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Wiesbadener Tsgblstt.

5«. Jahrgang.

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crschxinenden Ausgabe, wie für die Anzeigen-Aufnahme au bestrmmt vorgcschnebcuen Tagen wird keine Gew«br uteruammen, jch««i Mich Möglichen Sorge getragen.

2^ «, Berlags-Fernsvrccher No. 2955.

Montag, den 16. Januar.

RedaklionS-Fernsprecher Nr 52.

1S06.

Kbend-Kusgabe.

1. MLatt.

Deutscher Reichstag.

Berlin, 13. Januar.

lSchlutz aus der gestrigen Alorgen-Älnsgabe.f

Staatssekretär Frhr. n. Stengel fährt fort: Die vor- Keschlagene Kontrolle ist nicht strenger als bei anderen Industrien. Ich betone nachörücklichst, daß die Tabak- ikeuervorlage keineswegs ein Tabakmonopol vorbereiten soll. Die Zeit, wo man auf die Einführung eines Mono- poles rechnen konnte, ist längst vorüber. Daß die Tabak- fabrikatssteuer, die dem Regierungsvorschlage vom sozial­politischen Standpunkt aus vorzuziehen wäre, nicht zur Einführung kommt, ist wahrlich nicht Schuld der Regie­rung. Eine geringere Besteuerung des inländischen Rohtabaks bei gleichzeitiger Erhöhung des Rohtabaks- Zolles würde einen nicht unerheblichen Rückgang des Ertrages der Tabaksteuer zur sicheren Folge haben. Für die Kommisstonsberatung betone ich folgendes: Die frinanzreform verfolgt nur den einen großen Zweck der Wiederherstellung der Ordnung im Reichshaushalt. Äeder aus Jnteressenkreisen unternommene Versuch, die Notlage des Reiches zum Vorteil eines einzelnen In­dustriezweiges auszunutzen, ist auf das entschiedenste sNrückzuweisen.

Abg. Meist (Svz.) bekärnpft ausführlich die Berkehrs- steuer.

. Abg. Vogt-Hall (Wirtsch. Bgg.) sagt, die württem- dergischen Abgeordneten könnten der Reichsbraustener üicht zustimmen, weil sie den württembergischen Staat und seine Finanzen schwer beeinflußte. Der Schatz- srkretär hätte einen so hohen Zoll wie in Frankreich auf Artige Zigarren vorschlagen sollen. Die Stempelsteuer oelaste hauptsächlich den Mittelstand und den Kauf- lnannsstand und sei deshalb unannehmbar. ' Seine Parteifreunde befürworten eine Wehrsteuer und einen Ausfuhrzoll auf Kali, Salz und Kohle. Redner spricht üch gegen die von dem Abg. Kanitz vorgeschlagene Wein- sieuer aus. Die Weinproduktion müsse für alle Zeiten ein „Blümlein rühr' mich nicht an" bleiben. Notwendig lei aber eine stärkere Weinkontrolle und ein schärferes ^argehen gegen die Weinpantscher. Das zeige der Prozeß Sartorius.

Abg. Gothei« »(Freis. Vgg.) wendet sich in längeren Ausführungen gegen die Statistik des Ministers Frhr.

Rheinbaben über das Verhältnis der Zahl der Gast­wirtschaften zur Zahl der männlichen erwachsenen Per- wnen. Viele weibliche Angestellte müßten in den Groß­

städten ihr Mittagsbrot in nahe gelegenen Restaurants essen, Redner polemisiert dann gegen nie vorgestrigen Ausführungen des Grafen Kanitz und appelliert an die besitzenden Klassen, durch höhere direkte Steuern die Reichsausgaben zu decken.

Nach weiteren Ausführungen der Abgg. Grafen Kanitz (Kons.), vr. Wolfs (Wirtsch. Vgg.) und Gothei» (Freis. Vgg.) werden die Steuervorlagen nebst der Reichs­finanzreform einer Kommission von 28 Mitgliedern überwiesen.

Es folgt die erste Beratung der Novelle zum Gesetz über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden.

Abg. Erzbergcr (Zentr.) beantragt Überweisung an die Budgetkommission. Redner wünscht als Entschä­digung für Gewährung der vollen Tageskost mindestens 1 M. 20 Pf., ferner Einschränkung der Vorspannleistungen und schnellere Auszahlung der Entschädigung.

