben, daß krisenartige Differenzen bestehen, wenn man sich der Vorgänge erinnerte, die zunächst zur deutsch-französischen Verständigung über die Einberufung einer Konferenz und dann zu einer Verständigung über gewisse Grundfragen geführt haben. Im französisch-englischen Mittel- meervertrage vom April 1904 war eine dreißigjährige Befristung der Handelsfreiheit mit Marokko für alle Staaten, Frankreich ausgenommen, vorgesehen. Von dieser Verletzung des Madrider Vertrags, der für den Handelsverkehr mit Marokko keine zeitliche Begrenzung kennt, ist die französijche Negierung inzwischen längst abgekommen. Sie versteift sich gar nicht mehr darauf, nach dreißig Jahren in jenem Gebiete ökonomische Alleinherrscherin zu sein. Was Delccstsä in dieser Beziehung an Konzessionen schon angedeutet hatte, _ das machte später Rouvier gewissermaßen perfekt. In diesem Punkte hat also Fürst Bülow bereits glatt gesiegt, und die Konferenz wird nach längerem Hin und Her (es geht ia nicht ohne solche künstlich geinachten und um so wirksamer zu überwindenden Schwierigkeiten) nochmals bekräftigen, Was Artikel 17 des Madrider Vertrages schon ausacsprochen hal, also volle Handelsfreiheit ohne Frist- bestimmnna ilöas bleibt nun noch viel an Differenzen zwischen Berlin und Paris übrig? Der zweite kritische Punkt neben dem soeben erwähnten war und rst dre ^oU^oifTßcje. Sfftct lvenn £ 5 rcinfret(f) in ftcßUQ Handelsfreiheitsfrage nachgegeben hat, so hat es Deutschland in bezug auf dre Polizeifrage ebenfalls getan, ^lus dem Weißbuch erfährt man. daß Fürst Bulow keme Em- Wendungen dagegen erhebt, daß die Polizei in den Grenzgebieten von der Republik gestellt wird. Wenn man es recht betrachtet, wird die Konferenz förmliche Mühe haben, so lange zu beraten und so viel Wichtigkeit in die Beratungen hineinzulegen, wie Europa es fordert. Denn nian will sich doch nicht umsonst aufgeregt Huben, man will hinterher doch nicht erfahren, daß die Sache
gar nicht so heikel war, wie man es sich mit phantastischer , Übertreibung eingeredet hat. Auf der Konferenz soll es | Gegensätze geben, Krisen sollen kommen, Krisen sollen auch wieder verscheucht werden, kurz es soll ein Schauspiel geben, von dem man sich ein bißchen Gespanntheit holen kann.
Im Ernst, wie wäre es nur deiikbar, wie stellt man es sich denn vor, daß es möglich sein könnte, daß um Marokkos Willen ein Krieg entbrennt? Der Gedanke ist lächerlich, wir finden kein milderes Wort. Man möchte an der Befähigung der Staatslenker glauben, wenn man wahrnimmt, daß wirklich auch im Bannkreise mancher Regierungen die Kriegsbesürchtungen zertwerlig bestanden oder gar noch bestehen. Freilich werden besagte Staatslenker nur so getan haben. Oder glaubt jemand ernsthaft, daß beispielsweise die itaftenrsche Regierung, klug wie sie doch ist, auch nur einen Augenblick daran gedacht hat, sie könnte infolge der Dreibundsverpflichtungen zur Heeresfolge für Deutschland engagiert werdend Die italienischen Offiziösen mußten allerdings mit allerlei merkwürdigen Widersprüchen diese Frage öffentlich diskutieren, aber das wird ganz nicht in der Meinung geschehen sein, daß das Problem demnächst praktisch werden könnte. Warum es geschah, braucht uns hier nicht zu kümmern, sondern es kann genügen, sich bewußt zu sein, daß die italienische Armee nrcht marschieren wird, weil weder die deutsche noch die französische mobil gemacht werden wird.
Von allen Vorhersagungen, die wir beim Beginn .der Konferenz gehört haben, gefällt uns keine so gut wie die des Fürsten Bülow zu einem Ausfrager, nämlich der Satz: „Es darf in Algeciras weder Sieger noch Besiegte geben." Es wird auch keine geben, sondern man wird sich eben verständigen, vielmehr, man hat es längst getan. Wenn an dem Drum und Dran der Konferenz etwas erstaunlich ist. so ist es dies, daß die öffentliche Meinung wirklich glaubt, eine Verständigung werde erst gesucht, während sie tatsächlich garnicht mehr gesucht zu werden braucht. Einige Wochen noch, und man wird in Paris so zufrieden sein wie in Berlin und in Berlin so zufrieden wie in Paris. Wir möchten nur dem Sultan von Marokko wünschen, daß er alsdann nicht derjenige sein möge, der allein noch triftige Gründe hätte, unzufrieden zu sein.
Gms Wille und die MW ütnolution.
