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54. Jahrgang.

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80. Berlags-Fernsprecher No. 2353.

Freitag, den 19. Januar.

Redaktions-Fernsprecher Nr 52. 1906.

Morgen - Ausgabe.

._ 1. gSCaff. _

Erziehung mm Kyrnnttuismus.

Ende 1905 erließdie Prima des Kaiser Wilhelm- Gymnasiums zu Hatinover" an die deutschen Gymnasi­asten einen Aufruf: durch Aufbringung einer Spende uach unseren Kräften zur Förderuirg unserer Seemacht beizutragen.

Dem Beispiele der Hannoverschen Primaner folgend, haben sich demnächst die Schülerinnen der ersten Klasse der höheren Mädchenschule Wiesbadens mit einem Auf­ruf betätigt, der u. a. besagt:

Mit Freude und Begeisterung haben wir beschlossen, uns an der Sammlung zu beteiligen und auch unser Scherflein dazu beizutragen, da (!) wir in unserer schönen Badestadt Wiesbaden so oft Gelegenheit hatten, Se. Majestät unfern allergnädigsten Kaiser jubelnd zu begrüßen."

DieFreie deutsche Presse" schreibt dazu u. a.:

Bekanntlich liegt zurzeit dem Deutschen Reichstage der Entwurf eines Flottengesetzcs vor, dessen Durch­führung einen erheblichen Kostenaufwand verursachen chürde. Die gerade in diesen Tagen im Reichstage er­örterte und umstrittene Reichsfinanzreform, vulgo Steuervermehrung, soll teilweise dazu dienen, diese kosten zu beschaffen. Mit Bedauern müssen wir nun ^nstatieren, daß von keiner Seite der Antrag gestellt worden ist, die Beratung all dieser Gesetze zu vertagen bis zu der in Aussicht gestellten Rechenschaftslegung der Hannoverschen Primaner imReichsanzeiger". Wer mnn wissen, ob nicht ihre und der höheren Töchter Sammlung dazu genügen wird, die neu geplanten Schiffsbauten zu bezahlen, und somit die ganzen Ver­handlungen des Reichstages und seiner Kommissionen Erübrigen wird! Welche Freude müßte es für den Reichsschatzamtssekretär sein, wenn er eines schönen ^ages imReichsanzeiger" läse, daß er nicht mehr den hartherzigen Reichsboten Steuern abzuringen brauche, baß vielmehralles da" sei! Trotzdem haben weder er Noch die anderen Redner des Reichstags es für nötig ge­halten, den sammelfreudigcn Primanern und höheren Töchtern die gebührende Berücksichtigung angedeihen Lu lassen.

Aber Scherz beiseite! Daß hannoversche Gym- uasiasten und die Wiesbadener Schülerinnen . sich durch Unreife und schwülstige Kundgebungen wichtig zu .wachen suchen, würde selbstverständlich _ nicht in der Kreis politischer Betrachtungen, sondern in das kölnische Kapitel des Feuilletons gehören. Die Sache erheischt jedoch eine ernstere Behandlung deshalb, . weil jem Kundgebungen allem Anscheine nach nicht, wie man nach

Feuilletorr.

(«Radilmitf Bertotfl!-)

EDcts uns öie Hand verrät.

Eine chiromantische Plauderei von Hans Freimark.

Wer hätte nicht beim Anblick einer geliebten Hand, e er zärtlich in der seinen lucl:, dre Lockung verspürt, ae geheimnisbergenden Runen und Zeichen Zu ent- Iseln, die die Fläche der Hand rn scheinbar .wurem ^ecklosem Spiele durchziehen? Es liegt em settsa nm ureiz darin, die krausen Gänge dieser Zeichnungen zr lrchsorschen und zu deuten. Meistens ledoch kommt an nicht über einige vage Vermutungen hinaus Mgn üdeckt hie und da von den Linien gebildete absonder he Figuren, ohne sich über deren «mn klar werden können. Und doch gibt es eine Wissenschaft der Hane -

