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5«. Jahrgang.

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1U. 20.

Verlags-Fernsprecher No. 2988.

Kamstag, den 13. Iamrar.

Redaktionß-Fernsprecher Nr. 82. 1A06.

Morgen - Ausgabe.

_ __ 1. Mkcrkt. _

Die letzten Tage der Verfassung.

t. Budapest, 8. Januar.

Will man die Wahrheit schreiben, wie sich die Situation in Ungarn jetzt darstellt, die ungeschminkte Wahrheit, so klingt sie traurig genug, traurig bis zur Trostlosigkeit. Die paar Akkorde der Versöhnungsaktion verstummen allgemach und nichts ist geblieben als die Disharmonie zwischen Krone und Nation, schriller und wißtöniger als je zuvor. (Sin stiller Ingrimm ob der Hoffnungslosigkeit der Verjöhnungsversuche hat sich des Kolkes bemächtigt, welches das ganze System der poli- Uchen Verfolgungen, Anklagen, Verdächtigungen und ^orgewaltignngen der Bachschen Ära in den Maßnah- h>sn der Regierung Fejervarys wieder aufleben sieht, ^ie anbefohlene Verurteilung August Fazeras, des ^bernotars des Pester Komitats, der mit seiner Renitenz "Ur die Befehle des Komitats erfüllte, und welchesUrteit s'oit allen bisherigen Urteilen ungarischer Richter und j'/'tri ungarischen corpus juris in krassem Widerspruche ueht, die Verhaftungen und politischen Verfolgungen im Wege des nach Debreczin entsendeten Regierungs-Kom­missärs, die Delegierung eines Ministerialkommissärs sioch Ungvar, das vom Ministerrat angenommene Pro­jekt der Entsendung weiterer sopezialorgane in die reni- Mnten Komitate lassen auch nicht den geringsten Zweifel darüber, daß die Regierung fest entschlossen ist, zur Wiedervereinigung des nationalen Widerstandes sich solcher außerordentlicher Maßnahnren zu bedienen, die ju der Konstitution nicht vorgcseWi sind, ja den ungari­schen Gesetzen und der ungarischen Verfassung, welche oerartige Mittel immer von der Zustimmung der Ge- Utzgebung, d. h. also des Parlaments, abhängig machen, geradezu zuwiderlaufen. Es sollen dies also nicht mehr otoße Schntzmaßregcln zur besseren Durchführung ihrer Verordnungen, sondern direkte Maßregelungen der reni- chnten Elemente sein, welche zur Terrorisierung des Landes und zur gewaltsamen Exekutierung ihrer Pläne fuhren sollen. Mit diesen Verfügungen das läßt sich heute nicht mehr leugnen ist in die ungarische Ver­lesung die erste sichtliche Bresche gelegt worden, und es m keine Phrase mehr, wenn man vonden letzten Tagen M'r ungarischen Konstitution" spricht, auch wenn man me vomVaterland" mitgeteilte vielfach kommentierte Angebliche Äußerung des Monarchen:Ich habe meinen >Erd bisher gehalten, jedoch, wenn man mich dazu Zwingt . . ." vollkommen unberücksichtigt läßt. Wird wan aber, und das ist jetzt die wichtigste Frage, auf diese Weise der ungeheueren Bewegung in Ungarn Herr wer- oen können und in dem vom politischen Hader so arg

Feuilleton.

(Nachdruck verboten.)

Me große Meumer-Aussteüung.

Berlin, 11- Januar.

