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54 Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: durch den Verlag 5« Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. 5« Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

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Ho. 32. Verlags-Fernsprecher No. 2988.

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Morgen - Ausgabe.

_1. Matt.

lie Itcuroalil Des Itriiliimiten der Wiidlid.

s. Paris, 17. Januar.

Die französische Verfassung hat zwar die Obliegen­heiten und Befugnisse des Präsidenten der Republik aufs äußerste beschränkt, um allen Gelüsten und Möglich­keiten einer Diktatur dorzubeugen, aber cs wäre dennoch ein grober Irrtum, weun man annähme, daß die Per­sönlichkeit des Staatsoberhauptes der französischen Republik nicht reichlich Gelegenheit hätte, sich bei der Führung der Politik des Landes Geltung zu schaffen. Von Gräpy bis Loubet ist das vielfach hervorgetreten, ain stärksten während der Präsidentschaft Fälix Faurcks, der sowohl in den inneren als äußeren Fragen sehr offen und energisch Stellung nahm und seinen Stand­punkt vielfach selbst gegen die Volksvertretung zu ver­teidigen wußte. Hat doch der Präsident der Republik die Aufgabe, bei Ministeriumskrisen die Männer zu be­rufen, die ihm zu der Übernahme der Geschäfte des Landes die geeignetsten erscheinen, und wenn er auch in dieser Hinsicht an gewisse parlamentarische Vorschriften gebunden ist, so untersagen ihm diese doch nicht eine Be­kundung seines persönlichen Einflusses bei solchen Ge­legenheiten. —

. Aber trotzdem herrscht in der französischen Nation -in offenkundiger Skeptizismus hinsichtlich der Wahlen der Präsidenten der Republik und diese ziehen fast stets don der Menge fast unbeachtet oder von gedungenen Schreiern der Feinde des Regimes beschimpft und ver­höhnt in den Elysäe-Palast. Erst im Laufe ihrer Amts­tätigkeit gelingt cs ihnen meist ohite besondere Schwierigkeiten, sich die Aufmerksamkeit und die Sym­pathien der breiten Massen zu gewinnen. Auch dieses Mas hat trotz der heftigen Kampagne der Anhänger der beiden allein in Betracht gekommenen Bewerber' um bie Nachfolgerschaft Loubets, der Präsidenten des Se­nates und der Kammer, Falliäres und Doumer, die öfientliche Meinung eigentlich keine Bewegung und Auf­legung gezeigt: und die Verkündigung des Ergebnisses öer Wahl.- die heute in dem alten Königspalaste von Versailles stattfand, wurde deshalb in Paris ebenfalls oiit großer Gelassenheit hingenommen, obgleich von beiden Seiten nichts versäumt worden war, um die Leidenschaften des Volkes zu schüren.

Man darf sagen, daß bei der Wahl nicht der Erfolg Mllitzres', sondern die Niederlage Doumers, nicht der Sieger, sondern der Besiegte den Hauptgegenstand der

lNa-ddruS verboten.)

Die Fahrt in§ Glum.

Eine Automobil-Humoreske von Robert Heymanu.

Auf dem Kai Jemappes in Paris liegt ein eleganter Modeladen, dessen Inhaber die Herren Henri Lvupe und Leo de la Roche sind. Beide sind'gleich tüchtige Geschäfts­leute, mit dem geringfügigen Unterschiede, daß Henri Lvupe ein guter Fünfziger, Leon de la Roche ein an- stehenHer Dreißiger ist, welcher durch eigene -ruchngrer. Und Energie zum Kompagnon seines ehemaligen Ujef» Nuanciert war. Dagegen waren einige mißliche um­stände, die die Harmonie der beiden Assoeiss zu stören ^eignet waren und Mißhelligkeiten in das enge Freunö- ikhaftsverhältnis der beiden Männer zu bringen drohten.

