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Wiesbadener Tsgblstt.

54. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: durch den Verlag 5» Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. 5« Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

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Die einspaltige Pctitzeile für lokale Anzeigen 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reklamen die Petitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für auswärts 1 Mk.

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U«. SS.

Berlags-^ernsprecher No. 2988.

Sonntag» den 14. Iannar.

Rcdaktions-ffcrnlprechcr No. 82.

190«.

Morgen - Kusgade.

,_ 1. jBCatf. _

Deutsche und Polen in Rußland.

.. Wenn den baltischen Deutschen nicht von der russi­schen Regierung und von der russischen Gesellschaft ge­holfen wird, dann werden sie verloren sein. Denn sie !Ad eine Minderheit gegenüber den Esthen und Letten,, hud die Geschichte ihrer wechselnden Geltung in« russi- chen Reichsverbande ist zugleich die Geschichte ihres Ein­stusses wie ihrer Ohnmacht. Sie galten viel, so lange Nt die krasse Russifizierungspolitik im Schwange war. ^ie wurden in eine immer schon mühsam zu behaupten gewesene Defensive gedrängt, als die von panslavistischen >tdeen beeinflußte Regierungspolitik Esthen und Letten Legen die Deutschen ausspielte. Heute sieht man, daß Sivar der Aufstand in den Ostseeprovinzen mit genügen­der Schärfe unterdrückt wird, aber man merkt unschwer, .uß dies weniger den Deutschen zu liebe, als vielmehr vu Interesse der Autoritätswahrung geschieht. Die Mischen Blätter zeigen ein deutliches Übelwollen gegen oie Deutschen, und man hat nicht den Eindruck, daß wnen nach Wiederherstellung der Ordnung eine Stellung h'erde eingeräumt werden, lvie sie sic vor der Ära Kat- vor dem Aufkommen des spezifisch moskowitischen Geistes, gehabt hatten.

Kommt es so übel, wie man befürchte:: muß, so wer- °en die Russen den Schaden noch besehen können, jemand, der dem Fürsten Bismarck sehr nahe geständen, Zackst hie „Kreuzzeitung" auf beachtenswerte Äußerun- Len des ersten Reichskanzlers über das Deutschtum im Zarenreiche aufmerksam. Die Erinnerung ist dankens- ® e tt, und wir möchten sie uns nicht entgehen lassen. Bei verschiedenen Gelegenheiten hat Bismarck die große Be­hütung des deutschen Elementes, in erster Reihe der galten, für den russischen Staatsdienst hervorgehoben. Es ist unklug von den Russen und nur schädlich für sie, !° äußerte er Anfang 1886 zu Busch (Tagebuchblatter Ed. 3, S 201) wenn sie sich dieses Gestüt für gute Gene- r <?Ie, wie Totleben, und für tiichtige Diplomaten ru:- 'lleren, das sie in dem baltischen Adel haben. Damals 'Vrach Bismarck auch sein Befremden darüber aus, daß he Russen so weit gehen und in den Ostseeprovinzen h>s niedere Volk gegen die höheren Stände aufwiegeln. M Herbst 1867 unterhielt sich Bismarck mit dem Redak- hur per „Petersburger Zeitung" über den Deutschen- H in Rußland. „Der Russe wird den Deutschen me 'Mehren können", sagte Bismarck. „Der Russe :st e:n ^ehr liebenswürdiger Mensch. Er hat Geist, Phantasie, Etfl angenehmes Benehmen, gesellige Talente, aber täg-

FemUeton.

Ein- unö Kusfalle. ^

(Für das „Wiesbadener T a g b l a t t\)

Von Joseph Kaisler.

Dieselbe Nacht.

Ibsen: „Ach, wir sind entweder Gäste,

Tie rnan lud zum Lebensfesic;

Oder ausgeschlossen stehn,

Schauernd vor des Itachtwind» Treiben. Auf der Straße wir und sesin __

Aufwärts nach den Hellen Scherben.