Dm Chirosophie, wie sie benannt ist, zerfallt m zwei bteilungen: die Chirognoune oder dre Li'hre von den

irrnen der Hand, und die Chrrologre, oder die Lehre w den Linien der Hand. Bei ^°berflachlichei Be­achtung meint man häufig, daß hmter e -s 8 - ,

unst nichts anderes stecke als eitel Dunst ÄMunaen acherei. Dem ist nicht so, und dre neuesten F Im 8 eten eine Gewähr für die von altersher geübte <. u- ng unserer Charakteranlagen, und auf 1

r Zukunft, ails der Hand. Eines der wahnten i ®S-

rimente erbringt Prof. Preyer rn ferner »Erklärung s Gedankenlesens usw." Er fuhrt den Nachweis daß cht nur heftige Erregungen, sondern feder' s^bst der 'bewußt bleibende Gedanke ^ von Muskelsch g g

Armen und Händen begleitet ist. Es g . st

reyer, diese Muskelschwingungen mittelst geeigneter bparate graphisch darzustellen. ^ Obige un h m ^weisführungen bekräftigen die Behauptung ken und neuen Chiromanten, daß unsere Gedan. m stkungen, welche niemals, auch nicht wahrend des

ihrem naiveii Wortlaut glauben sollte, originelle Äußerungen der jiingen Herren und Fräulein, sondern von höherer Stelle provoziert, vielleicht sogar redigiert sind. Dafür spricht die befremdliche Tatsache, daß der Preußische Kultusminister den Aufruf der Gymnasiasten den Leitern der preußischen Gymiiasien zur Weiter­gabe hat zugehen lassen,, damit überall den Schülern Gelegenheit zur Beteiligung an der Sammlung gegeben wird. Allerdings hat der Minister ausdrücklich darauf hingewiesen, daß seitens der Lehrer die Freiwilligkeit der Spenden besonders zu betonen sei. Wer kennt nicht diese Art der Freiwilligkeit! Der Lehrer regt eine Sammlung unter den Schülern an, nimmt vielleicht so­gar selbst die Spenden entgegen: Der Respekt vor dem Lehrer und die Gefahr, von den sich an der Spende be­teiligenden Mitschülern geringgeichätzt zu werden, sind ein Zwang der Beteiligung für jeden Schüler, wie er schärfer kaum gedacht werden kann.

Wir haben es also zunächst mit einer Art der Be­steuerung zu tun, die gar nicht entschieden genug ge­tadelt werden kann. Die Schüler sollen die Spende zahlen. Bekanntlich erwerben Schüler, soweit sie nicht etwa ausnahmsweise Privatstnnden geben, kein Geld. In Wirklichkeit müssen also nicht sie, sondern ihre Eltern die Spenden aufbringen. Unter diesen werden manche sein, die unsere Flotte überhaupt nicht für ausbau- bedürftig erachten, viele, die mit uns jedenfalls diese Art, ihren Ausbau herbeizuführen, für untauglich, kindisch und unstatthaft halten, und endlich auch solche, denen, namentlich wenn sie mehreren Kindern die Fünf­zigpfennigstücke geben sollen, die Ausgabe nicht leicht wird; trotzdem werden die nicht besonders Mutigen unter ihnen dem Drucke nachgebcn, um nicht ihren Kindern zu schaden, oder, was namentlich in kleinen Städten zu befürchten ist, ins Gerede zu kommen. Wir haben uns neuerdings daran gewöhnt, daß die merk­würdigsten Steuern vorgeschlagen werden, weil man sie in irgend einem anderen Lande auch erhebt: mit dieser neuenfreiwilligen" Besteuerung der Eltern von Primanern und Schülerinnen der ersten Klassen werden wir aber sicher in der ganzen Welt allein dastehesi.

Noch bedenklicher ist die Sache jedoch in päda­gogischer Richtung. Zunächst werden Schüler dadurch zur Parteinahme in einer politischen Tagesfrage ge­nötigt, die zurzeit den Reichstag beschäftigt. Jedenfalls bedarf es zur.Beurteilung derartiger Fragen doch einer größeren Bildung, als sie Gymnasiasten oder höhere Töchter besitzen können, und man sollte diese, die anderes zu lernen haben, nicht veranlassen, sondern verhindern, ihre unreifen Ansichten darüber zum Ausdruck zu bringen. Was würde der Herr Minister wohl sagen, wenn etwa eines Tages Gymnasiasten einen Aufruf zur Sammlung für die Opfer der russischen Revolution er­ließen?

