S4. Jahrgang.
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Berlags-Fernixrecher No. 2953.
Mittwoch, den 1^. Januar.
Redaktions-FernfPrecher Nr. E2. 1906 *
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Morgen - Ausgabe.
1. ÜStaff.
Der 21. Januar.
Die russische Revolution hat auch anderswo Manchen Leuten die Köpfe verdreht. Die österreichische Sozialdemokratie hat schon vor längerer Zeit angekün- öigt, daß sie mit der Regierung „russisch reden" wolle, bnd seit dem Jenenser Parteitag, auf dem die revolutionäre Richtung mehr denn je siegte, spukt cs auch Unterhalb der deutschen Sozialdemokratie ganz bemerkbar. Es gibt offenbar innerhalb der Sozialdemokratie Fanatiker, welche meinen, daß die Zeit bereits heran- ktahe, wo man den von Lassalle angekimdigten „dumpfen Nassenschritt der Arbeiterbataillone" in der Ferne vernehmen könne. Aber freilich, diese kleinen Propheten lallten sich daran erinnern, daß der große Prophet Bebel den allgemeinen Kladderadatsch, den Zusammenbruch der heutigen „kapitalistischen Gesellschaft" bereits für das >lahr 1597 vorausgefagt hatte, während wir heute schon 1906 zählen.
Auch am 21. Januar, am kommemden Sonntag, wird die kapitalistische Gesellschaft nicht zujsammenbrechen, die Aclt nicht aus den Angeln gehoben werden trotz der Demonstrationen, welche die Sozialdemokratie an diesem --age in Berlin veranstalten will. Der Vorschlag, zugunsten einer Reform des pre nß i s ch e n D r e i - llassenwahlrechts durch etrafeenfunb» Hebungen zu demonstrieren, war bekanntlich von Breslau ausgegangen, wo die Nähe sowohl der russischen düe der österreichischen Grenze auf die sozialdemokra- ll'chen Gemüter offenbar doppelt ansteckend gewirkt hat. Zunächst freilich hatte dieser Vorschlag „oben", das heißt oei den Herren Bebel und Singer, keineswegs Anklang gefunden, und das Leipziger S-ozialistenorgan, das Während der Palastrevolution im „Vorwärts" als sozialdemokratischer Reichs- und Staatsanzeiger gedient hatte, lernte parteioffiziös vor solchen Kundgebungen, indem es ausführte: „Di? Polizei würde natürlich diese
T'traßendemonstration verbieten. Ist die Begeisterung und die revolutionäre Energie der Massen dann nicht
stark, daß sie diese Polizeiverbote lächelnd beiseite schiebt und es eber zu blutigen Zusammenstößen kommen !%, als daß sie, auf die Demonstrationen verzichtet, so Ol die Bewegung kompromittiert und vor Mtt- und Nachwelt lächerlich gemacht."
Seitdem aber ist in der Stimmung der Sozialdemokratie ein Umschwung eingetreten, und trotz der dosen Erfahrungen, die in Sachsen mit den Wahlrechtsdemonstrationen geniacht worden sind, haben die Führer der preußischen Sozialdemokratie, die zu schieben glauben, ^ährend sie geschoben werden, dem sogenannten „Massen-
FemUeton.
(Nachdruck verböte«.)
Benjamin Zranklin.
dir Erinnerung an seinen 200. Geburtstag (17. Januar).
Von I. Eli;.