In demselben Sinne sprechen sich Abgg. Beck-Heidel­berg (Natl.), v. Ricpcnhausen (Kons.), Lievermann v. Sonncnberg (Wirtsch. Vgg.) und Eickhoff (Freis. Vp.) aus.

Generalmajor Gallwitz sagt: Bei der Ermittelung des Rohwertes der gesamten Verpflegungsration sind wir in früheren Jahren zum Teil auf Betrüge von 63 und 65 Pf. gekommen, aber selbst wenn wir in den letzten Jahren auf etwas höhere Rohwerte gekommen sind, so konnten wir deshalb eine Erhöhung der Vergütung von mehr als 20 Pf. nicht befürworten. Wir sind zu unserem Vorschläge auf Grund sorgfältiger Prüfungen und Be­rechnungen gekommen, von deren Richtigkeit Sie sich in der Kommission werden überzeugen können.

Nach weiteren Bemerkungen von Abg. Ose! (Ztr.) und des Generalmajors Gallwitz wird die Vorlage an die Budgetkommiffion verwiesen.

Nunmehr vertagt sich das Haus. Nächste Sitzung Montag 1 Uhr. Tagesordnung: Kleinere Vorlagen und Duellinterpellation.

Schluß 5 Uhr 45 Min.

*

Die nationalliberale Fraktion des Reichs­tags hat sich Samstag wegen ihrer Vertretung in der Steuer-Kommission schlüssig gemacht. Demnach treten in die Kommission ein: die Abgg. Dr. Becker- Hessen, Büsiug, Dr. Hieber und Westermann. Es wird angenommen, daß die Kommission zunächst den Deckungs- bcdarf für die nächsten 5 Jahre feststellen und demnächst an die Beratung der beiden Vorlagen wegen der Brau­steuer herantreten wird, damit vor allem die beiden großen Gewerbe mit ihrem Heer von Arbeitern und mit ihren zahlreichen Hülfsgewerben wissen, wie sie daran sind. Im Fortgang der Beratungen wird sich wohl mehr­fach ein Wechsel in der Vertretung der Fraktion in dieser wichtigsten Kommission der Session nötig machen.

Preußischer Landtag.

Abgeordnetenhaus.

Berlin, 13. Januar.

(Schluß aus der gestrigen Morgen-Ausgabe.)

Abg. Friedbcrg (nat.-lib., wegen der Unruhe des Hauses schwer verständlich) meint, bei der Schätzung des Überschusses von 1905 sei der Finanzminister zu pessi­mistisch vorgegangen, besonders würden die Eisenbahnen wohl besser abschließen. Erfreulich im neuen Etat sei der Überschuß der Domänenverwaltung, auch bei der Forstverwaltung sei ein höherer Überschuß zu erwarten. Für die Förster müsse mehr geschehen. In der Landwirt- schast sei zwar eine Besserung eingctreten, wie der Zu­wachs der ländlichen Sparkassen zeige, doch ersuche er die Regierung, ihr möglichstes zu tun, um die Lage der Landwirtschaft weiter zu bessern. Ein seßhafter kleiner Bauernstand müsse, wo er noch nicht vorhanden sei, ge­schaffen werden. Das Anfiedelungsgeschüft müsse von den Behörden lebhafter betrieben werden. In der Fleisch­notfrage sei bedauerlich, daß die Regierung keine wirk­same Abhülfe geschaffen Habe. Im Eisenbahnetat halte seine Partei an der Vereinheitlichung der Personentarife fest. Die Überschüffe der Bahnen seien sehr erfreulich, die Bcchnen sollten aber vor allen Dingen nützliche Institute für die Volkswirtschaft sein. Die Trennung des Ver- kehrsministeriums in eine Hochbau- und eine Wasserbau­abteilung sei nötig. Der Neubau des Schauspielhauses, der keine vorteilhafte Veränderung sei, veranlasse ihn, für den Fall eines Neubaues des Opernhauses die Vor­legung der Projekte zu fordern. Nicht erfüllt sei durch den Etat die Forderung der Gleichstellung der Richter mir den Verwaltungsbcamtcn. In einem besonderen Antrag werde die Abänderung des Wahlrechts zum Landtage ver­langt werden.