Nämlich — Henri war Ehemann, Leon Junggeselle. Päriserisch gedacht, wäre dies der Anfang ernes «rt.en- lomans. Doch die Sachlage war für einen solchen nutzt Künftig. Madame Loupe war zwar eine "npofante Er­scheinung, der es außer den Zähnen an nichts fehlte, me ledoch über etwas überflüssige Energie verfugte, wercye s'e gelegentlich als elektrisches Feuerwerk zwl,chen den Heiden Kompagnons brillieren ließ. Henri war ein gin- gütiger Mensch, der viel vom Geschäft, aber wemg von "eii Frauen verstand. Beweis seine eigene Wahl, ^co r h«aegen, der sich weniger aufs Geschäft al^ “ Frauen verstand, nahm die gallischen Expos oncn Madame Loupes nicht immer so widerstandslos hin mu befanden sich diese beiden Parteien ständig aus dem Kriegspfade, den selbst der neutral veranlagte Henri not­gedrungen mit betreten mußte. So wurde -eon auf gauer bei der Ungleichheit der streitenden Parteien wohl hon kürzeren gezogen haben, hätte er nicht einen B & Kenosscn gehabt, der ihm mit den schnellfeuer.ieel ^ - schützen seiner reizenden Augen und dem vernichtenden Eepiänkel seiner rosigen Lippen stets rechtgertig u

und Rücken deckte - nämlich Jcannettc, BiaLame^oupc» "ebenLwürdige Tochter. Der junge Mann yarre tu tv

Samstag» den 20. Januar.

Betrachtungen bildet. Um den Kammerpräsidenten und ehemaligen General-Gouverneur von Indo-China haben geschäftige Freunde und berechnende Politiker einen in einer Republik gefährlichen Nimbus verbreitet; mair hat ihm so vielTalent, persönlicheTüchtigkeit, Intelligenz und Tatkraft zugeschrieben, daß es den durch den Bou- langismus gewitzigten Demokraten von vorne herein be­denklich erscheinen mußte, ihm den ersten Posten in der Republik anzuvertrauen. Als Doumer vollends sich immer eifriger um die nationalistischen und konser­vativen Stinimen belvarb nnd mit den Mälinisten einen wahren.Pakt schloß, mußte er den Radikalen und Re- gicruugsrepublikanern, von den Sozialisten ganz zu ge- schweigen, als Feind erscheinen, der mit allen Mitteln zu bekämpfen wäre. Und wenn es ihm auch trotz dieser unversöhnlichen Widersacher zweimal gelungen war, zum Vorsitzenden der Kammer gewählt zu werden, so mußte doch fein Ehrgeiz, die Mehrheit in dem National­kongresse bei der Wahl eines neuen Staatsoberhauptes zu erhalten, deir Kennern der Verhältnisse als aussichts­los erscheinen, da er im Senate außer den Monarchisten und Nationalisten, die dort nur in verschwindender Minderheit vertreten sind, keine Anhänger hat und da seine Mehrheit in der Kammer eine sehr geringfügige und nicht ganz zuverlässige ist. Das Ergebnis ist noch ■ ungünstiger für ihn ausgefallen, als selbst seine Wider­sacher boraussetzten und zu verkünden wagten; statt der erwarteten rund 400 Stimmen hat er nur 371 erhalten und daß entgegen den Erwartungen der Doumeristen, keine Abbröckelungen auf seiten der Republikaner er­folgten, so brachte gleich die erste Abstimmung die Ent­scheidung mit 449 Stimmen für Falliäres, also 78 mehr, als auf Doumer entfielen.

Der neue Präsident der Republik, der sein Amt be­kanntlich erst am 18. Februar antreten wird, da die Vollmachten Loubets bis zu diesem Datum reichen, kann nicht als der Vertreter einer scharf umrissenen und fest ausgeprägten Politik bezeichnet werden. Er ist stets mehr ein Mitgeher, als ein Führer gewesen; aus einer streng katholischen und nionarchistisch angehauckstenGrund- besitzerssamilie stanimend, schloß er sich zuerst den sehr gemäßigten Republikanern an und ist erst im Laufe der Zeit ilnd der Ereignisse etwas nach links gedrängt worden, ohne indessen je mit den Radikalen gemein­same Sache zu machen. Es muß deshalb als ein pikantes Zufallspiel hervorgehoben werden, daß gerade er von Radikalen und Republikanern der Linken dein früher so scharfen Radikalen Doumer gegenüber auf den Schild erhoben worden ist. Allenfalls kann als charakteristisch aus seiner politischen Laufbahn hervorgehoben werden, daß er das „Glück" hatte, dem Ministerium von kürzester Dauer, das die dritte Republik bisher aufzuweisen hatte,