Unter den großen Männern, die die Vereinigten floaten hervorgebracht haben, ist Benjamm Jrantun wer der populärsten. Cr war es, der die Unabhangrg- ntsrämvfe der damaligen Kolonien gegen das englische Mutterland einleitete und wesentlich mit dazu bettrug, heutige Nordamerika zu schaffen. , Must schon aus uiern Grunde der Amerikaner mit Dankbartert auf Danklin blicken, so wird es ihn mit um so lebhafterer Genugtuung erfüllen, daß dieser Staatsmann ein seit- wcke-Mann in des Wortes wahrster Bedeutung war. 'tommte er doch aus einer bescheidenen Hane werrer- imilie und hatte er sich nur aus eigener Kraft langsam mühselig emporgearbeitet. Er war kern Philosoph, sentimentalen Träumereien nachhing, sondern etn scann des praktischen Wissens, der Fleiß, Ordnung und 'barsamkeit als die hervorragendsten Burgertugenden "lah und der die Grundsätze, nach denen er lebte, auch vncr ausstrebenden Nation einzuflößen Verstands ctn ^ann, der irrt hohen Alter sagen Konnte, er wurde, >enn es in seine Macht gegeben wäre, fein Ledm zu 'flderholen, nur das Vorrecht beanspruchen, das schrtst- bllern bei einer zweiten Auflage zusteht, namltch erntge -Ntckfehlcr der ersten zu verbessern. .
. Benjamin Franklin wurde am 17. flZUttar ln6 nt -osion geboren als Sohn eines Seifensieders, und zwar : 5 das jüngste van 16 Kindern, zu denen noch ein f. suzukani. Schon als Knabe mußte er dem Vater an ote 'and gehen, aber mit zwölf Jahren trat er als Lehrung. 1 die Buchdruckerei seines alteren Halbbruders Zames Danklin. Wie so mancher Jünger der schwarzen Kunsl
• instinkt" Zugeständnisse geinacht. Am 21. Januar soll die große sozialdemokratische Demonstration zugunsten des Wahlrechts rn der Reichshauptstadt vor sich gehen; nicht weil, so versichert das sozialdemokratische Zentralorgan, an dem Tage das O r d e n s f e st in Berlin stattfindet, sondern zur Feiendes Petersburger B l u t s o n n t a g s , obwohl nicht recht einzusehen ist, weshalb der Petersburger Blntsonntag „gefeiert" und weshalb er insbesondere von der preußischen Sozialdemokratie gefeiert werden soll.
Aber freilich, es gibt auch innerhalb der deutschen und insbesondere der preußischen Sozialdemokratie Elemente, welche mit der Regierung gern „russisch reden" möchten. Diese Elemente vergessen, daß das russisch reden selbst in Rußland, wie die jetzige Niederschlagung der Revolution gezeigt hat, nur sehr beschränkte Erfolge aufzuweisen vermag. Bei uns in Deutschland aber dürfte die russische Sprachkunst noch geringere Erfolge erzielen, denn die Behörden würden nicht ermangeln, mit derartigen Sprachkünstlern in der Landessprache, nämlich deutsch zu reden. In dieser Erkenntnis hat auch die sozialdemokratische Parteileitung unterdessen ihre weitausschauenden Pläne einer gründlichen Revision unterzogen, obwohl sie sonst für die „Revisionisten" nichts übrig hat.
Nach den neuesten sozialdemokratisch-offiziösen Mitteilungen wird die Kundgebung am Sonntag sich auf ■ die Veranstaltung von Massenversa mm luttgett und die Verteilung von Flugblättern beschränken. „Das Proletariat", so verkündet der „Vorwärts" heute, „ist nicht so töricht, sich durch seine Erbitterung zu Handlungen fortreißen zu lassen, die den Scharfmachern hoch willkommen wären." Diese Er- kentnis ist freilich der sozialdemokratischen Parteileitung etwas spät gekommeit und offenbar erst, nachdem die untfassenden Vorbereitungen, welche die Polizei für den 21. Januar getroffen hatte, bekannt geworden waren.
Jedenfalls wäre es wünschenswert, daß diese Erkenntnis nicht bis zuin 21. Januar anhält, sondern daß die Führer auch die nötige Disziplin über die Massen behalten. Auch bei den Kundgebungen, wie sie die Sozialdemokratie jetzt noch plant, weiß man wohl, wie sie anfangen, aber niemals, wie sie üus- gehen, und hinter den Bebel und Genossen stehen noch andere Elemente, welche längst entschlossen sind, auch über die „Organisierten" zur Tagesordnung überzugehen. Wentt aber dann nach dem vorher erwähnten Rezept des Leipziger Sozialistenorgans „die revolutionäre Energie der Massen diese Polizeiverbote lächelnd beiseite schiebt", dann würden die Folgen unabsehbar sein und auch diejenigen treffen, welche nur als „Mitläufer" fungieren. Die Arbeiter werden aber hoffentlich klug genug sein, trat nicht den Lockungen jener zu folgen, die sich als ihre besten Freunde ausgeben, aber ihre gefährlichsten Feinde sind.