Abgg. Herold (Zentr.) und Zedlitz (freikons.) ver­zichten einstweilen ans das Wort, um eine größere Ab­wechselung der Redner für und wider zu ermöglichen.

Abg. Brömel (freis. Wer.) wünscht, daß die Über­schüsse der Bahnen mehr als bisher für den Ausbau der Bahnen und die Berkehrserleichterung verwendet werden. Eine Abgabe aus den Überschüssen an das Reich sei ver­werflich. Eine große Knlturaufgabc sei die Beseitigung des Lehrernmngels und die Besserstellung der Lehrer. In der Frage der Fleischvcrtenerung seien unstreitig aus beiden Seiten Übertreibungen vorgekommen. Bedauer­licherweise habe cs der Landwirtschastsminister an dem nö­tigen Ernst fehlen lassen. Die Landtagswahlreform sei ein dringendes Bedürfnis, besonders müsse die Wahl- kreiseinteilnng geändert werden. Tatsächlich seien weite Kreise'des Volkes nicht in der Lage, Abgeordnete ihrer Gesinnung in den Landtag zu entsenden.

Feuilleton.

Da§ NassauischeTrachteubuch.

Von K. Kögler.

_ Wandere ich heute einmal wieder die Straßen des ^esterwaldes dahin, die alten, schonen Straßen, aus °°nen kein Posthorn mehr tont, dagegen em in Stauv und Stank dahinsausendes Automobil mich gelegentlich, verhüllten Angesichts, in den Straßengraben jagt, uno ^nn, nach mühsamer Reinigung der schmerzenden ~ 0 Uber das Land hutsche, - ja, das ist noch Berg und El wie einst, das sind noch die alten Kirchturme, dm Een rauchenden Ortschaften, das ist noch di^ alte Heimat, und doch — etwas fehlt mir darin dw uenschiiche Staffage ist anders geworden. Md wem Ä am Sonntagmorgen die Kirchgänger sich unter den >den versammeln sehe, da fällt nur M wpch euu

Dinglicher auf: ich vermisse die schwarzen Filz-Drerspitze, E langen Schoßröcke, die Manchester-Kniehosen mtt Änallen an den Seiten, die weißen oder blauen ^rümpfe, die ausgeschnittenen, tranduftendew ) ) - Echts prägt sich der Erinnerung des Menschen fester Un als die Bilder seiner Kindheit, swnm Mend. Und diese Erinnerungsbilder aus meiner Jugendzeit erhalten noch heute ihr charakteristische^ (st - ^nge durch die alten, schonen Trachten der W s Eider Säuern, obgleich schon damals die lungeren b - ß°nnen hatten, ihre Beine in die charatter- und form !°sen Ofenrohrhosen zu stecken und sich wunder was .nr,n einzubilden. So lange ich lebe, ft. Tirftpr!

ich das Bild meines Vaters in jener männlichen 'Nd würdigen Tracht in der Seele tragen kann denn er 'st ihr treu geblieben bis an sein Ende, wie das .denn M die Alten der damaligen Zeit fast fanstlich getan

? «mn wir a» icftönert «DH» °d°r Lausten waren, das Feld zu bestellen, und dw Bauern -Een in einer Ruhepause zusammen, 'hrer zwei oder drei, stopften ihre Pfeifen, schlugen Feuer, druckten rau

öent Daumen den Schwamm an und sprachen, kleine Rauchwölklein ausblasend, bedächtig und mit einer ge­wichen Würde über Ernte, Zeitläufte und Schicksal, ach, was waren das für schöne Augenblicke, was waren das für malerische, charaktervolle Bilder, Bilder, die sich dem Gedächtnis unauslöschlich eindrückten. Und wie kernig, ja bedeutend, schritten diese Männer bei kirchlichen Festen in den Prozessionen einher, wie ergreifend würdig war das Bild, wenn sie durch Felder und Fluren, gebeugten Hauptes, einem Leichenwagen folgten! . . .