Schlafes, eine. Unterbrechung ihrer Tätigkeit erleiden, sehr wohl imstande sind, die Hand und ihre Fläche aus die mannigfaltigste Weise zu formen und zu beein­flussen.

Wir haben also ein sicheres, wissenschaftliches Fun­dament unter unseren Füßen, wenn wir uns an die Entzifferung der Hieroglyphen der Hand wagen und brauchen nicht befürchten, als abergläubisch verlacht zu werden. Die Chiromantie steht dein Aberglauben eben­so fern wie die Graphologie. Wie diese eine erlernbare Kunst, zu der man freilich Talent mitbringen muß, wie zu jeder künstlerischen Betätigung, so auch die Chiro- sophie. Da ist nichts von Charlatanerie. Wer sich nur ein wenig mit der Handlesekunst befaßt und über einiges Geschick und Scharfsinn verfügt, der wird sich der über­zeugenden Sprache der selbst erlangten Beweise nicht entziehen können. .

Gehen wir nunmehr zur Betrachtung zunächst oer Handformen über. Diese lassen, wie die Körperbildung überhaupt, in rohen Umrissen die hervorragendsten Eigenschaften und Fähigkeiten des Menschen erkennen. Mit schlanken, feingliedrigen Händen, welche allein durch ihr Aussehen einen ästhetischen Genuß bereiten, dürfen wir getrost die unseren zum Lebcnsbunde ver­einen, falls jene dazu ihre Einwilligung erteilen. Solche psychisch geformten Hände gestatten einen nie sehltreffen- dcn Rückschluß auf die hohe ideale Gesinnung ihres Besitzers. Leider ist auch hier, wie stets im Leben, dem Süßen ein Bitteres beigemischt, welches in unserem Falle in der Teilnahmlosigkeit des Idealisten gegenüber- irdischen Verhältnissen besteht.

Praktisch sich den Dasernsbedrngungen anpassend, kommen jene Naturen durchs Leben, deren Hand, dem schaufelförmigen Typus angehörig, sie deutlich auf den Eriverb materieller Güter hinweist. Es sind unter ihnen Talente und Talentchen, die mit der ihnen zugemessenen etwas hausbackenen Intelligenz geschickt zu wuchern wissen und sich oftmals in kleinem Kreise eme leitende Stellung erringen. Sie sind in- der Liebe beständig aus

Neben der Verleitung zur Parteinahme in einer politischen Frage steckt in dem Vorgehen der Schulbe­hörde die Förderung eines unechten Hurrapatriotismus der gefährlichsten Art. Die deutsche Jugend soll zur Vaterlandsliebe und zur Königstreue erzogen werden. Es soll ihr aber zugleich, zum Bewußtsein gebracht wer­den, daß der wahre Patriotismus nicht in tönenden Worten besteht, noch, daß man ihn betätigt, indem mau auf fremde Kosten dem Kaiser Geschenke macht. Die Schule hat gute Staatsbürger, nicht gehor­same Untertanen heranzubilden. Die Aufrufe mit ihren oberflächlichen Huldigungsspesen sind sympto­matisch dafür, daß es Schüler gibt, welche diese Aufgabe verkennen, Und das Verhalten des Kultusministers laust aus die Sanktionierung der Züchtung by­zantinischen Gei st es hinaus.

Die prinzipielle Bedeutung der Angelegenheit, welche sie weit über den Einzelsall heraushebt, erheischt eine baldige und gründliche authentische Aufklärung.

Die Knappschüstsnovelle.