war er lernbegierig und versuchte sich schon bald in schriftstellerischen Arbeiten; namentlich dichtete er einige Seemanns-Balladen, die beim Volk Beifall fanden. Gegen das Jahr 1720 begründete sein Bruder eine Zeitung, und nun schrieb er nebenbei für diese unterhaltende Artikel. Da er sich aber mit seinem Bruder auf die Dauer nicht verständigen konnte, ging er, obschon völlig mittellos, nach Philadelphia und nach London, um in verschiedenen Druckereien seine Geschäftskenntnisse zu erweitern. Er kehrte 1728 nach Philadelphia zurück und gründete dprt mit dem aus England bezogenen Schrift- material eine Druckerei, in der er selbst als Setzer, Drucker und Geschäftsführer arbeitete. Mit geliehenem Gelde gründete er eine kleine Zeitung, die „Pennsyl- vania-Gazette", die er durch fleißige Arbeit und kluge Haltung hochbrachte. Besonderen Erfolg hatte er mit der Herausgabe eiues volkstümlichen Kalenders, von dem er jährlich fast 10 000 Exemplare verkaufte. Diesen Kalender suchre er dadttrch interessant zu gestalten, daß er zwischen die Gedenktage beherzigenswerte Sprüche auS den Werken der Weltliteratur einfügte, eine Einrichtung, die sich seither in der Kalenderliteratur eingebürgert hat. Da seine Druckerei Erfolg hatte, sandte er einzelne seiner Angestellten nach anderen Orten Nordamerikas, in denen er Filialen gründete, wodurch er die Preise seines Heimatlandes ganz bedeutend förderte. Dadurch unterstützte er auch den Buchhandel, der bis dahin in ganz Nordamerika erst sehr kleine Anfänge aufzu- weisen hatte. Er selbst war der fleißigste Mitarbeiter seiner fleituna und wird nicht mit Unrecht als der Vater der amerikanischen Presse bezeichnet. Als Volksschrift- steller war er vor allem in gemeinnützigem Sinne tätig, aber er wurde auch durch die Haltung, die er in politischen Fragen einuahm, in weiteren Kreisen bekannt. Obscbon sein Geschäft allmählich einen großen Umfang annahm, war er doch sehr von Wissensdurst getrieben, daß er noch im reifen Mannesalter Französisch, Italienisch Spanisch und Lateitt lernte. So wie er in seiner
Politische Wersrcht.
Protestbewegung gegen den Schulgesetzcntwnrf.