Unser Petersburger ^-Korrespondent schreibt uns: Mystisch und für die Denkweise eines Westeuropäers geradezu widersinnig wie der Verlauf der russischen Revolution ist auch die Persönlichkeit, die sie zu einer für einen russischen Staatsmann und Diener eines Selbstherrschers bis dahin unerhörten Machthöhe cmporgetragen hat: Gras Witte. Mehr wie je zeigt sich aber heute, daß russische Zustände und Vorgänge nicht
mit westeuropäischen Verhältnissen verglichen werden können. Vielleicht wird eine spätere Geschichtsschreibung dem Umstande eine Richtung gebende Bedeutung für die revolutionäre Umgestaltung Rußlands _ zuschreiben müssen, daß der Anstoß zu ihr nicht vom Westen, sondern vom Osten durch ein asiatisches Volk gegeben wurde; denn gegenüber dem völlig passiven Verhalten der westeuropäischen Mächte scheint fast, als seien alle europäischen Entwickelungskeime in dem allgemeinen russischen Chaos dem Untergange preisgegeben und als warte das Slaventum, unfähig, aus sich selbst heraus eine neue Kultur zu erzeugen, darauf, bis sie vom Osten her, vielleicht von den Chinesen, zu neuer Kulturarbeit angeregt werden; zwei Jahrhunderte hindurch haben die Russen ja im Laufe ihrer Geschichte unter mongolischer Herrschaft gestanden. In der Tat ist ja auch Witte, in dem sich das gegenwärtige russische Staatswesen verkörpert, mehr Asiate wie Europäer und gerade weil dem so ist, kann er sich nicht für ein ausgesprochen europäisches Programm entscheiden, bleiben die Versprechungen des Manifestes vom 17. Oktober unerfüllt, wird Rußland nicht durch die Realisierung der gegebenen Freiheiten pazifiziert.
Unfähigkeit kann man diesem Staatsmann nicht vorwerfen, noch weniger Mut zum Handeln. Er ist ja eigentlich der Schrittmacher der Revolution. Seine gigantische Verkehrspolitik, die in der Durchquerung des asiatischen Kontinentes durch die transsibirische Bahn ihren höchsten Triumph feierte, sein mit großer Umsicht und diplomatischem Geschick ausgebautcs Schutzzollsystem, dem die russische Industrie ihre erste Blüte verdankte, sowie seine konstanten Bestrebungen für eine Hebung des russischen Bauernstandes, alle diese groß angelegten Unternehmungen aus der Zeit Wittes als Finanzminister haben im russischen Volke erst das mächtige Kulturbedürfnis geschaffen, das nun gewaltsam nach Befriedigung ringt. Und doch scheint Witte jetzt dem Volke gegenüber die Honorierung eines Wechsels verweigern zu wollen, den er selbst ausstellte. Er begründet seine Untätigkeit damit, daß jeder Schritt zur Realisierung der Freiheiten die Kraft und das Anwachsen der revolutionären Parteien fordern ivcrde. Nur diese allein habe einen aktiven Charakter, strebe leidenschaftlich nach Taten und reagiere wie fertiger Zündstoff auf jede durch ein liberales Gesetz gebotene Möglichkeit mit einem Vorgehen im Interesse der Destruktion und Anarchie. Alle übrigen Parteien aber schliefen noch, seien noch passiv, noch unfähig zum Widerstand gegen den Aufruhr oder zur Anfrechtcrhaltung der Ordnung. Witte selbst hat nach der „Pctersb. Zeitung" diesen Gedanken durch folgendes Bild ausgedrückt: „Rußland — ist ein Dreigespann: ich kann nicht den beiden ruhigen Pferden volle Freiheit geben, das dritte aber zwingen, im Schritt zu gehen, unwillkürlich muß die Gangart für dieselbe Troika dieselbe sein." Hier liegt der Schlüssel zu dem Verhalten der russischen Regierung.
Feuilleton.
aus meiner Mappe.
lFür das „Wiesbadener T a g b l a t t ‘.)
Von Walther SchnUe vom Brühl.
CV.
Girr geflügeltes Mo<^'
Als mir noch daheim waren vor vielen Jahrem,hotten ir Kinder ein geflügeltes Wort, da^ w '
stünden und unpassenden Gelegenheit aft Ti f - sendeten. Hatte, was häufig rügel bekommen, oder sich m ine Ö tn S er 0 Cgm , 5er sich den Fuß verknart, dann klang ^
)as ä Glich was ä Glich daß de nlch hast gebrochen
^Me^Geschichte dieses Wortes ist die folgende:
Mein Vater hatte ein Reitpferd elne ^tutr ^ott en geheißen, seinen Längenverhattmssen deionder 5paßt und demzufolge Kn ungewöhnlich stwchb°inigrs
rer. Es war auperst kitzlig und we ji ^
Asches, bockiges Luder, das eigent ich nur meinen Bawr inerte. Der hatte um jene Zeit au
nem kleinen., schwarzen Herrn, namens Fr udenbem. zu rn, einem freundlichen Maniw, der nn s g • me Apfelsine stiftete. Der Teufel JJ . 1 mes Tages in diesem Mann das stolze Verlange: z ,
esagtes Lottchen zu reiten. (frn a„ ri r, pr
Mein Vater warnte ihn mit wildem Ernste ab r >err Frendenberg warf sich in d-e Brust und behaupwtr -ck; Hi. Hab' ich doch gedient bei der Kavall r r! «o-
iit sattelte man unser Lottchen, schnallte die Bügel lernen in Anbetracht der kleinen Bemchen des Herrn fteudenberg ans die Hälfte kurzer un f ) 5artungsbange Tier an einen Gartenstuyu
Herr Freudenberg kletterte erst auf den Stuhl, dann
auf das Lottchen. Das schien wenig Freude an dem Reiter zu haben, denn es bockte mächtig und rannte unter einen sruchtbehangenen, niederen Kirschenbaum im Hose, offenbar mit der Absicht, das Männlein abzustreifen, wie weiland das Maultier den Davidssprossen Absalom.