NcdaktionS-Ferusprecher No. 82.

zu präsidieren — genau 13 Tage —, und daß er den Vorsitz bei dem im Jahre 1899 vor dem zum Staats­gerichtshofe erhobenen Senate geführten Hochverrats­prozesse gegen Därvuläde und Genossen hatte. Er ist ein stark gebauter Mann mit etwas groben aber ange­nehmen Zügen und weist trotz seiner 64 Jahre noch einen sehr üppigen, nur leicht ergrauten Haarwuchs auf. Er macht den Eindruck eines geduldigen und zähen Landwirtes, aber nicht etwa eines verstockten und miß­trauischen Bauern, wie die Nationalisten ihn zu schildern suchen.

Falliäres' Wahl muß unter den obwaltenden Um­ständen als eine erfreuliche Kundgebung des republi­kanischen Frankreichs bezeichnet werden. Mag man auch die gegen Doumer erhobenen leidenschaftlichen An­klagen nicht voll berechtigt finden, fo kann es doch keinem Zweifel unterliegen, daß dieser ehrgeizige Streber von seinen nationalistischen, klerikalen und monarchistischen Bundesbrüdern in einer Weise um­garnt war, daß feine Präsidentschaft innere Krisen, und Kämpfe hätte zur Folge haben müssen, da diese ihn zweifellos zu gefährlichen Experimenten mit den Macht­befugnissen des Staatsoberhauptes fortgerissen haben würden. Überhaupt hätte er sich als von der antirepu­blikanischen Koalition gegen die republikanische Mehr­heit Gewählter in einer äußerst heiklen und schwierigen Lage befunden. Vor allem aber muß man den Erfolg Falliäres und die Niederlage Doumers deshalb mit Ge­nugtuung begrüßen, weil Doumer dem Chauvinismus schmeichelt und eine gefährliche Neigung bekundet, sich als „Wiederhersteller der Macht Frankreichs" preisen zu lassen, während Falliäres den ruhig-patriotischen Tra­ditionen Loubets treu bleiben wird.

Wney HHjitman über bie RevöluliönslM in Rußland.

Der berühmte englische Publizist nnd Freund Bis­marcks, der auch in Wiesbaden bekannte Sydney Whit- man, der in Moskau die Tage der revolutionären Be­wegung miterlebt hat, hat sich zu einem Vertreter des „Verl. Tagebl." über seine Erfahrungen und Eindrücke wie folgt geäußert:

Frage: Entsprachen die Berichte, die über die Mos­kauer Tage ins Ausland gelangten, der Wahrheit?

Mr. Whitman: Ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß diese Berichte stark übertrieben waren. Wäh­rend meines Aufenthaltes in Moskau wohnte ich im Hotel Metropole, wo auch der Oberst Semanski, der Chef des Rostowschen Regiments, sein Quartier hatte. Ich habe ihn mrü seine Soldaten bei der Arbeit gesehen,

Aufrichtigkeit seiner Gefühle um ihre Hand angehalten, allein Madame Loupe bewies ihrem Gegner ihre Stärke und sagte „nein".

Jeannette und Leon liebten sich deshalb natürlich weiter. Das ging so ein halbes Jahr. Leon machte Rechenfehler, die Henri schweigend korrigierte, Jeauuctte ließ sich von Leon küssen, ein Fehler, den Madame, wenn sie zufällig dies bemerkte, gleichfalls korrigieren wollte. Leider nicht schweigend. Ans die Dauer konnte Leon diesen Zustand nicht ertragen, und er beschloß, Jeannctte im Sturm zu seinem Weibe zu machen, — bas heißt natürlich....