Dem preußischen Abgeordnetenhause ist ein Gesetz­entwurf betreffend die Abänderung des 7. Titels im Allgemeinen Berggesetz für die preußischen Staaten vom 24. Mai 1865 zugegangen, welcher eine Reform der ge­setzlichen Bestimmungen über das Knappschaftskassen­wesen bezweckt. Daß eine solche Reform notwendig war, ist bereits wiederholt betont worden; insbesondere sind aus den Kreisen der Arbeiter mannigfache Klagen über Mißstände, die sich im Knappschaftswesen gezeigt haben, laut geworden. Die Knappschaftskassen sind diejenigen Kasseneinrichtungen, die sich des geringsten Interesses der weiteren Öffentlichkeit erfreut haben. Zum Teil erklärt sich dies dadurch, daß die Klassen nur für ein­zelne Gegenden des Reiches Bedeutung haben; wo Berg­bau nicht getrieben wird, gibt es auch keine Knapp- schastskasien. Es koinmt noch hinzu, daß die Rechtslage eine wenig klare ist. Dabei hat das Knappschaftswesen einen Umfang, daß nicht nur die Beteiligten, sondern auch weitere. Kreise ein Interesse an der klaren Regelung dieses Teiles der Arbeiterversicherung haben. Hatten doch die preußischen Knappschaftsvereine im Jahre 1904 mehr als 660 000 aktive Mitglieder. Außer der Kranken­unterstützung gewährten diese 72 Knappschaftsvereine im nämlichen Jahre 69 000 fortlaufende Pensionen an invalide Bergleute, sowie 66 000 Witwen- und 48 OOO Waisenrenten. Der Gesamtbetrag dieser Pensionen belief sich im Jahre 1904 auf 28sts> Millionen Mark.

Die Hauptbeschwerden, die von den Versicherten geltend gemacht sind, betreffen die wenig günstige Lage der Bergleute bei einem Wechsel des Arbeitgebers. Wer nicht an seinen durch seine Zahlungen in den Knapp-

Gewohnheit, welche ihnen als Pflicht erscheint. Ihr Schönheitssinn entzückt sich am Monumentalen, am Massigen: sie begeistern sich für die Fülle der Formen. Neben dem schaufelförmigen Typ treffen wir bei Männern und Frauen, die im wirtschaftlichen Leben stehen, die eckige Hand. Sie kennzeichnet ihre Eigen­tümer als sparsame ordnungsliebende Charaktere, welche im Haushalte der Natur das zusammenhaltende und regulierend wirkende Element repräsentieren.

Den Faktoren der praktischen Tätigkeit stellen sich die der künstlerischen und philosophischen Lebenserfüllung entgegen. Die künstlerische Hand ähnelt der psychischen

sind es doch seelische Kräfte, welchen den Bildner, Maler, Dichter und Musiker zu seinen Schöpfungen an­regen - doch entbehrt sie der ruhigen und reinen Um­risse, welche der Hand des Idealisten eigen. Die erstere Handsorm läßt denSchluß aus Sensibilität und Empfind­samkeit zu. Ist sie besonders markant ausgebildet, so deutet sic auf unbezähmbare Vergnügungssucht, die leicht in moralische Haltlosigkeit ausartet. Die Hand des Denkers endlich, mit auffallend knotigen Fingerknöcheln

was für Ordnungsliebe und Ordnungssinn spricht

macht einen knochigen, harten Eindruck. Der Besitzer einer solchen Hand begnügt sich nicht mit Erforschung der Außenseite der Dinge, er strebt in ihren Kern zu dringen und ihr innerstes Wesen und Sein sich und der Welt zu enthüllen. Er spürt der letzten Ursache alles Seienden nach und müht sich, sie mit unumstößlichen Fakten zu beweisen.

Bei einer Beurteilung der verschiedenen Handsormen ist nicht nur der Gesamteiudruck maßgebend, es sind auch symptomatische Einzelbeobachtungen anzustellen. Glatte Finger z. B. weisen auf einen leidenschaftlichen Charakter, der seinen sinnlichen Instinkten unterworfen ist. Knotige Fingerglieder verraten weise, abwägende Vorsicht und kluge Berücksichtigung aller Lebenseven­tualitäten von seiten ihres Eigners. Zu beachten ist auch die natürliche Konsistenz der Hand. Die Besitzer weicher Hände sind im allgemeinen zartfühlender.