„Was machen Sie denn da im Kirschbaum, Freudenberg?" rief mein Vater.
„Gott, se sind so sckeen, de Kerschen", rief der Reiter, kläglich witzelnd, aber dann glückte es ihm, den Gaul fortzubringen und ihn gegen das Tor an der Straße zu dirigieren. Da der Querbalken des Tores nicht allzuhoch war, war es gebräuchlich, daß sich ein Reiter beim Durchritt merklich duckte. Herr Freudenberg in seiner Not aber übersah dies und stieß mit seinem steifen Hut so gewaltig an, daß er selber fast herabgefallen wäre. Aber das geschah zum Glücke nur dem Hut. Er wurde mit der Faust wieder ausgebeult und gleich darauf courbettierte der werte Gast auf der Straße dahin, der fernen Stadt Entgegen.
Mein Vater sah ihm eine Weile besorgt nach, kehrte dann'in den Hof zurück und sagte: „Mein Chott, inein Ebott, wenn dat man goat geil!" Wenn er in seinen heimischen Dialekt verfiel, war das immer ein Zeichen, daß seine Seele von Sorge bewegt war.
' Und siehe da, es war noch keine Viertelstunde ins <q^,nd aeaangen, da kam Lottchen in wilden Sprüirgen reiterlos angesetzt, den Sattel schief, die Bügel fliegend. Sofort wurde der Wagen angespannt und in höchster Sorge fuhr mein Vater davon, den verlorenen Sohn Israels aufzusnchen.
^ Bald bemerkte er am Straßenrande eine Venamm- Inna von Menschen, Handwerksburschen und sonstige Passanten Und mitten zwischen ihnen an der Böschung des Grabens saß der abgeworfene und verunglückte Reiter und wehklagte laut und schrre, als er memcs Vaters ansichtig wurde: „Ich bin kapores! Ich bin dod!
Und wer is schuld dran? Sie! Was müssen Se mer setzen ans so'n mcschuggenes Gaul!"
Nun, Herr Freudenberg wurde ins Chaischen bugsiert und heimgefahren. Meine Mutter mußte das Fremdenzimmer richten und ich setzte mich in Trab, den Arzt herbeizuholen und eine Depesche nach Dortmund an die Frau des Verunglückten aufzugeben. Bald darauf wurde denn Herr Freudenberg untersucht. Der Doktor stellte einen einfachen Armbruch fest und mit Hülfe meines Vaters und einer handfesten Magd richtete der Arzt den Bruch wieder ein.
Wir Kinder hatten damals die Technik, ein geradezu infernalisches Geschrei zu erheben, wenn wir Prügel haben sollten. Aber das Geschrei, welches Herr Freudenberg bei dieser Prozedur des Armeinrenkens erhob, spottete jeder Beschreibung. Die Hühner und Puter im Hof wurden sogar unruhig davon und flatterten wild umher. Doch endlich lag der Verunglückte, angetan mit einem Nachthemd meines Vaters, in dem er fast verschwand, im Bette, das schwarze, schon merklich kahle Haupt in den weißen Kissen, und wimmerte nur noch leise vor sich' hin.
Der Höhepunkt des ländlichen Dramas schien überschritten.^ Aber es tarn noch was nach, nämlich nach einigen Stunden, m keuchender Aufregung, die kleine, pummelige Frau des Verunglückten.
Meine Mutter führte die Tarne selber ins Fremden- gtutmcr, wir andern aber alle, Dienstmädchen, Küchen- sräulein, ich selber an der >spive meiner sieben Geschwister. wir mußten leider draußen bleiben, obgleich wir alle vor Neugier Platzten und dem Wiedersehen gar zu gerne^beigewohnt hätten. So füllten wir den Gang und die Treppe vor dem Zimmer, horchten an der Tür und hörten, wie sich Frau Freudenberg am Schmerzenslager des Gatten niederplurnpste und halb vorwurfsvoll schluchzte: „Siegfried, Tate, was warst de auch so kichn, zu reiten auf das Ford!" Dann aber kam es erleichtert