In Westfalen und Rheinland wird die Bewegung gegen den Volksschulgesetzentwurf in den liberalen Kreisen allmählich recht lebhaft. Bekanntlich überwiegen in den genannten Provinzen unter den Liberalen die Nationalliberalen. Die Koblenzer Versammlung nationalliberaler Vertrauensleute des Nheinlandes hat eine Resolution beschlossen, die alle dem Entwurf vom liberalen Standpunkt anhaftenden Mängel richtig bezeichnet. Nun hat man die ausdrückliche Folgerung vermißt, daß der Entwurf, solange diese Mängel nicht abgestellt werden, unannehmbar sei. Dies ist jedoch in einer Versammlung in Köln nachgeholt worden, und zwar beteiligten sich an der Kölner Beratung und Abstimmung zahlreiche Personen, die auch nach Koblenz delegiert waren und dort für die Resolution ohne die Konsequenz gestimmt hatten. Die Meinung, daß zwischen dem Koblenzer und dem Kölner Beschluß ein Dissens bestehe, dürfte dadurch widerlegt sein. Auf der Versammlung des Provinzialvorstandes der westfälischen Nationalliberalen bezeichnete Abg. Haarmann den vorliegenden Entwurf schlankweg als unannehmbar. Ihm stimmten die Abg. Schmieding und Hilbek zu. Mit der Haltung der Abgeordneten erklärte sich die Versammlung ihrerseits einverstanden. Eilte von freisinniger Seite einberufene Protestversammlung in Dortmund, in der der Abg. Merten wirkungsvoll sprach, faßte einen scharfen Beschluß gegen die Schulvorlage und gegen das geltende Landtagswahlrecht. Die zahlreich anwesenden Nationalliberalen stimmten größtenteils' für die Resolution; Einige entfernten sich vor der Abstimmung, weil sie den Passus über das Wahlsystem nicht guthießen. Während die Westfälischen Nationalliberalen so in erklärte Opposition gegen den Schulgesetzentwurf getreten sind, spottet die klerikale „Tremonia" über den „nationalliberal - demokratischen Entrüstungsrummel" und verteidigt den Entwurf. Sie verrät dantit, daß es nur schlaue Taktik ist, wenn andere Zentrumsorgane die Vorlage als „den Liberalen zu weit entgegenkommend" tadeln und sich so stellen, als ob sie eine noch klerikalere Vorlage erwartet hätten.
Zusammenschluß der Liberalen.
Ein interessantes Beispiel, wie ein Zusammengehen der gesamten liberalen Wähler oder Bürger mit Erfolg vorbereitet werden kann, wird uns aus Dortmund mitgeteilt. Dort besteht seit knapp einem Jahre eine „Vereinigung der Linken." Sie hat sich gebildet ans Grund eines knappen Programms, das nur einige wenige politische und kommunale Grundforderungen enthält. Ihr gehören der Verein „Jungdeutschland", der die Organisation der Deutschen Vollspartei darskllt.
Jugend sich des Fleischgenusses cnthalteit hatte, um sich Bücher kaufen zu können, so mied er auch jetzt noch jede uuiiütze Ausgabe, unt durch Bücher und Zeitschriften seine Fortbildung fördern zu können.
Damals fing er auch an, sich mit dem Studium der Physik, besonders der Elektrizität, zu beschäftigen. Er war cs, der zuerst den Blitz als elektrische Erscheinung auffatzte, loas ihn bekanntlich zu der Erfindung des Blitzableiters und des elektrischen Drachens führte. Infolgedessen wurde er zum Mitglied der Royal Society in London und zutn Doktor der Universitäten Oxford und Edinburgh ernannt.
In selbstlosester Weise war er für das Gemeinwohl und die Wissenschaft tätig. So gründete er 1731 eine öffentliche Bibliothek in Philadelphia, zu der aus seine Anregung wohlhabende Bürger Beisteuern lieferten, und entwarf den Plan der philosophischen Gesellschaft in Amerika. Er gründete Feuerwehren, eine Akademie ztir -Erziehung der pennsylvanischen Jugend, einen wissen- schastlichen Verein, der jungen Kaufleuten und Handwerkern zu ihrer Ausbildung behilflich war, ferner regte er die Pflasterung und Beleuchtung der Straßen an usw
Infolge feiner eifrigen Tätigkeit im Dienst seines Landes fehlte es ihm nicht an öffentlichen Ehren und Ämtern. 1736 wurde er Sekretär des Kolomalparla- ments von Pennsylvanien, 1737 Postmeister von Philo- delphta, 1763 Getteralpostmeister aller britischen Kolonien -in Amerika.. Als Bevollmächtigter Pennsylvaniens besuchte er 1751 den Kongreß der nordamerikanischen Kolonien ttt Albany die über die Stellung der Kolonien zuernander und zum . Mutterlands beraten sollte. Er legte den Entwurf einer gemeinsamen Verfassung für das nordamerikanische Kolonialreich vor und beantragte, einen von der Krone ernannten Generalpräsidenten. dem aber ein von den Landesversammlungen erwählter großer Rat zur Seite gestellt werden sollte, an die Spitze der vereinigten Kolonien zu stellen. Dieser Antrag wurde angenommen, aber später von der Krone und den