& Als vor etwa zwanzig Jahren die erste Kunde vom ^Äaffen und Wirken des großen Belgiers Mcurner Urch die Welt ging, war der Naturalismus eben erst Entdeckt worden. Zola hatte denGermmal" veröffeut- »fsht, und eine urue furchtbare Schönheit unterrrdrfcher ^timpfe, still ringender Helden, die Poesie der Fabriken ..^d der melancholisch weiten kahlen Landschaften taten Rh vor 5 em ergriffnen Leser auf. Als dann vor etwa 'Sn Jahren Meuniers Name in aller Munde kam und sPu Ruhm sich von Frankreich und Deutschland aus über w Welt verbreitete, hatte diese neue Kunst, die dem vree- , e " Stande ein Heldenlied gesungen und stofflich ernc .^Asanre Neubelebung des müde und schwächlich gewvr süen Epigoneuschasfens gebracht hatte, einen vollstai,- "8eu Sieg errungen. Mau feierte in Menuier dre ge- alttge Persönlichkeit, die durch eine monumentale Jwj Endung diesen leicht im Detail stecken bleibenden «U. Ks gekrönt hatte, und sah mit Recht in ihm dre reifste Lsh schönste Frucht dieser disharmonischen, au» wilde!. . nrungeu geborenen Epoche. Mit dem Naturalismuü, } es heute endgültig vorbei. Die Kunst strebt wieder "EM großzügigen, dekorativen, idealen sut Sst: nur hen tu den Werken eines Courbet und %üm. bc sthavannes, eines Feuerbach, Maröes und Adolf Hilde- ,^ändt die Vorläufer eines Stils der Zukunft, der aus /Nr Rausch geboren, gigantische Abbilder seiner Phan- ?Ne in einer überirdischen Form schafft: rot glauben, in Rodin der erste Künstler erstanden i)t, öer ~ Land betreten und die Wunder unserer -rraunn

-huurrgsvoll gestaltet hat. Nehmen rmr nun heute noch

°'eselbe Stellung zu Meunier ein wie damals, als wir ^ 'hm als zu dem Gipfelpunkt eines vollendeten L ^"aufblickten? - Blicken wir nicht vielleicht von den zu-

mitgenommenen Lande wieder Ordnung und Ruhe, und wenn auch nur die Ruh' des Kirchhofs, Herstellen? ... Der Kenner des ungarischen Volkscharakters und der ungarischen Geschichte kann auf diese Frage leider nicht mit einem unbedingtenJa" antworten. Man wird für den Augenblick so bedauerliche Ausbrüche der Volks­leidenschaft, wie die Mißhandlung des Debrecziner Obergespans, hintanstellen können, die Leute werden in ihren Äußerungen, die leicht zur Handhabe politischer Vexationen dienen können, in Schrift und Wort für den Moment vielleicht vorsichtiger werden und es vorziehen, die Faust im Sacke zu ballen, aber gesunden werden unsere Verhältnisse hierdurch nicht; die Anarchie, die in allen Zweigen unserer Verwaltung Platz gegriffen, wird nicht aufhören, ebenso wenig, wie die Resistenz der Komi­tate in Sachen der Steuer- und Rekruten-Verweigerung, und zu befürchterl bleibt, daß irgend ein unvorherge­sehenes Ereignis einmal die zurückgedrängten Leiden­schaften zu einer Explosion bringen rann, deren Folgen unabsehbar werden könnten. Exzessive Optimisten hoffen zwar noch immer, daß die neuen Maßnahmen der Re­gierung nur provisorischen Charakters seien und nur den Zweck hätten, nach Installation der Obergespane Neu­wahlen für das Frühjahr vorznbereiten, die dann endlich die ersehnte Wandlung bringen sollen. Welche denn? . . . . Eine Majorität für die Regierung Fejervary- etwa? Das ist vollkommen ausgeschlossen. Welche also doch? Hierauf haben wieder die Pessimisten eine Ant­wort: In der Konfiszierung der Verfassung, nachdem alle Mittel Bankerott gemacht haben, und zwar unter dem Schlagworte: Rettung der Großmachtsstellung der Monarchie und Erhaltung der Dynastie. Gott bewahre uns davor, daß eine solche Rettung in der Tat not­wendig werden sollte.

Das System Puttkamer.

Der heute im Wortlaut vorliegende Bericht des Hamb. Fremdenbl." über den schon erwähnten Prozeß gegen die Kameruner Häuptlinge beleuchtet grell das System Puttkamer: er lautet:

Nachdem die Beschwerdeschrift an den Gouverneur zurückgeschickt worden war, wurde am 25. Nov. vom Be­zirksamt in Duala der Befehl gegeben, die Beschwerde­führer gefangen zu setzen. Dieser Befehl wurde noch am selben Tage ausgeführt zur größten Bestürzung der Eingeborenen, die fest darauf vertraut hatten, daß die nach Deutschland gesandte Beschwerdeschrift Erfolg haben Würde und die seit langen Wochen mit erwartungsvoller Spannung der Antwort aus Berlin entgegensahen. Statt dessen wurden jetzt King Akwa und einige Häupt­linge in Ketten ins Gefängnis geworfen. Die Verhöre begannen sofort und^dauerten elf Tage. Den Vorsitz führte Assessor S e m m e r m a n n. An die Ge-

kunftsreichen Pfaden einer weiter schreitenden, höher hlnaufführenden Entwicklung zu ihm herab wie zu einer fernen Wegstation, die friedlich zu unseren Füßen liegt und deren Schönheit und Begrenzung wir gleich klar erkennen?