Sinn, man wird ja sehen. Als Sen Tag der Ausfüh­rung setzte er den nächsten Sonntag fest, an dem eine Automobilfahrt nach Havre beschlossen war. Das Auto­mobil gehörte Henri, die Leitung besorgte Leon.

Dieser hatte von seinem liebenswürdigen Vorhaben niemand in Kenntnis gesetzt, nicht einmal Jeannette, die schließlich doch immerhin die Tochter ihrer Mutter war — naturgeschichtlich natürlich.

Ein Sonntag ist etwas Schönes, wenn das Wetter er­träglich ist, denn die Menschen tragen frische Wäsche und neugebügelte Kleider; ein Umstand, der dem blauen Him­mel ein würdiges Relief verleiht, überdies sind alle Ge­sichtsfalten zufrieden geordnet, man hat besser gespeist als während der Woche und gedenkt, den Tag recht ange­nehm zu verbringen. Der schönste Sonntag ist aber ein Pariser Sonntag, vorausgesetzt, daß cs nicht regnet nnd keine Revolution ausgebrochen ist.

Ein solcher einwandsfreier Sonntag war es, an dem Henri, Madame, Jcannettc und Leon das Familienauto­mobil bestiegen, um nach Haore zu fahren.

Der Himmel war tiefblau und die Vögel zwitscherten. Nur der Wagen roch nach Benzin.

Die Luft war schwül, so lange man in Paris mar. Draußen, wo die Gärten sich vor den kleinen Villen aus- öehnen und die halbnackten Straßcnkinder unter lautem Brüllen Kulturkampf spielen, wo lachende Wiesen aus den grünen Äckern leuchten, war die Welt so weit und schön, und es schien, als sei die Sonne hier wärmer und wären die Menschen glücklicher.

Nur das Benzin stank weiter.

Jeannette saß neben Leon, der gemütlich seine Zigarre rauchte und zeitweise einen lächelnden Blick auf seinPiebchen warf, in dessen Augen sich der blaue Früh­lingshimmel spiegelte.

„Ach, Herr Leon, wie ist die Welt hier schön! Haben Sie eben den Hasen vorübcrlaufen sehen? Gott, hatte der Angst!"

Man war offiziell und nannte sich „Sie". Das war so eingeführt zwischen Jeannette und Leon, gerade wie das Küssen, wenn sie allein waren.

Leon aber schien heute weder für Sitte noch Konven­tion ein Verständnis zu besitzen.

„Du bist so schön heute", sagte er, Jeannette in die Augen blickend. „Zum Küssen. Weißt du überhaupt, wie lieb ich dich habe?"

Jeannette wurde tiefrot und wünschte sich, jener Hase zu sein, der soeben das Weite gesucht hatte. Henri zerrte ängstlich an seiner Krawatte. Madame aber hatte sich blitzschnell von ihrem Sitze erhoben.

„Herr Leon", rief sic schneidend, „wie können Sie sich unterstehen?"

„Obacht, Madame! Eine Kurve!"

Madame flog auf ihren Sitz zurück.

„Wie können Sie sich unterstehen —?"

„Madame, Sic werden aus dem Wagen fallen!"

„Meine Tochter —"

„Wieder eine Kurve, Madame!"

„Zu duzen!?"

Leon drehte sich um.

„Ich liebe Ihre Tochter. Sie mutz meine Frau werden!

,/Jch habe Ihnen bereits erklärt, daß ich nie — um aller Heiligen willen — Sie fahren ja gegen eine Tele­graphenstange, daß ich nie meine Einwilligung — halt

ein Zaun so fahren Sic doch vernünftig — nie meine Einwilligung geben werde!"

„Und sie wird doch meine Frau, Madame!"

„Nie! Ich schwöre es Ihnen! Nie!"

„Doch!"

„Nie!" kreischte Madame. „Um Gottcswillen — Henri. Er mordet uns!"