» »Ein reizender Abend!" versicherte me:ue T:schnach- ,HNn, als wir uns erhoben, und sie hatte recht Kultur vsid alter Reichtum einten sich bei den Gastgebern, s )

Lkst und Geist in der geladenen Gesellschaft. ^ ^

,, »Ganz exquisites Souper und der Sekt pruna kon­statierte der kleine, dicke Ministerialsekretar, der da be- hnnte Autorität war, mit Befriedigung. „Und swaun s M a mal dei: Nackenansatz von der kleinen B. Einfach hstwilisch. Schade, daß 's immer nur mit dem Klavier- hhlter zusammcnsteckt. Dafür ^ie Frau v. C. Wie sie Ich hinarrangiert hat in den Stuhl vor das Kirschrot ^ Seidenteppichs. Einfach königlich, net? Er hatte he Miene eines befriedigten Kunstkenners. „Der Äon­hast mit ihrer guten Freundin! Das Blond will studiert Rur auf alten Bildern finden's^den wunderbaren statten und doch so geheim belebten ^.on wieder, ^a, siud's, unsere Frauen!" schloß er mit einem orol- hchen Seufzer, als erwecke die Tatsache m ihm schmerz-

, . ^Q, schöneren die Frauen. Das konnte man auch ^ einem Blick in den kleinen Rokokosaal konstatieren, i!? dem die ^uaend tan^ie. In erner lassrgen weichen Akazie, die den? Tanz alle seine uralten, oft vergessenen ^chönheitsrechte zurückgab.

t „Mn einer Gruppe von Herren und Damen sprach e:n

^ akannter Literat von seinen Eindrücken bei der U hemiäre der „Salome" in Dresden. Zß lernen, d - re ten Worten tat er's, in denen die dunkle Pracht und

lich auch nur acht Stunden arbeiten, und das sechsmal in der Woche und fünfzig Wochen im Jahre — das wird in Ewigkeit kein Russe erlernen. Ich erinnere mich der treffenden Worte, die ein russischer Militär in meiner Gegenwart äußerte. Die Unterhaltung berührte den Umstand, daß so viele Offiziere deutscher Abstammung in der russischen Armee bis zum General avancieren. Wie sollte ein Deutscher nicht General werden! sagte jeiier Militär, er trinkt nicht, er stiehlt nicht, er ist nicht liederlich, er reitet sein Pferd selbst, da muß er es schon bis zum General bringen". So Fürst Bismarck. . Man kann seine Autorität in diesem Punkte um so williger anerkennen, je n:ehr die mitgeteilten Äußerungen über­einstimmen mit der wohl durchweg bei uns gehegten Auffassung vom Verhältnis des Deutschtums zum Russentum im Nachbarreiche.

Zeigt sich die öffentliche Meinung m Rußland auf­fallend gleichgültig gegen das Schicksal der baltischen Deutschen, so ist sie in gewissem Sinne auch wieder ge­recht, indem sie nämlich dieselbe Gleichgültigkeit gegen­über den Ansprüchen des Polentums bekundet. Aber der Effekt hier und dort ist grundverschieden. Das Deutsch­tum läßt man ruhig vom Verderben bedroht sein, das Polentuni läßt man mit seinen wachsenden Ansprüchen auf Autonomie gewähren. Die russischen Parteien mögen sich sonst noch so sehr bekämpfen, aber darin stim­men sie überein (die konservativen Elemente freilich aus­genommen), daß Kongreßpolen ein Maß von Selbst­ständigkeit in administrativer Hinsicht erhalten soll, das ungefähr den Zustand zurückführen ivürde, der bis zum Jahre 1830 bestanden hatte. Auch hier kann man nnr sagen: Rußland wird den Schaden noch besehen. Einst­weilen aber gehen die Dinge ihren Lauf, und gerade daß sicki die Pole,: so ruhig Verhalten, beweist am besten, mit welcher Sicherheit sie auf die Erfüllung ihrer Forderun­gen rechnen zu dürfen glauben. Von den möglichen Rückwirkungen auf Deutschland zu sprechen, wird noch oft gemlg die leidigste Gelegenheit sein.

Politische Übersicht.

Zum Prozeß Hüger.