Die Kunsthandlung Keller und Reiner, die vor neun Jahren zum ersten Male das Werk des großen Belgiers vorgeführt hatte, nachdem der um die Verbrcr- tung Meuniers in Deutschland hauptsächlich verdiente Georg Treu in Dresden vorgegangen war, hat soeben eine großeGe d ä ch t n i s - A u s st e l l u n g" eröffnet, die über 100 Plastiken und 73 Gemälde, Pastelle und Zeichnungen des am 3. April 1905 gestorbenen Meisters enthält. Als das wichtigste künstlerische Vermächtnis, das seine Lebensarbeit in einem mächtigen Finale zu- sammenfassen sollte, ist das unvollendete, nur im Ent­wurf teilweise ausgeführte Denkmal der Arbeit aufgestellt. Es bietet sich dem Besucher der Ausstellung in imponierender, wirkungsvoller Größe als wandartiger Aufbau dar, in den vier der großen für den Unterbau des Denkmals bestimmten Reliefs eingemauert sind. Di: mächtigen bronzenen Statuen, die an den Ecken ausge­stellt werden oder das ganze Monument bekrönen sollten, sind dazwischen und an den Seiten postiert, so daß von diesem groß geplanten Werke eine bedeutende Wirkung ausgeht. Außerdem ist eine so reiche Sammlung von Zeichnungen und Bildern des Künstlers zu sehen, unc sie bisher in Deutschland noch nicht zusammengebracht war.

Die Entwicklung Meuniers als Maler ist vor allem durch den Brüsseler Charles de Groux, der zuerst das Leben der Proletarier in erschütternder Weise zu schil­dern gewußt, und durch den großen Anreger des neun­zehnten Jahrhunderts Conrbet beeinflußt. An beide reicht er malerisch nicht heran, nicht in der Raumge­staltung'und nicht im Farbengefühl. Weder die warme, im Tod gedampfte Harmonie de Grvux' noch die starke Farbigkeit Courbets ist seinen Bildern eigen. Wohl aber zeigt er schon in seinen frühen Zeichnungen und Skizzen, besonders von seiner im Auftrag der Regierung ge­machten spanischen Reise, her, eine starke Begabung für