Bei den Frauen und Mädchen steht es ähnlich. Zwar wird von manchen alten noch das schwarze Sammt- und Seidenkäppchen getragen, aber das übrige ist doch anders geworden, das Charakteristische, einfach Solide ist dem Scheinenden, Schmückenden, Flitterhasten gewichen und die' ganze jüngere Welt ist bereits ins Lager der Stadt­mode übergetreten. Zu meiner Zeit war noch das Spinnrad ein unentbehrliches Hausgerät, der Webstuhl ward noch persönlich gehandhabt. Die selbstgezogene, selbstgesvonnene, gebleichte und gewebte Leinwand vom feinen bis zum rauhesten Gewebe hatte noch einen Haupt- anteil an der Bekleidung von Mann, Weib und Kind. Das alte, gediegene, unverwüstliche Wolltuch lieferte die Festkleider, die für Menschenalter und darüber aus- hieltcn. Heute hat auch hier die Maschine nahezu aus­schließlich das Wort. Fabrikware, um billiges Geld massenhaft hergestellt, in die Augen stechend, aber nicht aus die-Dauer gearbeitet, hat sich das Feld erobert.

Und wie bei uns im Trierschen ist es wohl mehr oder weniger in allen Teilen Nassaus: die Eigenart die unterscheidenden Merkmale der verschiedenen Gaur sind einer charakterlosen Uniformität gewichen. Mao sieht keinem Landmann und den Bäuerinnen nur selten noch an ob sie vom Westerwald, vom Rhein, auS dem goldenen Grund oder aus dem Usinger Lande stammen, und wenn wir, aottlob, die Landschaften in ihrer unver­wüstlichen Schönheit, die freilich durch die Konsolida tionen auch nicht gewonnen hat, noch bewundern können, die Bewohner derselben können uns in ihrer äußeren Erscheinung wenig mehr interessieren, sie sind dutzend­mäßig, gewöhnlich geworden. — Und noch eins: Wenn

man die reizvollen Näh- und Stickarbeiten an diesen alten Trachten bewundert, den Fleiß, die Liebe, den feinen Formen- und Gestaltungssinn, mit denen sie an­gefertigt sind, und an den heutigen Modekleidern wenig oder gar nichts Lthnliches mehr findet, so kann man nur mit Bedauern sagen, daß auch der künstlerische Sinn aus dem Landvolk verschwunden ist, ein beklagenswerter Umstand, der sich auch dem bemerkbar macht, der von den alten Trachten nichts kennt — in dem modernen bäuerlichen Bauwesen.

Wie allenthalben in der Welt, so sind denn auch bei uns die Klagen über Abnahme und Aussterben der alten, schönen Trachten mit Recht schon lange laut ge­worden. Mancher Freund des Volkstümlichen der lieben Heimat sieht mit wahrem Schmerz ihre Reste dahin- schwinden, und einer oder der andere sucht, wenn man sie schon nicht mehr ins Leben zurückrufen kann,'doch die Erinnerung darnn für kommende Geschlechter in Wort und Bild fcstzuhalten. Ein solcher warmherziger Vaterlandsfreund war der verstorbene Amtsgerichtsrat Düssel, dessen leider zu früh durch den Tod unterbrochene Sammelarbeit dem Werke zugrunde liegt, das unser AltertumSverein unter dem Titel „Die Nassauifcheu Volkstrachten" soeben herausgegeben hat. Wir begrüßen dieses Werk mit aufrichtiger Freude und Dankbarkeit und beglückwünschen den Verein und uns dazu, daß er den Zeitpunkt, an dem die Lösung einer solchen Aufgabe noch einigermaßen möglich, war, erfaßt hat, ehe das zur Feststellung des Tatsächlichen notwendige Zeugcn- material an Dingen und Menschen von der Bildsläche vcrsthwuiiden sein wird.

Ich habe weder die Absicht noch den Beruf, auf eine fritifdje Besprechung de§ Werkes einzugehen. Es ist keine ü'chte Sache, ein solches zu schassen. Wenn man sich vergegenwärtigt die Summe an Fleiß, Geduld, Gewissenhaftigkeit und Ausdauer, die anfgewandt werden müssen, um das so weitläufig zerstreute Material mit seinem tausendfältigen Detail zu sammeln und wissen­schaftlich und künstlerisch zu einem harmonischen Ganzen zu vereinigen, so mutz man dem fertigen Werk hohe Anerkennung zollen. Es traf sich glücklich, daß die