L. Berlin, 12. Januar.

Binnen kurzem soll der Prozeß Hüger, der in: Som- n:er wegen Erkrankung des Angeklagten abgebrochen werden mußte, in Dortmund fortgesetzt werden. Ver­handlungsleiter war im ersten Teile des Prozesses der Landgerichtsdirektor Seysfarth. Wird er es auch im zweiten Teile sein? Wir wissen es nicht, und wir möch­ten uns auch jeder Vermutung enthalten. Aber er- innern wollen wir daran, daß gegen den Landgerichts-

der fremde Zauber dieses Werkes doch in persönlichster Farbe wieder aufglühten. Gefährlich weich und seltsam rätselhaft war der Glanz in den Augen der zuhörendcn Damen. Über die zarte, müde Edelblässe des schönen Nackens vor inir ging wie eine Welle der warme Schim­mer rascher pulsierenden Blutes.

Ich trat in einei: durch eine halb offene Portidre geschiedenen Nebenraum. Gedämpft drangen die Stim­men herein. Reizvoll intim war's hier. Nur fünf offene Kerzen in einem Armleuchter brannten. Der richtige Platz, einige Augenblicke aus die heimlichen Stimmen der überall so angenehm angesprochenen Nerven zu horchen. Jetzt verirrten sich schmeichelnd verflatternd einzelne Tonfolgen meines Lieblings­walzers, der „Roseii aus dem Süden", in das Gemach. Rosen — aus — dem — Süden —

Ein schöner Abend heute? Finden Sie nicht auch?" Fast erschrocken fuhr ich auf. Neben mir auf dem Sofa saß ein Herr. Nichts Auffälliges an ihm, als viel- leickt die violette Orchidee in dem Knopfloch seines Fracks, der seiner hageren hohen Figur wie an-

^Jch"antwortete mechanisch: „Ja, ein schöner Abend."

Sehen Sie" — und er legte seine Hand auf meinen Arm —- eine schmale, blasse, durchsichtige langfingerige _„das sagen alle. Nur ich kann den Abend nicht

genießen." , .

M sah ihn erstaunt fragend an.

^Ja das machen meine kranken Augen": müde klang seine Stimme aber mir war, als berge sich unter dieser Müdigkeit etwas wie leiser Hohn.

Ich sah in seine Augen. Graugrüne Augen, leer, ausdruckslos wie Wasserspiegel über toten Tiefen

„Ja, meine Augen sind krank", fuhr er fort und rückte mir näher. Und seine stimme zum Flüstern dämpfend: „Ich sehe durch die Wände, durch alle Mauern

sehe ich, muß ich sehen ~ ^

Ich wollte aufstehen. . Unter einem Druck seiner

Gand blieb ich willenlos sitzen.

Sehen Sie da. Das Zimmer stoßt an das Nachbar­haus. Hinter der Wand sitzt einer und rechnet. Eine

direktor Seyffarth nach den Anfangsstadien des Pro­zesses ein ungewöhnlich scharfer Artikel aus der Feder des Professors Lehmann-Hohenberg (in den Nummern 13 und 14 des „Rechtshortes") erschien, der den Vor­sitzenden der parteilichen Voreingenommenheit gegen den Angeklagten bezichtigte. Dem Professor Lehmann- Hohenberg schien es, nach einigen Sätzen in seinem Ar­tikel, gerade recht zu sein, wenn ihm Gelegenheit ge­boten worden wäre, seine Angriffe in einem gegen ihn anzustrengenden Prozeß gerichtlich^ zu vertreten. Nun hieß es auch vor kurzen: in der „Staatsbürgerzeitung", die ihre Mitteilung aus zuverlässiger Quelle erhalten haben will, daß der Justizminister schon vor Monaten die Einleitung eines Strafverfahrens gegen Lehmann- Hohenberg bei der Staatsanwaltschaft angeregt hat, diesem aber eine Anklageschrift noch nicht zugestellt wor­den ist. Diese Angabe des Berliner Blattes wird frei­lich in einigen Zeitungen des Westens bestritten, mit dem Hinzusügen, Herr Direktor Seyffarth, der über solche Vorwiirfe erhaben sei, denke anscheinend nicht da­ran, gegen den Professor Lehmann-Hohenberg strafrecht­lich vorzugehen. Aber trotz dieser Bestreitungen erhalt sich in Westfalen mit bemerkenswerter Hartnäckigkeit die Behauptung, ein Strafantrag gegen den Verfasser des Artikels im „Rechtshort" sei tatsächlich gestellt wor­den, die Sache solle indessen erst weiter verfolgt werden, wenn der Prozeß Hüger unter dem Vorsitz des Land­gerichtsdirektors Seyffarth zu Ende geführt sein werde. Wir sind begierig, zu erfahren, wie es mit dieser Ange­legenheit steht. Ist ein Strafantrag gestellt worden, warum wird die Tatsache alsdann nicht zugegeben? Sie könnte es um so eher, je leichter es zu verstehen wäre, wenn die Staatsanwaltschaft dem gegen Professor Lehmann-Hohenberg beantragten Verfahren zunächst keinen Fortgang gäbe, sondern mit den weiteren Schrit­ten bis nach Erledigung des Prozesses Hüger wartete. Denn das ist ja klar: eine Betreibung der Lehmann- Hohenberg-Sache vor Beendigilng der Hüger-Sache wäre gleichbedeutend mit einer kaum zu befristenden Hinaus­zögerung des letzterer: Prozesses. Die Staatsanwaltschaft müßte selbstverständlich die Akten des Hüger-Prozesses eiiifordern, und alle im Sommer bei diesem Prozeß be­teiligt gewesenen Gerichtspersonen wären als Zeugen auszubieten. Der Prozeß Hüger müßte also, wie sofort ersichtlich ist, warten, bis der Prozeß Lehmann-Hohen­berg von statten gegangen wäre. Um es zu wieder­holen, wegen dieser Sachlage würde man es begreifen, wenn ein etwa gegen Lehmann-Hohenberg cingeleitetes Strafverfahren von der Staatsanwaltschaft ausgesetzt würde, bis die Hüger-Affäre durch Gerichtsurteil er­ledigt wäre. Will cs uns aus diesen Gründen scheinen, als verdiene die Angabe, daß gegen Lehmann-Hohenberg