scmgenen wurde zunächst die Frage gerichtet, ob der in Deutschland lebende Sohn von King Akwa der Schreiber der Beschwerdeschrift sei. Als dies von den Verhafteten rundweg verneint wurde, wollte der Vorsitzende wissen, ob denn vielleicht ein Europäer die Beschwerdeschrift versaßt habe. Die Gefangenen erklärten einmütig, daß weder der Sohn ihres Herrn noch ein Europäer an der Beschwerdeschrift mitgewirkt hätte, sondern daß sie die Unterzeichner, die Verfasser der Be­sch w e r d e s ch r i f t seien. Auf die Frage, lvarum die Beschwerdeführer denn nicht jeden einzelnen Be­amten, gegen den sie Beschwerde führten, in der Schrift mit Namen genannt hätten, antworteten die Gefange­nen, in der Hauptsache sei es ihnen nur um Ab­schaffung des Assessorismus in K a m e - r n n zu tun gewesen und deshalb hätten sie die Be­schwerdeschrift fast ausschließlich gegen den Herrn Gou­verneur, den Hauptrepräsentanten des A s s e s s o r i s m u s in Kamerun, gerichtet. Assessor Semmermann fragte alsdann, weshalb die Beschwerde denn nicht nach Buea dort residiert bekanntlich der Gouverneur, obgleich der Sitz der Regierung in Duala ist anstatt nach Deutschland an das Auswärtige Amt geschickt worden sei, daß die Beschwerde über den Kopf des Gouverneurs hinweg an den Reichstag und den Reichskanzler geschickt worden sei. King Akwa und seine Häuptlinge antworteten, daß es nicht wahr sei, wenn behauptet würde, die Beschwerde sei ohne Wissen des Herrn Gouverneurs nach Deutschland geschickt worden. Wir haben dem Herrn Gouverneur vorher in Buea sämtliche Besch w er­de n v o r g e I e g t. Wir haben entweder nie Antwort von dem Herrn Gouverneur bekommen oder er hat uns barsch sagen lassen, wi r sollten uns nicht u n t e r st e h e n, ihm noch ein­mal mit Beschwerden zu kommen. Die Beschwerden sind einfach beiseite gelegt worden. Als alle unsere Vorstellungen beim Gouverneur nichts hal­sen, habe ich mich, King Akwa, im Jahre 1902 nach Berlin begeben und unsere Klagen im Auswärtigen Amt vorgetragen. Herr I)r. Dobberitz versprach uns damals, daß unsere Wünsche erfüllt werden sollten. Weil das Versprechen selbst nach 3 Jahren noch nicht eingelöst worden ist, weil wir uns nun ganz von allen verlassen fühlten, schickten wir unsere Beschwcrdeschrift an den hohen Reichstag und den Herrn Reichskanzler. Wobin sollten wir uns sonst noch wenden? Zu diesem Schritt hatten wir als deutsche Untertanen das Recht. Auf -Befragen des Vorsitzenden erklären die Beschwerde­führer, daß es wahr sei, daß sie gebeten hätten, noch vor der Untersuchung den Herrn Gouverneur zurückzube­rufen, weil sie sehr befürchten inußten, daß der Herr Gouverneur sonst noch einen Gewaltakt in

die Erfassung des Charakteristischen, für eine über­zeugende Stilisierung momentaner Bewegungen. Auch das rein Malerische gelingt ihm später in einzelnen wenigen Motiven. Ein Bild freilich wie derMann an der Presse" ist in seinen grellen Farben, dem unange­nehmen Blau, nur ein Mißverstehen Courbetscher Har­monien, die ganz anders zur Schönheit verbunden sind. Die malerische Bewältigung des in dem ReliefDie In­dustrie" dargcstelltcn Motivs ist in dem jähen Wechsel von Hell und Dunkel, der Dumpfheit und Schwere der Farben durchaus verunglückt. Wie leer wirken die auf einen neutralen Grund gestellten Bilder der Puödler und der weiblichen Grubenarbeiterinnen, wie ist in einem Werke wie derHekatombe", dem Speicher mit dem bei einem Grubenunglück Getöteten das Grausige und Illustrierende sogar nicht überwunden. Matt erscheint auch das TriptychonDie Arbeit" mit seinen bleichen, kraftlosen Gestalten, die sich ohne harmonische Verbin­dung von der stimmungsvollen Landschaft abheben. Sein Höchstes hat Meunier in der Schilderung dieser ein­tönigen Fabriklandschaften geleistet, in denen sich die Flächen unter schwer lastenden! Himmel so endlos deh­nen, die Schornsteine wie die drohenden Zeugen eines Hochgerichtes in die Höhe ragen und den Horizont zer­schneiden, einzelne Feuer dunkel glühend auflodern und starke grelle gelbe und tiefgrüne Tinten am Horizont­verblassen, Eine Atmosphäre von Rauch und Schwüle legt blauöunstige Schleier über die kahle Erde, öie düsteren Silhouetten der Fabriken und breitet eine schwermütige, melancholische Stimmung über dieses Meer von Steinen, Rauch und trüber Glut. Diese Bilder be­schwören einen starken Eindruck herauf und haben auch etwas Seelisches, Feines im Kolorit.

Doch das Monumentale und Ewige in den Gestalten, die dieses Land bevölkern, zu sehen, hat Meunier von Mittet gelernt. Wir können die Einwirkung dieses Bauernmalers, der den Arbeiter mit den Augen eines Michelangelo ansah, auf Meuniers Entwicklung gar nicht hoch genug schätzen: ohne Mittet war die Kunst Meuniers unmöglich. Er versucht sich ebenfalls an der Darstellung