Lanipe mit grünem Schirm brennt auf seinem großen Schreibtisch. Viele Bücher. Lange Zahlenreihen stehen auf dem Papier vor ihm: seit Stunden rechnet er. Ver­zweifelt hin und her. Sehen Sie, jetzt fängt er von vorne an. Jetzt schlägt er wieder nach. Wie er blättert. Nützt ihm nichts. Morgen müßte er Konkurs ansage,:. Aber in der Lade rechts. Da liegt ein Armeerevolver. Sicheres, sauber gearbeitetes Ding." _

„Und sehen Sie das zweite Haus links die Straße hin­unter. Im Dachstock. Das kleine schmale Bett in der dunklen Kammer. Die Lampe brennt miserabel. Schlech­tes Ol. Eine blasse verhärmte Frau beugt sich über das Bett. Ich kann sehen, sie macht Umschläge. Der Junge ist diphtheriekrank. Sie streicht ihm über die Stirn, die ist feucht von Fieberschweiß. Sie rückt ihm das rot- gestreifte Kissen zurecht. Jetzt ist er ruhiger. Sie nimmt eine Seidenbluse und näht. Wie gehetzt. Ja, die Medi­zin ist teuer. Sollte sich aber nicht so jagen. Der Junge braucht's nicht mehr. Särge sind billiger."

Ich wollte schreien, brachte aber keinen Laut hervor. Hatte mich seine Hand an der Kehle.

„Sehen Lie doch in dem Haus am Ende der Straße. In der Kellerwohnung. Kein Licht, nur der Mond. Auf Strosäcken liegts auf dem Boden. Alle vier Kleinen recken sich in die Höhe und horchen. Sie haben Angst. Das kleinste weint schon. Jetzt kommt er die Stiege herunter: sie hören ihn komnien, verkriechen sich unter die Lumpen, stellen sich schlafend. Nützt ihnen nichts. Der besoffene Kerl wackelt bei der Tür herein, er packt den Ältesten und reißt ihn bei den Haaren in die Höh'. Geld will er haben. Der Junge soll eine Krone verdient haben beim Blumenverkaufen. Der Junge bettelt, hat nichts verkaufen können. Der Alte schlägt ihn mit der Faust ins Gesicht und schleudert ihn in die Ecke. Da liegt das Bündel. Es weint nicht mehr."

Ich weiß nicht mehr, lvie ich auf die Straße kan:. Wo war der unheimliche Wahnsinnige hin. Hatte ich mich bei der Hausfrau verabschiedet? Ich fand mich nicht zurecht.

Erst die vergnügte Stimme des Ministerialsekretärs weckte mich aus dem Traume. „Feiner Abend, was? Wo

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